06.05.1996

DDR-ErbeWandlitz auf See

Honeckers ehemalige Staatsjacht steht zum Verkauf: Ein Interessent will das rote Traumschiff als schwimmendes Bordell einsetzen.
Dies ist Erichs Schlafzimmer", sagt Frederik Fausing und zieht vorsichtig die gerippte Decke über dem Doppelbett glatt. Neben der Schlafstatt steht auf der gallig-grünen Auslegeware ein kleiner Schminktisch mit drehbarem Hocker, bespannt mit haariger Kuhhaut: "Da hat sich Margot hübsch gemacht."
Daß Schiffsmakler Fausing, 21, so salopp vom Ehepaar Honecker spricht, deutet nicht etwa auf enge Vertrautheit mit dem einstigen DDR-Staatsratsvorsitzenden und dessen Gattin; der junge Däne kennt Honecker nur aus TV-Dokumentationen als "einen gefallenen Diktator". Allerdings verkehrt er häufig in dessen schwimmendem Schlafgemach samt angeschlossener Naßzelle und weiß daher genau, daß der frühere Bewohner "einen sehr schrägen Geschmack hatte".
Fausings Interesse an Honecker und dem versunkenen DDR-Staat ist rein geschäftlich. Gegen Voranmeldung führt er mögliche Käufer durch das Motorschiff "Aniara", das seit über einem Jahr im Hafen von Kopenhagen dümpelt. Früher hieß das weißgestrichene Boot mit dem grünweißen Schornstein "Ostseeland". Es lag, von der 4. Flottille der Volksmarine strengstens bewacht, im militärischen Teil des Ostseehafens Warnemünde und diente der DDR-Nomenklatura als offizielle Staatsjacht.
In den Wirren der Wende, im Juni 1990, wechselte das rote Traumschiff den Besitzer. Das VEB-Dienstleistungskombinat beim DDR-Ministerrat verkaufte das Boot an eine "Tulia Shipping Limited" mit Sitz in der maltesischen Hauptstadt La Valetta.
Doch den neuen Besitzern hat der Erwerb, auf einer schwedischen Werft generalüberholt und beim Germanischen Lloyd registriert, bislang wenig Glück gebracht. Internationale Schiffsmakler in Stockholm, im schottischen Dundee und in Kopenhagen suchen seit Jahren vergeblich nach einem Abnehmer für den maritimen Ladenhüter.
Kunden gab es schon einige. Ein Geschäftsmann etwa plante, das Schiff nach Santiago de Chile zu überführen, wo Honecker 1994 verstarb und dessen Frau im Exil lebt. Dort wollte er die "Ostseeland" zu einem Restaurant umbauen, mit osteuropäischer Küche und einem kleinen DDR-Relikte-Museum.
Ein Spanier wiederum interessierte sich weniger für den historisch-nostalgischen Nutzwert des Objektes, sondern für die sechs Passagierkabinen. Er wollte das Schiff, auf dem einst Staatsgäste wie Kubas Fidel Castro und CSSR-Führer Gustav Husak nächtigten, als schwimmendes Bordell im Hafen von Barcelona vertäuen.
Doch alle Kaufwilligen schreckte bislang der Preis von rund zweieinhalb Millionen Mark ab. Erschwerend komme hinzu, räumt Makler Fausing freimütig ein, daß "der Pott eigentlich richtig häßlich ist".
Solch harsches Urteil hätten sich die Erbauer der Jacht, die Peene-Werft Wolgast, mit Sicherheit verbeten. 1971 an den DDR-Ministerrat übergeben, galt das 61 Meter lange Schiff, basierend auf einem Minenräumer vom Typ Kondor II, als das Feinste an maritimer Ingenieurs- und Fertigungskunst im deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat. Zur aufwendigen Ausstattung gehörten zwei je 2500 PS starke Dieselaggregate sowjetischer Bauart, ein gegen Eisschollen massiv verstärkter Rumpf sowie schußfeste Bullaugen, die noch zusätzlich durch verschiebbare Panzerplatten geschützt werden konnten. Alle Kabinen, außer Suite Nummer neun von Erich Honecker, konnten von einer Abhörzentrale gleich neben der Kombüse überwacht werden.
Auch bei der Inneneinrichtung, erinnert sich der Marine-Journalist und ehemalige Volksmarine-Sprecher Dieter Flohr, "spielte Geld keine Rolle": Farb-TV-Geräte, Wandverkleidungen, Blümchentapeten, Sanitäranlagen wie die fünf Duschköpfe in Honeckers Brause und sogar das Klopapier stammten - qualitätsmäßig auf Weltniveau - aus dem kapitalistischen Ausland. An Bord sah es genauso aus wie bei der DDR-Führung zu Hause in ihren vor dem Volk verborgenen biederen Domizilen - Wandlitz auf hoher See.
Eigens aus Großbritannien wurde eine aufwendige Schlingerdämpfungsanlage installiert, um die sensiblen Magennerven des Obergenossen Honecker zu schonen. Es half nichts: Wegen seiner chronischen Anfälligkeit für Seekrankheit ließ sich der DDR-Chef von der 35köpfigen Besatzung - in Speiseraum und Salon servierten Matrosen in weißen Handschuhen und Segeltuchslippern - nur selten auf dem Luxusdampfer verwöhnen.
Von seiner Abneigung gegen die Seefahrt und der folglich seltenen Verwendung der "Ostseeland" für offizielle Anlässe profitierten vor allem die Familien der herrschenden Klasse - Mitglieder der Nomenklatura ließen sich von der Bonzen-Enklave Lauterbach auf Rügen gern zu romantischen Törns mit Stimmungstanz und gekühlten Getränken auf der Ostsee herumschippern.
Das gewöhnliche Volk hat von der Existenz der Staatsjacht nie etwas erfahren sollen - und deshalb auch nichts vom peinlichen Protokoll-Zwischenfall bald nach Inbetriebnahme des Schiffes gewußt.
Wenige Minuten bevor im Juni 1972 Staatsgast Castro die Jacht besuchte, stürmte der im Jahr zuvor abgesetzte Parteivorsitzende Walter Ulbricht mit Frau Lotte im Schlepptau an Bord. Der verblüfften Besatzung erklärte der Abgeschobene, er wolle sich "beim Genossen Fidel" über die schlechte Behandlung durch Nachfolger Honecker beschweren. Nur mühsam konnte Politbüromitglied Werner Lamberz den wütenden Ex-Chef zum Rückzug auf das Festland bewegen. Y

DER SPIEGEL 19/1996
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