22.04.1996

FernsehenHoffnungs-Schimi für die ARD

Die ARD tut im Quotenkampf ganz was Neues: Sie entdeckt den Wert der Alten. So soll Kuli reaktiviert werden und sogar Bembel-Oldie Heinz Schenk. Den Ruhrpott-Beau und einstigen „Tatort“-Assi Klaus J. Behrendt holt der WDR mit der Beförderung zum Chef von den Privaten heim. Die schönste Nachricht: Schimanski kommt zurück.
Donnerstag vergangener Woche, ein Auftakt wie aus dem Drehbuch: Götz George, den man endlich wieder bei seinem richtigen Namen, Horst Schimanski, nennen darf, bleibt seinem Auftritt vor der Weltpresse aus ganz Deutschland einfach fern.
In der Nacht zuvor soll es geschehen sein, bei der fünften Wiederholung einer Action-Szene. Der Star, so raunt man, stürzte im Kampf gegen einen Film-Mafioso mit dem Gesicht auf eine Autohaube. Blessiert und verbeult mag sich George nicht den Fotografen stellen. Die Schreiberfuzzis sollen warten, Schimi, sein Alter ego, tat es genauso, wenn ihm die Pressejungs was aus der Nase ziehen wollten.
Viele Journalisten, zu Lande und zu Luft nach Duisburg unterwegs, um über "Schimanski kehrt zurück - Die Schwadron", die erste Folge der nach fünf Jahren wiedererstehenden Kult-Krimi-Reihe, zu berichten, werden per Handy gestoppt.
Dabei steht die graue Stadt an Rhein und Ruhr unter Strom, Gerüchte schwirren, Legenden wabern.
Zum Beispiel ganz glaubhaft die: Als George im Ruhrpott einflog, um zum ersten Drehtermin nach Düsseldorf zu gelangen, mußte - so wird voller Ehrfurcht kolportiert - sein Fahrer den Umweg über eine Anhöhe nehmen: Der Mime wollte erst auf Duisburg schauen, um wieder zu Schimi zu werden.
Die Affäre zwischen Stadt und Star ist gegenseitig. Komparsen - echt wahr - kosten die Produktionsfirma Colonia Media in Duisburg keinen Pfennig. Das unentgeltliche Mitmachen gilt den Bürgern als Ehrensache.
Zebra (der MSV in der Zweiten Liga), Stahl (Rheinhausen) und Eisen bricht, aber diese Liebe nicht. Lange flossen Rhein und Ruhr dahin - und kein Hoffnungs-Schimi weit und breit. Nun jedoch, fünf Jahre nachdem der Schmuddel-Kommissar seinen Vorgesetzten den Stinkefinger zeigte und mit dem Drachensegler am Polizeipräsidium vorbei, vermeintlich für immer, vom Bildschirm segelte, kehrt der Mythos-Mann zurück. Und nicht nur Duisburg ist voller Erwartung.
In der Schimanski-Pause wurde nämlich dem Publikum, den Machern und dem Schauspieler klar, daß sie einander brauchen, daß die Märchenfigur aus dem "Tatort" durch nichts und niemanden zu ersetzen ist.
An wessen starker Brust schließlich konnte die Phantasie der Frau ausruhen, wenn sie mal schwach wurde im Geschlechterkampf und vergessen wollte, aus welchen trüben Quellen Macho den Most holt: an der von Peter Strohm (Klaus Löwitsch) vielleicht, diesem grindigen Gierling? Bei Derrick, der unterm Hemd doch nur ein Hemd ist? Bei dessen Harry gar, der lieber die Polizeiautos für Chef Stephan vorfahren läßt, als mal unter Röcke zu schauen?
Mit wem sollte in der schimilosen Zeit der Mann zum Knaben werden und Räuber und Gendarm spielen? Mit dem Martin-Walser-Krimi-Kunst-Menschen vielleicht, der so verkrampft agierte, wie er hieß: Tassilo Grübel? Mit Opas Lieblingen wie dem "Alten", trüben Ost-Tassen à la Ehrlicher (Peter Sodann) oder der verhangenen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), die mit ihren Rehaugen jeden "Tatort" zur Therapiesitzung macht?
Nach Herzenslust das Wort Scheiße hören, sich zum Robin Hood der Bierseligen und Verladenen aufwerfen, den Verstand in die Fäuste legen, Vorgesetzten die Verachtung zeigen, Weiber flachlegen - Mackers geheime Macken ließen und lassen sich nun mal nur mit dem Duisburger Hauptkommissar ausleben: Revival ist also emotionale Pflicht.
Auch den Fernsehmachern beginnt zu dämmern, daß das Neue nicht immer das Bessere ist. Selbst der Chef des WDR-Fernsehspiels, Gunther Witte, wundert sich endlich, warum die ARD seinerzeit Unterhaltungsstars wie Hans Joachim Kulenkampff mit der Erfolgsshow "Einer wird gewinnen" gehen ließ, um heute mühsam zu versuchen, das Entertainer-Denkmal - Kuli zählt diese Woche 75 Lenze - auf dem Sonntagnachmittagstermin wieder zu errichten. Denn das Recycling hat Sinn im Quotenkampf: Keiner gewann je mehr Zuschauer als der Bremer Charmeur.
Nach vorn durch zurück, heißt die ARD-Devise: Guten Morgen, ihr Lemuren. Selbst ein alter Bembel wie Heinz Schenk hat da noch jede Menge Zukunft.
Rückbesinnung aufs Kerngeschäft leitet Witte auch bei der Arbeit für seinen eigenen Beritt: Klaus J. Behrendt, den Schönling mit dem breiten Pott-Slang, holte der WDR an die Stätte seines alten Wirkens zurück. Der wuselte einst als Düsseldorfer "Tatort"-Assi herum, zog - qualitätsreich, aber quotenarm - als freischaffender Privatdetektiv "A.S." zu Sat 1 und wird - nach Martin Lüttges Abgang - zum Chef mit Amtssitz Köln promoviert.
Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt - im Fall Schimanski weiß keiner der Verantwortlichen mehr genau (oder möchte es wissen), wie es dazu kam, daß die TV-Perle aus dem Pott 1991 nach zehn erfolgreichen Jahren und 29 Folgen vor die Säue geworfen wurde.
Von vorlauter Kritik - Bild hatte in einer Sendung 32mal das Wort Scheiße gezählt, dabei war es nur genau 17mal gefallen - in seiner Eitelkeit gekränkt, hatte George begonnen, sich selbst als Schimanski zu demontieren. Ungehalten zieh er Drehbuchautoren der Lieblosigkeit und Übertreibungssucht. Der Schauspieler im SPIEGEL-Interview (14/1991): "Wo Schimanski früher eine Blondine aufs Kreuz legte, mußten es plötzlich drei pro Sendung sein. Immer dieselben Hakeleien zwischen Thanner und Schimanski, immer dieselben Sprüche, permanent Pommesbuden."
Beflissen sekundierten die Feuilletons dem Mimen. Er habe ja recht, die Zeit sei irgendwie abgelaufen für Spontis mit 68er Herz, für Instinkt-Menschen mit Körperschläue. Die Gesellschaft verfeinere sich, werde komplexer, komplizierter. Yuppie-Kälte lege sich frostig auf die Welt. Da wärme der Parka nicht mehr.
Ein Problem wurde ausgemacht, das angeblich dringend der fernsehästhetischen Ver- und Entsorgung bedurfte: die Ökologie. So steckte man George in die Rolle eines gestriegelten Gift-Managers und Durchblickers namens Morlock, der die Front wechselt und zum Umweltkämpen wird. "Das brennende Herz fällt weg", unterschied George frohlockend den neuen Morlock vom alten Schimi.
Doch nach nur vier Folgen fiel "Morlock" weg - die Öko-Lätta machte nicht satt. Mit Dioxin ließ es sich nicht prügeln, Pommesbuden wurden vom grünen Standpunkt unkorrekt, und in Reaktoren konnte Mann keine Blondinen zum Flachlegen zwischenlagern.
So schnell wie die Arbeitsplätze wanderten die feineren Jahre davon. Überall im Land wuchsen die Duisburgen, begann unterm Pflaster der Ruhrort und behaupteten sich die Pommes neben den Promis. Ein Robin Hood für Außenseiter bekam wieder jede Menge Arbeit. Und eine mühsam konzipierte jugendfängerische ARD-Reihe kreierte als Neuware, was Schimi und seine Kumpel schon immer unterm Parka getragen hatten: "Wilde Herzen".
Nicht nur die Zeitläufte übten Druck auf den WDR aus, die Rückkehr des großen Schimanski zu realisieren. Als die Privaten anfragten, ob die Kölner Anstalt ihnen das Sujet zur Weiterverarbeitung überlassen wollten, klingelten die Wecker bei den Öffentlich-Rechtlichen. Und George bemerkte, daß er ein zu negatives Image bekäme, wenn er weiter Sozialhilfe-Abkocher, Medienzyniker, Fieslinge und Massenmörder spielen würde, wie er es zuletzt vom "Sandmann" und "Schwein" bis zum "Totmacher" getan hatte.
So entwickelte der Drehbuchautor Matthias Seelig ("Theo gegen den Rest der Welt") die Story um den Duisburger Bullen weiter. Zwei Folgen sind im November dieses Jahres auf dem "Tatort"-Termin zu sehen, ohne daß sie sich dem Logo der Reihe unterwerfen, drei weitere Schimanskis wird es im nächsten Jahr geben.
Auf der Fortentwicklung lagert die Melancholie von ehedem so schön und schwer wie Kohlenstaub. Der neue alte Berserker haust fern von Duisburg in Belgien mit einer Frau und viel Frust auf seine ehemaligen Vorgesetzten in einem Truck. Da trifft ihn die Nachricht, daß sein Freund Thanner im Kampf gegen die Mafia gefallen ist: Geschickt verbindet sich das Drehbuch mit der Tragik des Lebens, starb doch der beliebte Schauspieler Eberhard Feik im Kampf gegen die Arbeitsüberlastung. Fernsehmann Witte blickt auf und ist sicher, "Feik sieht uns da mit einem lachenden Auge aus dem Himmel zu".
Die Nachricht vom Tod des Freundes weckt Schimi aus seiner Selbstverrentung, zumal Thanners Tochter von den Gangstern bedroht wird. Er heuert als verdeckter Ermittler bei der Duisburger Kripo an, muß einen Maulwurf in den Polizeireihen ausfindig machen und bekommt vor der Kulisse von Parkhäusern, Stahlwerken und Erzhalden so viel Prügel, daß er mit dem Zurückkeilen seine liebe Mühe hat.
Und natürlich ist da eine schöne bleiche Staatsanwältin, gespielt von Geno Lechner ("Schindlers Liste"), und, Scheiße, Scheiße, die Pommesbude ...; die Musik von damals, man hört sie wieder. Höchstens, daß Regisseur Joseph Rusnak, der unter Produzent Roland Emmerich in den USA Filme gemacht hat, und sein Kameramann Wedigo von Schultzendorff, ein Experte für Werbefilme, die Optik ändern und die Schnitte schneller machen.
Was aber ist mit Schimis Parka? In seiner zentimeterdick mit Staub überzogenen Wohnung wird er einen Schrank öffnen. Die erste Jacke ist zerfetzt, die zweite hat ein großes Loch. Aber die dritte endlich paßt. Neuer alter Schimi, neue alte Kämpfe, neue alte Probleme - willkommen im Freizeitparka Deutschland, Herr Bundeskanzler.

Nikolaus von Festenberg
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 17/1996
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