15.10.2012

ERNÄHRUNG Made aus China

Die Volksrepublik hat sich zu einem großen Exporteur von Lebensmitteln entwickelt. Doch viele dieser Waren sind verseucht oder durch Schadstoffe verunreinigt. Nur Firmen, die ihre Produkte kontrollieren, erhalten brauchbare Qualität.
Schön ist China nicht in Qufu, der Stadt, in der Konfuzius geboren wurde. Aber hier liegt das Geld auf dem Acker, im Südwesten der Provinz Shandong, aus der vor einigen Wochen eine Ladung Erdbeeren nach Deutschland auf die Reise ging.
Schwarz hängt der Smog über den Städten des chinesischen Herzlandes, Lastwagen brettern über die frisch asphaltierten Straßen mit Kohle aus den Bergwerken und Eisenträgern aus den Schmelzbetrieben der Gegend. Bis zum Horizont erstrecken sich die Felder, von deren Erträgen sich das größte Volk der Welt ernährt.
Gerade sind die Chili- und die Baumwollernte abgeschlossen, in zwei Wochen ist der Reis dran. Und im April der Knoblauch. Zu Tausenden knien die Landarbeiterinnen deshalb jetzt auf den Feldern und versenken das Pflanzgut für ein besonders einträgliches Gewächs der internationalen Lebensmittelbranche.
"Knoblauch wird überall gegessen", sagt Wu Xiuqin, 30, Verkaufsleiterin eines Landwirtschaftsbetriebs, der sich programmatisch "Success" (Erfolg) nennt, "wir verkaufen Knoblauch in alle Erdteile und zunehmend nach Deutschland." 1200 Dollar koste eine Tonne weißen Knoblauchs zurzeit, die Deutschen bestünden auf "reinweißer" Ware, die sie kleinteilig verpackt haben wollen.
Weit mehr als 80 Prozent des weltweit gehandelten Knoblauchs kommen aus China. 10 000 Tonnen pro Jahr produziert Success. So wie sie das auf den Messen für Ernährung in Berlin und anderswo erlebe, könne es kein Land der Erde mit China aufnehmen, sagt Wu. Ihre Firma liefere geschälten, geflockten, granulierten und pulverisierten Knoblauch. Sie habe jetzt auch Ingwer, Chilischoten, Karotten, Birnen, Äpfel, Süßkartoffeln und Erdnüsse in ihr Sortiment aufgenommen.
Das Land, in dem schon unsere Kleider genäht, unsere Smartphones zusammengeschraubt und die Spielsachen unserer Kinder fabriziert werden, schwingt sich auch zu einem wichtigen Nahrungslieferanten für Deutschland auf. Da das Image des Billiglohnlandes unter den Konsumenten nicht gerade gut ist, verschweigt die Lebensmittelbranche in der Regel die Herkunft der Waren (siehe Kasten Seite 28). Welche Anteile des Essens auf ihrem eigenen Teller in China geerntet und produziert werden, machten sich viele erst klar, als vor zwei Wochen Tausende ostdeutscher Schüler unter Durchfall und Erbrechen litten. Verursacht wurde die Epidemie vermutlich von mit Noroviren verseuchten Erdbeeren aus China.
Die Globalisierung erreicht die Esstische der Deutschen. Die weltweiten Lebensmittelströme sind ein bizarrer Auswuchs. In manchen Teilen Chinas hat die Bevölkerung immer noch zu wenig zu essen. Deshalb kauft das Land in Afrika Ackerflächen auf, es importiert Milchpulver sowie Geflügel- und Schweinefleisch in Massen. 393 000 Tonnen Schweinefleisch verkauften Firmen aus der EU im vergangenen Jahr nach China, 85 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Nahrungsmittelkonzerne sehen China als attraktiven Wachstumsmarkt.
Auf der anderen Seite verkauft China auch wesentlich mehr Lebensmittelprodukte nach Europa als früher. Der Exportweltmeister sieht seinerseits einen profitablen Wachstumsmarkt. Von 2005 bis 2010 hat sich der Wert chinesischer Lebensmittelausfuhren weltweit auf 41 Milliarden Dollar fast verdoppelt. China verkauft, und Deutschland greift zu: Im vergangenen Jahr stieg der Anteil von Lebensmittelimporten aus China auf 1,4 Milliarden Euro. Zwar sind dies bislang erst zwei Prozent aller Lebensmittelimporte Deutschlands, aber "China ist erstaunlich schnell und mit Wucht in diesen Markt eingestiegen", sagt ein Experte aus der Lebensmittelbranche.
Wie immer hat sich das Land den Bedürfnissen des Marktes schnell angepasst. Waren es früher vor allem Spezialitäten, die in den deutschen Handel gelangten, gibt es heute einen wachsenden Markt für billige Grundstoffe und vorverarbeitete Zutaten - wie etwa die geschnittenen Erdbeeren im Zehn-Kilo-Eimer, die in deutschen Schulkantinen landeten.
Zwei Dinge machen China für die großen Konzerne wie Nestlé, Unilever oder Metro interessant: der Preis und die Masse. "Natürlich könnten wir unsere Zwiebeln oder Pilze auch bei zehn verschiedenen Zulieferern kaufen, aber das ist ein immenser Aufwand", sagt ein Konzernmanager. Denn die Firmen müssen jeden Zulieferer einarbeiten, betreuen und kontrollieren.
Chinas Ackerflächen sind so gewaltig wie die Menge an billigen Arbeitskräften. "Erdbeeren zu pflücken, sie zu waschen und zu zerschneiden ist arbeitsintensiv, weil so gut wie kein Maschineneinsatz möglich ist", sagt Felix Ahlers, Chef von Frosta-Tiefkühlwaren. Die Früchte aus Europa zu beziehen, so wie es sein Konzern tue, sei deshalb teurer. Es gebe aber Hersteller, die nur auf den Preis achteten.
Auch die Warenvielfalt, die China im Angebot hat, scheint fast unbegrenzt. Das Land ist etwa zum größten Honigexporteur der Welt aufgestiegen. Zudem stellt die Volksrepublik inzwischen verstärkt Fertigprodukte her: In dem Markt sind die Gewinnspannen noch größer als bei Rohstoffen. Ein erheblicher Teil des weltweiten Lachsfangs wird in China weiterverarbeitet, etwa zu Räucherlachs. Auch Tiefkühlpizzen für den Weltmarkt fertigt das Heimatland der Pekingente inzwischen - zu einem Fünftel des deutschen Preises.
Ökologisch ist dieser weltumspannende Pizzaservice gar nicht so bedenklich. Nach Berechnungen des Öko-Instituts Freiburg verschlechtert der Transport von Tiefkühlprodukten die Ökobilanz nur wenig. Natürlich sei es "am besten, immer regional und saisonal zu essen", sagt Moritz Mottschall vom Öko-Institut, aber wenn jemand im Herbst Appetit auf Erdbeeren verspüre, erzeuge die Anlieferung von zehn Tonnen Ware mit dem Schiff aus China einen CO2-Ausstoß von 1,3 Tonnen. Wenn Lkw die gleiche Menge von Alicante in Spanien nach Hamburg karren, werden 1,56 Tonnen CO2 in die Luft geblasen.
Das größte Problem mit den chinesischen Lebensmitteln ist der Produktionsalltag vor Ort: Giftbelastung durch Pestizide, übermäßige Antibiotika-Gabe bei Tieren, manchmal gepaart mit totaler Skrupellosigkeit. 2008 schädigte die Chemikalie Melamin 300 000 Babys. Die chinesischen Händler hatten Milchpulver mit dem Stoff gestreckt, der unter anderem schädlich für die Nieren ist.
Chinesische Hersteller verkauften auch grün gefärbte Erbsen, die beim Kochen ihre Farbe verloren, falsche Schweineohren, Kohl mit krebserregendem Formaldehyd und benutztes Speiseöl aus Restaurants, das im Abfluss aufgefangen, wiederaufbereitet und abgefüllt wurde. Die staatliche Zeitung "China Daily" berichtete sogar schon über gefälschte Hühnereier, was nur witzig ist, wenn man sicher ist, ein solches nie essen zu müssen.
In China, wo man diese Sicherheit nicht hat, ist der Aktivist Wu Heng zum Star geworden. Im vergangenen Frühjahr hatte Wu von einem seltsamen Pulver gelesen, mit dem Händler Schweinefleisch versetzten, um es als teureres Rindfleisch zu verkaufen. Wu schmeckten seine Nudeln mit Rind nicht mehr.
Er baute eine Website mit einer Landkarte, die Chinas Lebensmittelskandale anhand von Medienberichten lokalisiert. Seine Website nannte Wu "Wirf es aus dem Fenster", eine Anspielung auf den US-Präsidenten Theodore Roosevelt, der seine Frühstückswurst angeekelt aus dem Fenster geworfen haben soll, nachdem er von den Zuständen in Chicagos Schlachthöfen erfahren habe.
Am bedenklichsten seien tierische Produkte, sagt Zhou Li, Dozent an der Renmin-Universität in Peking, der über Lebensmittelsicherheit forscht. Fleisch bringt mehr Geld als Gemüse, umso größer ist der Anreiz zur Gewinnmaximierung.
Früher, hat Zhou beobachtet, aßen die Bauern das, was sie verkauften, auch selbst. Jetzt, nachdem ihnen der schädliche Einfluss von Pestiziden und Düngern, Hormonen und Antibiotika bewusst ist, produzieren sie einen Teil der Agrargüter für den Markt. Den anderen Teil bauen sie auf traditionelle Weise an und versorgen damit die eigene Familie. Viele Reiche leisten sich längst eigene Farmen, damit sie nicht auf das Angebot im Supermarkt angewiesen sind. Es gibt laut Berichten sogar speziell ausgewiesenes Ackerland, von dem hochrangige Funktionäre ihre Lebensmittel beziehen.
Zwar führte die chinesische Regierung 2009 ein neues Gesetz zur Lebensmittelsicherheit ein und 2010 eine Kommission für Lebensmittelsicherheit. Außerdem werden Konsumenten, die illegales Treiben melden, künftig mit Geld belohnt.
Dass noch immer viel schiefläuft, zeigt jedoch ein Blick nach Brüssel. Dort schlägt ein Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel für alle EU-Länder Alarm, wenn ein kontaminiertes Produkt auftaucht. China ist überproportional häufig vertreten: Bis zum Freitag vergangener Woche gingen in Brüssel allein für dieses Jahr 262 Meldungen zu chinesischen Produkten ein. Darunter waren mit Maden durchzogene Nudeln, mit Antibiotika verseuchte Shrimps, übel riechende Erdnüsse oder kandierte Früchte mit zu hohem Schwefelgehalt.
Ulrich Nöhle kennt die Lebensmittelproduktion in China sehr genau. Der Professor für Lebensmittelchemie arbeitet seit vielen Jahren als selbständiger Auditor in China, er überprüft für deutsche Händler die Qualität der Erzeugnisse. Er sagt, man bekomme aus China "das, was man vorher auch bestellt hat". Man müsse Geschäftspartnern "sagen, wie das Produkt gezüchtet werden soll oder welche Ansprüche etwa das Bio-Label erfordert". Wer einfach möglichst billige, unkontrollierte Waren in China bestelle, sei selbst schuld, wenn er nicht die erwarteten Produkte bekomme.
Einmal stellte Nöhle in China fest, dass aus Deutschland bestellte Süßungsstoffe entsetzlich nach Lösemitteln stanken. Als er die chinesischen Produzenten darauf angesprochen habe, hätten sie gesagt: "Das stinkt immer so." Nöhle musste die Produktionsanlagen umbauen lassen, bis die Ware den Ansprüchen genügte.
Sind die Produkte erst einmal auf der Reise, wird kaum noch kontrolliert. Im Hamburger Hafen, wo ein Großteil der Lebensmittel aus Übersee für den europäischen Markt anlandet, stammen bereits mehr als 15 Prozent der Sendungen mit tierischen Produkten und 20 Prozent der pflanzlichen Waren aus China.
Bei Fisch, Fleisch, Honig oder Milchprodukten muss der Importeur die Ware vor Ankunft dem Veterinär- und Einfuhramt im Hamburger Hafen melden und die Einfuhrpapiere vorlegen. Danach entscheidet das Amt, ob die Ware ungeprüft eingeführt werden kann. Geöffnet werden die verplombten Container nur bei Zweifeln. Veterinäre untersuchen dann, ob die Kühlung funktioniert und die Ware mit der richtigen Temperatur transportiert wurde. Weitere Kontrollen liegen fortan in der Zuständigkeit der örtlichen Lebensmittelkontrollbehörden, die sich besser mit Imbissbuden und Bauernhöfen auskennen als mit globalen Warenströmen.
Pflanzliche Lebensmittel werden noch lascher überwacht, sie gelangen meist ohne jede Kontrolle in die EU, egal ob frische Ware, Tiefkühlkost oder Konserven. Ausgenommen ist nur eine kleine Zahl spezieller Lebensmittel, die in der Vergangenheit negativ aufgefallen sind oder unter aktuellem Verdacht stehen. Aus China sind das derzeit ziemlich viele: Erdnüsse, Soja, Reis, Nudeln, Pampelmusen und Tee. Diese Produkte werden entweder häufig kontrolliert, seltener verhängen einzelne Länder sogar einen Einfuhrstopp.
Die lückenhafte Kontrolle erschwert auch die Ursachenforschung bei Problemen. In knapp der Hälfte der 3697 Fälle, in denen die EU im vergangenen Jahr Warnhinweise herausgegeben hat, konnten die Verbraucherschützer "die Ware nicht mehr bis zu den ursprünglichen Herstellern zurückverfolgen", sagt China-Fachmann Nöhle. Immerhin ist der Lieferant der Erdbeeren jetzt bekannt. Die Früchte wurden in der chinesischen Provinz Shandong angebaut, geerntet, tiefgefroren und von der Firma Foodstuff Co. Ltd. vom Hafen Qingdaos nach Hamburg verschifft.
Dort nahm die Firma Elbfrost Tiefkühlkost, ein Zwischenhändler, die 44 Tonnen entgegen und verzollte sie. Einen Tag später transportierte das Unternehmen die Erdbeeren auf Lkw nach Mehltheuer in Sachsen. Hauptabnehmer für Elbfrost war die Sodexo, ein internationales Cateringunternehmen mit Sitz in Frankreich, das 65 Regionalküchen in Deutschland betreibt. Beamte des Bundesinstituts für Risikobewertung und Staatsanwälte in Darmstadt ermitteln nun mühsam, wo die Erdbeeren verunreinigt wurden.
Die Geschäftsführung von Elbfrost erklärt, sie werde künftig keine Waren mehr aus China beziehen. Die Firma könne nicht garantieren, dass chinesische Lieferanten "qualitativ einwandfreie Ware" schickten. Wenn aber die Qualität derart unsicher ist, warum bestellte Elbfrost überhaupt aus China? Bislang bezog das sächsische Unternehmen nicht nur Erdbeeren, sondern auch Pilze und Spargel von dort. Elbfrost behauptet, man sei auf Importe angewiesen, die Geschäftsführung betont den "günstigen Preis" chinesischer Waren. Deutschland führte vergangenes Jahr über 31 000 Tonnen verarbeitete Erdbeeren aus China ein, im Durchschnitt kostete ein Kilo 1,10 Euro.
Die weltgrößten Handelsketten Walmart, Carrefour, Tesco und Metro, aber auch Hersteller wie Coca-Cola, Unilever, Barilla, Campbell's oder Nestlé haben erkannt, dass sie sich weder auf die Zulieferer noch auf die staatlichen Kontrollen verlassen können. Sie können es sich aber auch nicht leisten, verseuchte Lebensmittel in den Verkehr zu bringen - der Imageschaden wäre immens. Deshalb haben sich die Großen der Branche in der Global Food Safety Initiative zusammengeschlossen, um eigene Qualitätskontrollen zu entwickeln. "Wir vereinbaren mit unseren Zulieferern bestimmte Standards, die wir für richtig halten", sagt Peter Overbosch, stellvertretender Leiter des weltweiten Qualitätsmanagements der Metro AG.
Kleinere Firmen, die zum Beispiel Caterer und Restaurants beliefern, werden davon nicht erfasst. Letztlich ist jedoch auch der Konsument mitverantwortlich. Generell sei China durchaus in der Lage, hochwertige Produkte herzustellen, sagt ein Lebensmittelkontrolleur aus Hamburg, "aber man bekommt das, was man bezahlt".
Mit anderen Worten: Wer billig einkauft, bekommt billiges Essen.
Von Amann, Susanne, Haunhorst, Charlotte, Ludwig, Udo, Popp, Maximilian, Schulz, Sandra, Ulrich, Andreas, Zand, Bernhard

DER SPIEGEL 42/2012
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