08.04.1996

MusikAudi 8 gegen Opus 98

So einer fällt nicht weiter auf: Jeans, Pullover, Jacke; in der Hand, wie so oft, eine Plastiktüte. Keiner in Ingolstadt erkennt in dem unauffälligen Passanten den meistgesuchten Mann des klassischen Musikbetriebs.
"Lieb" sei diese "schöne Stadt", "so ganz unmünchnerisch", schwärmt der ältere Herr aus Grünwald bei München. Frohgemut kauft er einen edlen Bildband, bestellt ein Bier, ißt drei Weißwürste und guckt auch mal bei Audi am Fließband zu.
Hier, jenseits der Rennbahnen des internationalen Künstlerpulks, fühlt er sich sicher. Hier, kaum zu glauben, tritt der Dirigent Carlos Kleiber, 65, nun auch zum Comeback an: mit Beethoven, Mozart, Brahms - und gehörig viel Bammel.
"Seit eineinhalb Jahren" habe er "keinen Taktstock mehr angerührt", beichtete der Zögerliche einem Freund. Nach dem Berliner Abschiedskonzert für Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Juni 1994 und, wenig später, nach dem Japan-Gastspiel der Wiener Staatsoper habe er alles hinschmeißen und endgültig aufhören wollen: "Nein, keine Lust mehr." Das alte Lied.
Seit Jahrzehnten spekuliert die Branche über die Unlust des exzentrischen Sonderlings: Verdruß, Koketterie, Preistreiberei? Der Mann ist ein Rätsel.
Kein Interview gibt es mit diesem höchstbezahlten Kapellmeister der Gegenwart, keine Talkshow. Und kein Maestro weltweit ist schon so oft und so wundersam vom Podium verduftet, als Phantom der Oper und als heiliger Geist der Konzertsäle.
Doch nun hatte sich der Sphinx ausgerechnet im Stadttheater von Ingolstadt angesagt, um vor nur 1266 Zuhörern noch einmal aufs Podium zu steigen. Für Karfreitag war der Kleiber-Gemeinde die Auferstehung ihrer hysterisch vergötterten Kultfigur versprochen. Don Carlos lebt, und - schon merkwürdig - ausgerechnet die Leute von Audi haben ihn auf die Beine gebracht.
Tatsächlich hat sich Kleiber in Ingolstadt auf den merkwürdigsten Kuhhandel seiner denkwürdigen Karriere eingelassen; Musik gegen PS, Konzert gegen Auto, ein Kompensationsgeschäft: Kleiber liefert Brahms' Opus 98 nebst klassischem Zubehör, Audi, der Ingolstädter Autobauer, stellt ihm den neuen A 8 3.7 Quattro mit 20 Extras vor die Tür.
Ist das zu fassen! Da rennen ihm die Agenten die Villa ein: keine Lust. Da knien die Opernprinzipale aus aller Welt vor ihm am Telefon: ach nein. Berlins und Wiens Philharmoniker lassen für ihn den roten Teppich ausgerollt. Die Plattenfirmen winken mit Blankoschecks. Der Salzburger Festspielintendant Gerard Mortier schickt ihm zu jedem Geburtstag erlesene Weine und erhält prompt ein artiges Dankeschön. Aber dirigieren? Lieber nicht. Und nun das: der Weltstar in der Provinz.
Nachdem sein Ingolstädter Auftritt publik geworden war, kam die Donau-Idylle ins Fadenkreuz der Szene. Kleiber-Freaks aus Fernost hatten blind Flüge gebucht und bettelten dann um Billetts. Faxe aus drei Erdteilen gingen ein: Bitte Tickets, um jeden Preis (bis zu 280 Mark).
Am Freitag vorletzter Woche begann Kleiber vor Ort mit den Proben, und der große Schwierige war gut drauf und locker bei Laune. Über acht Jahre hat er nicht mehr vor dem Bayerischen Staatsorchester gestanden; nun, nach der Generalprobe, trampelte das Tutti vor Begeisterung.
Brahms' vierte Sinfonie Opus 98, der dickste Brocken im Ingolstädter Programm: "Hier, das sind schnatternde Frauen. So muß das klingen. Eine schreit ganz laut und fängt an zu heulen." So bildhaft malt Kleiber den Musikern aus, wie er sich das Finale wünscht. Der Schmerzensmann beliebt zu scherzen, und heraus kommt - der Teufel weiß wie - ein Orchester, das auf Zack, und Musik, die eine Wucht ist.
"Ich finde es schön, daß wir keinen Vertrag haben", gestand Kleiber dem Audi-PR-Chef Karl-Heinz Rumpf, der das Konzert eingefädelt hat. Nein, der Dirigent hat nichts unterschrieben. Er haßt den Druck, den seine Paraphe auf ihn ausübt. "Immer wenn ich einen Vertrag habe, sage ich ab." Vor Jahren, in Paris, stand er schriftlich im Wort und wollte nicht mehr. "Ich hoffe, ich sterbe vorher", klagte er, bekam eine Lungenentzündung und blieb im Bett.
Auch diesmal sei er "furchtbar aufgeregt", wegen der langen Pause seit dem letzten Mal, erklärte er in Ingolstadt. Ob man denn das Dirigieren verlernen könne, wollte Rumpf wissen. Ach, belehrte der Stabführer in sanftem Moll, da gebe es "Profis wie beim Fußball und Tennis", die zögen das durch, "und das muß auch so sein". Aber es gebe eben auch "Dilettanten", und "die verlieren sich". Die höben ab im Rausch der Klänge. So einer ist er wohl selbst: ein genialer Dilettant, der bei der Musik, die er macht, durchdreht.
Aber nicht nur im Taumel sinfonischer Crescendos gerät Kleiber aus der Fassung. Auch der Spaß am beheizbaren Lenkrad und der genußvolle Schub aus 3,7 Liter Hubraum machen ihn high. Er ist Autonarr und, alle Achtung, ein virtuoser Kenner technischer Finessen. Eine edle Limousine steuert er genauso begeistert wie einen noblen Klangkörper - ein Dreiecksverhältnis.
Kleibers Flirt mit Audi begann vor sechs Jahren. Damals meldete sich ein Freund in Ingolstadt: Der Maestro gedenke nach Italien zu reisen und würde dabei gern den V 8, seinerzeit Audis Top-Modell, probefahren.
Berauscht steuerte der Kapellmeister durch die Kurven am Golf von Sorrent - so schnell, wie er gestand, "daß ich mit meinem S-Mercedes nicht mehr am Leben wäre". Kleiber kaufte den Wagen mit 20 Prozent Promi-Rabatt.
Doch die Karosse hatte ein paar Macken. Die Standheizung, reklamierte der Halter, mache "so kleine Rülpser, etwa 60X pro Sekunde, aber dann gibt sie auf, und nix ist". Audi reparierte, stellte Ersatz, wechselte dem sensiblen Kunden sogar Sommer- und Winterreifen und lagerte sie im Werk.
Als eine Dame vom Service behutsam anfragte, ob der Dirigent die Pneus nicht daheim stapeln könnte, wähnte sich Kleiber gleich als Opfer übler Ränke und übersandte dem "hochverehrten Kunstmäzen" Rumpf ein handgeschriebenes Klagelied mit selbstironischem Unterton. ",Rechte' sind belanglos", jammerte darin der Steuermann, "Privilegien zählen! Panik erfaßt mich . . . Mein VIP-Status (?) wird angeknabbert, ich fühl's . . . Nur mit Mühe verbarg ich meine Betroffenheit über diesen Vorboten des Schwindens der CK-Audi-Flitterwochenzeit."
Gleichwohl, "als letzten Gruss einer vergangenen Zuneigung" erbat sich der Feinfühlige noch einen Liebesdienst: "Ob man mir etwas Motoroel nachfüllen könnte? War ja nur eine Frage . . ."
Schließlich, zum Ausklang, ein zwischenmenschliches Scherzo: "Sollte mein Verdacht, ich sei für Audi ein gewöhnlicher Sterblicher, sich bestätigen (Schluchz!), bin ich trotzdem stets Ihr ergebener, leicht begossener, dem Luxus sich zu entwöhnen bereiter, alter C. Kleiber."
Rumpf ließ Schmierstoff nachschütten und wußte, warum: Längst wollte er den Kraftfahrer Kleiber in Ingolstadt aufs Podium holen, und jedes geheilte Wehwehchen mochte die Mimose gnädiger stimmen.
Da traf es sich gut, daß zu Beginn des Jahres 1994 die ersten A 8, Audis neue Flaggschiffe mit Aluminium-Karosserie, vom Band liefen. "Ist der neue Alu-Schlitten zu kaufen?" fragte Kleiber an. "Wenn er ALLE ,meine' Extras hätte und wir ein bissl uns unterhalten", dann schien er nicht abgeneigt - auch zu dirigieren?
Rumpf schaltete nun den Münchner Opernintendanten und Kleiber-Intimus Peter Jonas ein; die Sache sah nicht schlecht aus; aber Vorsicht und strengste Geheimhaltung. Im März 1995 deutete der Dirigent erstmals eine "Aktion" an, "die bestrebt ist/wäre, mich alten, müden Rentner wieder ans Pult zu locken, evtl. sogar, nein, eigentlich NUR in . . . raten Sie mal: Ingolstadt". Am 5. Februar 1996 endlich gab er sein Ja-Wort.
Alle Details des Auftritts hat er handschriftlich festgelegt: Besetzung, Probezeiten, Orchesteraufstellung und, namentlich, die wenigen Auserwählten, die seinen Proben lauschen durften. Auf einem separaten Bogen - Überschrift: "Le Car" - zählte der polyglotte Maestro die 20 Sonderwünsche für sein "mingblaues" Traumauto in "Perleffekt-Lackierung" auf. Der Wagen kostet rund 140 000 Mark; die Steuer auf die Natural-Gage, noch einmal sechsstellig, trägt Audi.
Ein sündhaft teures Wunschkonzert? Zumindest Spinner und Phantasten sehen das anders: Seitdem Audi sich den kostspieligen Kleiber leistet, gilt die Firma in der Klassikszene offenbar als dämlicher Dukatenscheißer.
Jedenfalls schickte, unter dem 12. März 1996, das Wiener Büro der "Hoffmann Konzerte GmbH", die im kommenden Sommer die drei Tenöre vermarktet, ein Telefax nach Ingolstadt und bot darin ihren Wagner-Sänger Placido Domingo für einen bunten Abend an.
Kernsatz der Offerte: "Wir benötigen eine Auszahlung von US-$ 350 000 (netto) für den Künstler. Zusätzlich von Ihnen zu stellen wäre das Orchester, eine Sopranistin und der Dirigent."
Carlos Kleiber tut gut daran, sich mit seinem neuen A 8 bald aus dem Staub dieses Gewerbes zu machen: In der Branche herrscht linder Wahn.
Klaus Umbach
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 15/1996
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