29.04.1996

AutorenEin ehrenwerter Mann

In diesen Tagen werden zwei meiner ehemaligen Freunde durch den Medienwald gescheucht: der glatt-elegante Musikmanager Dr. Diether Dehm alias IM "Willy" und der zerknautschte Literat Fritz Rudolf Fries alias IM "Pedro Hagen".
Mein armer Fax-Apparat erbricht sich, es kommen Anfragen von Redaktionen und Fernsehsendern. Und die elende Liste mit den wasserdichten Wortakrobaten wird immer länger. Christa Wolf, Heiner Müller, Monika Maron - ich hab'' diese deprimierenden DDR-Geschichten satt und will lieber komplex begriffene DDR-Geschichte. Statt dessen folgt Fall auf Fall - aber die Fälle foppen uns, sie drücken mich nur nieder, demoralisieren und tun weh. Ich warte auf das profunde Buch von Jürgen Fuchs über die "Landschaften der Lüge", denn nicht elende Geschichtchen . . . sondern, wie Goethe sagt: "Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen."
Was hilft es, die Akten sind nun mal da, einzelne Menschenschicksale gähnen wie Fallgruben auf dem Wege. Man hat schon Angst, morgens die Zeitung aufzuschlagen. _(Biermann, 59, lebt in Hamburg. )
Aber auch nicht zu vergessen: In den 40 000 Seiten meiner MfS-Akten fand ich immer wieder Menschen, die sich mutig verweigert haben, die sich oft in großer Einsamkeit und unter Todesängsten gegen die Krake wehrten. Die Akten sind eben nicht nur ein Dokument für die Verführbarkeit und Erpreßbarkeit von Untertanen, sondern auch ein Beweis für den Trotz des Herzens, für Liebe und Freundschaft mitten in diesem Bestiarium.
Ein und ein halbes Jahr vor dem Fall der Mauer, am 29. Mai 1988, besuchte mich mein damaliger Plattenmanager Dr. Diether Dehm hier in Hamburg. Er überraschte mich mit einer grauenhaften Offenbarung. Unter vier Augen und sechs Ohren berichtete Dehm, daß er sich seit Jahren - als Mitarbeiter des MfS - um die SPD in Frankfurt gekümmert habe. Er beichtete dann, daß er mir seine Dienste als Konzertmanager im Auftrage der Staatssicherheit angetragen hatte.
Es ist verständlich, das MfS wollte auch im Westen meinen Stoffwechsel mit der Gesellschaft unter Kontrolle haben. Die Firma strebte für mich eine lückenlose Betreuung an: Manager / Rechtsanwalt / Steuerberater: die stabile Dreipunktaufhängung.
Unvergessen: der traurige Monat November 1976. Ich lebte in den turbulenten Wochen nach dem Kölner Konzert im Hause von Günter Wallraff. Bald wurde klar, daß die Proteste der DDR-Schriftsteller und so vieler tapferer DDR-Bürger die Betonköpfe im Politbüro nicht dazu bringen konnten, "die beschlossenen Maßnahmen zu überdenken".
Weil Diether Dehm offensichtlich ein enger Freund meines Freundes war, akzeptierte ich ihn dankbar als Manager. Ich erlebte den jungen Mann als einen eifrigen und vertrauenerweckend geschäftstüchtigen, einen blitzgescheiten Linken.
Wir wurden Freunde, und ich war ohne Arg. Er organisierte meine Auftritte, und ich gab ihm manchmal kleine Tips, wenn er gehobene Schlagertexte für Klaus Lage bastelte oder deutsche Rock-Songs für die sympathische Gruppe Bots aus Holland schrieb.
1980, ich hatte mich von meiner alten Plattenfirma CBS getrennt, bot er mir einen Vertrag bei der Firma EMI Electrola an, unter deren Dach er das Label "Musikant" betrieb. Die folgenden fünf Platten produzierte ich also bei ihm.
Als er Mitte 1988 nun dieses beunruhigende Geständnis gemacht hatte, erklärte er mir, er habe sich dann aber in den Jahren nach 1976 aus seiner Bindung an das MfS gelöst. Er gab mir dabei die schmeichelhafte Schuld für seinen Bruch mit der Firma. Meine Lieder, sagte er, hätten ihm die Augen geöffnet, und unsere Freundschaft habe ihm die Kraft gegeben, seine Stasi-Fesseln zu zerreißen. Nach und nach habe er jeden Kontakt mit seinen geheimen Genossen in Ost-Berlin abgebrochen.
Ich hörte mir das halb gerührt, halb angeekelt an. Ich fragte ihn, warum er überhaupt diese Dreckarbeit gemacht hatte, und er erzählte mir von seinem sozialdemokratischen Elternhaus und von seiner ödipalen Revolte gegen die traditionelle Partei der Umfaller (der alte selbstgerechte KP-Slogan: "Wer hat uns verraten? - Sozialdemokraten!"). Als ich ihn aber fragte, warum er nun plötzlich sich mir gegenüber offenbare, hörte ich nichts Plausibles. Und als ich dann wissen wollte, warum er, falls er schon damals sich vom MfS gelöst habe, mir erst jetzt, so viele Jahre später, die Wahrheit sage, blieb er mir auf diese Fragen die Antwort schuldig. Ich war enttäuscht, entsetzt, bedrückt. Ein paar unerfreuliche Briefe wurden noch gewechselt, und so trennten wir uns nicht als Freunde.
Ich besuchte im Juni jenes Jahres Diether Dehms Chef, Herrn Wilfried Jung bei EMI Electrola in Köln, und schenkte ihm reinen Wein ein. Er verstand und akzeptierte, daß ich ab sofort in keiner Weise mehr mit seinem jungen dynamischen Geschäftsfreund Dehm zusammenarbeiten würde. Ich bat Herrn Jung, keinem seiner Mitarbeiter, geschweige denn der Öffentlichkeit etwas davon zu kolportieren. Dehms Chef hat sich offenbar loyal daran gehalten.
Mir kam es damals nicht darauf an, Rache zu üben. Ich wollte mein Leben nur vor einem zwielichtigen Freund schützen, der mich im Auftrage meiner treuen Feinde hintergangen hatte.
Die nächste Platte bei EMI Electrola erschien also ohne ihn, und unsere Wege haben sich seitdem nicht wieder gekreuzt.
Meine eigenen Akten, die ich bei der Gauck-Behörde einsehen konnte, enden 1976. Seit ich im "Operationsgebiet" lebte, also im kapitalistischen Ausland, verfolgte und verwaltete mich vor allem die HVA des General Markus Wolf. Die berüchtigte und gefürchtete HVA, das ist bekannt, hat ihre Aktenbestände noch rechtzeitig beseitigen können. Erst Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR fanden mein Freund Jürgen Fuchs und andere Betroffene in ihren "OV"-Akten Dokumente, die erst vage und dann deutlicher zeigten, daß mein lieber Diether Dehm tatsächlich als Spitzel gegen mich im Westen eingesetzt worden war. Heute nun spuckte mein Fax-Apparat mir ein Kleinod der Schande in die Hände, ein dickes Stasi-Lob für Dehms "Zuverlässigkeit" - im Jahr 1977!
Ich muß und will auch etwas zu Diether Dehms Gunsten sagen. Er hat immerhin in einer Zeit, als die DDR noch ewig stand, Mut bewiesen, er hat die peinliche Wahrheit zugegeben. Die Motive mögen mehr oder weniger edel gewesen sein, verwickelt, halbwahr, halbverlogen. Möglicherweise war er ein ehrlich getäuschter Lügner mit roter Brause im Kopf - ich bin weder Beichtvater noch Romancier.
Immerhin: In Zeiten, als kein Dummkopf und kein Schlaukopf ahnte, weder hüben noch drüben, daß der Kalte Krieg dermaßen schnell mit einer totalen Niederlage des Ostens enden würde, ist Diether Dehm - zumindest mir gegenüber - aus dem Schatten getreten.
Es ist wie taube Nüsse knacken - wie oft soll man es noch sagen: Nein! Wir ehemaligen Oppositionellen und Widersprecher aus DDR-Zeiten sind weder rachsüchtige Geiferer noch moralsaure Scharfrichter. Menschen wie Fuchs und Bärbel Bohley und Katja Havemann sind ja geradezu evangelisch versöhnungssüchtig. Aber ich bleibe dabei: Man kann Untaten nicht verzeihen, die hartnäckig und aggressiv geleugnet werden.
Ach, man wird bescheiden. Wenn ich tagtäglich sehe, wie längst entlarvte Verbrecher des MfS geradezu zwanghaft in die Medien hineintalken, sie seien ganz gewiß niemals nicht gar keine funktionierenden Räder in dieser Menschenverstümmelungsmaschinerie gewesen, dann bin ich schon dankbar für jedes offene Wort. Dieser halsbrecherisch clevere Doktor Diether Dehm ist - freilich gemessen an solchen unverwüstlichen Trauergestalten wie Bisky, Gysi, Schalck, de Maiziere und Stolpe - ein ehrenwerter Mann.
Wenn er sie ergreift, ist dieser Sturz für Dehm eine einmalige Chance. Er kann nicht wie Phönix aus der Asche, aber er könnte wie ein Spatz aus dem Dreckhaufen aufsteigen.
Seine ursprünglichen Motive, als er 1971 in den MfS-Zug einstieg, waren idealisch-naiv - das beweisen die Akten. Er hatte die Courage, dann vom fahrenden Zug wieder abzuspringen. Auch das beweisen die Akten: Er widersprach, er nervte seine östlichen Führungsoffiziere durch sympathischen westlinken Eigensinn.
Einer wie er könnte aus diesem deutschdeutschen Schmierenstück heil herauskommen. Ja, er könnte sogar einem grinsenden Schriftsteller wie Fritz Rudolf Fries eine lachende Lektion darüber erteilen, daß groteske Verharmlosungen der Tyrannei nebenbei auch eine intellektuell schwache Nummer sind. Dehm könnte nach all den jämmerlichen Reaktionen seiner versackten Vorgänger beweisen, daß man sich nicht mit neuen Lügen aus dem alten Sumpf ziehen kann. Könnte - sollte - müßte. Er wäre ein abgeschmackter Dummkopf, wenn er sich nun windet und krümmt. Ich würde an seiner Stelle die entwaffnende Wahrheit wagen. Y
Biermann, 59, lebt in Hamburg.
Von Wolf Biermann

DER SPIEGEL 18/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 18/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Autoren:
Ein ehrenwerter Mann

Video 00:53

"Fast" Gigantisches Radioteleskop in Betrieb

  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen" Video 00:52
    Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen
  • Video "Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show" Video 01:04
    Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show
  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart" Video 00:53
    Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart
  • Video "Video zu Legal Highs: Psychotrips aus der Chemie-Küche" Video 03:29
    Video zu "Legal Highs": Psychotrips aus der Chemie-Küche
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen
  • Video "Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale" Video 03:41
    Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale
  • Video "Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home" Video 01:50
    Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home
  • Video "Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los" Video 01:24
    Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los
  • Video "Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe" Video 01:24
    Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: "Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe"
  • Video "Nobelpreis für VW: Wer den Schaden hat..." Video 00:59
    "Nobelpreis" für VW: Wer den Schaden hat...
  • Video "Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte" Video 01:36
    Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte
  • Video "Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste" Video 00:53
    Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste
  • Video "Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos: Wie eine tickende Zeitbombe!" Video 02:38
    Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos: "Wie eine tickende Zeitbombe!"