01.04.1996

„Umhauen und kassieren“

SPIEGEL: Herr Michalczewski, Sie sind zwar Weltmeister, doch wenn man Sie jammern hört, muß man annehmen, Sie seien ein unglücklicher Mensch.
Michalczewski: Ich bin durch und durch glücklich, nicht nur weil ich Weltmeister bin. Wie kommen Sie darauf, daß ich unzufrieden mit meinem Leben bin?
SPIEGEL: Sie haben sich über Ihren Manager beschwert, über den Fernsehsender, der Ihre Kämpfe überträgt, über das mangelhafte Können Ihrer Gegner. Ist der Kasache Asluddin Umarow, gegen den Sie Samstag boxen, auch wieder zu schwach für Sie?
Michalczewski: Umarow hat schon was drauf, schließlich hat er von 16 Profikämpfen 14 gewonnen, alle durch K.o. Ich habe mir sogar Videos von seinen Kämpfen angesehen, was ich sonst nicht mache. In der Vergangenheit ist es sicher oft so gewesen, daß ich gegen bessere Boxer kämpfen wollte, als sie mein Manager ausgesucht hat. Doch bisher ist noch keiner aus Angst vor mir weggelaufen. Die meisten sind nur nach meinen Schlägen umgefallen.
SPIEGEL: Trotzdem ist vielen Menschen Ihr Name kein Begriff. Die Deutschen halten sogar den bisher nur mäßig erfolgreichen Boxer Axel Schulz für den besseren Kämpfer.
Michalczewski: Das stinkt mir auch. Aber den Schulz sehen bei RTL eben 18 Millionen Menschen. Wenn mein Kampf von Premiere übertragen wird, schauen maximal 500 000 zu. Da muß sich etwas ändern. Leider beharrt Premiere auf dem Vertrag, den ich mit dem Sender geschlossen habe.
SPIEGEL: Warum haben Sie dann den Vertrag mit Premiere überhaupt bis 1997 verlängert? _(Das Gespräch führten die Redakteure ) _(Udo Ludwig und Heiner Schimmöller. )
Michalczewski: Premiere hat gute Kontakte nach Amerika. Ich habe gedacht, daß ich zum Beispiel im Rahmenprogramm von Schwergewichtsweltmeister Mike Tyson boxen kann. Doch daraus ist nichts geworden, Premiere hat mich total enttäuscht. Die haben mich immer nur als Anhängsel von Tyson verkauft.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich ausgenutzt?
Michalczewski: Ich kann mich über das Fernsehgeld gar nicht einmal beschweren. Aber ich leide, wenn ich sehe, daß ein Henry Maske allein wegen seiner Fernsehpräsenz zwölf Werbeverträge hat. Werbepartner gucken eben nur nach Einschaltquoten, und da kann ich nicht viel aufweisen.
SPIEGEL: Was empfinden Sie, wenn Sie den Werbemenschen Maske im Fernsehen sehen?
Michalczewski: Früher habe ich gedacht: Scheiße, warum hat der solche Werbeverträge und ich nicht? Doch ich bin nicht neidisch, gönne ihm das Geld von Herzen. Ich sehe ihn jetzt auch eher als Partner denn als Konkurrenten. Denn wenn der gut verdient, fällt bestimmt irgendwann auch für mich etwas ab - nicht alle Firmen können sich schließlich auf Maske stürzen.
SPIEGEL: Sie sind beide Weltmeister, noch dazu in einer Gewichtsklasse. Da muß es doch frustrierend für Sie sein, daß für Sie nur die Reste bleiben.
Michalczewski: Es tut mir schon weh, daß ich nicht so bekannt bin wie er. Aber ich habe deshalb keine schlaflosen Nächte, mir reicht es, daß ich im Ring besser bin als er.
SPIEGEL: Warum fliegen Maske denn die Herzen der Deutschen zu?
Michalczewski: Einmal hat er ganz einfach Glück gehabt. Andere Ostsportler wie Katrin Krabbe sind gescheitert, weil sie mit Doping in Verbindung gebracht wurden. Maske ist scheinbar der einzige, der in der DDR nicht gedopt hat. Von ihm sind nie irgendwelche Unterlagen aufgetaucht. Manche Leute meckern zwar über ihn, er sei so langweilig, aber er hat auch seine guten Seiten. Zum Beispiel kann er gut reden.
SPIEGEL: Es beeindruckt Sie, wenn Maske über den Boxsport philosophiert?
Michalczewski: Ich finde es schön, wie er sich ausdrückt, auch wenn ich es manchmal gar nicht verstehe. Ich rede lieber offen und ehrlich, ich habe im Ring und außerhalb nur ein Gesicht.
SPIEGEL: Und für Philosophie ist kein Platz?
Michalczewski: Beim Boxen geht es nicht um den archaischen Kampf Mann gegen Mann oder so einen Quatsch. Boxen ist knallhart. Ich will einen umhauen und er mich - so einfach ist das. Auch Maske würde ganz bestimmt nicht mit mir im Ring philosophieren.
SPIEGEL: Das hätte sicher auch seinen Reiz.
Michalczewski: Maske kann schön erzählen und kompliziert damit eine an sich ganz einfache Sache. Und er vergißt zu erwähnen, wie es ist, wenn er nach dem Kampf in der Kabine Sauerstoff zugeführt kriegt, weil er keine Luft mehr bekommt. Oder wenn die Augen blau sind, dick und verklebt und er, wie nach dem ersten Kampf gegen Rocchigiani, nur noch stammeln kann.
SPIEGEL: Halten Sie Maskes öffentliche Auftritte für Schauspielerei?
Michalczewski: Maske hat in der DDR als Soldat der Volksarmee regelrechte Lehrstunden in Rhetorik bekommen, weil sie ja eh nichts anderes zu tun hatten. Seine Ausdrucksweise begeistert jetzt die Geschäftsleute. Ich dagegen habe geboxt und bin in meiner trainingsfreien Zeit in die Disco gegangen oder habe Karten gespielt.
SPIEGEL: Vielleicht hätten Sie statt dessen an Ihrem Image feilen sollen.
Michalczewski: Ich habe davon geträumt, Weltmeister zu werden, weil ich dann frei und dicke leben, also immer tief durchatmen kann. Deshalb lasse ich mich jetzt doch nicht durch nervige Fragereien quälen. Klar bin ich total sauer, wenn Mist über mich geschrieben wird, aber ich kann das bisher gut wegstecken.
SPIEGEL: Worüber haben Sie sich denn besonders geärgert?
Michalczewski: Als ich wegen 1,8 Promille Alkohol meinen Führerschein verloren hatte, kamen die Zeitungen drei Wochen später mit dieser Nachricht heraus, obwohl ich nie ein Geheimnis daraus gemacht hatte. Ich bin mir schon bewußt, daß ich in gewisser Weise ein Vorbild für junge Menschen bin und ich deshalb darauf achten muß, nicht mit Bierflaschen oder Weingläsern fotografiert zu werden.
SPIEGEL: Spiegelt sich das unterschiedliche Boxverständnis auch im Ring wider: hier Maske, der Gentleman, dort Michalczewski, der Draufgänger?
Michalczewski: Von solchen Parallelen halte ich nichts. Maske muß meist über die volle Distanz gehen, weil er keinen ausknocken kann. Er hat die falsche Distanz, er schlägt zu weich oder was weiß ich. Neulich habe ich sogar gehört, er gehe wegen der Werbepausen im Fernsehen immer über zwölf Runden. Das ist kompletter Unsinn. Wenn er könnte, würde er wie ich jeden k.o. schlagen. Maske hat das Glück, daß ihm bei RTL 18 Millionen zuschauen, ich habe eben das Glück, den härteren Schlag zu haben und meine Kämpfe schneller zu beenden.
SPIEGEL: Sie glauben nicht, daß Maske auch deshalb zu einem familienfreundlichen TV-Held geworden ist, weil er nicht brutal boxt?
Michalczewski: Die Leute wollen nach wie vor den klassischen K.o. im Ring sehen - genauso wie sie zur Formel 1 gehen, um Unfälle mitzuerleben. Das heißt aber nicht, daß ich mich wild prügele. Ich halte meine Art des Boxens sogar für ästhetischer als Maskes Stil. Ich bin mir sicher, daß Maske die Leute nicht wegen seines Boxstils anzieht. Schauen Sie sich doch Tyson an, den wollen auch alle Reichen und Intellektuellen sehen, obwohl er seine Gegner allesamt wegputzt. Das ist nämlich Profiboxen pur: Umhauen und kassieren.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, irgendwann zu einem deutschen Star werden zu können, wenn Sie weiterhin bloß Ihre Gegner umhauen?
Michalczewski: Ich bin schon ein Star. Ich möchte nur keine künstliche Person werden. Ich bin kein Theoretiker, und ich habe mich noch nicht intensiv damit beschäftigt, warum die Fans kommen - Hauptsache, es kommen viele, denn nur das bringt Geld.
SPIEGEL: Zu Maskes Kämpfen kommen Film- und Sportgrößen wie Johannes Heesters und Boris Becker, zu Ihnen kommen die Jacob-Sisters und die Kicker vom FC St. Pauli. Warum macht das Showgeschäft solche Unterschiede?
Michalczewski: Ich bin nicht eifersüchtig. Im Gegenteil: Ich bin stolz, daß zu meinen Kämpfen die Menschen kommen, die ich persönlich kenne wie die Musiker von den Scorpions oder Marky Mark - oder auch Heino, der einfach Bock auf mich hat. Ansonsten interessieren mich die Promis nicht mehr als die Zuschauer auf der Tribüne - das wäre auch nicht anders, wenn der Bundeskanzler da unten sitzen würde.
SPIEGEL: Wenn Sie der Showbetrieb nicht interessiert, dürfen Sie sich über geringe Einschaltquoten nicht ärgern.
Michalczewski: Was denken Sie, warum ich und warum Maske hohe Quoten wollen? Allein wegen des Geldes. Mit hohen Zuschauerzahlen bekomme ich mehr Werbepartner, so einfach ist das.
SPIEGEL: Ihrem Portemonnaie ist es aber nicht besonders zuträglich, wenn Heino vor dem Kampf die Nationalhymne singt.
Michalczewski: Damit habe ich nichts zu tun, die Show vor und nach dem Kampf ist mir völlig egal. Wenn ich eine Million Mark kassiere und nachher sagt mir einer, die Show war aber schlecht, kann ich nur antworten: Na ja, tut mir leid, aber der Kampf war gut. Das Entscheidende bleibt der Kampf: Wenn der schlecht ist, fragt nachher keiner mehr, ob Heino oder, wie bei Maske, Meat Loaf gesungen hat. Was glauben Sie, warum haben die Leute nach dem Schulz-Kampf gegen Botha Flaschen geworfen? Weil Schulz Mist geboxt hat.
SPIEGEL: Ist Ihnen auch egal, wenn ein Fernsehsender - ähnlich wie bei Maske gegen Graciano Rocchigiani - ein Motto für einen Kampf zwischen Maske und Michalczewski erfinden würde?
Michalczewski: Ich boxe auch unter dem Motto "Der Kampf der Hampelmänner", wenn das dreieinhalb Millionen Mark Börse einbringt - alles ist nur eine Frage des Preises, jeder Boxer ist käuflich. Wenn 20 Millionen meine Kämpfe sehen, ich aber keine Mark verdiene, dann scheiße ich auf die Quote.
SPIEGEL: Maske behauptet, Sie würden nur aus PR-Gründen immer wieder den Kampf gegen ihn öffentlich ansprechen. In Wirklichkeit hätten Sie ein Angebot bekommen, auf das Sie aber nicht reagiert hätten.
Michalczewski: Davon weiß ich überhaupt nichts. Wenn ich an seiner Stelle wäre, hätte ich so ein Gerücht auch in die Welt gesetzt.
SPIEGEL: Und was ist die Wahrheit?
Michalczewski: Es gab zwar einmal ein Angebot von der Maske-Seite, aber der Termin war zu kurz nach meinem letzten Kampf, das wußten die auch. Als ich Dritter der Weltrangliste war, habe ich gesagt, ich boxe umsonst und spende meine Gage kranken Kinder. Jetzt ist die Situation anders: Ich bin Weltmeister und will so viel Geld wie möglich verdienen. Wenn Maske und ich uns gegenseitig nur etwas beweisen wollten, könnten wir auch um die Wette trinken.
SPIEGEL: Ein Kampf scheitert nun an den Gagenforderungen der Weltmeister Maske und Michalczewski?
Michalczewski: Ich bin weiter bereit, aber die Gegenseite spielt Versteck. Maske hat ein konkretes Angebot von uns über dreieinhalb Millionen Mark bekommen. Ich sage nicht, daß Maske kneift, denn er ist ein großer Sportler - aber er will ungeschlagen abtreten und das Risiko, gegen mich zu boxen, ist viel zu groß für ihn. Deshalb würde ich an seiner Stelle auch nicht gegen Michalczewski boxen wollen.
SPIEGEL: Herr Michalczewski, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Udo Ludwig und Heiner Schimmöller.
Von Udo Ludwig und Heiner Schimmöller

DER SPIEGEL 14/1996
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