08.04.1996

TrauerDer Feind im Haus

Noa Ben Artzi-Pelossof, Enkelin des ermordeten israelischen Premiers Jizchak Rabin, stellt ihre verfrühten Memoiren in Deutschland vor.
Das halbe Lächeln hat sie vom Großvater: Ihr linker Mundwinkel wandert halb schüchtern, halb amüsiert nach oben, der Kopf legt sich schräg, die Lider sinken vor die Augen. Auch ihre Hände erinnern an den Opa. "Viel zu kurz", sagt Jizchak Rabins Enkelin, "klein und voller Sommersprossen. Ich mag sie eigentlich nicht leiden."
Sie wagt kaum, darüber nachzudenken, was sie sonst geerbt haben könnte von Jizchak Rabin: "Er ist mein Held, das ist etwas Heiliges." Vielleicht, so hofft sie trotzdem, "habe ich einige seiner Fähigkeiten mitbekommen".
Ganz sicher hat sie das. Sonst hätte die damals 18jährige Noa Ben Artzi-Pelossof am 6. November letzten Jahres nicht die halbe Welt rühren können mit ihrer kurzen Rede am Grabe des ermordeten Großvaters. Zuvor hatten ein Rabbi, Präsidenten und ein König das Wort ergriffen, aber in Erinnerung bleibt die kleine Ansprache der jungen Noa.
"Verzeiht, daß ich nicht von Frieden sprechen möchte", bat sie alle, die zuhörten - und das waren weltweit Millionen Menschen, "ich möchte von meinem Großvater sprechen." Sie mußte kämpfen um ihre Fassung, sie schien sich jedes Wort abzuringen - und deshalb klangen Sätze wie der folgende auch keinen Moment lang kitschig: "Großpapa, du warst das Feuer vor dem Lager ... und jetzt liegst du hier, mein allgegenwärtiger Held - kalt, allein."
Hinterher flüsterte ihr jemand ins Ohr, sie habe als einzige die richtigen Worte gefunden. "Ich erkannte die Stimme. Ich blickte auf und sah Präsident Clinton." So erzählt sie in ihrem Buch, das mehr sein will als die verfrühten Memoiren einer 19jährigen, die an einem Tag weltberühmt wurde*. In dieser Woche wird sie zu Lesungen und Talkshows auch nach Deutschland kommen. ______(* Noa Ben Artzi-Pelossof: "Trauer und Hoffnung. ) ______(Die Enkelin Jitzhak Rabins über ihr Leben und ) ______(ihre Generation". Rowohlt Verlag, Berlin; ) ______(192 Seiten; 34 Mark. )
Sie ist ein Scheidungskind, das mit dem Bruder Jonathan für einige Jahre im Haus der Großeltern lebte. Sie glaubte, schreibt sie, "blind" an diesen Mann, der, wie die meisten Großväter, seiner Enkelin entspannt und gütig gegenübertrat. Sie erklärte ihn zu ihrem Ersatzvater. Nur einmal, sagt sie, hat er ein Versprechen gebrochen: "Mir wird nichts passieren, Noale," beteuerte der Opa immer, "ich verspreche es dir."
Die Enkelin hat nicht die letztgültige Rabin-Biographie vorgelegt - wie könnte sie auch. Sie wünscht sich "junge Leser" für ihr "ganz persönliches Erinnerungsbuch", das sie geschrieben hat, um "kein Detail zu vergessen".
Nun also erfährt die Welt, daß Rabin bei Tennis und Fußball vor dem Fernseher nicht ansprechbar war und sich schon mal mit einem Whisky zurückzog. Bill Clinton schnitt dem israelischen Premier in aller Eile eigenhändig eine Fliege mit der Schere zurecht, weil Rabin zu einem amerikanischen Galadiner einmal unzulänglich gekleidet erschien.
Auch einige Details vom erstaunlichen Besuch des PLO-Chefs Arafat bei der Witwe Lea erfährt man hier zum ersten Mal. Der Beerdigung Rabins hatte Arafat aus Sicherheitsgründen fernbleiben müssen - unter großer Geheimhaltung holte er seinen Kondolenzbesuch einige Tage später nach.
"Wie ein Privatdetektiv", im langen Tuchmantel, mit dunkler Brille, dunklem Hut und Schal, habe Arafat plötzlich in der Wohnung gestanden. Dann habe der berüchtigte Abküsser erst einmal alle Anwesenden "auf den Kopf geküßt", die Witwe sogar dreimal. Sie selbst, berichtet Noa, habe ihn genau betrachtet, um sich zu vergewissern, "daß er nicht etwa drei Augen, vier Ohren und kleine aus dem Kopf hervorsprießende Antennen hatte". Immerhin war "der Feind" persönlich zu Gast im Hause Rabin. Schließlich aber, schreibt sie, habe sie sich an einen Satz ihres Großvaters erinnert: "Arafat ist eigentlich richtig nett."
Natürlich ist Noas Bild vom toten Opa verklärt. Es geht ihr nicht um Objektivität oder die gesicherte historische Wahrheit. Sie sieht ihren toten Helden "mit den Augen einer Enkeltochter" - doch gerade aus dieser Perspektive wird der Blick freigelegt: nicht auf Jizchak Rabin, sondern auf die Kids in Israel.
Überraschenderweise war Rabin nach seinem Tod vor allem von den Teenagern öffentlich betrauert worden: von jener nachwachsenden Generation, die das politische Establishment eigentlich schon als verloren abgeschrieben hatte.
Rap und McDonald''s, bunte Mode und durchtanzte Disco-Nächte, Sex vor der Ehe und Homosexualität - die Jugend, so schien es, war abgekommen vom Weg der Gründerväter und gab sich der Vergnügungssucht hin. Auch Noa schockierte ihre Großeltern gelegentlich. Im vergangenen Herbst zu Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest, hatte sie sich ein langes schwarzes Kleid angezogen, schulterfrei. Der durchsichtige Stoff erlaubte dem überraschten Opa einen Blick auf Noas gepiercten Bauchnabel. Rabin habe sie nicht bestraft, noch nicht mal getadelt, erzählt die Enkelin. Nur einen strengen Blick aus "einem leicht mißbilligenden Auge" habe der Großvater riskiert.
Es waren diese, scheinbar unpolitischen, konsumvernarrten, narzißtischen Kinder, die sich nach dem Attentat zu Hunderttausenden auf den Plätzen Israels versammelten, um mit Gesang und Kerzen ihren toten Premier zu betrauern. "Wir haben eine Generation gewonnen", staunte Rabins Nachfolger Schimon Peres.
Damals sah es aus, als wäre Rabin nicht nur Noas Opa, sondern der Großvater all dieser trauernden Teenager. Wem sollten sie denn vertrauen, wenn nicht Rabin, dem Helden des Sechstagekrieges von 1967, dem Eroberer von Ost-Jerusalem. Wenn schon dieser Haudegen, der einst Palästinensern "die Knochen brechen" wollte, gegen Ende seines Lebens den Ausgleich mit den Palästinensern anstrebte, dann durften auch sie ihrer Sehnsucht nach Frieden nachgeben.
Noa meint sogar bemerkt zu haben, daß der alte Soldat nicht zuletzt wegen seiner beiden Enkel schließlich doch noch zu einem Friedenskämpfer wurde.
Der Premier habe seinen Enkel Jonathan "mit einem Gefühl der Angst" in die Uniform der israelischen Armee schlüpfen sehen: "Vor ihm stand die vierte Generation der Rabin-Familie, die eine Waffe trug, um das Existenzrecht Israels zu verteidigen." Der Anblick habe ihn noch "entschlossener" gemacht, den Frieden mit den Arabern zu suchen. Damit gab Rabin auch einem Wunsch der Jungen nach, die nichts mehr wissen wollten von Haß und Rache, Schlag und Gegenschlag, Intifada und Besetzung.
Aber niemand komme in Versuchung, die israelischen Kids etwa mit den deutschen zu vergleichen - auch wenn die einen wie die anderen Rap und Techno hören, sich vor Aids fürchten und Nobelmarken tragen. Noa führt am eigenen Beispiel deutlich vor, daß Israels Jugend immer noch mit einem zionistischen Grundschliff aufwächst. Wer bis zum Militärdienst kein jüdischer Patriot geworden ist, erhält spätestens in der Armee seinen Grundkurs in israelischer Allgemeinbildung.
"Man bringt uns bei, wenn es dessen noch bedarf, Israel mehr als alles andere zu lieben." Pflichtbesuch der heiligen Stätten jüdischer Identität in Jerusalem - "es wird uns deutlich erklärt, daß jedes persönliche Schicksal eng mit dem größeren Schicksal Israels verbunden ist". Und damit kein Zweifel aufkommt am Durchhaltewillen: "Gehorsam, Ordnung, Disziplin und Sicherheit sind die Prinzipien, die uns eingebimst werden." Die Mädchen dienen 17 Monate, die jungen Männer 32.
Wenn Noa auch das frühe Wecken nicht mag und auch nicht "das gräßliche gelbe Essen" in der Armee; wenn sie gelegentlich nicht begreift, warum sie im Dienst nicht lachen darf - für Israel nimmt sie solche "kleinen Härten gern in Kauf", vor allem, wenn sie diese mit dem ungleich rauheren Soldatenleben von Großmama Lea und Opa Jizchak vergleicht.
Wer wissen möchte, wie sich das Denken junger Menschen militarisiert, lese nach bei Noa Ben Artzi-Pelossof: "Wer von uns zur Armee geht, weiß, daß von einem Tag zum anderen Krieg ausbrechen kann."
Der Militärdienst macht die Kinder in Israel schnell zu ernsten, erwachsenen Menschen. Mit 18 oder 19 Jahren tragen sie Verantwortung für das Leben, oft auch das von Untergebenen. In jenem Alter, da sich deutsche Jugendliche auf ein amüsantes Leben nach dem Abitur einstellen, hat ein Israeli seinen möglichen Tod im Kampf gegen den arabischen Feind in Gedanken durchgespielt.
Kein Wunder, daß die jungen Israelis die Politik viel ernster nehmen: Im "persönlichen Erlebnisbericht" der heute 19jährigen Noa findet sich kein albernes Wort, dafür aber eine bittere Abrechnung mit jenem Lager, dem der Mörder ihres Großvaters entstammt. Die fortwährenden Aufrufe von "extremistischen Rabbis und anderen fanatischen Meinungsmachern" erinnern sie an die Methoden "von Faschisten und Nationalsozialisten". Sie alle hätten die Waffe getragen, "die Saba tötete. Jigal Amir, der Attentäter, hat nur den Abzug betätigt". Die tief getroffene junge Frau mag sich nicht damit abfinden, wie die regierende Arbeitspartei und die bürgerliche Opposition vom Likud die politische Verantwortung des nationalreligiösen Lagers für das Rabin-Attentat herunterspielen, um den fragilen Frieden im Land zu retten.
Für die religiöse Welt des Täters kann sie nur "Verachtung" empfinden; Amir gehöre der "krebszerfressenen Hälfte" Israels an. Die "riesige Kluft zwischen den religiösen Extremisten und uns anderen" sei nur schwer zu überwinden.
Hinfort müßten sich die Israelis "auf die Leiden einer Gesellschaft konzentrieren", die "solche Ungeheuer wie den Mörder hervorbringen kann". Ohne politische Rücksicht nehmen zu müssen, benennt sie als den wahren Schuldigen der nationalen Tragödie "nicht Amir als Individuum oder seine Familie, sondern das System, das diesen Mord möglich gemacht hat". Die Rabin-Enkelin als Tabuverletzerin.
Ein persönliches Rachebedürfnis verspürt sie dennoch nicht. Der Prozeß gegen den Attentäter Jigal Amir, der in der vorvergangenen Woche zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, habe sie überhaupt nicht interessiert: "Der Mörder als Person ist für mich ohne jede Bedeutung." Es sei "ohnehin das Schlimmste passiert, was passieren konnte. Danach ist alles egal".
Die Armee und der Tod hätten sie "erwachsen gemacht", stellt Noa fest, "früher vielleicht, als ich das möchte". Nun hat sie gar "Verantwortung für die Großmutter" Lea übernommen; meistens schläft sie in deren Wohnung, "damit sie nicht allein sein muß".
Wie eine Erwachsene kontert sie die Kritik, die ihr aus Israel entgegenschwappt, seitdem sie zur öffentlichen Figur geworden ist. Bekannte und Journalisten haben ihr vorgeworfen, sie vermarkte außer ihrer eigenen Trauer auch den Tod des Großvaters. Noa kann nichts dabei finden, daß sie für ihr Buch eine Million Dollar Honorar bekommen hat.
"Wir leben in einer PR-Welt", da sei das öffentliche Interesse an solchen privaten Geschichten ganz natürlich. Tatsächlich bekam ihre Großmutter einen noch günstigeren Vertrag: Die Memoiren Lea Rabins waren einem amerikanischen Agenten 2,5 Millionen Dollar wert.
Was Noa stört, ist vor allem der Rummel am Grab ihres Großvaters. Sie könne nicht mehr dorthin gehen, ohne ständig von Besuchern um Autogramme und gemeinsame Fotos gebeten zu werden. Das gehe ihr zu weit, sagt Noa, "ich bin doch kein Entertainer".
* Noa Ben Artzi-Pelossof: "Trauer und Hoffnung. Die Enkelin Jitzhak Rabins über ihr Leben und ihre Generation". Rowohlt Verlag, Berlin; 192 Seiten; 34 Mark.

DER SPIEGEL 15/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 15/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Trauer:
Der Feind im Haus

Video 00:37

Schreck in der Karibik Angriff vom Ammenhai

  • Video "Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama" Video 01:46
    Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama
  • Video "Star Wars 8-Premiere: Britische Royals treffen BB-8" Video 00:57
    "Star Wars 8"-Premiere: Britische Royals treffen BB-8
  • Video "Jerusalem-Demo in Berlin: Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina" Video 03:35
    Jerusalem-Demo in Berlin: "Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina"
  • Video "Heilige Stadt: Warum ist Jerusalem so wichtig für die Weltreligionen?" Video 00:40
    Heilige Stadt: Warum ist Jerusalem so wichtig für die Weltreligionen?
  • Video "Flughafen in Russland: Achtung, hier fliegt Ihr Koffer!" Video 00:47
    Flughafen in Russland: Achtung, hier fliegt Ihr Koffer!
  • Video "Überschwemmungen in Italien: Mehr als eintausend Menschen evakuiert" Video 01:10
    Überschwemmungen in Italien: Mehr als eintausend Menschen evakuiert
  • Video "Star Wars 8: Die letzten Jedi: Befreit vom Retro-Ballast" Video 01:53
    "Star Wars 8: Die letzten Jedi": Befreit vom Retro-Ballast
  • Video "Espresso-Kunst: Der Mechanismus hinter den Schichten" Video 01:27
    Espresso-Kunst: Der Mechanismus hinter den Schichten
  • Video "Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea" Video 00:54
    Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea
  • Video "Zweite walisische Liga: Wenn Fußball zum Wintersport wird" Video 00:27
    Zweite walisische Liga: Wenn Fußball zum Wintersport wird
  • Video "Tobsuchtsanfall im Verkehr: Angriff auf die Windschutzscheibe" Video 00:50
    Tobsuchtsanfall im Verkehr: Angriff auf die Windschutzscheibe
  • Video "Virales Video: Junge erzählt von Mobbing in der Schule" Video 01:53
    Virales Video: Junge erzählt von Mobbing in der Schule
  • Video "SIPRI-Studie: Warum die Welt wieder mehr Waffen kauft" Video 03:16
    SIPRI-Studie: Warum die Welt wieder mehr Waffen kauft
  • Video "Verhungernder Eisbär in Kanada: Keine Nahrung weit und breit" Video 01:02
    Verhungernder Eisbär in Kanada: Keine Nahrung weit und breit
  • Video "Schreck in der Karibik: Angriff vom Ammenhai" Video 00:37
    Schreck in der Karibik: Angriff vom Ammenhai