15.10.2012

KUNSTNebel des Wohlwollens

Die Kunst der DDR ist bis heute umstritten. In großen Teilen wird sie dem Publikum vorenthalten. Nun versucht sich eine Ausstellung in Weimar an einer Rehabilitation.
Eine Freitreppe führt hinauf in die ungeliebte Vergangenheit der Ost-Kunst. Doch gleich im ersten Raum des Neuen Museums soll klarwerden, dass alles ein Missverständnis war. Dass es sich ganz anders verhielt, als die aus dem Westen immer noch behaupten.
Zwei Ölbilder hängen da, gemalt im Abstand von fast 20 Jahren, sie sollen belegen, was die Kunst in der DDR tatsächlich ausmachte: nicht der ewige Klassenkampf, sondern die erloschene Euphorie, die Enttäuschung von sich selbst.
Das eine Gemälde ist eine Stadtansicht, der Dresdner Künstler Bernhard Kretzschmar schuf sie 1955. Viel Grün, in der Ferne qualmen Fabrikschlote, es ist ein Idyll der Produktivität. Auf dem Gemälde daneben breitet sich die surreale Leere eines Braunkohlenreviers aus. Ein paar Arbeiter schlendern über den kohlefarbenen Untergrund, zwischen ihnen schweben Gestalten mit Kastenköpfen. Dieses rätselhafte Bild aus dem Jahr 1974 stammt vom Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer. Hier in Weimar, 38 Jahre nach seiner Entstehung, 22 Jahre nach dem Ende der DDR, soll es ein Werk des Widerspruchs sein, ein Bekenntnis gegen die Landschaftszerstörung.
"Abschied von Ikarus" heißt die Kunstschau in Weimar, die von diesem Freitag an auch die beiden Gemälde zeigt. Sie könnte sich zu einer der wichtigsten Ausstellungen dieses Jahres entwickeln, weil sie mit großem Aufwand versucht, das umstrittene Erbe der DDR-Kunst neu zu bewerten. In wenigen Jahrzehnten, so die zentrale These der Kuratoren, habe sich die Aufbruchstimmung in Ostdeutschland in eine Melancholie verwandelt, weil die bindende Utopie in diesem Land verlorengegangen sei. Und gerade die Kunst habe dieses Scheitern erkennbar thematisiert. Die Maler haben - diese Ansicht wird nahegelegt - sogar das System ausgehöhlt.
Ein außergewöhnlicher Ansatz. Denn den Staatsmalern der DDR hat man meist das Gegenteil unterstellt. Sie hätten das System gestützt statt gestürzt, lautete der Vorwurf vieler Kunsthistoriker, Museumsleute und Galeristen aus dem Westen, und sie erhalten ihn bis heute aufrecht. Zu gut und zu lange schon funktioniert ihr Abwehrmechanismus.
Die Künstler in Westdeutschland feierten nach 1945 die Abstraktion, das Radikale in Inhalt und Form. Die ideologisch grundierte Gegenständlichkeit im Osten wurde als stilistisch überholt belächelt, als Ästhetik der Anpassung. Selbst der spätere Beitrag der dissidentischen Subkultur wurde nie ernst genommen. Nach der Wende kam es zur gnadenlosen Abrechnung mit der Bilderwelt des Sozialismus: Der Westen sprach dieser Kunst ab, überhaupt Kunst zu sein.
Georg Baselitz, der sich in den fünfziger Jahren gegen Ost- und für West-Berlin entschieden hatte und seit langem einer der großen Malerfürsten, nannte die Künstler der DDR im Jahr der Wiedervereinigung "ganz einfach Arschlöcher".
Und 1999 hat es - auch in Weimar - eine Schau gegeben, in der diese ganze Verachtung so sichtbar wie nie zuvor wurde. In dieser Ausstellung mit dem Titel "Aufstieg und Fall der Moderne" hingen die Werke der DDR an Plastikplanen in einem ehemaligen NS-Gauforum, sie wa-ren inszeniert, als hätte man es mit kunst-
historischem Sondermüll zu tun. Verantwortlich war ein westdeutscher Kurator.
Die Ausstellung 1999 in Weimar war ein Skandal, ein Politikum, eines der größten der jüngeren deutschen Kunstgeschichte. Und zehn Jahre später noch fragte der einflussreiche, in Düsseldorf ansässige Kunsthistoriker Siegfried Gohr, warum diese Art von Kunst wichtig sein solle und wer sie vermisse, all die Werke von Leuten, "die in eine menschenverachtende Diktatur verstrickt waren oder ihr aktiv gedient haben oder als Alibi von Nutzen waren".
Weimar 2012 soll kein Skandal werden. Stattdessen wollen Ausstellungsmacher aus Ost und West beweisen, dass es viel zu vermissen gibt. An der Technischen Universität Dresden wurde - vom Bund gefördert - Grundlagenforschung betrieben. Für das Projekt "Bildatlas: Kunst in der DDR" spürten Wissenschaftler mehr als 20 000 Werke auf, etwa in Depots von Bergbaumuseen oder Fabriksammlungen. Einst waren die Bilder und Skulpturen von der Regierung zugeteilt worden, spätestens nach dem Fall der Mauer entschwand das meiste aus dem Blickfeld, wurde weggesperrt. Mancher Museumsdirektor traut sich heute noch nicht an die Giftschränke im eigenen Keller.
Das weiß auch Karl-Siegbert Rehberg, 69. Der Kultursoziologe, der aus dem Rheinland stammt, lehrt in Dresden, er leitet das Forschungsprojekt. Die Weimarer Ausstellung soll, ergänzt von kleineren Präsentationen in Gera und Erfurt, das Schaufenster der Studien sein. Rehberg nennt die Kunstproduktion der DDR ein "verlorenes Kulturgut, einen verborgenen Schatz". Die Zeit dränge, ihn zu heben, "noch steht diese Kunst im Lebenszusammenhang vieler Menschen".
Das "Ikarus"-Team also will, zu Recht, die Bilderwelt der DDR vor dem Vergessen bewahren, und es will noch mehr - die Kunst endlich als solche betrachten.
Die Weimarer Dramaturgie ist konsequent. Gezeigt wird der frühe gemalte Sozialismus in seiner sturen Gegenständlichkeit, gefolgt von einem Realismus, der wirklich mehr und mehr Mattigkeit abbildet, angestrengte Arbeiter, erschöpfte Seelen. Ausgestellt ist auch die Kunst der Unangepassten: abstrakte Gemälde, puristische Objekte, fotografische Experimente.
Da wäre das staatstragende Ölbild "Kosmonauten" von Lothar Zitzmann, das er 1958 malte. Männer schweben in weißem Anzug durchs schwarze All und ergeben ein Motiv, das so widersprüchlich ist, wie das Land war: Wenige Jahre später sollte die Mauer gebaut werden, aber oben, im Universum, lockte die Freiheit des Unendlichen. Im selben Saal in Weimar hängt ein frühes, archaisch anmutendes Gemälde von A. R. Penck, der später ausgebürgert und einer der großen Maler im Westen der achtziger Jahre wurde.
Dann die Dissidenten, die blieben. Ihre Kunst wurde im Nachhinein oft sogar noch mehr unterschätzt als die der Parteimaler. Dabei hatte die DDR sogar eine Art Untergrund-Beuys, er hieß Klaus Hähner-Springmühl. Für eine Performance stieg er schon mal in einen Boxring, seine Malerei wirkte genauso wild wie die seiner Kollegen in Düsseldorf oder Köln. 2006 starb er, ein Vergessener schon vor dem Tod. Oder Annemirl Bauer, sie war eine für das große Publikum ähnlich unsichtbare Künstlerin, geboren 1937, gestorben im Sommer 1989. Viele ihrer Zeichnungen sind reduziert und expressiv zugleich, Blätter mit sperrigen, riskanten Titeln wie "Mauertoter II (... und nie hat eine Mutter mehr ihren Sohn beweint ...)".
Es war eine Kunst für Eingeweihte, vieles durfte nicht gezeigt werden. Nun aber geschieht in Weimar eine seltsame Verschiebung: Das Außenseitertum der einen wertet den Opportunismus der anderen auf. Denn Mut und Anpassung wirken nun wie die Pole einer aufregenden Kunstlandschaft der DDR - die in dieser Vielfalt öffentlich eben nie existierte.
Die früheren Vorzeigemaler Werner Tübke, Willi Sitte und Bernhard Heisig sind präsent, Maler, die sich, ihre Kunst und ihr Land so ernst nahmen. Manches Werk in Weimar wirkt in seinem Sendungsbewusstsein aufdringlich. Auch eine gewisse Grimmigkeit muss nicht automatisch bedeuten, dass etwas Tiefe besitzt.
Wolfgang Mattheuer, der Maler des surrealen Braunkohlenreviers, wird im Katalog als Schöpfer "listiger Gegenbilder" eingeordnet. Man sei gefragt worden, heißt es dort auch, ob dieser Maler überhaupt zur DDR gehört habe. Im Kleingedruckten des Biografieteils stehen die Stationen seiner Karriere im DDR-Kunstsystem.
Illusion und Desillusion, das ist die Idee der Schau. Die Utopie vom besseren Staat, der alle erlagen. Utopie klingt angenehmer als Diktatur. Es ist ein Begriff, der die Beteiligten besser aussehen lässt. Der damaligen Malerelite wird in Weimar so manches Trauma hoch angerechnet, Kriegserlebnisse, Ärger mit der Partei, Karrieretiefs. Vieldeutigkeit auf der Leinwand wird fast immer zu ihren Gunsten ausgelegt. Das Absurde und das absurd Gefährliche des Systems bleiben dagegen seltsam unanschaulich, fast abstrakt.
Zu sehen ist auch ein Werk von Wasja Götze, der die buntesten Bilder der DDR malte. Dass ihn Informanten der Stasi ausspähten, die in seinen Kompositionen "wahre Weltuntergangsstimmung" erkannten und "festungsartige Abgeschlossenheit", was auf Moskau hindeute - das wird im Katalog leider nicht erwähnt. Nur angedeutet wird, dass die Künstlergruppe Clara Mosch von den Intrigen der Stasi regelrecht zerfressen wurde; mehr als 120 Spitzel trugen dazu bei. Der 1998 verstorbene Clara-Mosch-Mitbegründer Carlfriedrich Claus, ein herausragender Zeichner, gehört immerhin zu den späten Entdeckungen in Weimar.
Rehberg, der Soziologe, hat viel geforscht zur Kulturlandschaft der DDR, auch jetzt möchte er sicherlich nichts verharmlosen. Die Regierung sei bis zum Schluss perfide geblieben, sagt er. Er will versachlichen, aber er wirkt auch väterlich dabei, er will differenzieren und erzeugt doch einen Nebel des Wohlwollens.
Denn seine Rhetorik, seine Seitenhiebe im Katalog wenden sich oft gegen den Kunstbetrieb, wie ihn der Westen erfunden und geprägt hat. Und er schreibt auch, man könne heute bei einem Star wie Neo Rauch beobachten, "dass er Spuren zu verwischen sucht", die zu seinen Vorbildern Bernhard Heisig und Werner Tübke führen und "auf sein eigenes, vor 1990 geschaffenes Werk". Den Malern Baselitz und Gerhard Richter, der wie Baselitz einst den Osten hinter sich ließ, wirft Rehberg einen "moralischen Überlegenheitsgestus" vor.
Es gibt auch Lob. Ein Katalogtext ist Eduard Beaucamp gewidmet, dem langjährigen Kunstkritiker der "Frankfurter Allgemeinen", der früh und unverhohlen die Staatsmaler-Kunst aus dem deutschen Osten feierte, sie sogar selbst sammelte. Rehberg sagt, und er lacht, Beaucamp sei immer ein Anwalt der ostdeutschen Kunst gewesen.
Das Neue Museum entwirft mit seiner Auswahl an DDR-Kunst, mit seiner oft gefühlvollen Interpretation das Porträt einer zerrissenen Familie - einer Familie, deren Mitglieder sich zueinander bekennen sollten, die als Einheit auftreten sollten. Doch Wesentliches wird verdrängt. Kunstgeschichte funktioniert so nicht.
(*) "Blick auf Stalinstadt (Eisenhüttenstadt)", 1955.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 42/2012
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