29.04.1996

Zeitgeschichte„Treu und einsatzbereit“

Der Frankfurter Ex-Liedermacher, SPD-Politiker und Musikmanager Diether Dehm wurde jahrelang von der Stasi als „Inoffizieller Mitarbeiter“ geführt. Soeben gefundene Akten, aus denen dies hervorgeht, bezeichnet er jedoch als „verfälscht“. Wolf Biermann, einst von Dehm gemanagt und bespitzelt, rät ihm, „die Wahrheit zu wagen“.
Dr. Diether Dehm empfing den Trost seines Fraktionschefs: "Ich bedaure das - er war eine treue Seele." Gerade war der erfolgreiche Musikmanager und altgediente Linksaußen der südhessischen SPD aus dem Frankfurter Unterbezirksvorstand geflogen - der wendige Salonmarxist, der den Schlagerstar Klaus Lage ("Tausendmal berührt") und die Eisfee Katarina Witt betreut, hatte sich bei der Basis durch flotte Radikalismen ("Krebsgeschwür Großbank") unbeliebt gemacht.
Dehm war bis zu diesem September 1995 nicht weniger als 29 Jahre unverdrossener Genosse. Schon mit 15 wurde er Mitglied der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" und sang öffentlich Protestsongs. Zum 125. Geburtstag der SPD, im Mai 1988, schenkte er der damaligen Führungsriege Vogel, Rau und Lafontaine eine neue Parteihymne - Refrain: "Und sind wir schwach/ Und sind wir klein/ Wir wollen wie das Wasser sein:/ Das weiche Wasser bricht den Stein."
Die Parteioberen haben den von Bundesgeschäftsführerin Anke Fuchs in Auftrag gegebenen Schmand tatsächlich im Berliner Reichstag über die Lippen gebracht. Was sie nicht wußten: Die wohlklingende Politlyrik hatte ein langjähriger Vertrauter der Ost-Berliner Staatssicherheit gedichtet.
Diplompädagoge Dehm, 46, trotz lokaler Schlappen Bundesvorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft Selbständige und Unternehmer in der SPD" und deshalb auch im Bundesvorstand der Partei, wird in Akten der Gauck-Behörde, die seit letzter Woche zugänglich sind, als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi-Hauptabteilung XX/5 geführt. Demnach hat er von _(* In der Universität Hamburg im November ) _(1978. )
1971 bis 1978 unter den Decknamen "Dieter" und dann "Willy" "zuverlässig" (Stasi-Zertifikat) für Mielkes Firma Informationen gesammelt sowie Freunde und Genossen bespitzelt (registriert unter der Nummer XV / 2180 / 71).
Stasi-Notiz aus dem Sommer 1974: "Auf eigenen Wunsch wählte sich der IM den Decknamen ,Willy''" - womöglich aus Verehrung für Willy Brandt, der wenige Wochen zuvor über den Stasi-Spion Günter Guillaume gestürzt war.
Aus den rund 400 Blatt Dehm-Dokumenten des früheren DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die dem SPIEGEL vorliegen, geht hervor: IM "Willy" traf sich über Jahre an verschiedenen Orten, darunter in zwei konspirativen Wohnungen (KW "Kutte" und KW "Einsiedler"), mit seinen Führungsoffizieren, zum Beispiel einem Oberleutnant Schimm (Deckname: "Helmut Schmied"), berichtete Interna aus der südhessischen SPD und charakterisierte etliche Genossen ("undurchsichtiger und unsicherer Kandidat").
Fast kurios mutet an, daß der schon damals nicht unvermögende Dehm bei den Stasi-Treffs zuweilen Geldbeträge von mehreren hundert Mark als "Spesen" entgegennahm und die mal mit seinem Klarnamen, mal mit IM "Willy" quittiert sind. Im November 1977 schlug Oberstleutnant Villmann IM "Willy" zur Auszeichnung mit einer Geldprämie von 500 Mark West vor. In der Begründung wird seine "hohe Einsatzbereitschaft" gelobt.
Prominentester der von IM "Willy" ausgehorchten Freunde war DDR-Liedermacher Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung im November 1976. Als Biermann damals, nach seinem berühmten Kölner Konzert, bei Günter Wallraff Unterschlupf fand, empfahl der Schriftsteller ihm Dehm als Konzertmanager. Der Liedermacher ging darauf ein. Fortan wurde er doppelt abgeschöpft, finanziell und geheimdienstlich.
Im Februar 1977 reportiert Doppelverdiener IM "Willy" nach Ost-Berlin etwa den damals labilen Gemütszustand des Liedermachers ("Biermann . . . ist völlig unsicher und holt sich ständig Rat bei Wallraff und dem IM"). Er berichtet von einem bevorstehenden Zusammentreffen Biermanns mit dem Marburger Marxisten Professor Wolfgang Abendroth und über die Bemühungen "trotzkistischer Kreise . . . Biermann weiterhin vor den Karren ihrer Anti-DDR-Hetze zu spannen".
Wolf Biermann schreibt in einem SPIEGEL-Beitrag (siehe Seite 253), Dehm habe ihm schon 1988 seine Stasi-Mitarbeit gestanden und zugleich erklärt, "er habe sich aber in den Jahren nach 1976 aus seiner Bindung an das MfS gelöst". In den Akten bleibt Dehm der Stasi mindestens bis Oktober 1978 verbunden.
Als er sich von ihr löst, verfaßt die Hauptabteilung XX/5 den üblichen IM-"Abschlußbericht". Darin heißt es: "Nach der Ausbürgerung von Biermann hatte der IM . . . gute operativ nutzbare Kontakte zu Biermann. Im Ergebnis dieser Kontakte erarbeiteten der IM ,Willy'' und seine Lebensgefährtin IM ,Christa'' operativ wertvolle Informationen."
Dehm selbst bestritt noch vergangenen Freitag gegenüber dem SPIEGEL, jemals wissentlich als IM für die Stasi gearbeitet zu haben (siehe Interview). Auch habe er Biermann gegenüber niemals ein Geständnis abgelegt. Seine exzellenten DDR-Kontakte erklärt er vor allem damit, er habe damals an einer "antifaschistischen Anthologie" mitgearbeitet, die in einem DDR-Verlag erscheinen sollte.
Geleugnet hatte Dehm seine Stasi-Verstrickung auch schon 1990, als der Frankfurter Journalist Peter Roth in der Zeitschrift Forbes darüber eine Meldung verfaßte - Roth ist vor drei Jahren verstorben. Damals erzwang Dehm aufgrund der eidesstattlichen Versicherung, "niemals geheimdienstlich tätig" gewesen zu sein, eine Gegendarstellung und eine einstweilige Verfügung, die für die Wiederholung der Behauptung ein Ordnungsgeld von 500 000 Mark androhte.
Über all die Jahre war Dehm sicher kein Karriere-Zyniker, er handelte aus Überzeugung. Der linke Millionen-Musikant, der eine Weile unter dem Künstlernamen "Lerryn" auftrat und über 400 Schlager produzierte, veröffentlichte 1984 seine Doktorarbeit über das Verhältnis von Populärkultur und Politik. Im Vorwort phantasiert Freund Wallraff, frei nach dem Italo-Marxisten Gramsci, über die fällige Eroberung "kultureller Kommandohöhen" im Westen und die "Übernahme fremdokkupierter Stellungen" durch das progressive "Volkslied".
Was der kampfmutige Promotor "antimonopolistischen" Brauchtums den MfS-Offizieren so alles gesungen hat, können die betroffenen Genossen nun detailliert die Gauck-Behörde fragen. Bisher ist das Interesse von SPD-Politikern an den Stasi-Akten nicht besonders auffällig geworden.
* In der Universität Hamburg im November 1978.

DER SPIEGEL 18/1996
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