15.10.2012

ZEITGESCHICHTEDie verbotene Reise

Ein junges Liebespaar flüchtete 1987 aus der DDR nach Osten, um im Westen zu landen - über Moskau, die Mongolei und China. Nur einer kam ans Ziel, nach West-Berlin. Erst jetzt erzählen die beiden die Geschichte ihrer abenteuerlichen Tour. Von Peter Wensierski
Eigentlich wären es nur 1400 Meter gewesen. Von der Rykestraße in Ost-Berlin bis in den Westen der geteilten Stadt. Zehn Minuten zu Fuß für Jens und Marion.
Damals aber, an einem Augusttag 1987, waren sie rund siebeneinhalbtausend Kilometer von ihrer Straße im Prenzlauer Berg entfernt, irgendwo in der Mongolei. Die beiden Studenten hatten sich auf den denkbar weitesten Weg von Ost- nach West-Berlin gemacht und waren noch längst nicht am Ziel. Bis Peking lagen weitere etwa 1500 Kilometer und eine Grenze vor ihnen, für die sie kein Visum hatten.
Bis in die Mongolei, die damals politisch von der Sowjetunion kontrolliert wurde, hatten es Jens und Marion mit einer gefälschten Einladung geschafft. Jetzt folgte der schwierigste Teil ihres Trips: China war für DDR-Bürger ein verbotenes Land, aber nur in Peking, in der Botschaft der Bundesrepublik, konnten sie an diesen Pass kommen, der ein Leben im Westen möglich machte.
Zweimal in der Woche fuhr von Ulan Bator, der mongolischen Hauptstadt, ein Zug nach Peking. Doch für Nichtchinesen schien es unmöglich, dafür eine Fahrkarte zu kaufen. Armeesoldaten und Polizisten drängten sich auf dem Bahnhof, für Ostdeutsche ohne Reisevisum war jede Minute in der Schalterhalle gefährlich. Aus Angst vor Entdeckung trennten sie sich, Marion zog sich ins Gebirge vor der Stadt zurück und übernachtete in einem Wald im Schlafsack. Jens ging mit Herzklopfen in das chinesische Konsulat.
In Ost-Berlin erhielten DDR-Bürger kein Visum für China. In Warschau oder Moskau auch nicht. Aber vielleicht in Ulan Bator? "Kein Mensch in der Mongolei greift mal kurz zum Telefon, um in der DDR nachzufragen", dachte Jens. Um die Chancen zu verbessern, hielt er ein paar Dollarscheine in der Hand. Der chinesische Beamte sah ihn prüfend an, blätterte in den Papieren, minutenlang. Dann nahm der Diplomat das Geld und schob die Visa über den Tisch. Der lange Marsch konnte weitergehen; und auch die Diskussion darüber, ob sie den letzten Schritt in die Freiheit wagen wollten.
Jetzt haben Jens und Marion zum ersten Mal ihre Geschichte erzählt. Die Geschichte einer Reise nach Osten, um im Westen anzukommen. Kaum jemand hatte das in Zeiten des geteilten Deutschland gewagt. Fast alle Republikflüchtlinge wählten den kurzen, gefährlichen Weg über die Mauer oder die innereuropäischen Grenzanlagen.
"Jeder würde denken, du gehst von Ost nach West. Dabei kannst du einfach das Gegenteil tun, dann kommst du irgendwann auch ans Ziel - so einfach ist das", sagt Jens 25 Jahre später. Er sitzt in seinem Haus im Spreewald, sein Grundstück ist von Bäumen und Wasserläufen umgeben, wenn er im Garten sitzt, kann er Vögel beobachten. Er liebt es, ihre Stimmen zu imitieren, sie anzulocken, ihr Gefieder zu beschreiben und ihr Balzverhalten.
Die Natur ist seine große Leidenschaft, sie war es schon, als er in Ost-Berlin Biologie studierte. Alle Klimazonen wollte er erkunden, die DDR war zu klein, zu eng für seine Träume. "Ich wollte leben, ich wollte die Welt entdecken", sagt Jens. "Ich konnte nicht hinnehmen, dass greise Herrscher einfach verfügen: 'Ihr dürft nicht raus, ihr müsst zu Hause im kleinen Käfig bleiben!'"
Heute schreibt Jens als selbständiger Biologe Gutachten über Naturschutzprojekte. Marion hat er seit 20 Jahren nicht mehr gesehen. Die Erinnerungen an ihre verbotene Reise aber hat er, zusammen mit seinen Fotos aus jener Zeit, gehütet wie einen Schatz. Es waren seine Kinder, die nun wissen wollten, was damals geschah. "Wenn du etwas willst, probier es mit aller Kraft", sagt er ihnen.
Daran zu glauben, dass es geht, dass 9000 Kilometer nicht zu weit sind, um von Ost- nach West-Berlin zu gelangen: Vielleicht kommt man auf so etwas nur, wenn man 24 Jahre alt ist und verliebt; wenn man es aushält, am Morgen nicht zu wissen, wo man die Nacht verbringen wird; wenn das Ende der verbotenen Reise offen ist; wenn man die Gefahren unterwegs als Herausforderung seines Lebens betrachtet. Wenn man sich Freiheit nimmt, statt sie zu fordern.
Marion und Jens hatten sich an der Ost-Berliner Kunsthochschule in Weißensee kennengelernt. In der Dunkelkammer. Marion studierte Bühnenbild und kam eines Tages dazu, als Jens Fotos einer Kaukasus-Reise entwickelte. Die lebhafte Studentin war ein Jahr älter als er, sie konnte unbekümmert lachen, von einer wilden Reise durchs Land erzählen. Das gefiel Jens sofort.
Am selben Abend noch ging sie mit zu ihm, in die Einraumwohnung eines verfallenden Altbaus in der Rykestraße, gleich beim alten Wasserturm, einem Wahrzeichen des Prenzlauer Bergs. Es war Winter. Vor dem Haus klauten sie Briketts vom Anhänger, drinnen saßen sie auf einer umgedrehten Holzkiste vor dem Kachelofen bis tief in die Nacht.
Bald zog Marion bei Jens ein. Ihr gefiel es, an warmen Tagen oben auf dem Dach zu sitzen und zu zeichnen: die kaputten Schornsteine, die altersschwachen Hausdächer, die Spitze des Fernsehturms. Jens zahlte 36 Ostmark Miete. Nebenan lebten Oppositionelle, Künstler, Punker, junge Menschen, die eine andere Republik, ein anderes Leben wollten.
Jens, ein Bergsteiger mit Rauschebart, arbeitete damals in Vogelschutzwarten. Als ihn an der Berliner Humboldt-Universität der Zoologe Günter Tembrock in seine Klasse aufnahm, erfüllte sich ein Lebenstraum - Tembrock war im Osten so populär wie Konrad Lorenz im Westen: ein Verhaltensforscher, der das größte Tierstimmenarchiv Europas aufgebaut hatte. Jens bewunderte den Gelehrten, er eiferte ihm nach, wollte Freilandbiologe werden und die Tierwelt erkunden.
Doch 1986 flog er von der Universität, Jens wurde zur "feindlich-negativen Person" erklärt. Sein Engagement in der Naturschutzarbeit und die Mitarbeit in kirchlichen Umweltgruppen missfielen der Stasi.
Sein Lebenstraum war damit zerstört, Jens wollte keinen Kompromiss, er wollte weg. Aber wie? Freies Reisen war den Bürgern der DDR nicht einmal in deren sozialistische Bruderstaaten erlaubt. In die Sowjetunion ging es in der Regel nur mit Delegationen oder Reisegruppen, Fahrten kosteten oft über 6000 Mark, mehr, als mancher Ostdeutsche im Jahr verdiente.
Uniformierte fragten auf Bahnhöfen oder an Straßenkontrollstellen ständig nach der "Marschrut", dem verbindlichen Streckenplan, von dem man weder zeitlich noch räumlich abweichen durfte.
Doch Jens war bereits als 20-Jähriger illegal durch die UdSSR gereist. Bei einem auf drei Tage beschränkten Transit von Polen nach Rumänien hatte er einmal den Zug in der Sowjetunion verlassen. Er unternahm ausgedehnte Touren mit einem Faltboot bis zum sowjetischen Polarkreis, er wanderte ins Pamirgebirge und zum Baikalsee - und meldete sich erst Wochen später wieder zurück, mit abenteuerlichen Ausreden. "Unerkannt durch Freundesland" hieß das in der Outdoor-Szene Ost.
Andere Reisen folgten. Ohne Visum, aber mit einer großen Mittelformatkamera zog der Hobbybiologe durch fremde Landschaften und fotografierte. Ein paar Bilder konnte er sogar an DDR-Naturzeitschriften verkaufen, womit er weitere Reisen finanzierte.
Die Expeditionen im Ostblock lehrten ihn, wie die Volksbürokratien und ihre Zöllner und Grenzbeamten am besten auszutricksen waren. Dieses Wissen nutzte ihm bei der späteren Flucht.
Um eine glaubwürdige Legende zu schaffen, traten er und Marion in den sozialistischen Bergsteigerverein ein. Auf einem Flohmarkt kaufte er eine Schreibmaschine mit kyrillischen Buchstaben, fälschte damit eine Einladung in die Sowjetunion. Angeblich baten darin russische Bergsteiger eines sozialistischen Bruderverbands aus Tadschikistan das Paar zu einer Tour auf den "Pik Kommunismus" ins Pamirgebirge.
Die Volkspolizei im Prenzlauer Berg war beeindruckt, jedenfalls hielten die Beamten mit ihrem Schulrussisch den Brief für echt, sich selbst aber für nicht zuständig.
Sie meinten, dafür gebe es doch die Passstelle für Olympiakader im Sportzentrum Hohenschönhausen. Dort bekamen Jens und Marion zu ihrer eigenen Überraschung zwei Wochen später Reisepässe - mit einem Visum für die Mongolei.
Von früheren Reisen wusste Jens, dass misstrauische Beamte sie überall nach "Dokumenty" fragen, die Pässe einziehen und die Reise beenden könnten. Daher war es ratsam, nie die Originalausweise auszuhändigen. Andere Dokumente, die optisch etwas hermachten, mussten mit ins Gepäck.
"Wurden wir angehalten", erinnert sich Jens, "haben wir uns immer gefragt: Was zeigen wir jetzt? Den Pionierausweis? Den Ausweis der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft?"
Besonders geeignet schien ihm der DDR-Sozialversicherungsausweis zu sein. Es war ein Heftchen in der Größe eines Reisepasses, grün, mit vielen Seiten, die ein Wasserzeichen ziert. Für jede Blutspende gab es einen dicken Stempel. Jens ging oft Blut spenden. Er klebte ein Passbild in das Papier, als Stempelvorlage nahm er das große Fünf-Mark-Stück Ost mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Schnell war die Münze in rote Farbe getaucht und auf den Rand des Passfotos gedrückt - fertig war das Ersatzdokument.
Namen und Adressen als Anlaufpunkte zum Übernachten hatte Jens auf seinen früheren Reisen gesammelt. Etwa die von Mischa, dem Kampfpiloten der Sowjetarmee. Hinter dem Ural hatten sich der Ostdeutsche und der Russe in einem Schlafwagenabteil der Transsibirischen Bahn kennengelernt. Beim Früh-
stück - Mischa rührte nach russischem Brauch eine Art Marmelade in seine Teetasse - kamen sie ins Gespräch. Mischa stammte aus Tschita, einer Stadt im Süden Sibiriens. Jens sagte, da gebe es doch in der Nähe einen Nationalpark mit dem Sibirischen Tiger. Offizier Mischa staunte. "Nicht schlecht. Woher kennt jemand aus Berlin meine Heimatstadt?"
Nach langen Stunden im selben Abteil fasste Jens Mut und zeigte Mischa auf einer Landkarte, welche Gegenden er noch erkunden wollte. "Um brütende Vögel zu beobachten", fügte er vorsichtig hinzu.
"Ich kann dir helfen", bot Mischa an, "ich mache regelmäßig Versorgungsflüge für unsere Geologen." Der Pilot markierte auf Jens' Karte, wo er mit seinem Flugzeug manchmal landete, um Wissenschaftler abzuholen, und wo man interessante Vögel finden könnte. "Geh einfach auf den Flughafen von Ulan Bator an den Sperren vorbei, lauf über das Rollfeld und frag nach Mischa. Dienstags und freitags, je nachdem, wie das Wetter ist. Warte auf mich, wenn ich nicht da sein sollte."
Jens kam auf das Angebot des Offiziers zurück. Im Sommer 1986 brach er mit Marion gen Osten auf, zum ersten Mal wollten sie sich bis in die Mongolei durchschlagen. In diesem Jahr war es noch keine Flucht, es war ein Austesten, wie weit sie kommen konnten.
Wie mit Mischa besprochen, gingen sie in Ulan Bator über das Rollfeld auf den militärischen Teil des Flughafens. Schnell hatten sie den Piloten gefunden. Sie bestiegen seine klapprige Maschine und hoben ab.
Unter sich sahen Jens und Marion karge Berge und Steppen vorbeiziehen. In der Frontscheibe war ein Riss, und Mischa schimpfte, dass die Reparatur in Ulan Bator wieder mal nicht geklappt hatte. Weil der Riss zu einem Loch wuchs und sich voraus eine Gewitterfront ankündigte, musste Mischa dem Regen weiträumig ausweichen. Stunden später setzte er das Paar in einem Naturreservat ab, das es unbedingt sehen wollte.
Die beiden durchquerten ungehindert ein Land, das 14-mal so groß ist wie die damalige DDR, dann hatten sie die Wüste Gobi erreicht. Eine Mongolenfamilie mit einem alten Lkw nahm sie mit. Als dessen Motor streikte, saßen sie drei Tage lang bei 40 Grad im Schatten fest. Sie genossen die Gastfreundschaft der Dorfbewohner, die sich, erinnert sich Jens, so wohltuend unterschied von den leeren Solidaritätsfloskeln zum 1. Mai daheim.
Es gab viele dieser Momente auf der Reise, nach denen er sich eine dauerhafte Rückkehr in die DDR nicht mehr vorstellen konnte. Die Freiheit, das Abenteuer, das selbstbestimmte Handeln und Entscheiden - hier hatte er gefunden, was ihm zu Hause fehlte.
Am Ufer des tiefblau schimmernden Chöwsgöl, des zweitgrößten Sees der Mongolei, schlugen sie ihr Lager auf. Jens baute eine Bank und einen Tisch, einen Ofen, um darin Brot zu backen. Marion zeichnete Pflanzen und Tiere.
"Keine Menschenseele begegnete uns in diesen Tagen. Nur eine Herde wilder Pferde graste in der Nähe, unser Zelt lag versteckt zwischen kleinen Tannen, in der ersten Morgensonne wurden wir von den Rufen der Vögel wach", erinnert sich Marion heute.
Sie sitzt in ihrem alten Dorfhaus, es liegt von Weiden und Wiesen umgeben im Fläming, einer einsamen Landschaft im südlichen Brandenburg. Die Liebe zur Natur hat sie sich, wie Jens, bewahrt; sie hält Schafe und betreibt eine Filzwerkstatt.
"Es war wie eine Expedition", meint sie im Rückblick auf diese erste Reise in die Mongolei. Fasziniert beobachtete sie das Leben in einer Jurte, die Ruhe, den Gleichklang ihrer mongolischen Gastgeber. "Ich hätte noch ewig lange bleiben können", sagt Marion heute. Mit einer späteren Flucht wollte sie sich nicht beschäftigen; nach einigen Wochen kehrte sie zum Semesterbeginn nach Ost-Berlin zurück, Jens folgte ihr etwas später.
Ein Jahr später wurde es ernst. Im Juni 1987 stiegen die zwei am Berliner Ostbahnhof in den Zug, über Polen ging es nach Moskau. Im Jaroslawler Bahnhof wechselten sie in die Transsibirische Eisenbahn. Perm, Jekaterinburg, Nowosibirsk, tagelang reisten sie so durch die Sowjetunion, klopfenden Herzens standen sie oft vor dem Samowar im Schlafwagen dritter Klasse und wärmten sich am starken schwarzen Tee, ständig wurden ihre "Dokumenty" kontrolliert. Ihr Plan ging auf, die Reise verlief reibungslos.
Wieder waren sie in der Mongolei, Marion wäre gern erneut durch die Natur gezogen, doch Jens wollte rasch weiter - nach China, zur Botschaft der Bundesrepublik.
Es war ein Augustabend in Ulan Bator, die beiden Studenten diskutierten, wie es weitergehen sollte. Jens versuchte, sich selbst und Marion gegenüber zu begründen, warum er die DDR für immer hinter sich lassen wollte. Er redete über die alten Leute an der Spitze des Staates, die bestimmen wollten, wie das Leben zu verlaufen habe. Er sprach über die FDJ-Gruppe an seiner Uni, die ihn angeschwärzt hatte. Vordergründig bemängelten die Genossen, dass er zu wenige Russischstunden absolviere. In Wahrheit, das zeigen die Stasi-Akten, ging es um seine kritischen Meinungen, sein Umweltbewusstsein, seine Reiselust, seine vielen Kontakte und die "Nichtanpassung ans Kollektiv".
Jens erzählte Marion, wie es war, als er sich an der Humboldt-Universität vor der Disziplinarkommission verteidigen musste, obwohl seine Exmatrikulation längst hinterrücks beschlossen war.
Er beschrieb ihr seine Erfahrungen mit der Ost-Berliner Gesellschaft Urania, in deren Veranstaltungszentrum er Dia-Vorträge über seine Expeditionen gehalten und ein begeistertes Publikum getroffen hatte. "Fahren Sie einfach los!", hatte er den ungläubigen DDR-Bürgern mit Blick auf den Ural oder den Baikalsee geraten. Er tat es mit großer Leidenschaft - bis zwei Herren in grauem Anzug eines Tages den Veranstalter aufsuchten und diesem erklärten, es sei besser, wenn der Fotograf bei ihm nicht mehr auftrete.
Es war ein langer Abend. Marion sprach von ihrem Kunststudium, ihrem bevorstehenden Abschluss. Sie war bisher nicht als "feindlich-negative Person" aufgefallen. Sie fragte sich, ob eine Flucht ihrer studierenden Schwester die Zukunft vermasseln könnte. Und was wäre mit ihrem Vater, der im Babelsberger Defa-Filmstudio einen Leitungsposten hatte - könnte er seine Stelle verlieren?
Der Moment der Entscheidung rückte näher. Kurze Zeit mussten Jens und Marion in Ulan Bator noch überbrücken, bis der nächste Zug nach China fuhr. Sie besuchten ein buddhistisches Kloster, die Mönche waren überfreundlich. Lange, für Jens' Gefühl viel zu lange, drängten die Männer sie mit höflichen Gesten zum Verbleib in den Klosterräumen. Bis plötzlich Uniformierte erschienen und das Paar kontrollierten - die Mönche hatten ihre Gäste verraten und den Geheimdienst gerufen.
Marion reichte den Beamten ihren Studentenausweis, Jens zeigte seine Mitgliedskarte von der FDJ. In einem unbeaufsichtigten Moment machten sie sich davon - ihre Aufpasser hatten offenbar geglaubt, ohne Dokumente würden sie nicht fliehen. Das deutsche Paar eilte zurück ins Gebirge und schlief noch einmal unter freiem Himmel im Wald. Erst Tage später trauten die beiden sich mit den Visa aus der chinesischen Botschaft zum Bahnhof und bestiegen einen Nachtzug, der sie über die Grenze nach China brachte.
Die zwei hatten kaum noch Geld, als sie am Gelben Fluss ankamen, zwölf Ostmark reichten gerade für zwei Fahrkarten fünfter Klasse auf einem Schiff, das sie Richtung Küste bringen sollte. Nachts schliefen sie unter Deck auf dünnen Reismatten, ohne Fenster, neben einem Dutzend Chinesen. Tagsüber gingen sie hinauf in die zweite Klasse, wo andere Ausländer reisten.
Ein Schweizer schenkte ihnen etwas Geld und einen "Lonely Planet"-Reiseführer, der wichtige chinesische Redewendungen enthielt.
Beides half ihnen durch ein Land, das sie bedrückte: Nach der Weite der mongolischen Steppe, der Gastfreundschaft der Nomaden erlebten sie das kommunistische China als hartes, rücksichtsloses System; den Widerspruch zwischen sozialistischer Propaganda und Realität hatten sie noch nie so deutlich erlebt wie hier. Marion begann, sich nach der Rykestraße in Berlin zu sehnen.
Nach gut 9000 Kilometern standen sie in Peking vor der westdeutschen Botschaft. Doch das Gebäude auf der anderen Straßenseite schien unerreichbar: Es gab Überwachungskameras, Polizeiposten, zivile Sicherheitsbeamte. Jens und Marion trauten sich nicht, die letzten Schritte zu gehen.
Ziellos liefen sie durch Peking. Sie kamen in einen Park, in dem sich alte Männer auf vertrocknetem Rasen beim Tai-Chi wie in Zeitlupe bewegten. Jens und Marion gingen Hand in Hand an ihnen vorbei, ohne viele Worte.
Gehen oder bleiben, wie sehr hatte Jens die Debatten darüber im Prenzlauer Berg gehasst. Er hatte Oppositionelle erlebt, die ihren bekämpften Gegnern immer ähnlicher geworden waren und schon wieder ihm und anderen Menschen vorschreiben wollten, was richtig und was falsch sei. Er und Marion wollten frei entscheiden, so hatten sie es ja auch bis hierher geschafft.
Marion beschloss, in die DDR zurückzureisen, zurück zum geliebten Prenzlauer Berg, zum Studium, zur Familie, zu den Freunden.
Mangels Geld verbrachten Jens und Marion noch eine Nacht auf dem Dach eines Hotels. Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich auf dem Bahnhof. Rasch verschwand Marion im Menschengewühl hinter den Sperren.
"Verliebt waren wir bis zum Schluss", sagt Marion heute. Ihr Heimweh aber war stärker, sein Fernweh intensiver. "Es war traurig, aber völlig okay", sagt sie.
Ohne größere Probleme reiste Marion mit dem Zug zurück in die Mongolei und von dort über Moskau bis nach Polen. Vor dem Grenzübertritt in die DDR meldete sie sich bei der Polizei und erzählte, ihr Pass sei gestohlen worden. Tatsächlich hatte sie ihn verbrannt, denn der Einreisestempel ins verbotene China hätte sie verraten.
Die Beamten lamentierten, aber schließlich war sie eine Studentin, die zurück in die DDR wollte, also bekam sie Ersatzpapiere.
Am nächsten Morgen kehrte sie wieder zurück in die Rykestraße, in die verlassene Wohnung. Sie kletterte aufs Dach und setzte sich an ihren Platz mit Blick auf den alten Wasserturm.
Der Zerfall der Steine schien sich während ihrer Abwesenheit beschleunigt zu haben. Einer der Schornsteine war schon ganz zusammengefallen. Noch einmal hielt sie die Szenerie in einer Zeichnung fest.
Jens blieb noch eine Weile in China, er wollte sich sicher sein, dass seine Freundin wohlbehalten in die DDR zurückgekehrt war, bevor dort Polizei und Stasi von seiner Flucht erfuhren. Mit seiner Kamera fotografierte er derweil in Peking, in Shanghai und auf dem Land.
Dann wagte er sich endlich in die Botschaft der Bundesrepublik. Er bekam dort einen Reisepass und schlug sich über Hongkong, Dubai und London bis nach Westdeutschland durch. Im Dezember 1987 erreichte er mit dem Flugzeug von Köln aus West-Berlin.
Einige Male haben sie sich später noch gesehen. Vor der Wende trafen sie sich in Prag; nachdem die Mauer gefallen war, besuchten sie in Berlin gemeinsam eine Mongolei-Ausstellung. Danach trennten sich ihre Wege. Beide fanden andere Partner, bekamen Kinder, zogen in die Natur.
Ein Herbsttag im Spreewald-Haus von Jens, zum ersten Mal seit 20 Jahren treffen sich die beiden wieder. Jens K. hat immer noch seinen Abenteurerblick in den Augen, nur der Bart ist abrasiert. Marion M. lacht so unbekümmert wie einst in Ost-Berliner Studententagen. Beide haben wieder Reisepläne: Er möchte mit seiner Familie Nationalparks in Afrika erkunden, sie will an die Mecklenburgische Seenplatte fahren.
Aber jetzt geht es noch einmal um die Vergangenheit. Sie sind etwas aufgeregt; alte Fotos liegen auf dem Küchentisch, schnell kommt das Gespräch auf die Mongolen und deren Jurten, auf Vögel und auf den Sinn ihrer verbotenen Reise.
"Nach solchen Erfahrungen kommt man mit allem klar", sagt Marion, "ich würde es sofort wieder tun."
"An jeder Weggabelung musst du dich neu entscheiden", sagt Jens. "Ob links oder rechts, ist im Nachhinein egal - solange du nur glaubst, dass du das Ziel erreichst."
Von aut>Wensierski, Peter,

DER SPIEGEL 42/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 42/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
Die verbotene Reise