15.10.2012

Hoch auf dem gelben Wagen

ORTSTERMIN: In Pforzheim versuchen Arbeitgeber und ältere Arbeitslose Freundschaft zu schließen.
Uwe Hauk stand immer drüben, auf der anderen Seite, bei den Erfolgreichen. Er hatte eine sechsstellige Summe auf seinem Festgeldkonto, eine vernünftige Altersversorgung, ein Haus, zwei Autos. Ihm, seiner Frau und seinen Kindern ging es gut, für lange Zeit.
Aber dann gab es Probleme bei einer Betriebsprüfung, und plötzlich war das Festgeld weg, auch der größte Teil der Altersversorgung, die beiden Autos. Und Uwe Hauk, der selbständige Versicherungsvertreter, fand sich auf der unschönen Seite der Gesellschaft wieder.
Sein Arzt riet ihm dann auch noch, nicht mehr als Vertreter zu arbeiten, der Stress sei nicht gut für ihn, auf Dauer. So entglitt Hauk auch noch seine Arbeit. Er ist nun arbeitslos, zum ersten Mal in seinem Leben. Und darum steht er am vergangenen Dienstag im Lichthof des Alten Rathauses in Pforzheim, etwas beklommen, aber auch voller Hoffnung, so wie wahrscheinlich alle der gut 200 Männer und Frauen, die eingeladen wurden vom Jobcenter der Stadt. Sie suchen Arbeit und sollen mal direkt mit solchen sprechen können, die Arbeit zu vergeben haben.
Das gelingt diesen Männern und Frauen normalerweise nicht. Vom Arbeitsmarkt trennt sie eine unsichtbare Grenze. Diejenigen, die hier im Hof stehen, sind alle über 50 und gelten jetzt als alt.
Sie werden vor allem wahrgenommen als Konsumverweigerer, als potentielle Krebskranke, als störrisch, unflexibel. Sie sind keine Leistungsträger mehr, sondern ein Kostenfaktor, ein Risiko für die Sozialsysteme. Sie teilen das Schicksal von Ausländern und Behinderten. Von denen darf man auch nicht zu viel erwarten, um die muss man sich kümmern. Ein Arbeitgeber nennt die Arbeitslosen wenig später "unsere älteren Mitbürger".
Zwölf Unternehmen sind trotzdem zu dieser Jobmesse gekommen. Fünf Zeitarbeitsfirmen, zwei Gewerbebetriebe, ein Callcenter, ein Altersheim und drei weitere Dienstleister. Gesucht werden Hilfsarbeiter, Arbeiter, Facharbeiter. Wer mal Abteilungsleiter war oder studiert hat, ist hier falsch.
Anfangs stehen die Firmenvertreter stumm an den Wänden des Innenhofs, sie tragen Anzug oder Businesskostüm mit Namensschild, vor ihnen sind Tische aufgebaut, in der Mitte stehen die Arbeitslosen. Es erinnert sehr an eine Castingshow. Die Leiterin des Jobcenters stellt sich hinter ein Mikrofon und sagt: "Na, gehen Sie ruhig auf die Arbeitgeber zu."
Zu den Arbeitgebern gehört Nguyen Trong Luat, als Kind aus Vietnam geflohen, nun Geschäftsführer von Rowi Präzisionstechnik, einer Firma, die flexible Armbänder für Uhren herstellt. Er ist hier, weil er keine jungen Mitarbeiter für seinen Betrieb findet: "Wir fertigen auf unseren eigenen, traditionellen Maschinen. Wer sich bei uns ausbilden lässt, kann nirgendwo anders arbeiten." Außerdem werde man bei der Arbeit dreckig, und das fänden junge Leute nicht so gut, sagt Luat.
Fred Mahlmann, Leiter der Seniorenresidenz "Ambiente" in Pforzheim, stellt am liebsten "Mütterchen ein, die drei Kinder großgezogen und außerdem den Haushalt organisiert haben", die seien stressresistent und körperlich robust. Aber unglücklicherweise findet sich dieser Frauentyp in Deutschland nicht mehr so oft, "und auf den polnischen oder ukrainischen Akzent reagieren unsere Bewohner schon sehr sensibel". Junge Leute einzustellen sei für ihn oft auch keine Lösung: "Die singen nicht so gern ,Hoch auf dem gelben Wagen'."
Arbeitsuchende über 50, so sieht es aus, müssen sich bei der Arbeit dreckig machen wollen und in der Lage sein, deutsche Volkslieder zu singen.
Rose-Marie Rens ist 55 Jahre alt, zuletzt war sie Schmuckdesignerin, davor Kassiererin. Eine Arbeitsvermittlerin des Jobcenters sagt: "Frau Rens ist sehr präsent, wenn sie einen Raum betritt."
Frau Rens im Innenhof zu finden ist nicht schwer, man geht einfach dorthin, wo am lautesten gesprochen wird, und da ist sie dann. Eine gestandene Frau, die gern lacht, auch über sich selber, und die sagt: "Ich mache alles, ganz egal, auch putzen ist kein Problem, aber ich gehöre nur Gott. Ich bin ein flatternder Schmetterling, der sich nicht einsperren lässt."
Arbeit sucht auch Jolanta Chaker, sie ist 51 Jahre alt, hat lange als Pflegerin im Krankenhaus gearbeitet, aber nun plagt sie das Rheuma. Vor kurzem hätte sie beinahe als Empfangsdame bei einem "guten Friseur" anfangen können, "der Chef mochte mich", aber seine Frau war wohl dagegen. Deswegen hat sie hier auf der Jobmesse beim Callcenter vorgesprochen. Morgen hat sie einen Termin.
Man kann es sich nicht mehr aussuchen. Der demografische Wandel, dieser hässliche Begleiter der deutschen Zukunft, verlangt Lösungen. Im Lichthof von Pforzheim bekommt man eine Vorstellung davon, wie solche Lösungen aussehen werden.
Ursula Hutmacher, Abgesandte der Firma Adler, spezialisiert auf Blechbearbeitung, sagt: "Wer über 50 ist und lange arbeitslos, ist oft kompromissbereit beim Gehalt."
Uwe Hauk, der Mann ohne Festgeldkonto, ohne Altersversorgung und ohne Autos, verlässt das Rathaus mit einem DIN-A4-Blatt, auf dem eine Zeitarbeitsfirma offene Stellen notiert hat. Er wird zu Hause noch mal draufsehen. Er sagt, er sei jetzt zu allem bereit.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 42/2012
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