01.04.1996

Meinungsforschung

Unheil aus der Urne

Bei den Landtagswahlen blamierten sich die Demoskopen. Die Allensbacher gaben sogar Einblick, wie sie mit erhobenen Zahlen umspringen.

Der Verlierer erfuhr die Wahrheit schon zwei Tage vor der Wahl. Da erschien bei Dieter Spöri die ZDF-Moderatorin Barbara Groth und prophezeite ihm das Unheil aus der Urne.

Die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, der demoskopische Arm des ZDF, hatte die SPD intern bei 25 Prozent geortet. Groth schockierte Spöri mit dem Trend.

Der Schrecken der baden-württembergischen SPD war um so größer, als vier andere Institute die Partei zuvor mit 31 und 33 Prozent verwöhnt hatten. Bei derartigen Irrtümern, wettert Spöris Sprecher Peter Alltschekow, verkomme die Meinungsforschung zu einer Art "Kampfinstrument wie ein Flugblatt".

Auch andere Wahlkämpfer fühlten sich von demoskopischen Irrlichtern genarrt. "Keinen Pfennig gebe ich mehr für solche Daten aus", giftete SPD-Ministerpräsidentin Heide Simonis in Kiel, der die Institute bis zu 44 (statt realer 39,8) Prozent verheißen hatten. Die lädierte Siegerin, die sich nach einem Koalitionspartner umsehen muß, verbindet mit dem FDP-Überlebenden Wolfgang Kubicki immerhin die Wut auf die Prognostiker. "Wer künftig gewisse Institute noch beauftragt", meinte der Liberale, dessen Partei zur allgemeinen Überraschung auf 5,7 Prozent kam, "der hat entweder zuviel Geld oder will eine bestimmte Meinung haben."

Die erstaunlichste Erklärung für das Debakel der Demoskopen kam aus dem Institut Allensbach. Über "Demagogie" und "Manipulation der Wähler" durfte sich ausgerechnet Rolf Schlierer, der Stuttgarter Fraktionschef der Republikaner, entrüsten. Dafür sorgte unfreiwillig Renate Köcher, 43, designierte Nachfolgerin der Allensbach-Mitgründerin Elisabeth Noelle-Neumann, 79.

In einem Hörfunkinterview mit dem Südwestfunk (SWF) plauderte Köcher tags nach der Wahl, "daß wir auch wußten, daß die Republikaner drin sein würden". Allerdings hatte Allensbach das Wissen für sich behalten und es vorgezogen, die Reps sechs Tage vor der Wahl auf 4,5 Prozent zu schätzen.

Schon seit langem müssen sich die Wahl- und Meinungsforscher mit dem Verdacht fragwürdiger Umfragepraktiken, schillernder Geschäftsbesorgung und politischer Manipulation herumschlagen. In einem Anfall von Selbstvergessenheit gab die Chefin des ältesten deutschen Demoskopie-Instituts den Verächtern des Gewerbes recht.

Im Wahltrend, so Köcher, waren "mit jeder Welle die Republikaner stärker drin, so daß wir davon ausgingen, sie werden es am Wahltag locker schaffen". SWF-Reporterin Stefanie Schneider: "Ja, aber veröffentlicht haben Sie das nicht." Köcher: "Nein."

Es geht um ein handwerkliches Problem. Etliche Wähler sind schamhaft. So behaupten mehr Bürger, sie wählten SPD, als dann tatsächlich SPD wählen. Umgekehrt aber gibt es weniger Rep-Bekenner als Rep-Wähler.

Die Institute stellen sich darauf ein und versuchen, die Zahl der Falschangaben auf Umwegen herauszufinden: indem sie beispielsweise danach fragen, was die Leute beim letztenmal vor vier Jahren gewählt haben. Die Differenz ergibt den Faktor, mit dem sich arbeiten läßt. Um die Lücken zu schließen, "gewichten" die Demoskopen ihre neuen Daten: Sie errechnen die Umfrageergebnisse mit dem gewonnenen Faktor.

So multiplizierte die Forschungsgruppe Wahlen ihre Rep-Ergebnisse in der Vorwahlzeit mit dem Faktor 1,7 und bei der Prognose am Wahlabend, für die Bürger gleich nach der Stimmabgabe gefragt werden, noch mit 1,2. Die Mannheimer lagen mit ihrem Tip für Baden-Württemberg am Ende ziemlich richtig - Vorhersage: 8 Prozent, Prognose: 8,5 Prozent, tatsächliches Ergebnis: 9,1 Prozent.

Die Meinungsforscher aus Allensbach aber beriefen sich auf zuviel Ungewißheit und veröffentlichten ungewichtete Zahlen. Das war das ganze Geheimnis des Niedrigstands.

Die Selbstenttarnung löste ein Branchenbeben aus. "Entweder man sagt, was man aus Erfahrung weiß", grollt Dieter Roth von der Forschungsgruppe Wahlen, "oder man hält''s Maul."

Infas-Wahlforscherin Ursula Feist führt das Interview-Debakel auf den Anspruch der Allensbacher zurück, stets "Deuter der Nation" zu sein: "Die haben ein unstillbares Bedürfnis, immer _(* Nach der Landtagswahl am 24. März ) _(in Stuttgart mit FDP-Landeschef Walter ) _(Döring (M.). )

recht gehabt zu haben - auch wenn sie sich geirrt haben."

Wortmächtig wie immer griff Noelle-Neumann ein. Sie machte alles noch schlimmer. Die Umfrage sei nur ein "grober Raster" gewesen, herrschte die Seniorin einen Interviewer an, "um ungefähr zu sehen, wie der Hase läuft". Sie korrigierte zugleich ihre Nachfolgerin: Den Rep-Erfolg habe Allensbach vorher "gar nicht gewußt". Darauf möchte sich Köcher nun auch gern zurückziehen (siehe Interview).

Für virtuose Begründungen sind die Allensbacher berüchtigt. In den siebziger Jahren entdeckte Noelle-Neumann die Schweigespirale. Damals meinte sie, der Zeitgeist sei sozialliberal, und viele Wähler stimmten nur deshalb nicht für die CDU, um nicht zu den Verlierern zu gehören. Nun hat Köcher die "Redespirale" für sich gefunden - die richtigen Zahlen für die Republikaner schaden der CDU, da die Rechten ermutigt werden, rechts zu wählen.

"Wir wollten nicht durch die Veröffentlichung der Umfragedaten", erklärte Köcher im SWF, "vor der Wahl eine Sensation schaffen in dem Sinne, daß dann jeder nur noch über die Republikaner gesprochen hätte." Und Noelle-Neumann stand "zu der politischen Bewertung, daß wir nicht wieder denselben Rummel haben wollten wie 1992".

Damals hatten die Allensbacher vor der Südwest-Wahl den Rechtsradikalen 8 Prozent, davon den Republikanern 4,4 bis 5 Prozent, vorausgesagt und waren von Ministerpräsident Erwin Teufel schwer gerügt worden. Da seien, so der Christdemokrat, wohl "einige Dinge zu hoch bewertet" worden. Die Reps bekamen tatsächlich 10,9 Prozent.

Die ominöse Umfrage Mitte März dieses Jahres erhob Allensbach ausnahmsweise nicht im Auftrag der CDU. Den Ärger mit Teufel ersparten sich die Meinungsforscher diesmal freiwillig.

* Nach der Landtagswahl am 24. März in Stuttgart mit FDP-Landeschef Walter Döring (M.).

DER SPIEGEL 14/1996
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