29.04.1996

KriegsverbrechenDie Mühlen mahlen langsam

Gegen den früheren Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Theodor Oberländer, hat die Staatsanwaltschaft Köln 36 Jahre nach dem ersten Anlauf wieder ein Ermittlungsverfahren eingeleitet: wegen des Verdachts des vielfachen Mordes im Zweiten Weltkrieg. Oberländer, fast 91 Jahre alt, soll als Wehrmachtsoffizier in den Spezialeinheiten "Nachtigall" und "Bergmann" zwischen Sommer 1941 und Spätherbst 1942 nicht nur Soldaten völkerrechtswidrige Bluttaten befohlen, sondern auch eigenhändig Gefangene getötet haben. Grundlage für das neue Verfahren sind Vernehmungsprotokolle von Zeitzeugen, die im Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS) deponiert waren und seit letztem Jahr ausgewertet werden. Kanzler Adenauer hatte Oberländer 1953 in seine Regierung geholt, der er bis 1960 angehörte. Oberländers braune Vergangenheit - NSDAP-Mitglied seit 1933, Reichsführer des auf neuen Lebensraum erpichten "Bundes Deutscher Osten" - war bestens bekannt. Bald wurden Vorwürfe laut, Oberländer sei an Massakern mit Tausenden von Toten im ukrainischen Lwiw (Lemberg) beteiligt gewesen. Das Oberste Gericht der DDR verurteilte ihn in Abwesenheit im April 1960 zu lebenslangem Zuchthaus, ein paralleles Verfahren der Staatsanwaltschaft Bonn wurde "wegen fehlenden Tatverdachts" eingestellt. Ende 1993 kassierte das Landgericht Berlin auf Oberländers Antrag hin den alten DDR-Spruch als "rechtsstaatswidrig". Das kürzlich eingeleitete Verfahren basiert auf Unterlagen, die in dem Ost-Berliner Prozeß offenbar nur zum Teil eine Rolle spielten. Ein Dossier der Ermittler von Januar 1996 schildert eine abscheuliche Tat, an der Oberländer beteiligt gewesen sein soll. Bei einem Offizierstreff 1942 nahe Kislowodsk im Kaukasus sei "darüber gestritten" worden, so ein Zeuge, ob "angesichts des Todes Deutsche oder Sowjets standhafter" seien, Oberländer habe "dies von den Menschen der Sowjetvölker behauptet". Einer gefangenen Lehrerin soll Oberländer daraufhin befohlen haben, "über ihre Verbindungen zu Partisanen" zu berichten. Sie habe, obschon sie ausgepeitscht worden sei, geschwiegen. Dann habe Oberländer "ihr in die rechte Brust" geschossen und sie "im Sterben liegengelassen". Oberländer erklärte dazu dem SPIEGEL, dies sei eine "alte sowjetische Lüge". Er sei "mit der Waffe nur Personen gegenübergetreten, die selbst eine trugen".

DER SPIEGEL 18/1996
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