22.04.1996

TalkshowsZettels Alptraum

Die Quasselmühlen des Fernsehens drehen durch wie nie - über 100 Talkshows (wer will sie zählen?) belästigen den TV-Seher. Da wollte das Kunstfest Weimar nicht abseits stehen und bietet am 29. Juni dieses Jahres die Übertragung einer 3Sat-Live-Talkshow, bei der vier Teilnehmer und ein Moderator über den Dichterfürsten lästern. Die Vorlage für diese anachronistische Talkshow - sie spielt mit heutiger Technik in der Goethezeit - ist ein kleines Werk von Hans Magnus Enzensberger: "Nieder mit Goethe! Eine Liebeserklärung", das im Verlag der Autoren bereits erschienen ist. Mit Nicole Heesters, Hanna Schygulla, Robert Hunger-Bühler und Ulrich Wildgruber geben prominente Schauspieler die zeitgenössischen Gesprächsteilnehmer und Goethe-Gegner, die Enzensberger als enttäuschte Ex-Liebhaberinnen und kleingeistige Intellektuelle vorführt. Als Moderator wurde der zuletzt mit Falsifikationsproblemen beschäftigte "Stern TV"-Moderator Günther Jauch verpflichtet, der diesmal nichts zu befürchten hat: Es ist alles echt. Die Sätze, die Frau Liselotte von Stöckelmann, Karoline Herdlein oder der Herr Kandidat Ludwig Birnbaum zu sprechen haben, stammen alle aus dem Born der Geschichte. Enzensberger hat sie von Zeitgenossen übernommen, von A wie Bettina von Arnim bis Z wie der Arzt und Schriftsteller Johann Georg von Zimmermann. Die mäßig amüsante Zettelkastenarbeit verfolgt den Zweck zu beweisen, wie Geistesgrößen "die Mitwelt auf eine schwer faßbare Weise gestört haben". Des Großdichters ungetreue Lettermen haben auch die Gegenwart verschnupft: Die Goethe-Gesellschaft wandte sich, wie zu hören ist, aus pietätspflegerischen Gründen gegen Enzensbergers dornige Liebeserklärung. Das Gremium bestätigt, was der Talk-moderator über Weimar schon damals wußte: "Anscheinend geht es da doch nicht immer so harmonisch zu, wie man denken sollte."

DER SPIEGEL 17/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 17/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Talkshows:
Zettels Alptraum

  • ISS: "Astro-Alex" übergibt das Kommando
  • Entlaufenes Zirkustier: Zebra streift durch Dresden
  • Verhaltensforschung: Kann ein Quiz die Straße säubern?
  • Gesunkene norwegische Fregatte: Taucher bereiten Bergung vor