08.04.1996

FernsehenTeuflisch intelligent

Ende eines jahrelangen Kleinkriegs: Bertelsmann und RTL-Gründer CLT legen ihre Fernsehaktivitäten zusammen, ein neuer Koloß entsteht.
Der Sitzungssaal 210 im Hamburger Oberlandesgericht blieb leer. Kurz vor der Verhandlung erhielt der Richter am vergangenen Montag Nachricht, die streitenden Parteien redeten noch miteinander. Er sagte den Termin ab.
Statt der Anwälte hatten zu diesem Zeitpunkt im belgischen Seebad Ostende die Chefmanager die Regie übernommen. In harten Gesprächen kamen sich Michael Dornemann, Vorstand des Medienkonzerns Bertelsmann, und der belgische Großbankier Albert Frere, der das Fernsehunternehmen CLT steuert, Stück für Stück näher.
Am Ende legten die beiden den Rechtsstreit ihrer Firmen um den Kölner Fernsehsender RTL bei. Das Ergebnis: Bertelsmann darf nun die Mehrheit an Europas größtem Werbeträger übernehmen. Die CLT, die RTL 1983 in Luxemburg gegründet hat, legt sich nicht mehr quer.
Das war noch nicht alles. Die langjährigen Kontrahenten fusionierten kurzerhand ihre Geschäfte mit elektronischen Medien in einer neuen gemeinsamen Firma, die zum größten europäischen Fernsehbetreiber aufsteigt.
Einen "historischen Meilenstein" bejubelte Bertelsmann-Chef Mark Wössner, 57, der erst im Herbst mit einem Friedensschluß gerechnet hatte. Nun gebe es "endlich einen europäischen Major", sagt Dornemann, 50.
Bertelsmann bringt seine Fernsehtochter Ufa in den gemeinsamen TV-Konzern ein, der in Luxemburg sein Hauptquartier aufschlägt. Zur künftigen CLT-Ufa gehören Beteiligungen an 14 Sendern, etwa Channel 5 in Großbritannien, M6 in Frankreich oder RTL 4 in den Niederlanden (siehe Grafik). In Deutschland erreicht die Allianz mit RTL, RTL 2, Vox und Super RTL fast 30 Prozent der TV-Zuschauer - gerade soviel, wie das Medienrecht künftig erlaubt.
Gemeinsam können die Euro-Strategen nun ihre Spielfilm-Deals mit den großen Hollywood-Studios Warner, Disney und MCA Universal nutzen. Je nach Bedarf wird das Material auf die Senderkette verteilt.
Im neuen Verbund, der immerhin fünf Milliarden Mark umsetzt, hat Bertelsmann eine starke Position. Zwar besitzen die Gütersloher nur 50 Prozent der Anteile, die andere Hälfte besitzt eine Zwischengesellschaft der CLT. Aber da muß sich Frere die Macht mit dem französischen Konzern Havas, einem weiteren Bertelsmann-Verbündeten, teilen.
Vom "Einigungszwang zwischen paritätischen Partnern" spricht Dornemann. Jede Seite stellt einen Geschäftsführer. In einem detaillierten Letter of intent legte Dornemann aber mit Frere fest, daß Bertelsmann den wichtigen deutschsprachigen Markt kontrolliert. Für Frere bleiben die anderen europäischen Länder.
Mit dem Coup endet der jahrelange Zoff der Deutschen mit der CLT. Mal ging es um das Management von RTL, mal um medienpolitische Grundsatzfragen.
1995 forderte die CLT sogar eine niedrigere Obergrenze für künftige Fernsehaktivitäten von Bertelsmann, da der medienmächtige Konzern auch Zeitschriften und Zeitungen herausgebe. Bertelsmann regte daraufhin einen "Malus für ausländische TV-Betreiber" an.
Es habe "auch Revanchefouls" gegeben, erkennt Wössner im nachhinein. Nun soll Fair play gelten.
Das war den Bertelsmännern rund 1,6 Milliarden Mark wert, die sie als Wertausgleich an die alte CLT zahlen - der Löwenanteil davon fällt an den Hauptgesellschafter Frere, 70. Der langjährige Widersacher sei ein "Finanzmann, der vor allem Dividende sehen will", sagt ein Bertelsmann-Manager. Pierre Lescure, Chef des Pay-TV-Senders und Bertelsmann-Verbündeten Canal plus, hält den Wallonen einfach für "verschlagen, teuflisch intelligent und gerissen".
Im Zukunftsmarkt des Pay-TV hatte Frere, der in den fünfziger Jahren mit einem Schrotthandel und Stahlgeschäften groß geworden war, den Strategen aus Gütersloh den Rang ablaufen wollen. In einem Containerdorf auf dem Luxemburger Kirchberg ließ der belgische Baron eine Truppe von 80 jungen Leuten die Fernsehzukunft planen - etwa mit einem Programmpaket "RTL Club", das allerlei Serien- und Spielfilmkanäle beinhaltet. Sein Manager Michel Delloye, 38, bemühte sich um Allianzen für die Milliarden-Investition.
Doch als sich Wunschpartner Rupert Murdoch, 65, vor kurzem mit Bertelsmann verbündete, standen die Luxemburger allein da (SPIEGEL 11/1995). Auch der Pariser Konzern Havas, immerhin zweitgrößter Gesellschafter der CLT, war mit den Deutschen davongezogen.
"Verrat", zeterte der glücklose Manager Delloye und suchte nach neuen Partnern in den USA. In einem vierstündigen Gespräch mit Dornemann lotete er in Frankfurt jedoch noch einmal die Chancen einer Einigung aus.
Danach übernahm Verhandlungs-Fuchs Frere. "Die Sache spitzt sich zu", die CLT habe "mehrere Optionen", ließ er Dornemann wissen, der inzwischen nach Buenos Aires gereist war. Der Deutsche jettete prompt zurück und machte den Mega-Deal perfekt. Auch Wössner hielt es nicht mehr im Ausland: Er unterbrach den Urlaub in Dubai.
Vergangenen Dienstag dann passierte die neue Ehe den Verwaltungsrat der CLT. Die Vorarbeiten der Luxemburger für das digitale Pay-TV - unter anderem ein Sendezentrum und eine Vertriebsorganisation - gehen in die neue Gesellschaft mit Bertelsmann ein. Nun muß nur noch die EU-Kartellbehörde zustimmen.
Telefonisch informierte Dornemann den Münchner Filmhändler und TV-Unternehmer Leo Kirch, 69, über das Manöver. Der Manager will unbedingt, daß Konkurrent Kirch seine eigenen ehrgeizigen Pay-TV-Pläne, für die er die Firma DF 1 Digital-Fernsehen gegründet hat, nicht forciert. Statt dessen soll Kirch mit Bertelsmann beim gemeinsamen Pay-TV-Sender Premiere kooperieren.
Doch der Kaufmann aus Bayern hielt sich bedeckt. Höflich gratulierte Kirch zur Einigung mit der CLT. Y
[Grafiktext]
Wichtigste Beteiigungen des Fernsehkonzerns CLT-Ufa
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 15/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 15/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Fernsehen:
Teuflisch intelligent

Video 03:39

Waghalsiges Manöver Drohne fliegt unter fahrenden Zug

  • Video "Waghalsiges Manöver: Drohne fliegt unter fahrenden Zug" Video 03:39
    Waghalsiges Manöver: Drohne fliegt unter fahrenden Zug
  • Video "Unterwasserwelt: Bizarre Tiefsee vor Hawaii" Video 00:50
    Unterwasserwelt: Bizarre Tiefsee vor Hawaii
  • Video "Letzter Flug aus Übersee: Air-Berlin-Maschine dreht Ehrenrunde" Video 01:19
    Letzter Flug aus Übersee: Air-Berlin-Maschine dreht Ehrenrunde
  • Video "Drohgebärde gegen Verfolger: Wal beschützt Mutter" Video 00:55
    Drohgebärde gegen Verfolger: Wal beschützt Mutter
  • Video "Virale Landtagsrede: Das ist Nazi-Diktion" Video 03:28
    Virale Landtagsrede: "Das ist Nazi-Diktion"
  • Video "Tanz mit dem Bären: Überraschungs-Auftritt von Herzogin Kate" Video 00:52
    Tanz mit dem Bären: Überraschungs-Auftritt von Herzogin Kate
  • Video "Elle-Awards in Hollywood: 99% der Frauen hier wurden belästigt oder vergewaltigt" Video 02:27
    Elle-Awards in Hollywood: "99% der Frauen hier wurden belästigt oder vergewaltigt"
  • Video "20-Minuten-Manöver: Wie komm ich aus der Parklücke nur raus?" Video 00:42
    20-Minuten-Manöver: Wie komm ich aus der Parklücke nur raus?
  • Video "Wirklich in letzter Sekunde: Polizisten retten Frau aus sinkendem Auto" Video 00:59
    Wirklich in letzter Sekunde: Polizisten retten Frau aus sinkendem Auto
  • Video "Tote und schwere Schäden: Sturm Ophelia zieht über Irland hinweg" Video 01:04
    Tote und schwere Schäden: Sturm "Ophelia" zieht über Irland hinweg
  • Video "Wahl in Österreich: Resozialisierung von Fremdenfeindlichkeit" Video 03:49
    Wahl in Österreich: "Resozialisierung von Fremdenfeindlichkeit"
  • Video "Nordkorea-Krise: Militärmanöver von USA und Südkorea" Video 00:44
    Nordkorea-Krise: Militärmanöver von USA und Südkorea
  • Video "Sprachkolumne Der denglische Patient: Missverständnis auf dem Bürotisch" Video 04:35
    Sprachkolumne "Der denglische Patient": Missverständnis auf dem Bürotisch
  • Video "Drohnenvideo: Südkorea von oben - im Spiegel und im Zeitraffer" Video 01:42
    Drohnenvideo: Südkorea von oben - im Spiegel und im Zeitraffer
  • Video "Frankfurter Buchmesse: Tumulte bei Auftritt von AfD-Rechtsaußen Höcke" Video 01:30
    Frankfurter Buchmesse: Tumulte bei Auftritt von AfD-Rechtsaußen Höcke