22.10.2012

KINOZwei glorreiche Geisteshalunken

Für die Filmversion von „Die Vermessung der Welt“ haben sich Romanautor Daniel Kehlmann und Regisseur Detlev Buck zu einem halsbrecherischen Abenteuer-Ritt in 3-D verschworen.
Nicht unter den Dschungeltieren Südamerikas und nicht unter den Kannibalen am Orinoco lauert das scheußlichste Ungeheuer der Höllenfahrt, auf die der Regisseur Detlev Buck die Zuschauer in seinem neuen Film mitnimmt. Das Monster sitzt in einem prächtigen Speisesaal. Es ist der Herzog von Braunschweig. Er feixt, verschluckt sich, er spuckt Brotbrocken aus - und wenn der dargestellte Kerl seine Visage zu einem Lächeln verzieht, sieht man faulige Zahnstummel.
Am Rand der herzoglichen Tafel aber steht ein zarter, hübscher Junge und blickt ungläubig, aber neugierig, dabei ohne jedes Mitleid auf den mächtigen Mann: Das mit einem fabelhaften Verstand begabte Wunderkind Carl Friedrich Gauß bestaunt die Erbärmlichkeit der menschlichen Kreatur.
"Die Vermessung der Welt" heißt der 2005 erschienene Roman, in dem der Schriftsteller Daniel Kehlmann, 37, von dem kindlichen Bettelauftritt am Hof des Herzogs, dem Liebesglück und den einsamen Gedankentriumphen des Mathematikers Gauß (1777 bis 1855) erzählt und diese Lebensgeschichte kunstvoll verknüpft mit der des in Reichtum geborenen manischen Welterforschers Alexander von Humboldt (1769 bis 1859). Das Buch wurde ein Welterfolg, bis heute sind rund drei Millionen Exemplare verkauft. Und mehr noch als die Story, in der die beiden deutschen Geistesriesen einander erst als über 50-Jährige bei einem Kongress in Berlin begegnen, verzückte Kehlmann-Verehrer in vielen Ländern rund um den Globus die Beiläufigkeit und Eleganz, mit der hier von Fortschrittsbegeisterung, Mut und Eitelkeit erzählt wird.
In der Verfilmung des Romans setzt Detlev Buck nun auf Fratzen, grelle Farben und drastische Sinneslust - und zusammengetan hat er sich dafür mit dem Erfolgsautor Kehlmann selbst. Kehlmann hat das Drehbuch geschrieben und gemeinsam mit Buck am Konzept gezimmert. Herausgekommen ist dabei ein 3-D-Film, der oft so wirkt, als schilderte er die Abenteuer eines deutschen Steven-Spielberg-Haudegens und eines durchgeknallten Tüftel-Genies, die im südamerikanischen Dschungel und im Schlamm der norddeutschen Tiefebene ihre Heldentaten verrichten: Indiana Humboldt trifft Carl Friedrich Düsentrieb.
Die Kamera blickt vergnügt auf einen sehr runden nackten Frauenhintern, wenn sich der erwachsene Carl Friedrich Gauß im Göttinger Bordell vergnügt. Man sieht einen grotesk zähnefletschenden Sklavenhändler, dem der gelegentlich als Baron auftretende Humboldt auf einem verdreckten Dschungel-Marktplatz in Ecuador seine Ware abkauft. Man sieht gleich zu Beginn des Films einen tibetischen Lama, der in der Einöde des Himalaja bitterlich um die Wiedererweckung seines toten Schoßhunds fleht. Mit einem relativ sparsamen Budget von gut zehn Millionen Euro veranstaltet die Filmversion der "Vermessung der Welt" ein knallbuntes Spektakel, das sich sichtlich an Hollywoods Abenteuerkino messen möchte und ein bisschen auch am Irrsinn des von Buck verehrten Filmemachers Werner Herzog, der einst für "Fitzcarraldo" Klaus Kinski durch den Amazonas-Urwald jagte.
Der Regisseur Buck hat keinen Kinski - und nicht mal den notorischen deutschen Kino-Luftikus Matthias Schweighöfer, der die Rolle des Alexander von Humboldt kurz vor Drehbeginn dann doch nicht wollte. Dafür hat Buck den jungen, bislang fast nur im Theater erfahrenen Schauspieler Albrecht Abraham Schuch, der den preußischen Adelsmann mit angemessen verklemmtem blondem Eifer spielt.
In brütender Hitze zankt sich dieser Knorz mit seinem französischen Reisebegleiter Bonpland (Jérémy Kapone) und bemüht sich stets um das Lächeln der Weltläufigkeit und des überlegenen Germanenstolzes. Schuchs Humboldt lässt sich in der Wildnis mit Schröpfkuren auf dem bloßen Rücken quälen und führt stets preußische Zucht und Ordnung im Mund. Selbst in der Todesgefahr des Schnee-Infernos auf dem über 6000 Meter hohen Chimborazo ist er nur zu einer hilflosen Umarmung des geliebten Gefährten Bonpland imstande. Der asketische Wahnsinn lauert bei Schuch in einem nervös verspannten Kindergesicht.
Humboldt sei "eine Art Gefangener", hat Regisseur Buck behauptet. Tatsächlich zeigt er ihn als einen sympathischen Nerd, der nicht nur in seiner beinah elternlosen Kindheit nie gelernt hat, Gefühle zu zeigen, sondern auch im Erwachsenenleben nur Spaß in einem manischen Ordnungswahn findet: "Die Welt ist ein Ganzes", lautet das Mantra seines Irrglaubens, "alle Systeme sind ein System." Im Vergleich zu diesem Kerl ist der Stubenhocker Gauß bei aller wunderlichen Weltfremdheit ein enthemmter Genussmensch.
Der Star des Films "Die Vermessung der Welt" ist denn auch der Carl Friedrich Gauß des Schauspielers Florian David Fitz. Nun ist schon in Kehlmanns Buch der Miesepeter Gauß eine vom Autor mit inniger Zuneigung gezeichnete Figur, Fitz aber verleiht ihm die Strahlkraft eines Menschen, der seine Umwelt verzaubert und nicht verstört durch die überragende Intelligenz, mit der ihn die Götter geschlagen haben. Die Mutter, die Lehrer und die Huren sind diesem sanftäugigen Charmeur bereits kampflos erlegen, als er das Mädchen Johanna (Vicky Krieps) stotternd anschmachtet, sie durch pittoreske Kleinstadtidyllen verfolgt und schließlich als Ehefrau gewinnt: Gauß ist in Fitz' Version mehr tollkühner Zahlen-Musketier als eremitischer Gelehrter.
Auf der Leinwand sieht "Die Vermessung der Welt" oft so aus, als hätten sich Kehlmann und Buck verschworen, es sich bloß mit all jenen deutschen Bildungshubern unter den Fans des Romans zu verscherzen, die sich für die ironische Feinheit von Kehlmanns Sätzen, für sein dezentes Ausmalen der Kulissen und die exquisiten Verfälschungen der historischen Vorbildfiguren begeisterten. Der Film haut dagegen auf die Pauke. Als Zuschauer kann man nur staunen über die Dreistigkeit, den Übermut, den Krawall, der hier veranstaltet wird.
Mit schöner Chuzpe erinnern Buck und Kehlmann daran, dass der Ursprung des Kinos aus dem Jahrmarktsvergnügen kommt. Mag der Geist der Mathematik im menschlichen Gehirn zu Hause sein und der Geist der humboldtschen Welteroberungslust in Studiersälen und Akademien - der Geist dieses Films kommt direkt vom Rummelplatz.
"Unverfilmbar" nannte Kehlmann sein Buch. Er hat daraus eine radikale Konsequenz gezogen. Er erzählt die Geschichte seiner beiden Schlauberger noch einmal fast völlig neu - und macht daraus die vergnügungssüchtigste Filmversion, die einer deutschen Schullektüre je widerfahren ist.
Die Kunst des Romans besteht darin, dass er zugleich die Entzauberung und Verklärung der beiden Genies betreibt, die er porträtiert. Selbst von den haarsträubenden Ereignissen und Misslichkeiten berichtet das Buch in legendenhafter Einfachheit, ohne große Spannungsbögen: alles ist dem Schriftsteller Kehlmann gleich, das Banalste und das Höchste. Humboldt trifft auf grimmige Urwaldbewohner und probiert Gift, Gauß wird von Zahnschmerz gepeinigt und von den grotesken Gemeinheiten des Lebens. Die einzige grobe Pointe des Buchs ist es, wenn der Mathematiker Gauß in Königsberg den bewunderten Philosophen Immanuel Kant besucht. Auf den Knien seines Herzens gesteht der Mathematiker dem alten Mann, dass er sein ganzes Leben auf diesen Moment gehofft habe, auf einen Menschen, der ihn wirklich begreife. Kant aber schnauzt nur: "Wurst." Sein Diener solle an diesem Tag doch bitte schön Wurst einkaufen.
Im Kino ist dieser Kant-Moment bloß ein bizarres Zwischenspiel in einem ziemlich atemlosen Reigen, in dem Urwaldtiere, schöne nackte Menschenkörper und prachtvolle Kostüme oft die Hauptrollen spielen. Man wünscht sich manchmal, der Film nähme sich mehr Zeit, seinen Figuren einfach mal nur zuzuschauen bei ihren Strampeleien, statt sie ständig voranzutreiben. Im Jargon der Wissensbeflissenen formuliert: Des Öfteren reiben Kehlmann und Buck dem Zuschauer ein bisschen streberhaft unter die Nase, wo in ihrer Geschichte Ursache und wo Wirkung liegen, statt dem Zuschauer selbst die Analyse zu überlassen.
Doch wenn Gauß und Humboldt am Ende des Films endlich aufeinandertreffen im scheußlichen Berlin, von dem der reale Humboldt schrieb, es sei eine "kleine, unliterarische und dazu überhämische Stadt", dann sitzen die beiden beseligt und erschöpft beisammen, der Film kommt eine kurze Weile zur Ruhe und zu sich selbst. Zwei glorreiche Geisteshalunken blicken zurück auf die Abenteuer, die ihnen die Welt beschert hat. "Das Leben ist schrecklich", klagt Gauß. "Man kann es verbessern", tröstet Humboldt. "Wer kann das?", fragt der Mathematiker. "Wir können das", sagt der "Baron". Ein unverbesserlicher, gerade mit seinen Irrtümern ans Herz rührender Phantast. Sein nächster Geistesverwandter heißt Münchhausen.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 43/2012
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