13.05.1996

UmweltKäpt'n Iglo in Seenot

Der Multi Unilever kämpft gegen die Überfischung der Meere - aus Angst um die Zukunft des Fischstäbchens.
Der Tag begann denkbar schlecht für die Fischer an der schottischen Ostküste. Das Schiff, das sich langsam näherte, trug das gefürchtete Emblem: Auf dem grünen Bug der "Sirius" schimmerte ein bunter Regenbogen - das Erkennungszeichen von Greenpeace.
Die Umweltschützer waren nicht zum Tanken gekommen. Sie planen eine direkte Aktion gegen die Überfischung der Nordsee.
Erstmals steht dem Ökomulti bei einer Aktion ein Industriemulti zur Seite: Auch Unilever, einer der größten Konsumgüterhersteller der Welt, will die Fische schützen.
Binnen eines Jahres will die Weltfirma aufhören, für ihre Produkte Fischöl zu verwenden, das aus der Industriefischerei in der Nordsee stammt. Zwischen 14 und 23 Millionen Mark läßt sich der Konzern den Umstieg auf Soja- und Palmöl kosten.
Zusätzlich plant der Multi, zusammen mit dem World Wide Fund for Nature (WWF), einen unabhängigen "Marine Stewardship Council" (MSC) einzurichten, der Maßstäbe für bestandserhaltende Fischerei festsetzt und Ökologos vergibt. Ab 2005 will Unilever sein gesamtes Fischprogramm (unter anderem: Nordsee, Iglo) aus ökologisch korrekter Fischerei beziehen - Käpt'n Iglo wird grün.
"Unilever hat begriffen, daß wir ein gesundes und bestandserhaltendes maritimes Ökosystem brauchen", sagt Unilever-Manager Anthony Burgmans. Daß dies nicht nur aus Liebe zur Natur passiert, leugnet er nicht: "Als einer der weltgrößten Fischverwender ist es in unserem kommerziellen Interesse, die Meeresumwelt vor Fischfangmethoden zu schützen, die Bestände unwiederbringlich vernichten." Und Peter Greim, bei der Unilever-Tochter "Frozen Fish International" in Bremerhaven tätig, "will auch in 50 Jahren noch Fischstäbchen herstellen können".
Wenn nicht bald etwas passiert, kann Unilever seine gewaltige Fischsparte vergessen. 20 Prozent der europäischen und der US-amerikanischen Tiefkühlfische werden von Unilever verkauft. Doch nach Angaben der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen sind 13 der 17 Hauptfanggebiete der Welt leer oder stark gefährdet. 70 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände sind erschöpft, überfischt oder erholen sich nur langsam.
Der Vorstoß von Unilever richtet sich vor allem gegen die Industriefischer. Sie ziehen den Speisefischen, die Unilever für Fischstäbchen, Gourmetstückchen, Schlemmerfilets und die Nordsee-Restaurants verwendet, die Nahrungsgrundlage aus dem Wasser. Die Industriefischerei fängt weniger wertvollen Fisch wie Sandaal und Sprotten - Fische, die auch Robben und Seevögeln als Futter dienen. Aus ihnen wird proteinreiches Fischmehl und Fischöl gewonnen.
"Gammelfischerei" wird dieser Zweig genannt, weil die Fische bis zur Anlandung ungekühlt auf den Schiffen gelagert werden und reichlich angemoddert und übelriechend in den Fischmehl- und Fischölfabriken ankommen. Dort werden sie zerkocht oder pulverisiert und sterilisiert.
Anders als bei Speisefischen gibt es für die Gammelfischerei so gut wie keine Fangbeschränkungen - obwohl in den Netzen mit nur 16 Millimetern Maschengröße eine große Zahl von Jungtieren wertvoller Arten den Tod findet.
Ein Drittel der weltweiten Anlandungen, rund 29 Millionen Tonnen Fisch, werden von Gammelfischern gefischt. Sie landen im Futter von Schweinen und Hühnern, von Zuchtlachsen und -garnelen oder als Fette in Backwaren, Margarine oder Kosmetika. Wo ganz unverfänglich "tierisches Fett" auf den Verpackungen steht, ist oftmals Fischöl drin. Auch in der Nordsee gehen rund die Hälfte aller angelandeten Fische aufs Konto der Gammelfischer: etwa 800 000 Tonnen.
Zehn Prozent Heringsbeifang sind erlaubt, doch auch Kabeljau, Schellfisch und Wittling landet schon mal in der Fischpresse. Verschärft wird die kritische Situation auf den Weltmeeren durch die riesigen Beifangmengen. Fische, zu jung oder zu wertlos, werden tot oder sterbend einfach wieder über Bord gekippt.
Knapp ein Drittel des weltweiten Gesamtfangs von 85 Millionen Tonnen jährlich macht das aus, schätzt die FAO. Allein in der Nordsee gehen für jedes Kilo angelandete Fische bis zu vier Kilo über die Reling.
Nun will Unilever zusammen mit dem WWF die Macht der Verbraucher nutzen, um das Geschäft mit den Fischen langfristig zu retten.
"Wir setzen auf die Mechanismen des Marktes", sagt Iglo-Sprecherin Ursula Schröder. Fischprodukte, die nach Maßstäben ressourcenschonender, bestandserhaltender Fischerei gewonnen werden, sollen ein Logo auf der Verpackung erhalten.
Greenpeace beobachtet die Zusammenarbeit zwischen Unilever und WWF wohlwollend, aber skeptisch. Zu oft haben die Regenbogenkrieger erlebt, daß die Kooperation mit der Industrie über Lippenbekenntnisse nicht hinausgeht, immer wieder werden die von Wissenschaftlern empfohlenen Höchstfangquoten aufgrund des Drucks der Fischereilobby erhöht. Statt den Fischfang einzuschränken, wird ausgelagert: Die EU kauft immer neue Fanglizenzen - unter anderem von Marokko, Chile, Argentinien - und gefährdet dort nicht selten den örtlichen Fischfang.
"Man glaubt immer noch, das Meer managen zu können", schimpft Peter Pueschel, Meeresfachmann von Greenpeace Deutschland, "wenn ein Fischbestand abgefischt ist, weichen die Fischfangflotten einfach auf den nächsten aus, so lange, bis sich die Bestände kaum noch erholen können. Die Auswirkungen auf das Ökosystem sind unabsehbar."
Auch der Ökomulti setzt einmal mehr auf die Macht der Verbraucher: Auf allen Verpackungen soll nicht nur das von WWF und Unilever propagierte MSC-Logo stehen, sondern konkrete Angaben auch über den Ort, an dem der Fisch gefangen wurde, und die Art und Weise, etwa, ob mit Treibnetzen gefischt wurde.
"Wer wirklich nach ökologischen Gesichtspunkten fischt", sagt Pueschel, "braucht sich vor Transparenz doch nicht zu fürchten."
[Grafiktext]
Der Unilever-Konzern 1995
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 20/1996
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