22.04.1996

Blond, stark und tot

Im "Kirchenwirt", einer rustikalen Gaststube im österreichischen Flecken Pack, lebt der Held fort. Die Kneipenrunde, die ihr stärkstes Mitglied verlor, hat eine Gedenkschrift neben die Eingangstür geheftet. Darin heißt es: "Unserem Andi - der Sport war sein Leben. Dieses war unser ganzer Stolz".
Warum Andreas Münzer, 31, sterben mußte, kann die Schankwirtin noch immer nicht begreifen. Sie vermutet "einen Arztfehler".
Fünf Kilometer talabwärts, in der Küche eines hübschen Einfamilienhauses, quält sich eine schwarzhaarige Frau jeden Tag mit der gleichen Frage, immer wieder. Wie konnte das nur passieren? "Der Andi hat doch immer so auf seine Gesundheit geachtet", sagt Maria Klement leise.
Maria Klement, 35, und Andreas Münzer waren nicht nur Geschwister. Sie seien, sagt die Mutter zweier Kinder, "wie Freunde zueinander gewesen". Wenn er krank gewesen wäre, hätte gerade sie dies garantiert gewußt. Die Nachricht vom Tod ihres Bruders kam für sie jedoch "aus heiterem Himmel". Der Anruf aus München traf sie "wie ein Stromschlag".
Der Tod eines Bodybuilders bewegt die Kraftsportler in ganz Deutschland. Sogar Filmheld Arnold Schwarzenegger, früher selbst mit sieben Titeln als "Mr. Olympia" erfolgreichster Muskelmensch der Welt, schickt aus Hollywood einen Kranz an das Grab in der Steiermark. Der Terminator erweist dem toten Freund "einen letzten Gruß".
"Daß ausgerechnet der Andi sterben mußte, ist tragisch", erklärt Erich Janner, der Generalsekretär des Deutschen Bodybuildingverbandes, "er war doch unser Vorbild für gesunde Ernährung."
Andreas Münzer, der Held deutschsprachiger Bodybuilder, hat wie ein Herrgottschnitzer seiner Heimat 14 Jahre lang die äußere Hülle seines Körpers nach einem vorgegebenen Muster geformt. Gleichzeitig jedoch wurde sein Körper Stück für Stück zerfressen. Weil er immer besser aussehen wollte, hat sich Andreas Münzer schließlich - ohne es zu spüren - selbst vergiftet. Der saubere Held führte ein Doppelleben.
Münzer wächst auf einem abseits gelegenen Bauernhof auf, einen knappen Kilometer vom Modriacher Stausee entfernt. Die Eltern sind einfache Leute mit wettergegerbten Gesichtern. Ihre Milchwirtschaft wirft gerade genug zum Leben ab. Andreas hilft auf dem Feld, wenn es von ihm erwartet wird. "Der Junge war immer vernünftig", sagt Vater Kilian stolz, "er hat uns nie Probleme gemacht." In der Freizeit spielt er Trompete in der heimischen Musikkapelle.
Wann immer er Zeit und Gelegenheit findet, treibt der kräftige Junge Sport. Im Sommer spielt er mit Freunden Fußball, im Winter fährt er Ski. Die normalen Pisten genügen dem talentierten Abfahrer bald nicht mehr. Um sich selbst herauszufordern, baut er Sprungschanzen in die Strecke ein.
Die erste Berührung mit dem Kraftsport ist eher zufällig. Andreas beginnt im zehn Kilometer entfernten Köflach eine Lehre als Werkzeugmacher. Weil er jeden Tag nach Arbeitsschluß zwei Stunden auf den Bus warten muß, der ihn wieder nach Hause bringt, sucht er einen Zeitvertreib. "Herumlungern und Bier trinken", sagt Vater Kilian, "mochte er nicht." Andreas meldet sich deshalb in einem Fitneßstudio an.
Die Trainingspartner merken sofort, daß es dem Neuen schneller als ihnen selbst gelingt, Muskeln aufzubauen. Sie überreden den 19jährigen, an einem Wettkampf teilzunehmen. Prompt belegt Münzer bei der Steirischen Meisterschaft in der Juniorenklasse bis 80 Kilogramm den zweiten Platz. Aus dem anfänglichen Spaß wird Leidenschaft, die Erfolge, erinnert sich sein Vater, "kamen automatisch" - Münzer siegt bei den Österreichischen Meisterschaften, erst in der Juniorenklasse, wenig später auch bei den Erwachsenen.
Im Bodybuilding wird der Name Münzer peu a peu zum Begriff. "Der Sport", sagt seine Schwester, "wurde Andreas'' ein und alles." Als sein Arbeitgeber in Konkurs geht, eröffnet der Kraftprotz 1986 zusammen mit einem Freund den "Fitneßclub Florida Köflach".
Als Studiobesitzer kann sich Münzer ganz dem Krafttraining widmen. Eigentlich liegt es dem schüchternen Bauernsohn immer noch nicht besonders, sich halbnackt auf der Bühne voyeuristischen und johlenden Zuschauern zu präsentieren. Doch jede gute Plazierung treibt ihn weiter. Mit 22 Jahren belegt er bei der Weltmeisterschaft ''87 in Madrid den dritten Platz.
Seinen endgültigen Durchbruch in die Hautevolee du corps glaubt Münzer ein Jahr später geschafft zu haben. Bei der WM im australischen Brisbane reicht es zwar wieder nur zu Bronze, doch er post sich in das Blickfeld von Albert Busek.
Busek, 53, ist der wichtigste Funktionär und Journalist im europäischen Bodybuilding. Und dieser Fachmann hält Münzer für einen "der eindrucksvollsten Athleten", er sieht in ihm einen "potentiellen Weltmeister". Als ihn Busek auch noch aufs Titelbild der Fachzeitschrift Flex hievt, ist Andreas erst einmal am Ziel: "Das ist mir viel mehr wert, als es WM-Gold hätte sein können."
Als der Erfolgsathlet kurze Zeit später sein eigenes Kraftstudio aufgeben muß, weil er die Kosten für dringend notwendig gewordene Renovierungsarbeiten nicht aufbringen will, grämt ihn dies nicht sonderlich. Der 24jährige hat eine attraktive Alternative: Busek bietet ihm an, als Studioleiter und Trainer in seinem Münchner Leistungszentrum zu wirken.
Fand Münzer in seiner Heimat durch die sportlichen Erfolge eher lokale Anerkennung, so sieht er in München, der Hauptstadt des deutschen Bodybuildings, das richtige Sprungbrett für eine internationale Karriere.
Mit dem Umzug nach Bayern verbindet Münzer obendrein eine ideelle Wertsteigerung: Durch den Schritt in die weite Welt ist er seinem Idol Arnold Schwarzenegger wieder ein Stück nähergekommen. Schwarzenegger, der wie Münzer aus dem Raum Graz stammt, gilt der Bodybuilding-Gemeinde als eine Art Gott - nicht nur weil er seinerzeit die größten und schönsten Muskeln auf der Bühne zeigte. Der Österreicher, der in seiner zweiten Karriere als "Terminator" Filmgeschichte schrieb, wird verehrt, weil er es als Sohn eines Polizisten zum Schauspieler mit Weltruhm, zum Millionär und zum Mitglied der amerikanischen High-Society gebracht hat. Auch Münzer glaubt an "Arnold, den Supermann". Er eifert ihm nach, doch er weiß auch: "So was wie der, das schafft keiner mehr."
Wie 24 Jahre zuvor sein Vorbild bekommt Münzer 1989 eine Anstellung bei Busek. Er weiß, was das bedeutet: Busek macht Stars. Der ehemalige Kraft-Dreikämpfer führt die Bodybuilder ähnlich wie Ron Hubbard die Scientologen. Offiziell ist er nur Ehrenpräsident des DBFV und Vizepräsident der Internationalen Föderation der Bodybuilder (IFBB), ohne ihn läuft nichts in Europa.
Busek ist der Mann für fromme Worte. "Bodybuilding ist der Inbegriff von Gesunderhaltung und Körperaufbau auf natürliche Weise", doziert er blumig. Kritische Medien, die Zweifel an der Muskelmast anmelden, bürstet er ab: "Der Sensationsjournalismus wuchert überall wie ein Krebsgeschwür."
Busek verbreitet gern den Eindruck, er suche ständig nach Lösungen für das unselige Dopingproblem. Doch in seinem Münchner Leistungszentrum sollen sich die Bodybuilder im Umkleideraum die Spritzen, so berichten Insider, beinahe im Akkord ins Fleisch jagen. Busek dementiert dies. Er habe sein Personal sogar angewiesen, ihm "bei dem geringsten Verdachtsmoment über Dopinghandlungen sofort Bericht zu erstatten". Im Editorial der Sportrevue, der Bodybuilding-Bibel, schreibt der nach gesellschaftlicher Anerkennung strebende Muskelfreund als Chefredakteur immer mal wieder gegen die Anabolika-Seuche an, gleichzeitig läßt er zu, daß Doping-Ratgeber ihre Anzeigen schalten können.
Mit den starken Frauen und Männern scheffelt der Pate Millionen. Münzer lebt zunächst gut unter der geistigen Führung Buseks. 1989 wird er gefeierter Sieger bei den World Games in Karlsruhe. Mit diesem Erfolg findet er zugleich Einlaß in den höchsten Zirkel der Muskelprotze: Er bekommt eine Profi-Lizenz der IFBB.
Für die Wettkämpfe mit den Besten der Welt trainiert Münzer jetzt sechs bis acht Stunden am Tag, und das sechs Tage in der Woche. Er ist Teil eines gnadenlosen Systems, das den Körper zu einer Geisel fremdbestimmter Ästhetikregeln macht.
In der "Aufbauphase" vor einem wichtigen Titelkampf muß Münzer seine Körpermasse aufblähen - so weit es eben geht. Denn ähnlich wie der Steinmetz einen hinreichend großen Block für eine Skulptur benötigt, braucht der Bodybuilder möglichst viel Muskelmasse, die er anschließend bearbeiten kann. In dieser Phase ißt Münzer wie drei Normalbürger zusammen: bis zu 8000 Kilokalorien am Tag - das sind etwa sechs Pizzen. Am Ende wiegt er rund 115 Kilogramm.
In der darauffolgenden Phase, die etwa drei Monate vor dem Wettkampf beginnt, muß Münzer bei unverändert hohem Trainingsaufwand strenge Diät halten. Er verzehrt nur noch Fisch und Putenfleisch, dazu Reis, manchmal noch ein bißchen Obst und Salat. Auf Fett hat er ganz zu verzichten.
Für seine Bühnenshow muß er den Anteil des Körperfetts, der bei gut trainierten Fußballern zwischen 14 und 18 Prozent liegt, auf bis zu 4 Prozent drücken. Denn auf der Bühne soll jeder einzelne Muskelstrang so profiliert zu sehen sein wie in einem Anatomie-Lehrbuch.
In der Diätphase reduziert Münzer sein Körpergewicht wieder um rund 10 Prozent, dafür sind seine Muskeln jetzt glasklar herausgebildet. Um "brutal hart auszusehen", wie seine Konkurrenten sagen, muß Münzer in den letzten zehn Tagen vor dem Wettkampf noch versuchen, Gewebsflüssigkeit verschwinden zu lassen. Das gelingt, indem er nur noch einen halben Liter Wasser am Tag trinkt. Messungen ergeben, daß nur eine acht Millimeter dünne Hautschicht Münzers Muskeln bedeckt. "Wir haben nie zuvor jemanden gesehen, der so definiert war", schwärmt das Fachblatt Muscle & Fitness.
Der Koloß arbeitet gewissenhaft an kleinsten Veränderungen seines Muskelapparates: Jede Trainingseinheit, jede Nahrungsaufnahme, jedes Medikament hält er akribisch im Computer fest. Und wenn er sich im Spiegel betrachtet, packt ihn bisweilen der Stolz: "Das ist, als wenn du einen Ferrari hast. Den hat auch nicht jeder." Doch die Kampfrichter bemängeln stets die etwas hölzern wirkende Präsentation auf der Bühne und werten ihn herunter.
Münzer wird abhängig von seinem Sport. Es sind nicht nur die schöne Freundin, der blaue Toyota MR2 und die Aufsteiger-Wohnung in München-Neuhausen, die der Junge aus dem Packer Alpenland als Lohn für seine Eisenstemmerei ansieht. "Bodybuilding war für den Andi", sagt seine Schwester, "wie eine Trance."
Als Teil des Busek-Reiches funktioniert Münzer störungsfrei. In München kennt er nur Freunde, die sich wie er dem Rausch der Muskeln unterworfen haben. Er trinkt kein Bier und keinen Wein. Selbst wenn er mal ausgeht, verlangt er nur Tee, den er mit Süßstoff verfeinert. Die Gespräche drehen sich um Training, Muskeln, Wettkämpfe.
Dabei mißbraucht Münzer seine Kraft - anders als viele Kollegen - nie für Brunftgehabe. Wenn er in Diskos geht, versteckt er seine mächtigen Bizepse unter schlabbrigen Sweatshirts. 1990 lernt er die Trainingskollegin Elisabeth Schwarz näher kennen. Er zieht mit ihr zusammen und macht einen Antrag nach Bodybuilder-Manier: Er will "die Sissy" heiraten, sobald sie Weltmeisterin geworden ist. 1993, 1994 und 1995 belegt sie jeweils den zweiten WM-Platz. Er stirbt, bevor sie sich für die Heirat qualifizieren kann.
Mit seinen mächtigen Muskelbergen ist Münzer in Buseks Leistungszentrum bald Vorbild für die gesamte Kundschaft. Er tritt ruhig und bescheiden auf, erscheint fast unnahbar. Nur wer sich selbst auf die Schulterbreite eines Sylvester Stallone vorgearbeitet hat, wagt es, ihn um Ratschläge zu bitten.
Auch Ralf**, ein 19 Jahre alter Schüler aus München, meldet sich irgendwann in Buseks Kraftstudio an: "Wie jeder Inder einmal im Ganges baden muß", sagt er sich, "so muß jeder echte Bodybuilder einmal dort trainieren." Er registriert zunächst auch gute Fortschritte, doch irgendwann lahmt sein Muskelaufbau. Er ahnt, daß es ein Geheimnis gibt, wie man zügiger vorwärtskommt.
In einer ruhigen Minute spricht Ralf seinen Trainer an. An der Theke hinter der Eingangstür zum Leistungszentrum zieht ihn Münzer dann ins Vertrauen. Er müsse Mineralien, Nahrungszusätze, besonders aber Anabolika nach einem bestimmten Schema einnehmen.
Ralf befolgt Münzers Vorschläge. Er nimmt anabole Steroide in einer Menge, ** Name von der Redaktion geändert. _(* Der Plan ist wie folgt zu lesen: ) _(In der oberen Reihe sind die ) _(verbleibenden Wochen bis zum Wettkampf ) _(eingetragen. In der linken Spalte sind ) _(die Mittel aufgeführt, zunächst die ) _(Anabolika Testoviron 250, Thailänder ) _((Anabol Tablets), Winstrol, ) _(Winstrol-Injektion, ) _(Testosteron-Propionat; darunter folgen ) _(das Aufputschmittel Ephedrin, das ) _(Muskelaufbaumittel Clenbuterol sowie ) _(Aminosäure und Vitamin 1. Bei der ) _(Mengenangabe bedeutet W=Wochendosis und ) _(T=Tagesdosis. )
die ausreicht, einen Rinderstall schlachtreif zu mästen. Der Gymnasiast registriert unverzüglich so gewaltige Muskelzuwächse, daß er bereit ist, alle Nebenwirkungen zu erdulden.
Besonders unterhalb der Gürtellinie hat die Einnahme der männlichen Sexualhormone Folgen. Um sich abzureagieren, schläft Ralf täglich zwei- bis dreimal mit seiner Freundin, bis die verstört die Flucht ergreift. Um seine "unerträglich gewordene Morgenlatte zu bekämpfen", legt er täglich vor dem Schulweg Hand an sich. Auch wird Ralf zunehmend aggressiv. Nach Disko-Schlägereien steht er zweimal vor dem Jugendrichter.
Das stört ihn wenig: Schließlich legt er innerhalb von nur drei Monaten 20 Kilogramm Muskelmasse zu und reüssiert bei regionalen Wettkämpfen.
Im Studio, so erfährt Ralf, wird über Anabolika nicht "viel Gequatsche gemacht". Jeder weiß, was in der Szene abgeht, doch keiner spricht darüber. Die Kraftsportler lernen von Münzer, wie man sich in der Öffentlichkeit zu verhalten hat.
Busek hat seinen Angestellten längst zum Vorzeige-Saubermann aufgebaut. Regelmäßig prangt der Andi, "einer der größten Botschafter unseres Sports", mit einer unbekannten Schönheit im Arm auf dem Titelbild der Sportrevue. Aus der Fachzeitschrift erfährt die Branche ständig die letzten Details aus dem Trainingsalltag von "Mysterious Münzer Monster".
Busek fördert ("Bitte einschalten!") vor allem ein Fernsehporträt, in dem der Österreicher die Zuschauer glauben macht, sein Äußeres komme von Pute und Salat allein. "Ich esse nur, was ich nehmen darf", sagt er treuherzig in die Kamera, "und Anabolika sind nicht erlaubt."
Die Bodybuilder-Branche, deren Trainingsspruch lautet: "Wer nicht betrügt, strengt sich nicht an", registriert belustigt, mit welcher Chuzpe die Münchner PR-Experten der Öffentlichkeit das Bild der reinen Muskeln vorgaukeln. Wenn Münzers Gesicht besonders aufgeschwemmt ist, wissen sie genau, daß "der Andi" gerade in der Aufbauphase steckt und besonders starke, wassereinlagernde Anabolika nimmt. Münzers langes Kinn, die schnabelartige Nase, die an Mr. Spock aus dem "Raumschiff Enterprise" erinnernden Spitzohren beweisen ihnen, daß er Konsument von Wachstumshormonen ist.
Doch anders als viele Muskelsüchtige gilt der stille Kraftmensch unter seinen Trainingskameraden als "ungeheuer kenntnisreich und nicht experimentierfreudig". Er schluckt und spritzt nur das, was er auch kennt. Deshalb verzichtet Münzer etwa auf den "Öl-Arm", wie Experten die monströsen Bizepse einiger Bodybuilder nennen, die durch Spritzkuren mit Sesamöl aufgebaut werden. Auch Silikon-Implantate in Waden oder Brust lehnt er ab.
Doch so tablettenfeindlich, wie sich Münzer gern hinstellt, ist er keineswegs. Durch Zufall erfährt ein Kollege, was Münzer tatsächlich in sich hineinpumpt, um seinen Platz als bester deutschsprachiger Bodybuilder zu behaupten (siehe Grafik Seite 141). In der Aufbauphase spritzt Münzer jeden Tag zwei Ampullen Testosteron-Depots, männliche Sexualhormone. Die erste Nadel setzt er sich zur besseren Wirksamkeit bereits 30 Minuten vor dem Frühstück. Dazu schluckt er die Steroide Halotestin und Anabol in Dosierungen, mit denen ein muskelschwacher Patient zehn Jahre behandelt werden könnte.
Dazu kombiniert er nach einem eigens ausgeklügelten und komplizierten Stundenplan die anabolen Steroide Masteron und Parabolan. Die Muskeln sind prall gefüllt wie Luftballons.
Zusätzlich spritzt sich Münzer das Wachstumshormon STH, zwischen 4 und 24 Internationalen Einheiten am Tag. Normalerweise behandeln Ärzte zwergwüchsige Kinder mit STH. Die Substanz aus dem Genlabor stellt im Körper einen Zustand her, als arbeite die Hirnanhangdrüse ständig im Ackord. Der Stoffwechsel und damit das Muskelwachstum werden so rapide beschleunigt. Mit Münzers Dosis können Monster herangezüchtet werden.
Um die Wirkung des STH zu verstärken, setzt sich Münzer zudem ein Insulin-Depot. Künstliche Schilddrüsenhormone sollen darüber hinaus den Stoffwechsel auf Trab bringen, um die Nahrung besser umsetzen zu können.
Wie die meisten Spitzen-Bodybuilder greift Münzer mit vollen Händen in den Apothekenschrank. Morgens sollen fünf Aspirin das Blut verdünnen und die Stimmungslage verbessern. Die Aufputschmittel Ephedrin, AN 1 und Captagon, kurz vor dem Training eingenommen, erhöhen die Galligkeit an den Kraftgeräten und lassen Anstrengungsschmerzen besser verkraften. Eine Woche vor dem Wettkampf beginnt Münzer mit der Einnahme des toxischen Alactone. Diese Tabletten entziehen, ebenso wie später Lasix, dem Körper Wasser. Die Muskeln werden hart wie Beton.
Ähnlich wie Prostituierte aus der Provinz, die in der Stadt arbeiten, führt Andreas Münzer längst ein Doppelleben. Wenn er auf Besuch nach Haus fährt, erscheint er so rein wie die Almwiesen. "Wenn wir Schweinshaxe gegessen haben", erzählt seine Schwester, "hat er sich eigens etwas anderes gekocht" - meist Pute mit Reis. Noch heute ist Vater Kilian überzeugt, daß sein Sohn nie zu Anabolika gegriffen hat: "Das hätte ich wissen müssen."
Tatsächlich scheint es, als habe sich Andreas stets in die steirische Idylle zurückgesehnt. Zu Hause spielt er mit seinen beiden Neffen. Noch im letzten Sommer hilft er mit seinen kräftigen Armen bei der Heuernte. Nie prahlt er mit seinen Muskeln, für die alten Freunde, die München mit "da draußen" gleichsetzen, bleibt er einfach "der Andi".
In München aber, wo er der Star der Szene ist, erzählt er nie von seiner Heimat. Seine Bekannten wissen nur, daß er "irgendwo aus der Nähe von Graz" kommt. München bedeutet für Münzer Arbeit, und dort steckt er bald in einem Teufelskreis: Um oben zu bleiben, braucht er die Drogen. Mit jeder Tablette wird sein Körper aber auch unempfindlicher gegen die chemische Stimulation. Immer höhere Dosen sind notwendig. Münzer bekommt Beschaffungsprobleme.
"Der Andi hatte nie Kohle", erinnert sich ein Dealer, der Münzer einige Zeit versorgte. Wenn der Händler seinen Schuhkarton mit 22 gängigen Dopingmitteln auspackt, wird klar, warum: Eine Spritze Parabolan kostet 25 Mark, eine Injektion STH 50 Mark, 30 Anavar-Tabletten 30 Mark, eine Schachtel des Schilddrüsenhormons 60 Mark.
Zu dem Geld für die illegalen Drogen summieren sich für Münzer die Beträge für Ernährungszusätze: zehn Tabletten mit Aminosäuren pro Mahlzeit, 30 bis 100 Milligramm Kreatin am Tag - dazu Vitamine, Magnesium, Kalium, Eiweißdrinks. Zusammen, so errechnet der Dealer, kostete Münzers Stoffplan rund 10 000 Mark im Monat.
Um genügend Geld zu beschaffen, ist Münzer anders als viele dealende Kollegen gezwungen, das ganze Jahr in Form zu bleiben. Denn nur wenn die Muskeln prall gefüllt im Scheinwerferlicht glänzen, kann er bei Gastauftritten oder in Diskos 2500 Mark Gage fordern. Münzer ist ständig unterwegs, er bringt es auf rund 40 Auftritte im Jahr. Damit ist zumindest der Grundstock für seinen aufwendigen Lebensunterhalt verdient. Meist fährt ihn sein Freund Michael, der wegen seines Jobs in einem Bestattungsunternehmen "Grufti" genannt wird, zu den Veranstaltungen.
Münzer ist blond, stark, erfolgreich. Doch wenn er im künstlichen Nebel zu Disko-Klängen seinen Körper aufpumpt, bleibt sein Gesicht stets seltsam ernst. Er gewöhnt sich nicht daran, den Riefenstahlschen Heros zu mimen.
Münzer läßt seinem Körper keine Zeit mehr zur Regeneration. Der gequälte Leib beginnt sich gegen Leistungsdruck und Medikamentenmißbrauch zu wehren. Gegenüber Freunden klagt er schon mal über Magenschmerzen - aber nie laut oder nach Mitleid heischend. Still läßt er mehrere Magen-Rollkuren über sich ergehen, versucht die angegriffene Magenschleimhaut medikamentös zu stärken.
Ende Februar fliegt er mit Sissy Schwarz und einer kleinen Anhängerschar nach Columbus/Ohio. Dort finden jährlich die "Arnold Classics" statt: Nach der Wahl zum "Mr. Olympia" ist diese Gala die bedeutendste Bodybuilding-Veranstaltung der Welt. Für Münzer ist sie sogar wichtiger als alles andere, schließlich fungiert sein Idol Schwarzenegger als Veranstalter.
Doch diesmal läuft es nicht so wie sonst. Münzer wirkt auf Freunde noch ernster als gewöhnlich, "ein bisserl gedrückt". Kaum einmal kommt ein Lachen über seine Lippen. Über seinen sechsten Platz kann er sich auch nicht recht freuen. "Mensch, lach doch, du bist der beste Weiße hinter fünf Negern", versucht ihn Funktionär Janner aufzumuntern.
Anschließend fliegt Münzer zu Fotoaufnahmen nach Los Angeles und nimmt dort noch an einem Profi-Wettkampf teil. Am 12. März, einem Dienstag, ist er wieder in München. Als er kurz in Buseks Studio vorbeischaut, wirkt er schon ein bißchen fahl im Gesicht, seine Freunde führen das auf den Flugstreß zurück. Er ruft bei seinen Eltern in Österreich an, erreicht aber nur seinen sechsjährigen Neffen Markus und meldet sich für einen Besuch über Ostern an. Es ist sein letztes Telefongespräch mit der Heimat.
Am nächsten Morgen klagt Münzer über heftige Magenschmerzen, sein Bauch ist aufgebläht und hart. Ein herbeigerufener Arzt kann ihm nicht helfen, Sissy Schwarz bringt ihn ins nahe gelegene Rotkreuz-Krankenhaus.
Die anabolen Steroide erweisen sich jetzt für den Körper als chemische Bombe. Die künstlichen Abkömmlinge des Sexualhormons Testosteron docken sich an Rezeptoren der Muskeln an. Dieser Komplex befiehlt die Produktion von bestimmten Proteinen. Die Muskeln werden dick, regelrecht aufgetrieben. Die hohen Dosen haben aber gleichzeitig nach und nach die Leber geschädigt. Der Cholesterinspiegel steigt, das Blut verfettet, Gefäße drohen zu platzen.
Bei Münzer diagnostizieren die Doktoren eine Blutung im Bauchraum, die sie nicht stillen können. Der Muskelmann wird in ein Universitätsklinikum verlegt, wo er gegen 19 Uhr operiert wird. Zwar gelingt es, die Blutung zu stillen: Aber es ist zu spät.
Münzer gerät in einen Schockzustand, von dem sich vor neun Jahren schon die Mainzer Siebenkämpferin Birgit Dressel (SPIEGEL 37/1987) nicht mehr erholte. Der Körper, der wenige Tage zuvor in Ohio noch so gesund gewirkt hatte, ist nicht mehr bereit zu kämpfen. Münzer stirbt in der Nacht zum Donnerstag an "multifunktionalem Organversagen".
Die Gerichtsmediziner stellen fest, daß eine langzeitige Vergiftung, besonders hervorgerufen durch Anabolika, zu einem Organverfall geführt hat. Die Leber ist nahezu vollständig aufgelöst. Hinzu kommt eine akute Vergiftung, vermutlich die Folge eines Aufputschmittels. Zudem registrieren sie eine "gewaltige Elektrolyt-Entgleisung" und einen extrem hohen Kaliumgehalt im Körper.
Andreas Münzer wird zu einem Fall für Juristen und Mediziner. Der Münchner Oberstaatsanwalt Manfred Wick ermittelt wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Die Rechtsmediziner haben im toten Körper Spuren von Medikamenten festgestellt, für die keine Rezepte existieren. In mehreren Münchner Fitneßstudios, in denen Stoffdealer vermutet werden, führt die Kripo Razzien durch.
Die Pathologen versuchen weiter, die gefundenen Wirkstoffe zu entschlüsseln. Über 20 verschiedene Substanzen haben sie im Blut gefunden, "einmal quer durch die Rote Liste", wie Oberarzt Randolph Penning sagt. Es wird noch Wochen dauern, bis der endgültige Obduktionsbericht vorliegt. Denn einige der gefundenen Rückstände sind den Medizinern unbekannt. Welcher der vielen toxisch wirkenden Stoffe den Tod letztlich herbeigeführt hat, bleibt somit vorerst ungeklärt.
Derweil kann der Schmerz von Maria Klement in Sekundenbruchteilen in Wut umschwenken, wenn sie manche Reaktionen auf den Tod ihres Bruders erinnert. Zeitungen sind für sie seit drei Wochen nur noch "Schmuddelbladel". Auch vom Fernsehen hält sie nichts mehr, seit dort diese Meldungen liefen, die das Leben "von Andreas in den Schmutz gezogen haben".
Busek schwingt sich wie gewohnt zum Moralisten auf. Er lädt zu einer Totenmesse nach München-Sendling ein, hält Münzers Kumpel zum Schweigen an und geißelt öffentlich den "widerlichen Sensationsstil" der Medien, die über den Tod seines Angestellten berichten.
Maria Klement sieht sich getröstet von Andreas'' Freunden, die bis zuletzt an den Mythos des Andi M. geglaubt haben. Mit Sissy Schwarz spricht sie am Telefon. Die Verlobte kennt Andreas'' Geheimnis, doch sie schweigt beharrlich, verbietet sogar die Veröffentlichung gemeinsamer Fotos.
Grufti, der Andreas Münzer zu so vielen Auftritten chauffiert hatte, ließ es sich nicht nehmen, seinen besten Kumpel auch auf der letzten Fahrt zu begleiten. Er überführte den toten Bodybuilder von München nach Pack. Y
[Grafiktext]
Münzers Spezialitätencoktail
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** Name von der Redaktion geändert. * Der Plan ist wie folgt zu lesen: In der oberen Reihe sind die verbleibenden Wochen bis zum Wettkampf eingetragen. In der linken Spalte sind die Mittel aufgeführt, zunächst die Anabolika Testoviron 250, Thailänder (Anabol Tablets), Winstrol, Winstrol-Injektion, Testosteron-Propionat; darunter folgen das Aufputschmittel Ephedrin, das Muskelaufbaumittel Clenbuterol sowie Aminosäure und Vitamin 1. Bei der Mengenangabe bedeutet W=Wochendosis und T=Tagesdosis.

DER SPIEGEL 17/1996
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