22.10.2012

KREATIVEHauptstadt der Träumer

Aus dem ganzen Land ziehen junge Menschen nach Leipzig. Künstler und Start-up-Unternehmer bescheren der Stadt eine neue Gründerzeit. Ist die Ostmetropole das „bessere Berlin“?
Bevor die Sonne versinkt, dringt sie noch einmal als rote Scheibe durch die Wolken. Aus Gründerzeitvillen und Plattenbauten eilen die Menschen in den Park. Abenteurer und Hedonisten, Maler, Studenten, Punks, Internetunternehmer. Sie kommen allein und in Gruppen, auf Fahrrädern und Skateboards, mit Gitarren und Bierkästen unterm Arm.
Seit Monaten feiern die Leipziger an den Abenden auf der Sachsenbrücke im Clara-Zetkin-Park. Die Partys begannen, als der Schnee gerade geschmolzen war, sie dauerten den Sommer über an, und sie enden auch jetzt nicht, da die Tage kürzer werden und die Nächte kalt. Ein Gaukler schluckt Feuer, ein Straßenmusiker singt ein Lied von Leonard Cohen, Pärchen knutschen am Ufer des Kanals. Die Menschen auf der Brücke reden, lachen, tanzen.
Lange Zeit verkümmerte Leipzig vor sich hin, eine Stadt in der Mitte Ostdeutschlands, aber am Rande der Wahrnehmung. Leipzig nannte sich selbst die "Stadt der friedlichen Revolution", denn die Proteste gegen das SED-Regime, die "Montagsdemonstrationen", nahmen hier ihren Anfang. Das war 1989. Der Wandel kam aber erst später nach Leipzig. Er hatte Vorboten mit dem Erfolg Neo Rauchs und den anderen Malern der Neuen Leipziger Schule. Alle zwei, drei Jahre funkte Leipzig ein Lebenszeichen in die Welt: Der Flughafen wurde ausgebaut, Leipzig bewarb sich für Olympia.
Inzwischen hat ein Hauch von Euphorie die Stadt ergriffen. Das Rathaus meldet einen positiven Wanderungssaldo von 9000 Bürgern für das vergangene Jahr. 533 000 Menschen leben in Leipzig - zum ersten Mal wieder so viele wie vor der Wende. Es sind vor allem junge Kreative, die es nach Leipzig zieht.
Einige hundert Meter vom Clara-Zetkin-Park entfernt, im Stadtteil Plagwitz, läuft der Künstler Julian Sippel, 31, über die Karl-Heine-Straße, eine breite Verkehrsader mit Jugendstilhäusern und Industriebrachen an den Rändern. Er zeigt auf die Galerien, die hier in den vergangenen Jahren entstanden sind, auf die Bars, das Theater. "Der Aufbruch hat begonnen in Plagwitz", sagt er.
Sippel trägt Dreitagebart und die Haare sorgfältig zerzaust. Er studierte in Frankfurt am Main Kunst und in Hamburg Stadtplanung. Vor einem Jahr kam er gemeinsam mit Künstlern aus Hamburg nach Leipzig, um einige seiner Installationen auszustellen. Sippel erinnert sich, wie er schon damals rastlos durch Plagwitz lief. In den Altbauten hatten Künstler Ateliers bezogen. Freunde nahmen ihn mit auf Partys in Lagerhallen. Die Stadt war unaufgeräumt, wild. In Hamburg kämpften Künstler um jeden Quadratmeter. In Leipzig konnten Sippel und seine Kollegen über scheinbar grenzenlosen Raum verfügen. Der Wunsch, nach Leipzig zu ziehen, sagt Sippel, habe sich damals wie ein Virus in seinem Kopf festgesetzt.
Sippel bleibt vor einer Fabrik stehen. Die Wände sind mit Graffiti besprüht, die Fensterscheiben zersprungen, Stahlträger zerschneiden das Gebäude. Im Westwerk, erzählt Sippel, wurden vor der Wende Armaturen gefertigt, heute nutzen Künstler und Musiker die Räume. In Werkstätten beugen Maler sich über Skizzen, aus einer Halle dringt Musik, eine Frau mit Dreadlocks schleppt Klamotten in einen Vintage-Store. "In jeder anderen Stadt hätten Investoren das Gebäude längst aufgekauft", sagt Sippel.
Drei Monate nach seiner ersten Ausstellung in Leipzig kündigte er seine Hamburger Wohnung und zog mit Andi Willmann, die ebenfalls Künstlerin ist, in den Osten. Inzwischen haben sie nahe dem Westwerk einen Laden gemietet, den sie als Wohnzimmer und Atelier nutzen.
In einer anderen Halle organisierte Sippel mit Freunden eine Ausstellung junger Leipziger Maler. Abstrakte Kunst. Für die Vernissage zimmerte er einen Tresen aus Holzplatten, ein Kumpel legte Musik auf. In Leipzig rechne niemand mit großem kommerziellem Erfolg, sagt er. Die Künstler unterstützten sich gegenseitig.
Die Schriftstellerin Juli Zeh, die am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert hat, beschreibt das Lebensgefühl der Stadt in einem Essay: "Was macht eine mittelgroße mitteldeutsche Stadt, die kein Gebirge vor der Tür, keinen majestätisch sich dahinwälzenden Strom im Herzen, keinen Wald außen herum, keine Küste in der Nähe, keinen Regierungssitz, keine Drogenszene, keine Heilquellen und auch sonst eigentlich nichts zu melden hat? Natürlich: Sie beginnt zu träumen."
In der DDR war Leipzig ein Industriezentrum. In den Kombinaten wurden Chemie-Anlagen gebaut und Textilien produziert. Nach der Wende schlossen die Fabriken. Die Menschen wanderten auf der Suche nach Jobs in den Westen. Bis heute sind in Leipzig Leerstand und Arbeitslosigkeit hoch. Fast jeder fünfte Bewohner lebt von Hartz IV. Einem Vergleich mit Dresden, der sächsischen Landeshauptstadt, hält Leipzig in vielerlei Hinsicht nicht stand. In Dresden sind die Einkommen höher, ist die Kriminalität niedriger. Dresden ist schuldenfrei, Leipzig hat ein Defizit von über 700 Millionen Euro angehäuft.
Trotzdem gehen viele junge Menschen lieber nach Leipzig. Die Stadt hat einen Vorteil, der sich in keiner Statistik niederschlägt: Sie gibt ihren Bewohnern Freiraum. In Dresden residieren Staatsoper und Sächsische Kunstsammlung, doch die Subkultur entfaltet sich in Leipzig. Während Dresden zu einem Museum für Beamte und das Bildungsbürgertum zu erstarren droht, hat sich in Leipzig eine deutschlandweit einzigartige alternative Szene entwickelt. Wer hierherkommt, sucht nach neuen Wegen des Arbeitens und Zusammenlebens.
Ähnlich wie im Berlin der frühen neunziger Jahre ziehen in Leipzig Künstler, Studenten und Unternehmensgründer in die leeren Altbauten. Die Kaltmiete liegt bei rund fünf Euro pro Quadratmeter. In Berlin ist der Preis mittlerweile beinahe doppelt, in München zweieinhalbmal so hoch. Leipzig ist zum Fluchtpunkt für junge Deutsche geworden, die Hamburg für teuer, München für teuer und spießig und Berlin für überdreht halten. Die Bewerberzahl an der Leipziger Universität hat sich in den vergangenen zwei Jahren beinahe verdoppelt. Als das "bessere Berlin" hat die "New York Times" die Stadt beschrieben.
Im UT Connewitz, Leipzigs ältestem Lichtspieltheater im Süden der Stadt, treten Bands aus aller Welt auf. Mädchen in Röhrenjeans und Jungs in Retro-Jacken tanzen spätnachts in einem Saal, der mit den breiten Trägern und der hohen Decke aussieht wie eine Kirche. "Leipzig ist für junge Musiker ein perfekter Ort", sagt Claudia Göhler, Sängerin der Band Talking To Turtles. In den Bars und Clubs der Stadt spiele jeden Abend eine neue Band. Die Szene ist so vielfältig wie in Hamburg, aber offener.
Leipzig erlebt eine Gründerzeit. Die Aufbruchstimmung zieht nicht nur Künstler und Studenten an, sondern auch Start-up-Unternehmer, die nach gutausgebildeten Mitarbeitern suchen. Die Handelshochschule Leipzig, eine private Business School, ist bekannt dafür, dass sie oftmals Firmengründer hervorbringt.
Die Versuche der Leipziger Politik, ihre Stadt nach vorn zu bringen, sind dagegen häufig misslungen: Die Computerspielemesse ist gescheitert, die Rathausspitze verscherbelte widerrechtlich Immobilien, Manager der kommunalen Wasserwerke wurden wegen Bestechlichkeit verurteilt. Im Januar wählt Leipzig einen Oberbürgermeister. Amtsinhaber Burkhard Jung von der SPD hat nur deshalb eine Chance, seinen Job zu behalten, weil es an geeigneten Gegenkandidaten fehlt. Die Leipziger haben sich daran gewöhnt, von der Politik nichts zu erwarten. Die jungen Kreativen organisieren sich selbst.
Das UT Connewitz wird im Dezember 100 Jahre alt, seine Anhänger feiern den Geburtstag mit Konzerten, Lesungen, einem Filmfestival. Das Kino hat Kriege, Diktaturen, Revolutionen überstanden. Nach der Wende fand sich kein Betreiber, bis schließlich eine Gruppe Leipziger Bürger 2001 einen Verein gründete, um das Haus zu erhalten.
Annett Fenske ist schon als Kind mit ihren Eltern in das Kino gegangen. Die Altenpflegerin begleitet den Wandel Leipzigs mit zwiespältigen Gefühlen. Sie freut sich, dass die Stadt bei jungen Kreativen beliebt ist. Aber sie hat Angst, Investoren könnten schon bald alteingesessene Bürger verdrängen.
Fenske gestaltet das Programm, lädt Bands ein, wählt die Filme aus. In der Sommerpause renovieren sie und ihre Kollegen das Gebäude. In den vergangenen zehn Jahren haben sie den Boden neu verlegt, das Dach saniert und den Keller entrümpelt. Irgendwann, träumt Fenske, könnte das Kino wieder einmal so aussehen wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Unterstützung vom Rathaus bekommt der Verein nicht. In Leipzig, sagt Fenske, gehe alle Phantasie von den Bürgern aus.
Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 43/2012
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