01.04.1996

KunstKaspar in der Hölle

Hartwig Ebersbach, trotziger Erbe der DDR-Malerei, zeigt sein Werk in einer großen Leipziger Ausstellung.
Antiimperialistische Solidarität" sollte der Leipziger Maler Hartwig Ebersbach monumental ins Bild setzen. Und er übernahm das, 1977, schon deswegen gern, weil er die sozialistische Honorarordnung mit ihrem Rechenverfahren "Länge mal Breite mal Bedeutung" kannte. Linientreu ließ er Leitfiguren wie den sowjetischen Kosmonauten Jurij Gagarin über allerlei historisches Elend empor in den Symbolhimmel fahren.
Dabei ging der Künstler allerdings mit derart ungestümen Pinselschlägen ans Werk, wie die DDR sie wenig schätzte. Und statt des üblichen Leinwandrechtecks bemalte er eine dreidimensionale Sperrholzkonstruktion, ein "fliegendes Hemd" (Ebersbach) von acht Meter Spannweite. Er selber sah in dem Werk seine eigene "Auferstehung" aus schweren privaten Krisen dargestellt.
Heftige Debatten brachen los, und nur gegen erbitterten Widerstand des Leipziger Universitätsrektors verfügte der Rat des Bezirks schließlich doch, das befremdliche Flugobjekt im Treppenhaus des Hörsaalgebäudes zu montieren. Da hängt es bis heute.
Jetzt hebt Ebersbach, 55, leichter ab. Nur ein paar hundert Meter von der "Solidarität" entfernt, im verglasten Foyer eines Telekom-Neubaus, hat er vorige Woche problemlos sein jüngstes Opus an die Wand gedübelt: Als verkrustete Pappmache-Figur steigt da der "Mann im Mond" durch eine Sichelform.
Wieder drängt das Motiv nach oben. Und wieder, nur diesmal ohne politisches Risiko, schiebt der Künstler seinem Auftrag ganz persönliche Gedankenverbindungen unter - den Inbegriff von Telekommunikation liefert ihm eine Kindheitserinnerung: Beim Blick zum Mond, also buchstäblich via Satellit, fühlte er sich mit fernen anderen Kindern verbunden, die gleichzeitig hinaufsahen.
"Welt - das bin ich", sagt Ebersbach. Mit dieser Einstellung hat der malende und modellierende Egomane die Wende so gut überstanden wie wohl kein zweiter seiner Profession und Prominenz im _(* Links: Skulptur "Mann im Mond" ) _((1996); oben: Gemälde "Gucker / Lachen ) _(üben" (1981), "Thälmann" (1974/75); ) _(unten: mit Skulpturengruppe "Löffel" ) _((1994). )
deutschen Osten. Immer war er zu ungebärdig gewesen, um sich den DDR-Autoritäten wirklich unterzuordnen. Lieber übte er die "feine Kultur des Hintersinns" - und wurde als nützlicher Prestige- und Devisenbringer toleriert, da er seinen Markt zunehmend im Westen fand. Nun ist der eigenwillige, weltläufige Erbe der einst aufsehenerregenden Leipziger Malerschule zu Hause erst recht gefragt.
Das zeigt sich nicht nur am "Mann im Mond"-Auftrag der Telekom oder an Bilderkäufen von Banken und Sparkassen. Geradezu triumphal, mit 110 Gemälden, Plastiken und Installationen aus dreieinhalb Jahrzehnten, darf Ebersbach seine Produktion seit dem Wochenende auch im Leipziger Museum der bildenden Künste ausbreiten - ein mächtiger Farbenrausch, ein Hexenkessel expressiver Formgesten, ein Pandämonium der Lust- und Alpträume*.
Museumsdirektor Herwig Guratzsch hat diesem "in Schweiß gebadeten Werk" drei lange Saalfolgen des düsteren Hauses eingeräumt und setzt damit ein doppeltes Zeichen: für den Künstler, den er zu Recht als "lokalpatriotischen Fall" unterschätzt fände, und für die Funktion des Museums, dem nun Jahre im Untergrund drohen.
Denn die alte Bürgergründung, seit dem Bombenkrieg ohne eigenes Gebäude, ist nur Mieter am ehemaligen Sitz des Reichsgerichts, den künftig das Bundesverwaltungsgericht einnehmen soll. Nach neuesten Bonner Umzugsdirektiven muß Guratzsch schon zum Ende nächsten Jahres raus - lange bevor ein von der Stadt Leipzig geplanter Museumsneubau stehen kann.
Für Ebersbach ermöglicht das provisorische Quartier eine besondere Pointe: Durch einen engen Raum, in dem die zwölf Bildtafeln "Widmung an Chile" (1974) wie Särge der Putsch-Opfer deponiert sind, geht der Blick weiter in den einstigen Gerichtssaal. Dort war 1933 gegen den bulgarischen Kommunisten und angeblichen Reichstagsbrandstifter Georgi Dimitroff verhandelt worden; zur DDR-Zeit vergegenwärtigte eine museale Dokumentation den Prozeß.
Die "Widmung" jedoch erschien den Genossen sogar für eine Ausstellung im Dresdner Armeemuseum zu wüst und kraß. Dabei offenbart gerade dieses Werk mit all seinen Blutgerinnseln, welch beinahe süffige Malkultur dem jungen Ebersbach zu Gebote stand. Sein Leipziger Hochschullehrer Bernhard Heisig hätte ihn deswegen gern zum Nachfolger herangezogen.
Doch dafür machte der Youngster zuviel Ärger. Als Student zog er sich durch lose Reden, durch Abhören westlicher Radiosender und durch Alkoholkonsum ein Disziplinarverfahren nach dem anderen zu. Auch später neigte er, so seine Biographie im Ausstellungskatalog, zu "exzessiver Lebensführung" an der Grenze des "für Psyche und Physis Zumutbaren". An seinen Bildern mißfiel offiziösen Kritikern die "absolute Vorrangstellung des eigenen Ichs".
Das war nicht schlecht beobachtet. Ebersbach erlebte seine Malerei als Drama, in dem er sämtliche Rollen selber spielte. Er servierte den eigenen Kopf als "Gemüsestilleben", er zog sich ("Lachen üben"!) die Lippen breit, und er steckte, sagt er, sogar hinter einem Ernst-Thälmann-Porträt mit mahnendem Zeigefinger. Noch 1983 ließ er den _(* Bis 27. Mai. Katalog im Verlag ) _(Gerd Hatje; 260 Seiten; 49 ) _((Buchhandelsausgabe 88) Mark. )
Kopf des KP-Führers als monumentales Rasterbild auf einer Leipziger Stadiontribüne erscheinen: 12 000 entsprechend gedrillte Sportfest-Teilnehmer hoben auf Kommando bestimmte Farbtafeln - Ebersbach genoß den "Kitzel", neben der Stasi im Regieturm zu sitzen.
Meistens aber schickte er "Kaspar" vor, einen zinkennasigen Doppelgänger, der auf vielen Bildern die Zähne bleckt und nun bei der Telekom auch phallisch den Mond durchdringt. Offenbar vergebens hatte Ebersbach 1992, in Erinnerung an eine Japan-Reise, "Kaspars Opferung" in einer Vulkan-"Hölle" als Bildmontage zelebriert: Gerahmte Kaspar-Gemälde treiben im Farbgebrodel einer Zwölf-Quadratmeter-Fläche.
Auf der Höhe seiner Ausdruckskraft gelingen dem Künstler Materialschlachten von aufwühlender Dynamik oder auch Ölskizzen von federnder Spannung ("Gefährliche Liebschaften", 1995). Doch er setzt die Wirkung der Malerei aufs Spiel, wenn er seine Bilder mit Collage-Elementen pflastert oder mehrere Tafeln zu einer Art Klappmöbel wie Gartenstühle oder Tapeziertische zusammenbaut - etwa mit der Begründung, nur so habe er eine geträumte Pieta-Figuration ("Selbst im eigenen Arm") angemessen wiedergeben können.
Neuerdings geraten Ebersbachs Bilder oft heller und lockerer. Der Maler verspürt "andere Turbulenzen", in denen nach allzuviel "Schwerkraft" auch die "Fliehkraft" wirksam wird. Manchmal durchzuckt ihn sogar "die Befürchtung, ich werde weise". Aber daran glaubt er wohl selber nicht.
Jürgen Hohmeyer
* Links: Skulptur "Mann im Mond" (1996); oben: Gemälde "Gucker / Lachen üben" (1981), "Thälmann" (1974/75); unten: mit Skulpturengruppe "Löffel" (1994). * Bis 27. Mai. Katalog im Verlag Gerd Hatje; 260 Seiten; 49 (Buchhandelsausgabe 88) Mark.
Von Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 14/1996
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