13.05.1996

KunstLöcher und Drumherum

Handwerker aus Oberösterreich produzieren die Werke wichtiger Bildhauer. Jetzt wird ihre Kunst in zwei Ausstellungen gezeigt.
Rainer Schopf zieht das weiße Käppi ab und kräuselt die Stirn: "Die haben Nerven", stöhnt der Maurer, "schließlich ist Beton keine Bronze." In der Werkhalle, wo sonst Blumenkübel vom Band laufen, gießt Schopf Bücher aus Beton für das neue Holocaust-Denkmal in Wien von Rachel Whiteread.
Wie der Maurer arbeiten viele österreichische Handwerker in der Region um Linz, im sogenannten Mühlviertel, für Künstler und Museen. Seit die drei Brüder Baumüller vor zehn Jahren die "Werkstatt Kollerschlag" gegründet haben, blüht das Zusatzgeschäft für Schlosser, Tischler und Steinmetze. "Wir liefern Kunstwerke schlüsselfertig", sagt Werner Baumüller, 39, und klopft sich stolz auf seinen Kugelbauch, "der Künstler braucht nur die Idee mitzubringen."
Jedes Jahr im Juli präsentiert die Dorfwerkstatt ihre Arbeiten, rund 600 Bildhauer, Galeristen und Kunstinteressierte aus den Großstädten der Welt reisen dann in das oberösterreichische Dörfchen Kollerschlag zwischen Linz und Passau. "Unser Hühnerhof-Image war von Anfang an ein Standortvorteil", sagt Wolfgang Baumüller, 41, "in Wien hätte uns doch niemand beachtet."
Das erste Kunstwerk von Kollerschlag entstand 1984. Die Baumüllers besorgten Joseph Beuys, der von dem Kaff gehört hatte, eine ausgediente Schultafel, und mit Kreide orakelte der Filzhut-Künstler: "nur noch 1017 Tage bis zum Ende des Kapitalismus". Seither steht die internationale Künstlerprominenz Schlange in den Dörfern des Mühlviertels.
Der amerikanische Bildhauer Jonathan Borofsky bestellte bei den Baumüllers den 37 Tonnen schweren Stahlgiganten, der nun am Frankfurter Messeturm seinen Hammer schwingt, sein schottischer Kollege Ian Hamilton Finlay ließ seine Neon-Nirosta-Pergola für die Berliner "Metropolis"-Ausstellung anfertigen, und Erwin Heerich aus Düsseldorf gab viele schachtelige Holzskulpturen in Auftrag.
Rund 200 Plastiken und Installationen sind mittlerweile in den Dorfwerkstätten des Mühlviertels entstanden - einige davon gibt es jetzt in zwei Ausstellungen zu sehen: im Münchner Kunstbunker Tumulka bis zum 23. Juni und im Palais Thurn und Taxis in Bregenz vom 1. bis zum 30. Juni.
Selbst in den USA hat die Provinzwerkstatt mittlerweile einen Namen. "In New York bekomme ich von den Handwerkern eine Absage nach der anderen", sagt der Betonbildhauer Matt Mullican, "bei Heinzi und Wolfi ist das alles kein Problem." Auch der Kanadier David Rabinowitch und Per Kirkeby aus Kopenhagen lassen bei den Baumüllers arbeiten.
"Wir sind schon ein Markenzeichen und manchmal auch ein Sprungbrett", meint Bruder Wolfgang, "selbst wenn wir einen gutdotierten Auftrag bekommen, entscheiden wir vor allem nach der Qualität." So ist die Werkstatt in vielen Fällen auch ihr eigener Auftraggeber: Einen erlesenen Kreis von rund 20 Bildhauern bittet sie regelmäßig um Entwürfe. Für diese übernimmt sie alle Kosten der Herstellung - einmalig in der Kunstszene und ein Lockmittel auch für Stars der Kulturszene.
"Wir besitzen dann die eine Hälfte und der Künstler die andere", sagt Heinz Baumüller, 45, und blickt auf einen wie Käse durchlöcherten Granitbrocken von Tony Cragg: "Die Löcher gehören also dem Tony und uns das Drumherum."
Bruder Heinz nennt sich selbst "das Gewissen" des Kollerschläger Kunsttrios: Er arbeitete für Beuys in Düsseldorf, seine Kontakte und Kennerschaft waren das Startkapital der Werkstatt. Um den Vertrieb kümmert sich Werner, ein gelernter Werbemann, für die Finanzen und den Kontakt zu den Handwerkern ist Wolfgang Baumüller verantwortlich.
Der Kundenkreis der Baumüllers ist allerdings begrenzt. "Bei Malern geht das nicht so gut", erzählt Werner, "ein Bild entsteht ja meist erst während der Arbeit, da zählt die Handschrift." Für einen Bildhauer sei dagegen der Schaffensprozeß schon mit dem Entwurf oft abgeschlossen, die Ausführung in staubiger Atelierluft überläßt er den Handwerkern.
"Das ist meistens ein tolle Tüftelei", sagt Siegfried Fenkhuber, zu dessen Tischlerwerkstatt nur einspurige Hohlwege führen. Früher malte er Bilder, zusammen mit Heinz Baumüller studierte er in Linz an der Kunsthochschule - doch verkaufen konnte er nur wenig. Dann baute er kunstvolle Möbel, bis er begann, die künstlerischen Ideen anderer zu realisieren. "Geschenkt möchte ich die Dinger aber nicht haben", sagt Fenkhuber, "das allermeiste sind für mich Totgeburten." Kunst, so meint er, entstehe erst im Umgang mit dem Material. "Alles andere ist doch ein Witz."
Entwurfskünstler wie Erwin Heerich stört die Kritik kaum, für sie zählt die Arbeit: "Nach so einem Tischler hätte ich lange suchen müssen", sagt Heerich, "außerdem muß man die da unten ja auch ein bißchen unterstützen." Der Bildhauer Tony Cragg schätzt die Kollerschläger Handwerker vor allem, "weil sie die Anweisungen sehr genau befolgen". Zudem arbeiten sie, so Wolfgang Baumüller, oft preisgünstiger als ihre deutschen Kollegen.
Und sie haben Spaß. "Das ist doch immer wieder spannend", sagt der Schlosser Paul Linzner, "so wie damals in Arolsen." Dort wollte der Kitsch-Künstler Jeff Koons 1992 während der Documenta einen "Puppy" im Schloßhof aufstellen, zwölf Meter hoch, bepflanzt mit 20 000 Blumen. "Wie das gehen sollte, wußte niemand", sagt Linzner. Doch nach sechs Wochen hatten die Handwerker eine Lösung aus Holzbrettern und Stahlträgern ausgetüftelt. "Für das Publikum war das eine Riesenshow, für uns ein Riesenauftrag", sagt Werner Baumüller.
Den brauchte die Werkstatt auch, denn spätestens 1990 hatte sich die Sammelwut vieler Kunstliebhaber weltweit abgekühlt. "Was wir seitdem entwikkelt haben, sind neue Kommunikationsstrategien", sagt der Werbemann nüchtern.
Nun wollen die drei vom Dorf mit großen Unternehmen ins Geschäft kommen. Eine österreichische Supermarktkette hat sich bereits überzeugen lassen und vor einer ihrer Filialen die vielgliedrige Skulptur "Tägliches Brot" von Tony Cragg aufgestellt. "Da haben wir auch die Mitarbeiter miteinbezogen", schwärmt Werner Baumüller, "und heute fahren sogar Touristenbusse dorthin." Kunstwerke, so ist er überzeugt, brauchen Inszenierung: "Aber natürlich nur, wenn es der einzelnen Arbeit nicht schadet."
Den einstigen Standortvorteil mit seiner ländlichen Idylle empfindet Werner Baumüller mittlerweile als lästig. "Wenn zu uns das Fernsehen kommt, haben die ja nichts Besseres zu tun, als jedem Huhn nachzurennen", beklagt er sich, "und jeder Dorftrottel wird zu seiner Meinung über unsere Kunst interviewt."
Der jüngste der drei Brüder fühlt sich in Wien viel wohler, er hat dort seine Netze weit ausgeworfen: "Uns kann eigentlich niemand Konkurrenz machen", ist er überzeugt, "von Anfang an war klar, daß wir den Auftrag fürs neue Holocaust-Denkmal bekommen."
Längst sind die Baumüllers nicht nur Subunternehmer, sondern auch Vermarkter der Kunst, und zumindest für Werner und Heinz ist Kollerschlag wie ein Häuschen in der Toskana. Mit ihren Funktelefonen reisen sie durch die Lande, das wenige Haar stachelkurz geschnitten. Und wenn sie im Juli ihr großes Fest geben, spielen sie die Mittler zwischen den Welten, amüsiert besuchen sie gemeinsam mit der mondänen Gästeschar den Feuerwehrball, der immer am selben Wochenende stattfindet.
Manchmal wagen sich dann auch ein paar Dörfler in den ehemaligen Kaufmannsladen von Baumüller senior und stehen etwas hilflos vor Steinquadern und Holzblöcken. Etwas gekauft von der Weltkunst hat in Kollerschlag aber noch niemand.

DER SPIEGEL 20/1996
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