22.10.2012

HELDENAsadullahs Spiel

Die Fußballer wurden im Fernsehen gecastet, die Sportstätte war früher ein Ort für Hinrichtungen. Afghanistans erster Fußball-Cup soll Frieden bringen. Manche Spieler riskieren dafür ihr Leben.
Eine Frau namens Zarmina, 35, Mutter von fünf Kindern, verhüllt durch eine körperlange blaue Burka, geht auf dem Rasen des Ghazi-Fußballstadions von Kabul, Afghanistan, in Richtung des Elfmeterpunkts, um zu sterben, 16. November 1999.
Asadullah Rezai, 18-jährig, Mittelfeldstratege seines Fußballteams "De Maiwand Atalan", rennt am 11. Oktober 2012 im benachbarten AFF-Stadion in Richtung Strafraum, es ist das Halbfinale der Afghan Premier League, am Oberschenkel trägt er eine 15-Zentimeter-Narbe von einem Bombensplitter.
Damals Tod, heute unbändiges Leben. Ghazi heißt "Krieger", und die Ränder der Tribüne werden jetzt von riesigen Porträts von Kriegsheroen oder -verbrechern geschmückt, Ahmed Schah Massud, der Löwe von Pandschir, ermordet, Burhanuddin Rabbani, Ex-Präsident, ermordet, Abdul Ali Mazari, ein Milizenführer, ermordet. Karzai, das aktuelle Staatsoberhaupt, hängt auch da, obwohl er noch lebt. Sport und Blut und Politik, untrennbar in Afghanistan.
Asadullahs Team liegt 0:1 zurück, Asadullah rennt.
In Afghanistan, dieser ewig offenen Wunde der Weltgeschichte, ist Fußball mehr als nur ein Spiel, das 90 Minuten dauert. Fußball war das einzige Volksvergnügen, das die Taliban während ihres Terrorregimes, 1996 bis 2001, nicht verboten hatten. Die Radikalislamisten nutzten die Beliebtheit des Sports, um die Massen zusammenzubringen, für Propagandaveranstaltungen oder, wie an jenem November-Tag 1999 im Ghazi-Stadion, für eine öffentliche Hinrichtung vor Tausenden von Zuschauern. An solchen Tagen hackten sie Dieben in der Halbzeitpause eine Hand ab oder einen Fuß, manchmal knüpften sie Verbrecher auf an den Flutlichtmasten, ließen sie tagelang hängen, zur Abschreckung. Zarmina, deren Ende heimlich auf Video festgehalten wurde, war des Mordes an ihrem Gatten für schuldig befunden worden, mit einem Hammer soll sie ihn erschlagen haben.
Sie kniet auf der Strafraumlinie des Ghazi-Stadions. Ein Mann tritt an sie heran, hält ihr die Mündung einer Kalaschnikow an den Hinterkopf. Und schießt.
Asadullah lässt einen Gegner mit einer Körpertäuschung stehen, rennt Richtung Strafraum, spielt einen Doppelpass und zieht ab. Weit übers Tor.
"Schöne Aktion von unserem Freund mit der Nummer 17", ruft der Stadionsprecher, "Asadullaaaah ... Rezai!", schreit das Publikum.
Stell dir vor, es ist Krieg, und die Leute gehen zum Fußballspiel. Die Afghanen spielten Fußball in den Achtzigern, als die Russen da waren, sie spielten Fußball in den Neunzigern, als sich im Bürgerkrieg Paschtunen, Tadschiken, Hazara und Usbeken gegenseitig massakrierten, sie spielten Fußball unter den Taliban, wenn auch mit langen Bärten, langen Hosen und langen Ärmeln; Shorts und T-Shirts waren untersagt. Und seit 2001, als die Amerikaner und ihre Verbündeten kamen, um das Land zu befreien und zu besetzen, spielen sie erst recht Fußball.
Kabul im Oktober 2012 ist eine Stadt im Zustand der Selbstbelagerung. Alle Straßen im Zentrum, wo die Ministerien, Botschaften, internationalen Organisationen und Hotels liegen, sind gesäumt von haushohen, aneinandergereihten Betonelementen, darauf wuchert überall der Nato-Draht wie Unkraut aus Stahl. Seitenstraßen und Hauseinfahrten sind mit Schlagbäumen oder eisernen Toren abgesperrt. Hinter den vielen Mauern arbeiten die Ausländer am Nation-Building. Draußen auf den Straßen stehen die Afghanen hupend im Stau.
Und an den Heckscheiben ihrer Toyota Corollas oder auf den Rückseiten ihrer Eselskarren kleben die Namen und Embleme ihrer Lieblingsclubs, häufig FC Barcelona, oft Real Madrid, manchmal Manchester United, selten Bayern München. Gibt es irgendwo ein paar Quadratmeter ebene Fläche, in den verwahrlosten Parks oder zwischen den Gräbern der Friedhöfe, so sieht man Kinder Fußball spielen, barfuß, schmutzig, glücklich. Auf dem großen Feld vor dem zerbombten und mit Einschusslöchern übersäten Darul-Aman-Palast, Lieblingszielscheibe aller Eroberer, rennen sie in Scharen durch den Staub. "Die Zukunft gehört uns", steht auf einem Plakat des afghanischen Fußballverbands am Eingang des Stadions.
23 Minuten sind gespielt im Halbfinale, ein Foul, einer bleibt liegen. "Oh, oh, oh, das tut weh", ruft der junge Kommentator Mokhtar Lashkari in sein Mikrofon, das Spiel wird live übertragen, jeder dritte der 30 Millionen Afghanen, so sagen Schätzungen, sitzt jetzt vor einem Bildschirm. Bereits in über 80 Prozent der städtischen Haushalte soll es TV-Geräte geben, und auf dem Land, wo es oft keinen Strom gibt, schließen sie die Apparate an Dieselgeneratoren an oder verkabeln sie mit einer Autobatterie.
Am Stadionbildschirm und auf den Fernsehern des Landes leuchtet das Signet der Afghan Premier League auf, ein stolzer Löwe, dazu der Slogan "Für ein besseres Afghanistan", darüber acht Sterne, Symbol für die acht Mannschaften aus allen Landesteilen, die für dieses Turnier in den vergangenen Monaten zusammengestellt worden sind, mit Hilfe einer TV-Casting-Show. "Maidan e Sabz" heißt die, "Der grüne Rasen": Afghanistan sucht den Fußballstar. Die Fernsehleute haben dazu die Landeskarte neu gezeichnet, haben die 34 Provinzen des Landes acht Großzonen zugeordnet. Sie gaben jedem Team einen stolzen Namen, Falken vom Weißen Gebirge, Sturm vom Fluss Harirod, Adler vom Hindukusch.
"Noorzai auf Faizi. Faizi zu Rezai. Rezai zu Ghobal. Aber sie spielen gegen eine Wand." So spricht Mokhtar Lashkari in sein Mikrofon, so spricht er ins Land hinaus. Fußballkommentatoren klingen überall auf der Welt gleich.
Der Name von Asadullahs Mannschaft, De Maiwand Atalan, bedeutet "Helden von Maiwand", benannt nach einer Schlacht des Jahres 1880, als die Afghanen den Briten im zweiten angloafghanischen Krieg eine Niederlage zufügten. Die Spieler stammen aus den Südprovinzen Kandahar, Helmand und Nimruz. Es sind die gefährlichsten Ecken des Landes, alle paar Tage kommt es hier zu Anschlägen. Ihre Gegner, Simorgh Alborz, deren Name vom mythischen Wundervogel Simorgh inspiriert ist, kommen aus den Nordprovinzen rund um Masar-i-Scharif.
"Das wird schwierig für unsere Freunde aus Kandahar, sie haben keinen Platz." Mokhtar Lashkari, 26, mit Säuglingsgesicht und Boygroup-Frisur, ist der Star des Fernsehsenders Tolo TV, er ist die Oprah Winfrey Afghanistans. Seine Landsleute sagen ihm ein fast magnetisches Charisma nach. Lashkari möchte "die Menschen Afghanistans durch das Fernsehen miteinander befreunden". Man müsse bedenken, sagt Lashkari, dass die Eltern dieser jungen Männer, die nun miteinander Fußball spielen, "sich gegenseitig bekriegt und ermordet haben".
Lashkari war es auch, der in den vergangenen Monaten mit seinem Team zu den Castings in alle Winkel des Landes fuhr. In manchen Städten kamen mehr als tausend junge Fußballspieler zusammen, die von einer Jury aus erfahrenen Trainern im Massenverfahren verschiedenen Tests unterzogen wurden. Man prüfte Ausdauer, technische Geschicklichkeit und allgemeines Fußballwissen. Sie mussten Bälle im Slalomlauf um Stangen führen, auf Torwände schießen, aber auch schwere Traktorreifen schleppen, sie mussten Fragen beantworten, wie schwer ist ein Fußball, wie breit ist ein Tor.
18 Spieler nominierten die Experten pro Team direkt, von 6 weiteren erstellte das TV-Team Filmporträts, aus diesen wiederum wählte das Fernsehpublikum per SMS im Rahmen der später ausgestrahlten Fernsehshow "Maidan e Sabz" die 3 letzten Spieler aus. Man muss den Begriff der Casting-Show ordentlich dehnen für dieses Verfahren, aber egal, "es ging um die Aufmerksamkeit", sagt Lashkari.
Und es ging darum, Spieler aus allen Regionen zusammenzubringen, die sonst niemals gemeinsam auf einem Feld stehen würden, weil es bislang keine nationale Liga gab. Im afghanischen Nationalteam, Platz 166 im Fifa-Ranking, das seine Heimpartien aus Sicherheitsgründen meist in Indien bestreitet, spielen fast ausschließlich Männer aus Kabul oder aus dem Ausland, weil die Verantwortlichen gar nicht wissen, welche Talente im Rest des Landes existieren, ob sie überhaupt existieren. Nun wissen sie mehr. Asadullahs Mannschaft schlug in der Vorrunde das favorisierte Team aus Kabul, dem sechs Nationalspieler angehören, mit 3:1, Asadullah gab die Pässe zu allen drei Toren.
"Allah führt meinen Fuß", sagt Asadullah Rezai.
Im Halbfinale geht sein Team mit Rückstand in die Pause.
Dass Asadullah an diesem Turnier teilnehmen kann, verdankt er seinem Können. Dass er noch am Leben ist, dem Zufall. Er stammt aus der Stadt Lashkar Gah, Hauptort der Provinz Helmand. Fünf Schwestern habe er, erzählt er, und acht Brüder, der Vater sei Beamter, außerdem betreibe die Familie einen kleinen Laden, er selbst arbeite am Schalter einer Bank.
Mit seinen mongolischen Gesichtszügen, den Schlupflidern, gehört er unverkennbar der Volksgruppe der Hazara an, angeblich Nachfahren von Dschingis Khans Mongolenarmee. Wie 18 sieht er nicht aus, eher wie 30, "zu viel erlebt", sagt er. Es lässt sich keine einsamere Minderheit denken als jene der Hazara in Helmand: Angehörige einer kleinen Ethnie, historisch immer wieder diskriminiert, persischsprachig unter Paschtunen, Schiiten inmitten von lauter Sunniten. Für die Taliban waren die Hazara Untermenschen, sie rekrutierten sie als Diener und Handlanger, wenn sie sie nicht gleich umbrachten. "Ich bin der einzige Hazara in meinem Team", sagt Asadullah, "aber es gibt keine Probleme."
Vor drei Monaten fuhr Asadullah gemeinsam mit sechs Kumpeln seiner Heimmannschaft "Kabul Bank Team Helmand" in einem alten Toyota Land Cruiser zu einem regionalen Spiel nach Herat, als in der Nähe der Stadt Gereshk wenige Meter vor dem Wagen eine von Aufständischen gebastelte, mit Nägeln und Schrauben gefüllte, per Fernbedienung ausgelöste Bombe explodierte. Ein Metallsplitter riss einem Freund auf dem Rücksitz ein Ohr ab, ein weiterer durchdrang die Fahrertür und bohrte sich in Asadullahs rechten Oberschenkel.
Er zeigt auf seinem Handy Fotos des durchlöcherten Fahrzeugs, er zieht sein Gewand hoch und offenbart die tiefrote Narbe. Als er aus dem Auto stieg, brach er zusammen. Die Ärzte operierten ein langes Stück Schraubgewinde aus dem Fleisch. Vier Wochen danach ging Asadullah zum Casting der Premier League.
Sein Bruder Akhtar Mohammed, 33, ein ehemaliger afghanischer Nationalspieler, der die Mannschaft wie ein lebendes Maskottchen begleitet, trägt einen Verband am rechten Arm, seine Hand ist geschwollen. Er hält einen kleinen Schaumstoffball in den Fingern, den er immer wieder zusammendrückt, um die traumatisierten Unterarmmuskeln zu trainieren. Am 16. August dieses Jahres war er auf dem Weg zum Casting in Kandahar, um seinem Bruder beizustehen, als plötzlich hundert Meter vor ihm auf der Straße bewaffnete Männer standen. Akhtar arbeitet als Fahrer für die amerikanische Hilfsorganisation International Relief and Development, aus Sicht der Aufständischen also für den Feind, "deshalb bin ich ein Ziel für die Taliban". Er versuchte zu wenden, sie eröffneten das Feuer, drei Schüsse trafen seinen Arm.
Asadullah erinnert sich an einen Tag, als er noch ein Kind war in Lashkar Gah, vielleicht sechs Jahre alt, die Taliban an der Macht. "Sie kamen in unseren Laden und wollten drei Seile haben, wie üblich bezahlten sie nicht. Ich holte die Seile und gab sie ihnen." Später sah er auf dem Fußballplatz drei Leichen von einem Baukran hängen. "Sie hingen an meinen Seilen."
Wenn die Spieler von De Maiwand Atalan im Ghazi-Stadion trainieren, spielt Asadullahs Bruder Akhtar immer mit, man sieht ihm die Verletzung nicht an. Er treibt die Jüngeren an, wenn sie müde werden, "Freunde, ich habe drei Schusswunden und bin schneller als ihr, los, weiter!"
Nach dem Training sitzen die Helden von Maiwand auf den Fluren des Roshan Plaza Hotel in Kabul, 9. Stock, eine schmutzige Absteige, sie teilen sich die Doppelzimmer je zu viert. Manche tragen T-Shirts ihrer Lieblingsvereine, einer läuft im deutschen Nationaldress rum, die meisten aber stecken in traditionellen Gewändern. In Zimmer 913 spielt der Ersatztorwart gegen einen Stürmer Fußball auf der Playstation, AC Mailand gegen FC Arsenal. Der junge Trainer verteilt Granatapfelkerne auf Plastikteller, Kraftnahrung, er hat die Früchte extra aus Kandahar mitgebracht. Über Asadullah sagt der Trainer, er sei "ein Typ wie Xavi" vom FC Barcelona, ein Spielmacher, ein Denker und Lenker auf dem Platz. Asadullah lächelt.
Gleich wird die Sonne untergehen, die jungen Männer rollen ihre Gebetsteppiche aus, alle werden beten, in den Zimmern zeigen Pfeile die Richtung von Mekka an. Sunniten beten anders als Schiiten, aber das ist egal. Später holt einer ein Instrument hervor, Darya genannt, eine Art Tamburin, und sie singen gemeinsam ein lautes Volkslied aus der Heimat, "Schneider, wenn du mir den Gehrock nähst, dann stick mir schöne Muster drauf".
Auf einem Fernseher läuft indische Popmusik, die Sängerin hat offene Haare, einen tiefen Ausschnitt, so würden diese Kandahari ihre Frauen niemals rumlaufen lassen, fast die Hälfte der Spieler, obwohl kaum einer älter als 20, ist schon verheiratet, hat Kinder. Paschtunen heiraten Paschtuninnen, Tadschiken Tadschikinnen, Usbeken Usbekinnen, da vermischt sich nichts, so weit ist Afghanistan noch nicht. Eine Umfrage nach Lieblingsspielern ergibt sechsmal Messi, viermal Ronaldo, zweimal Zidane sowie je einmal Iniesta, Özil und Khedira. Und einer sagt "Schweinsteiger gut".
Zwei gekreuzte Säbel schmücken das Logo der Helden von Maiwand. Keiner hat mit diesem Team gerechnet, aber im Halbfinale stehen sie als Favorit.
Kommentator Lashkari live: "De Maiwand Atalan geht jetzt in die Offensive. Doch das verschafft dem Gegner Räume." In der 52. Minute fällt das 0:2.
Auf der VIP-Tribüne steht ein Mann und spricht in zwei Handys gleichzeitig. Ohne ihn gäbe es diese Fußballshow nicht. Saad Mohseni, 46, ist Besitzer und Gründer von Tolo TV sowie einer Reihe weiterer Medien der familieneigenen Moby Group, und er betreibt sein Unternehmen als ein Projekt der Aufklärung. Aufgewachsen in Australien, kam Mohseni kurz nach dem Fall der Taliban zurück in das Land seiner Herkunft und begann, einen privaten Fernsehsender aufzubauen, der die Konservativen erschreckte. Gemeinsam mit dem paschtu-sprachigen Schwesterkanal Lemar TV kommt Tolo, Persisch für Morgenröte, mittlerweile auf 62 Prozent Marktanteil, der Einfluss ist enorm. Mohseni schaut zufrieden auf die Menge im Stadion. "Ich mag es, wenn sie schreien. Afghanen zeigen so wenig Leidenschaften. Wir geben ihnen ein Ventil."
Mohseni betreibt mit Tolo TV eine Kulturrevolution mit den Mitteln des Unterhaltungsfernsehens. Der Sender hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Formaten produziert, die mit muslimischen Tabus brechen und eine liberale Moderne in die Häuser tragen. Das Magazin "Banu", "Frau", widmet sich Themen und Rechten von Frauen, wobei es am Anfang schon zu Protesten führte, dass Frauen überhaupt im Fernsehen zu sehen waren, dass sie in Talkshows mit Männern sprachen.
"The Ministry" ist, wie "Stromberg", eine nach dem Vorbild von "The Office" gestaltete Doku-Fiction-Serie, erzählt wird der von Korruption und Inkompetenz geprägte Alltag im afghanischen Ministerium für Müll. Ähnlichkeiten mit realen Figuren sind so gewollt wie unvermeidlich. Die Action-Serie "Eagle Four" handelt von einer Polizei-Spezialeinheit, die landestypische Fälle erledigen muss, Selbstmordattentate vereiteln, Bombenangriffe auf Flugzeuge verhindern. Den größten Erfolg aber hatte Tolo TV mit "Afghan Star", einem Gesangstalentwettbewerb nach dem global erfolgreichen Muster von "Pop Idol", es wird bereits die siebte Staffel produziert. Im Jahr 2008 erhielt eine der Finalistinnen Morddrohungen, weil sie bei ihrem Auftritt ein paar Tanzschritte einlegte und ihr das Kopftuch vom Haar rutschte.
Mohseni schaut den Spielern zu, athletischen jungen Männern mit modischem Haarschnitt: "Die Leute wollen diese hübschen Jungs sehen. Sie wollen keine bärtigen Fanatiker sehen."
75. Minute, Gestöber im Strafraum der Wundervögel vom Alborz-Gebirge, es ist kein Spiel für Genießer. Abdul Wahid Noorzai schiebt ein für die Mannschaft aus Kandahar, 1:2, der Anschlusstreffer. Jetzt alles nach vorn werfen, den Ausgleich schaffen, die Verlängerung erzwingen. Vor der Ersatzbank schreit und fuchtelt der Kandahar-Trainer und wird prompt verwarnt, weil er zu nah am Spielfeldrand steht. Penibel wird in der Afghan Premier League den Fifa-Regeln Folge geleistet, ein Spieler, der sich das Trikot vom Kopf zieht nach einem Tor, kriegt auch in Kabul die gelbe Karte. Sie wollen alles richtig machen, im Stadion sollen klare Gesetze gelten, weil draußen schon genug Chaos herrscht.
Vielleicht ist das auch die deutsche Schule, die prägend ist für Afghanistans Fußballblüte seit 2002. Der Deutsche Fußball-Bund schickte früh Entwicklungshelfer wie den deutsch-afghanischen Fußballlehrer Ali Askar Lali ins Land, um Fußballschulen zu gründen, Trainer auszubilden, auch eine Frauenfußballmannschaft wurde ins Leben gerufen.
Fünf Jahre noch, sagt Saad Mohseni, der Medienmogul. Fünf Jahre dauere es noch, dann habe Afghanistan eine Profiliga, und in zehn Jahren sei die Landesauswahl international konkurrenzfähig.
Sofern nicht wieder was dazwischenkommt. Kein neuer Krieg. In den letzten Wochen haben mehrere Studien dem Land eine düstere Prognose erstellt für die Zeit nach dem Abzug der internationalen Sicherheitstruppen im Jahr 2014. Man erwartet Betrug bei den anstehenden Wahlen, eine Eskalation der Gewalt, die Rückkehr der Gotteskrieger. Was kann ein bisschen Fußball ausrichten gegen solche Kräfte? Zumal die inneren Feinde Afghanistans nicht mitspielen beim Turnier, es gibt keinen FC Taliban.
Asadullah Rezai sagt: "Die Welt ist aus Hoffnung gebaut."
Mokhtar Lashkari sagt: "Die Leute haben die Freiheit kennengelernt, auch dank des Fernsehens, auch dank Fußball, sie wollen nicht zurück."
Saad Mohseni sagt: "Wir werden vielleicht ein paar Schlachten verlieren, am Ende aber gewinnen wir."
Bis es so weit ist, rennt Asadullah dem Ball hinterher und träumt. Er träumt davon, irgendwann das afghanische Nationaltrikot zu tragen, jemand hat ihm zugeflüstert, sein Name stehe auf einer Liste. Er träumt davon, zu einem europäischen Club zu gehen, vielleicht sogar nach Deutschland, so wie der junge Australoafghane Mustafa Amini bei Borussia Dortmund, den sie in Kabul als einen der Ihren verehren. "Wenn ein deutscher Club anrufen würde", sagt Asadullah, "würde ich zu Fuß hinlaufen."
In seiner Heimatstadt Lashkar Gah erkennen ihn die Leute auf der Straße, seit die Fußballshow läuft. Steht er am Schalter seiner Bank, fragen sie ihn, warum er nicht auf dem Fußballplatz sei. Seine Eltern, die ihm immer abgeraten haben von diesem Sport, weil der Weg zu den Spielen in anderen Städten zu gefährlich ist, sind zwar stolz auf ihn, aber sie haben jetzt noch mehr Angst. Auch die Feinde kennen nun sein Gesicht. Ein Hazara, aus Helmand, auf dem Fernsehkanal der Ungläubigen. "Wenn die Taliban mich erkennen, bin ich tot", sagt er.
Es reicht nicht mehr.
Auch sieben Minuten Nachspielzeit reichen nicht mehr, De Maiwand Atalan verliert gegen Simorgh Alborz mit 1:2. Der Schiedsrichter pfeift ab, und wie trunken johlt die Menge, es scheint nicht so wichtig, wer hier gewonnen hat. Auf dem Spielfeld liegen die Verlierer aus Kandahar wie von einem Meteoritenhagel erschlagen, todtraurig und leer, und die Männer aus Masar-i-Scharif hüpfen und schreien, sie küssen sich, sie küssen jeden. Die Helden von Maiwand sind untergegangen, überflügelt von den Wundervögeln von Alborz. Asadullah steht irgendwo auf dem Platz und weint. Ein Gegner nimmt ihn in den Arm.
Korrekturhinweis: Dieser Artikel wurde gegenüber der gedruckten Version revidiert um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die Spiele der Afghan Premier League nicht im Ghazi-Stadion sondern im benachbarten AFF-Stadion ausgetragen wurden. .
Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 43/2012
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