13.05.1996

Publizisten Überflieger im Abwind

In der Frankfurter Allgemeinen verwirrt Herausgeber Schirrmacher die Kollegen mit Ungereimtheiten im Lebenslauf.
Er hat es gerne groß: "Großer Gestalter", "große Zeit", "einer der großen Abschiede von der alten Bundesrepublik". Größer als groß ist nur das Größte: "Joseph Brodsky war der größte Dichter unserer Zeit", schreibt er in einem ozeanisch bewegten Nachruf auf den russisch-amerikanischen Lyriker ("Wir protestieren gegen diesen Tod").
Auch andere Superlative gibt's bei ihm im Sonderangebot: taz-Reporterin Gabriele Goettle wird als "eine der wichtigsten literarischen Stimmen unserer Zeit" plakatiert. In schwindelnde Höhe bugsiert er selbst Martin Walsers braves Bürokraten-Psychogramm "Finks Krieg": Seit Koeppens "Treibhaus"-Roman von 1953 habe es "ein besseres Buch über das leise Verhältnis von Macht und Wahn nicht gegeben".
Es spricht Frank Schirrmacher, 36, der fürs Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen zuständige Herausgeber. Und zwar über ein Werk, das er selbst für sein Blatt zum Vorabdruck eingekauft hatte und das von der Literaturkritik überwiegend verrissen wurde.
Am Mittwoch dieser Woche sonnt sich der wortmächtige Frankfurter "Kindkaiser" (Süddeutsche Zeitung) mit dem weichen Primanergesicht im Kreise seiner Untergebenen: Beim Abendessen in der "Krone" in Assmannshausen am Rhein wird er Programmatisches vortragen, auf jenem alljährlich veranstalteten Treffen der FAZ-Feuilletonisten, zu dem auch die meisten der dem Ressort zugeordneten Auslandskorrespondenten anreisen.
Das gesellige Beisammensein der einflußreichen deutschen Feuilletontruppe dürfte auch diesmal kaum von jener theorieschweren Nobilität geprägt werden, deren sich das Blatt für kluge Köpfe am liebsten selbst bezichtigt. Schon beim letzten Treffen gab es handfesten Krach, der weniger von theoretischen Kontroversen ausgelöst wurde als vom harschen Führungsstil Schirrmachers - er war damals gerade ein Jahr im Amt.
In einem Beschwerdebrief an den "lieben Herrn Schirrmacher" hatten kurz zuvor elf Redakteure, darunter der angesehene Kunstkritiker Eduard Beaucamp, Literaturchef Gustav Seibt und Wissenschaftsautor Konrad Adam, eine "beunruhigende Verschlechterung des Arbeitsklimas" konstatiert. Das Dokument der Rebellion, ungewöhnlich in dieser ehrpusseligen Redaktion, war auch den übrigen vier FAZ-Herausgebern zur Kenntnis gebracht worden.
Kern der Vorwürfe: Der Arbeitsplatz sei für die Redakteure ein Ort geworden, "den man morgens mit Beklemmung betritt und den man abends erleichtert verläßt". Die "Qualität" der Arbeit sei dadurch "auf längere Sicht" bedroht. Das Papier wurde dann auf dem Jour fixe des Feuilletons, freilich außerhalb der Tagesordnung, immer wieder diskutiert, hatte aber keine praktischen Auswirkungen.
Der Unmut indes, der sich damals artikulierte, schwelt weiter und hat sich mittlerweile zu einem Dauerstreit zwischen Redaktion und Herausgeber verschärft. Ärger und Verdrossenheit richten sich nicht nur gegen den altklugen Kohl-Jünger und backenblasenden Verkünder epochaler Ab- und Aufbrüche; Unbehagen bereitet den Kollegen auch ein autoritärer Chef-Ideologe, der kaum Widerspruch erträgt. Vor allem irritiert sie sein sorgloser Umgang mit der eigenen Biographie.
Der Wiesbadener Beamtensohn war gleich nach dem Germanistikstudium, im Alter von 25 Jahren, in den hehren Zirkel der kulturkritischen Meinungsführer eingetreten, wurde dreieinhalb Jahre später, inzwischen zum Doktor avanciert, Nachfolger des einflußreichsten deutschen Literaturkritikers, Marcel Reich-Ranicki. Seinen Aufstieg krönte er am 1. Januar 1994, als er anstelle des pensionierten Joachim Fest, eines angesehenen Historikers, Mitherausgeber der FAZ wurde. Eine Blitzkarriere, die sogar international Beachtung fand.
So wurde das "Wunderkind" (Bunte) vom US-Magazin Time 1994 neben Bill Gates unter die hundert bedeutendsten Persönlichkeiten der Welt eingereiht, die das nächste Jahrhundert bestimmen werden. Der Überflieger verurteilt das Mittelmaß, "Leute", die "sich wissenschaftlich und theoretisch kaum ausweisen können", vor allem aber die "Gewissensfraktion" der 68er Generation und die Autoren der Gruppe 47 - sie hätten die ästhetischen Maßstäbe durch Politik ruiniert und der Nachkriegsrepublik unter dem Vorwand, sie zu kritisieren, als "Entlastung", als moralisches Alibi gedient. Dieser Literatur, so Schirrmacher 1990, stehe "das Ende bevor". Klar doch: "Ich bin Ende oder Anfang" - unfreiwillig zielt diese Überschrift über einem seiner Kafka-Essays wohl auf das eigene Ego.
So selbstbewußt haben vor ihm nur die Protagonisten von 1968 Epochen verabschiedet und das "ganz Andere" (Horkheimer) des Künftigen beschworen. Der Verdacht, Schirrmacher sei mit seiner Macheten-Rhetorik in Wahrheit ihr Epigone, wird durch die Ruck-zuck-Promotion des Jungredakteurs an der Siegener Gesamthochschule, einem Reformkind des 68er Aufbruchs, genährt.
Ausweislich der Kurz-Biographie des Munzinger-Archivs, deren Zahlenangaben auf einem von Schirrmacher ausgefüllten Fragebogen beruhen, wurde der Germanist und Anglist 1986 promoviert. Tatsächlich jedoch erwarb er erst 1988 den Doktortitel und dies auch nicht "mit einer Arbeit über den amerikanischen Dekonstruktivismus", wie er im sogenannten Blauen Buch der FAZ vorgibt, sondern mit einer geringfügig erweiterten Kafka-Studie.
Schirrmacher hatte möglicherweise guten Grund, Thema und Datum seiner Promotion ein bißchen zu verfälschen. Aufmerksamen Lesern wäre sonst aufgefallen, daß er den Großteil der Doktorarbeit bereits ein Jahr zuvor, im Februar 1987, in einem Kafka-Sammelband der Edition Suhrkamp veröffentlicht hatte.
Die insgesamt 180 Seiten umfassende Promotionsschrift unterscheidet sich von dem Suhrkamp-Aufsatz nur durch eine 10 Seiten starke Einleitung und einen ebenfalls neu formulierten sogenannten zweiten Teil, der noch einmal 22 Seiten ausmacht. Den Haupttext, der bei Suhrkamp unter dem Titel "Verteidigung der Schrift" erschienen war und nun als "Kafka und der Prozeß der Dekonstruktion" recycelt wurde, ließ Schirrmacher bis auf die Streichung einiger Sätze praktisch unverändert.
Zwar duldet die sozialliberale Promotionsordnung der Siegener Gesamthochschule in Ausnahmefällen die Annahme bereits veröffentlichter Arbeiten. Promotionsrechtler wie der Kölner Jurist Jürgen Salzwedel halten dieses Verfahren aber für "ganz und gar ungewöhnlich" und "absolut unakademisch".
Den meisten Professoren, die in der Prüfungskommission über den ordnungsgemäßen Ablauf der Promotion zu wachen hatten, ist der Fall Schirrmacher heute eher peinlich. Viele mögen sich auf Nachfrage gar nicht mehr erinnern, von der Publikation bei Suhrkamp beizeiten erfahren zu haben, obwohl dies in den Unterlagen der Hochschule ausdrücklich festgehalten ist.
"Es gibt Promotionen, bei denen man glücklicher ist", räumt der damalige Kommissionsvorsitzende Johannes Kramer ein: "Schön ist das mit dem Suhrkamp-Bändchen nicht."
Noch weit unschöner ist, daß Schirrmacher in Siegen offenbar einen Text einreichte, dessen wissenschaftlicher Ertrag ihm drei Jahre zuvor an der germanistischen Fakultät in Heidelberg bereits den Magistertitel eingebracht hatte. Nach Auskunft der beiden dortigen Gutachter, die ihn beim Studienabschluß betreuten, ist die - inzwischen verschwundene - Magisterarbeit "weitgehend identisch" mit dem bei Suhrkamp publizierten Text, für den er dann wiederum, ohne viel Zusatzmühe, den Doktortitel einheimste.
Die akademische Doppelverwertung ein und derselben wissenschaftlichen Arbeit gilt unter Experten als besonders anrüchig. Zwar ist dieser Fall in den meisten deutschen Promotionsordnungen nicht explizit geregelt, und Schirrmacher führt denn auch an, daß es ja "keine Vorschrift" gebe, die gegen die Verwendung einer Magisterarbeit zu Promotionszwecken spreche, "selbst wenn diese zu 90 Prozent mit der anschließenden Doktorarbeit identisch ist".
Fachleute wie der Konstanzer Verwaltungsjurist Hartmut Maurer, einer der namhaften Kommentatoren des deutschen Wissenschaftsrechts, können aber auf eine allgemeine Bestimmung verweisen, wonach jeder Promotionskandidat verbindlich erklären muß, daß er seine Doktorarbeit nicht zuvor an einer anderen Universität eingereicht hat.
Der Sinn dieser Klausel sei, doziert Maurer, dem Doktoranden eine "originäre Arbeit" abzuverlangen, die "wissenschaftlich wirklich Neues" biete. Die "Mehrfachausbeutung" einer Magisterarbeit sei "im höchsten Maße anstößig", urteilt, schärfer noch, Promotionsrechtler Salzwedel: "Das bricht mit allen akademischen Sitten."
Nicht alles, was gesetzlich nicht ausdrücklich verboten wird, ist deswegen schon erlaubt - das gilt allemal für jene deutsche Universitätstradition, die gerade von der FAZ beharrlich hochgehalten wird.
Nun ist es durchaus üblich, daß Akademiker ihren ersten Forschungsbeitrag zu einer Promotion ausbauen. Doch "grundsätzlich gilt", so Salzwedel, "daß der Neuigkeitsgehalt dominieren muß". Genau daran mangelt es im Fall Schirrmacher. Hinzu kommt: Gerade gegen die Erweiterung der Magisterarbeit, die zur Promotion führte, wurden erhebliche Einwände von Professoren vorgebracht.
Der als Gutachter aus Gießen hinzugerufene Kafka-Spezialist Gerhard Kurz empfahl zwar die Annahme der verlängerten Magisterarbeit, gab aber zu Protokoll, das letzte Kapitel "macht mich in meiner Beurteilung sehr verlegen": Der zweite Teil wirke auf ihn "gegenüber dem subtilen" ersten Teil, den er ja bereits aus seiner "publizierten Form" kenne, "disparat" und von "Fragwürdigkeiten" überschattet. Die kritische Diskussion des Dekonstruktivismus, so der Gutachter weiter, sei "mittlerweile auf einem anderen Stand angelangt".
Wie wenig die Gutachten dazu taugen, die Ausnahmeregelung zu begründen, die Schirrmacher gewährt wurde, zeigt auch die Einschätzung des Germanistikprofessors Jens Malte Fischer. Dessen Bedenken waren so stark, daß er sogar empfahl, die vorgelegte Arbeit abzulehnen.
Der Autor sei weder in der Lage, seine Thesen hinreichend zu begründen, urteilte Fischer, noch kenne er offenbar die einschlägige Sekundärliteratur: "Der ganze Umfang der Arbeit liegt, offen gesagt, unter dem, was literaturwissenschaftliche Arbeiten leisten sollten."
Nur einer der drei bestellten Gutachter, der Romanist Hans Ulrich Gumbrecht, konnte sich vorbehaltlos für den Text von Schirrmacher begeistern ("Genuß und Bewunderung"). Doktorvater Gumbrecht plädierte auf "magna cum laude" und sicherte den Titel für seinen Kandidaten.
Welch hohe Meinung der Doktorand seinerseits von seinem Erstgutachter hatte, konnten die FAZ-Leser 1987, noch vor dem Abschluß der Promotion, in einem zweispaltigen Artikel nachlesen. Wortreich schilderte Schirrmacher die Vorzüge des von Gumbrecht initiierten und in der Fachwelt angefeindeten Graduiertenkollegs in Siegen als "Zelle einer weltoffenen Gelehrtenrepublik", die "neue Perspektiven für die Geisteswissenschaften" eröffne.
Auch nach der erfolgreichen Promotion blieb Gumbrecht, der mittlerweile in Stanford lehrt, dem Ex-Doktoranden im FAZ-Feuilleton freundschaftlich verbunden. Mal berichtet der Professor aus dem akademischen Betrieb in Amerika, mal rezensiert er einen Essayband des Italieners Italo Calvino.
Die Befürchtung, ausgerechnet Schirrmacher, der erklärte Hüter wissenschaftlicher Standards, habe es bei seiner Promotion nicht so genaugenommen, kursiert schon seit längerem in der Redaktion und beschäftigt auch die anderen Herausgeber. Selbst der langjährige Förderer Fest hat sich inzwischen enttäuscht von seinem Protegé abgewandt. Fest gegenüber einem engen Freund: "Zum Thema Schirrmacher habe ich nichts zu sagen."
Statt die Zweifel zu zerstreuen, um aus dem Abwind herauszukommen, gibt Schirrmacher stets neuen Anlaß zu Verwunderung. Die Grenzen zwischen Wahrheit, Ausschmückung und freier Erfindung sind bei dem hochbegabten Mann kongenialisch fließend. Manche Details sind so skurril, daß die FAZ-Redakteure sich mitunter fragen, ob ihr Vorgesetzter mit der Geschwindigkeit der Karriere möglicherweise alle Maßstäbe verloren hat.
So verblüffte er selbst enge Vertraute mit der Erzählung, er sei als Kind in Äthiopien entführt worden und unter den Augen von Männern aufgewachsen, die jederzeit bereit gewesen seien, ihn zu töten. Und hat ihr Herausgeber nun, rätseln die Redakteure, Zivildienst abgeleistet, wie er zunächst behauptete, oder war er doch Panzerfahrer, wie er zwischenzeitlich in Umlauf brachte?
Manche Flunkereien entspringen offenbar einer Laune des Augenblicks. Anders ist nicht zu erklären, wieso Schirrmacher beim Blättern in einem Bildband mit hochherrschaftlichen Villen der Jahrhundertwende plötzlich auf ein besonders schönes Foto zeigt und dazu erklärt, in so einem Haus sei er aufgewachsen. Tatsächlich ist der kleine Frank in einem Reihenhaus in Wiesbaden groß geworden.
Einige Fehlleistungen folgen allerdings auch klarem Kalkül. Offenbar um sich bei dem damals noch amtierenden Chef Fest einzuschmeicheln, berichtete er diesem eines Tages, er sei von der "Society of Fellows" an der amerikanischen Harvard-University gebeten worden, einen Vortrag über dessen Hitler-Buch zu halten.
Bereitwillig lud Fest den Bewunderer zu sich nach Hause ein und ließ sich vier Abende lang über das Buch und seine Entstehungsgeschichte ausfragen. Schirrmacher gab Fest eine Kopie des Vortrags, in dem die Hitler-Biographie als "das intellektuell, ästhetisch und politisch einfußreichste Werk" gelobt wird, "das seit 1945 in Deutschland veröffentlicht worden ist".
Die Laudatio hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Im Büro der "Society of Fellows" in Harvard kann sich niemand daran erinnern, daß die Rede jemals öffentlich gehalten wurde. Der angesehene Klub von Doktoranden und Förderern beschäftigt sich in der Hauptsache mit der Vergabe von Stipendien. "Wir organisieren Essen, aber keine Vorträge", erklärt der zuständige Sekretär.
Und der Kunsthistoriker und enge Schirrmacher-Freund Joseph Koerner, der den FAZ-Redakteur in Harvard empfohlen haben soll, weiß zwar heute noch ganz genau, daß die Rede "ein großer Erfolg war". Zeitpunkt und Rahmen der Veranstaltung sind ihm aber, leider, entfallen. Handelte es sich am Ende bloß um ein gedankenreiches Arbeitsessen unter Freunden?
Schirrmacher selbst verweigert zu allen Punkten eine Stellungnahme. Selbst die Auskünfte über seine Doktorarbeit, die er zunächst auf Nachfrage gab, wollte er, noch einmal schriftlich damit konfrontiert, nun nicht mehr bestätigen. Er werde keinen Kommentar abgeben, ließ er ausrichten, schon gar nicht zu seinem Lebenslauf.
Der Frankfurter Turbo-Feuilletonist formulierte 1989, in einem Aufsatz zu literarischen "Überlebenstechniken", trefflich sein Lebenslaufmotto: "Man sollte niemandem trauen außer sich selbst."

DER SPIEGEL 20/1996
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