20.05.1996

Ein Volk von Dämonen?

Von Meyer, Fritjof

Ein ganzes Volk muß büßen - diese Nazi-These von der kollektiven Schuld der Juden kehrten die Sieger 1945 vorübergehend gegen die Deutschen. US-Wissenschaftler Daniel Goldhagen hat sie wiederbelebt. Sind die Deutschen wirklich ein Volk von Judenmördern - was wußten sie vom Holocaust? Was konnten sie wissen, was taten sie?

Vom Hamburger Bahnhof Sternschanze fuhren 502 norddeutsche Polizisten am 21. Juni 1942 nach Polen. Sie wußten nicht, was auf sie zukam: der Befehl, massenhaft zu morden.

Zu diesem Reserve-Polizeibataillon 101 gehörten beamtete Polizisten, eingezogene Reservisten - Familienväter, die meisten um die 40 Jahre alt - und einige junge Wehrpflichtige, die dafür nicht Soldat werden mußten.

Fast zwei Drittel kamen aus Arbeiterfamilien, denen "eine antinationalsozialistische politische Kultur zu eigen gewesen war", so der amerikanische Zeithistoriker Christopher Browning.

Drei Wochen später, am 13. Juli 1942, fiel ihre Lkw-Kolonne vor Morgengrauen in das Dorf Jozefow bei Lublin ein: strohgedeckte, weißgetünchte Katen, die meisten Einwohner - 1800 - Juden.

Polizeimajor Wilhelm Trapp, 53, ließ absitzen und im Halbkreis antreten. Unter Tränen verkündete er seinen Männern einen Befehl "von ganz oben", dessen Ausführung ihnen vielleicht leichter falle, wenn sie an britische Bomben auf deutsche Frauen und Kinder dächten.

Die Juden von Jozefow steckten mit Partisanen unter einer Decke, sagte Befehlshaber Trapp noch. In Wahrheit ging es darum, das Umland des nahen Vernichtungslagers Belzec zu räumen, auf Verlangen des Lubliner SS- und Polizeiführers Odilo Globocnik.

Der Befehl: Die Polizisten sollten die arbeitsfähigen Männer in ein Arbeitslager verbringen - sie kamen in das Vernichtungslager Belzec -, die übrigen Juden exekutieren (auf ein Foto vom nächsten Massaker in Lukow schrieb ein Polizeireservist: "Verurteilte Juden").

Kommandeur Trapp stellte eine ungewöhnliche Frage: Wer sich von den Älteren dafür zu schwach halte? Zögernd traten zwölf Mann vor und brauchten nicht teilzunehmen, sie wurden von ihren Kameraden als "Scheißkerl, Blutarmer" verhöhnt, aber nicht bestraft. Andere suchten sich danach noch zu drücken.

Nachdem ein Arzt den Polizisten gezeigt hatte, wie ein Genickschuß auszuführen _(* Daniel J. Goldhagen: "Hitler''s Willing ) _(Executioners". Alfred A. Knopf Verlag, ) _(New York 1996; 624 Seiten; 30 Dollar. )

sei, tötete das Bataillon 1500 Menschen. Einer der Mörder berichtete, daß oftmals der Schädel "abgerissen wurde und nun Blut, Knochensplitter und Gehirnmasse durch die Gegend spritzten und die Schützen beschmutzten". Nach der Tat zeigten sich die Henker verstört oder gar erschüttert, empört. Trapp tröstete sie, die Verantwortung trügen höhere Stellen. Allein sein Bataillon tötete in Polen und Rußland insgesamt 38 000 Juden. Trapp sagte zu seinem Fahrer: "Wenn sich diese Judensache einmal auf Erden rächt, dann Gnade uns Deutschen."

Warum mordeten die Männer, die scheinbar Durchschnittsbürger waren? Der US-Professor Browning verweist in seinem Bericht über das Massaker auf die Experimente des Psychologen Stanley Milgram, wonach die meisten Menschen aus "Gehorsam gegenüber Autoritäten" und Gruppendruck zum Töten zu bringen seien: "Gewöhnliche Bürger erhalten den Befehl, andere Menschen zu vernichten - und sie tun es, weil sie es als ihre Pflicht ansehen, Befehlen zu gehorchen."

Im Fall der deutschen Polizisten kommt hinzu, so Browning, daß sie in einer Diktatur lebten, die sie intensiv indoktriniert hatte (das Bataillon 101 wurde freilich kaum besonders ideologisch geschult) und bei Ungehorsam mit Strafen bedrohte (aber keine Verweigerung von NS- Exekutionen wurde je bestraft).

Die Henker von Jozefow waren ganz so typische Durchschnittsdeutsche dann auch wieder nicht, vielmehr Polizisten in einem Polizeistaat, die sich dem Fronteinsatz, also der Gefahr für das eigene Leben, entziehen konnten und dafür einen Preis zu zahlen hatten: das Leben anderer. Und jeder dritte von ihnen war Mitglied der NSDAP.

In der erwachsenen Gesamtbevölkerung gehörte jeder achte der Partei an. Freilich mögen viele nicht aus Überzeugung der Partei beigetreten sein, sondern aus Opportunität. Und sehr viele stützten, ohne Parteigenosse zu werden, das Regime, das unter dem Schleier populistischer Losungen die niederen Instinkte freisetzte und legitimierte, etwa Mitmenschen anzuzeigen, zu malträtieren, gar umzubringen. Denunzianten und Speichellecker, Rohlinge, Fanatiker und Chauvinisten übernahmen die Meinungsführerschaft auf den Straßen und in den Käuferschlangen, in Kneipen und Vereinen, sowieso in Schulen und in NS-Organisationen.

Daniel Goldhagen, Assistent an der Harvard-Universität, hat eine andere Erklärung für die Mörder von Jozefow, die im Grunde eine Entschuldigung ist: Sie seien doch "ordinary Germans" gewesen, so der Untertitel seines Buches, denn die Durchschnittsdeutschen waren allesamt, so der Titel seiner Studie, "Hitlers willige Vollstrecker"*.

In einer "radikalen Revision dessen, was bis heute geschrieben wurde", behauptet Goldhagen, die Ausrottung der Juden sei ein nationales politisches Ziel der Deutschen für das 20. Jahrhundert gewesen, eine gesellschaftliche Norm. Die große Mehrheit der Deutschen, einschließlich sogar der meisten Antifaschisten, habe von den Judenmorden nicht nur gewußt, sondern sei auch zur Teilnahme bereit gewesen und habe sich damit aus der Gemeinschaft zivilisierter Völker ausgeschlossen.

Wie viele waren direkte Täter? In Auschwitz gab es 7000 SS-Leute (von denen vielleicht jeder zehnte ein Triebverbrecher im klinischen Sinne war). Nur ein paar Dutzend Schergen betrieben die polnischen Vernichtungslager, 3000 Mann umfaßten die Einsatzgruppen, zu den 38 Polizeibataillonen gehörten etwa 16 000 Deutsche.

Mit allen Beamten, Soldaten, Technikern, Fahrdienstleitern, die zumindest Beihilfe zum Massenmord leisteten, kommt Goldhagen auf mindestens eine halbe Million - weniger als ein Prozent der damals 80 Millionen Deutschen.

Goldhagen meint, keine signifikanten Teile oder identifizierbaren Minderheiten im deutschen Volk hätten eine abweichende Meinung bekundet - gegen andere Verbrechen der Nazis schon, nicht aber gegen den Judenmord. Kein Beleg sei ans Licht gekommen, daß "die Deutschen" die Judenverfolgung für unmoralisch gehalten und das Regime als kriminell erkannt hätten.

Aber ein Beleg existiert: 1942, bald nach Beginn der Massentötungen, gab es "innerhalb der Bevölkerung in verschiedenen Teilen des Reichsgebietes Erörterungen über ,sehr scharfe Maßnahmen gegen die Juden'', besonders in den Ostgebieten". So steht es in einer geheimen Weisung der Parteikanzlei, unterschrieben von dem Hitler-Sekretär Martin Bormann, an alle Gau- und Kreisleiter. Den Spitzeln der Gestapo und der NSDAP war trotz aller Vorsicht und Furcht der Bevölkerung massiver Unmut zu Ohren gekommen.

Da durch die Kriegsereignisse eine Auswanderung der Juden unmöglich geworden sei, so Bormanns Sprachregelung, sollten die Parteiagitatoren dem Volk die "rücksichtslose Härte" verständlich machen: "die völlige Verdrängung bzw. Aussiedlung der im europäischen Wirtschaftsraum ansässigen Millionen von Juden".

1943 erging eine neue Bormann-Direktive, die das wahre Geschehen noch weiter herunterspielte: Beim Thema Juden müsse "jede Erörterung einer künftigen Gesamtlösung" unterbleiben; "es kann jedoch davon gesprochen werden, daß die Juden geschlossen zu zweckentsprechendem Arbeitseinsatz herangezogen werden".

Die Kenntnis von den Massakern und Fragen danach heißt aber immer noch nicht Zustimmung. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen, von Sorgen nur für die Allernächsten bedrückt und den Leiden anderer gegenüber verhärtet, wußte nichts von Auschwitz und den Vernichtungslagern in Polen. Von den Massenerschießungen aber erfuhren sie durch Augenzeugen oder vom Hörensagen.

Goldhagens Behauptung, massenhafter Judenmord sei eine deutsche Besonderheit gewesen, jeder anderen Nation fremd, wird von seinem US-Kollegen Browning zurückgewiesen: Zu den Killern des Polizeibataillons 101 gehörte ein Dutzend eingezogener Luxemburger, die nicht durch acht Jahre NS-Indoktrination gegangen waren und sich auch nicht, wie von Goldhagen für die Deutschen behauptet, seit Jahrhunderten auf "eliminierenden Antisemitismus" hatten dressieren lassen.

Goldhagens Vater Erich überlebte im Ghetto Czernowitz (Bukowina), in dem sich auch der Dichter Paul Celan befand, der zu dem Schluß kam: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland."

Doch auf ihre Weise - wobei gewöhnlich ein Drittel ums Leben kam - deportierten erst einmal die Sowjets neun Tage vor dem deutschen Überfall auf die UdSSR 10 000 Juden aus Czernowitz nach Sibirien. Hernach vertrieben oder erschossen die Rumänen 34 000, die deutsche Einsatzgruppe D unter dem Kommando von Dr. Dr. Otto Ohlendorf, über den Daniel Goldhagen eine Examensarbeit geschrieben hat, beteiligte sich und erschoß 682 Juden.

Sadismus und enthemmte Inhumanität, erkannte schon die NS-Forscherin Hannah Arendt, sind keine deutsche Spezialität. Sie können in allen Formen moderner totalitärer Herrschaft auftreten, wenn eine aggressive Ideologie es dem einzelnen erlaubt, ohne Rücksicht auf "Gesinnung, Ehre und menschliche Würde" zu handeln.

"Daß kein besonderer Nationalcharakter erforderlich ist, um den neuesten _(* 1942 in Lukow. )

Typ des Funktionärs zum Funktionieren zu bringen", schrieb die Jaspers-Schülerin in ihrer psychologischen Studie "Organisierte Schuld", das "bedarf wohl nach den traurigen Nachrichten über Letten, Litauer, Polen und sogar Juden in Himmlers Mordorganisation keiner besonderen Erwähnung."

Auch die französischen, niederländischen, tschechischen und ukrainischen Polizisten funktionierten auf Befehl - und taten oft auch mehr als befohlen. Goldhagens Zeitgenossen können noch auf die Vollstrecker des Willens von Mao, Pol Pot, Idi Amin, Karadzic verweisen, denen ebenfalls Millionen Menschen zum Opfer fielen - gewiß keine Entschuldigung für das Volk, das sich auf seine multikulturelle Gelehrsamkeit und seine Geistesgrößen viel zugute tat.

Woher konnten die Deutschen vom Massenmord erfahren? Er war schließlich eine "Geheime Reichssache", auf deren Verrat die Todesstrafe stand. Der oberste Vollstrecker Heinrich Himmler gab erst im Oktober 1943 den Gauleitern offiziell bekannt, er habe sich entschlossen, die Juden "auszurotten", sie "von der Erde verschwinden zu lassen". Er fügte hinzu:
" Man wird vielleicht in ganz später Zeit sich einmal "
" überlegen können, ob man dem deutschen Volke etwas mehr "
" darüber sagt. Ich glaube, es ist besser, wir - wir "
" insgesamt - haben das für unser Volk getragen . . und "
" nehmen dann das Geheimnis mit in unser Grab. "

Immerhin erschien 1940 in der Berliner Illustrirten Zeitung eine Bildreportage über eine Polizeiaktion im Ghetto von Lublin. Das Regime machte kein Hehl aus dem Terror, es lag in der Funktion der KZ, Schrecken zu verbreiten. So wurden in Weimar die Opfer auf offener Straße vom Bahnhof nach Buchenwald getrieben.

Wo die legalen Informationsquellen versagten, suchten die Menschen Klarheit durch umlaufende Gerüchte, ohne zuverlässige Bestätigung. Auch deren Weitererzählen konnte schwer bestraft werden, selbst wenn sie stimmten.

Der jüdische Romanist Victor Klemperer protokollierte in seinem in Deutschland zum Bestseller gewordenen Tagebuch die Androhung von einem Jahr Gefängnis durch die Generalkommandantur Berlin für die Verbreitung von Gerüchten, selbst wenn man zugleich das Zugeflüsterte bezweifle. Der Anstreicher Louis Birk, der vom bevorstehenden Gastod der Juden geredet hatte, wurde hingerichtet.

Rote Plakate an den Litfaßsäulen unterrichteten über Verurteilungen wegen Abhörens von Feindsendern ("Vollendeter Landesverrat") und Hinrichtungen wegen Weitergabe des Gehörten. Darunter stand der Aufruf zur Denunziation von "Rundfunkverbrechern".

Nach Schätzungen der BBC schalteten regelmäßig etwa eine Million Deutsche (viele mit einer Decke über dem Kopf, damit nichts nach außen dringe) den meist zuverlässigen Londoner Rundfunk ein. Aber es kam auch der Verdacht auf, daß dieser Feindsender psychologische Kriegführung betreibe, ein Alibi für das eigene Gewissen.

Der Widerständler Helmut James Graf von Moltke schrieb 1943 einem britischen Freund, wenn man den Leuten sagte, was wirklich geschehen ist, "würden sie antworten: ,Sie sind ein Opfer der britischen Propaganda. Erinnern Sie sich doch, was für lachhafte Dinge man über unsere angeblichen Missetaten in Belgien 1914/18 behauptet hat''". Damals verbreiteten die Westmächte, deutsche Soldaten hätten dort Kindern die Hände abgehackt.

Die in den Untergrund geflüchtete Berliner Jüdin Inge Deutschkron erinnert sich: "Über BBC hörten wir im November 1942 das erste Mal von Vergasungen und Erschießungen." Damals brachte der Sender eine Woche lang mehrmals täglich das Kommunique des Interalliierten Informationskomitees über die Vernichtung der Juden. Deutschkron: "Wir konnten und wollten es nicht glauben."

Schon im Februar hatte der emigrierte Schriftsteller Thomas Mann über BBC eine Nachricht verbreitet, von der er zweimal sagte, sie klinge unglaubwürdig, "und überall in der Welt werden viele sich sperren, sie zu glauben", "aber meine Quelle ist gut": 400 holländische Juden seien nach Deutschland gebracht worden, um als Versuchsobjekte für Giftgas zu dienen. Tatsächlich fand die erste Verschleppung holländischer Juden am 14. Januar 1942 statt.

Die Informationen Manns schienen nicht per se glaubwürdig. Drei Monate vorher hatte er über BBC - ohne Vorbehalt - kundgetan, in einem deutschen Krankenhaus seien 2000 schwerverwundete deutsche Soldaten der Euthanasie anheimgefallen.

Alliierte Flugblätter fanden noch weniger Glauben. Sie stellten mitunter gefälschte Lebensmittelmarken dar, die den Benutzer ins KZ brachten. Flugblätter über die "Endlösung" wurden erst im Januar 1943 von den Briten über Deutschland abgeworfen, als sie schon als Rechtfertigung des alliierten Bombenterrors empfunden werden konnten. "In Polen sind mehr als 600 000 Juden eines unnatürlichen Todes gestorben", hieß es darin, dazu eine Deklaration der alliierten Mächte, einschließlich der Sowjetunion:
" Aus allen von den Deutschen besetzten Ländern werden "
" die Juden unter den brutalsten und grauenhaftesten "
" Bedingungen nach Osteuropa verschleppt . . . Von keinem "
" der Verschleppten hat man je wieder etwas gehört. Die "
" Arbeitsfähigen werden in Zwangarbeitslagern langsam zu "
" Tode geschunden, die Alten und Gebrechlichen dem "
" Hungertod ausgesetzt oder in Massen hingerichtet . . . "
" Keiner, der für diese Verbrechen verantwortlich ist, wird "
" der Strafe entgehen. "

Doch solche Enthüllungen, welche die Deutschen zur Rebellion bringen sollten, vermochten nicht mal die Amerikaner zu überzeugen: Mehr als die Hälfte der US-Bürger erklärten in einer Umfrage zu der Deklaration, sie glaubten nicht, daß die Nazis die Juden vorsätzlich getötet hätten.

Für die Massaker verfügten die Bewohner NS-Deutschlands freilich über eine Wissensquelle, die unanfechtbar war: die eigenen Männer, Brüder, Söhne, Freunde, welche die Erschießungen im Osten gesehen, sich gar beteiligt hatten, und sei es durch Absperrung und Bewachung der Todeskandidaten.

Trotz Verbots schickten die Soldaten, auch das Polizeibataillon 101, Feldpostbriefe in die Heimat, auch Fotos, von denen das Hamburger Institut für Sozialforschung einige in seiner Ausstellung "Vernichtungskrieg" in deutschen Städten zeigt.

Briefe aus dem Ostkrieg, aus der Etappe, in die Heimat:
* Ein Landser: "In Bereza-Kartuska, wo ich
Mittagsstation machte, hatte man gerade am Tage vorher
etwa 1300 Juden erschossen. Sie wurden zu
einer Kuhle außerhalb des Ortes gebracht, Männer,
Frauen und Kinder mußten sich dort völlig ausziehen und
wurden durch Genickschuß erledigt."
* Ein anderer: "Ich glaube, daß Juden hierzulande
auch bald kein Bethaus mehr brauchen werden. Warum,
habe ich Dir doch bereits geschildert. Für diese
greulichen Kreaturen ist''s doch die einzig richtige
Erlösung."
* Obergefreiter Paul Rubelt, Feldpostnummer 34539F:
"Die Juden sind meist die Übeltäter . . . Die Täter
werden erschossen."
* Soldat Fred Fallnbigl an seine Eltern in Salzburg:
"Gnade uns Gott, wenn wir gewartet hätten oder wenn
diese Bestien zu uns gekommen wären. Für die ist der
grausigste Tod noch zu schön."
* Ein Reichsbahninspektor: "Bei Anschlägen werden
kurzerhand aus der Bevölkerung eine Anzahl Leute,
besonders Juden, herausgezogen und an Ort und Stelle
erschossen, ihre Häuser in Brand gesteckt."

Der münstersche Historiker Klaus Latzel, 41, hat eine Dissertation über mehrere tausend Feldpostbriefe verfaßt. Ihm fällt auf, daß die Briefschreiber nicht so sehr Opfer der Propaganda waren oder auf extreme Strapazen des Krieges reagierten. Vielmehr sei die Gewaltbereitschaft schon in den Krieg mitgenommen worden - dies eine Lehre für folgende Generationen, sich vor dem Gewaltkult zu hüten und vor den weiteren, den wirklichen Bedingungen für eine Wiederkehr der Gewaltherrschaft: Massenarbeitslosigkeit, nationale Demütigung, Versagen der demokratischen Politiker, Hetze gegen Fremde, Behinderte, Alte; das Abschreiben "Unproduktiver".

Die Horrorbotschaften aus der Feldpost wurden mündlich bestätigt durch ins Reich verlegte Verwundete und Fronturlauber, die Bormann in seinem Ukas von 1942 gegen die Unruhe in der Bevölkerung selbst als Anstifter ausgemacht hatte. Der sorgfältige Beobachter Hans Dürkefälden etwa, ein Techniker aus Celle, hatte von einem Verwundeten gehört: "Wir haben in Rußland 10 000 Juden umgelegt."

Ein verwundeter Unteroffizier schrieb sogar an Goebbels'' Propagandaministerium, die Judenverfolgung werde "sich eines Tages an uns rächen". Dies war gegen Kriegsende die verbreitete Meinung unter den Wissenden. Viele Deutsche erwarteten eine kollektive Buße, sie erschien ihnen gar als unabwendbar.

Nach der Entdeckung des sowjetischen Katyn-Massakers an über 4000 polnischen Offizieren im Frühjahr 1943 meinte Goebbels eine Rechtfertigung der eigenen Verbrechen gefunden zu haben und veranstaltete einen Propagandafeldzug gegen den unmenschlichen "jüdischen Bolschewismus".

Das war kontraproduktiv. Die geheimen Meldungen aus dem Reich der Gestapo - Herausgeber war Ohlendorf, vorher Einsatzgruppe D (92 000 Opfer) - hielten fest, "ein großer Teil der Bevölkerung" äußere die Meinung, die Aufregung über Katyn sei merkwürdig oder gar heuchlerisch, weil "deutscherseits in viel größerem Umfange Polen und Juden beseitigt worden" seien.

In der Berliner U-Bahn wagte ein dekorierter Rußlandkämpfer über Katyn schon ganz offen laut zu äußern: "Wenn man 100 Kilometer weiter gräbt, findet man 10 000 Judenleichen, Krieg ist eben Krieg." Sogar die Nazi-Parole, hinter den Bombenangriffen steckten Juden, bewirkte verschiedentlich das Gegenteil. Aus Halle meldete die Gestapo Stimmen, es sei dann doch unverantwortlich gewesen, "zu derartigen Maßnahmen gegen die Juden zu schreiten". Bormann schickte seine zweite Sprachregelung.

Die braune Brut hatte die Gedanken mancher ihrer Untertanen längst erkannt. Hitler verurteilte nun das deutsche Volk zum Untergang, weil es sich nicht als den Nazis angemessen erwiesen hatte.

"Wenn ich heute den Juden herausnehme", bemerkte Anführer Hitler in einem Tischgespräch 1942, "dann wird unser Bürgertum unglücklich: Was geschieht dann mit ihm? . . . Man muß es schnell machen . . ." Was, das verschwieg er sogar dem vertrauten Kreis seiner Tischgäste.

In seinem Eingeständnis des Judenmords vor Gauleitern 1943 klagte SS-Chef Heinrich Himmler auch über Millionen Deutsche, "die ihren einen berühmten anständigen Juden haben, (so) daß diese Zahl bereits größer ist als die Zahl der Juden".

Es gibt einen besseren Zeugen, den Emigranten Franz Neumann, der als Mitarbeiter des US-Geheimdienstes OSS die Lage in Deutschland beobachtete. Er schrieb in seiner großen Analyse des nationalsozialistischen Herrschaftssystems "Behemoth" 1944:
" Der spontane Antisemitismus des Volkes selbst ist in "
" Deutschland nach wie vor schwach. Diese Behauptung läßt "
" sich nicht direkt beweisen, aber es ist bezeichnend, daß "
" es trotz der unaufhörlichen Propaganda, der das deutsche "
" Volk seit vielen Jahren ausgesetzt ist, keine einzige "
" nachweisbare spontane antijüdische Aktion von Personen, "
" die nicht der NSDAP angehören, gegeben hat. Nach meiner "
" persönlichen Überzeugung ist das deutsche Volk, so "
" paradox das auch scheinen mag, noch das am wenigsten "
" antisemitische. "

Goldhagen aber eröffnet noch einmal die Debatte über eine kollektive Schuld und die Entschuldigungen der Deutschen, heilsam gerade für die Generation, die nicht dabei war, doch brisanter Stoff auch für die Stammtische mit der längst für erledigt gehaltenen These Goldhagens vom Kainszeichen aller Deutschen. War die Vernichtung der Juden angelegt im Wesen oder in der Geschichte der Deutschen?

Gewiß hatte der Philosoph Georg Wilhelm Hegel den Genozid zum Prinzip erhoben: Gegenüber dem absoluten Recht eines von der Geschichte auserwählten Volkes, eine bestimmte Epoche voranzubringen, seien "Geister der anderen Völker rechtlos".

Friedrich Engels, der Sozialist, erklärte einmal die Polen zur "erledigten Nation" ohne Daseinsberechtigung, und diese "raison d''etre" wollte der Hegelianer Ferdinand Lassalle vom Beitrag zum allgemeinen Kulturprozeß abhängig machen, "andernfalls wird die Eroberung ein Recht".

Lassalles Lösungen am Ende: "Bei der Eroberung eines Volkes verschiedener Rasse mehr das Aussterben, bei der Eroberung eines Volkes derselben Rasse mehr die Assimilation desselben".

Goldhagen hat recht, wenn er auch für das vorige Jahrhundert unglaublichen Rassismus in Deutschland ortet. Aber er teilt diesen Irrwahn einer kollektiven Verurteilung in seinem Verdikt über die Deutschen. Es erinnert an den Amerikaner Theodore Kaufman, welcher im Sommer 1941 in einer _(* In Baden-Baden nach dem Pogrom. )

Broschüre ("Germany must perish") alle Schuld den Deutschen gab.

Kaufman zog allerdings die Folgerung, alle Deutschen müßten sterilisiert werden - ein Fest für die NS-Propaganda, mit furchtbaren Wirkungen. Kaufman paßte genau in ihr ideologisches Trugbild von den Juden als Bindeglied "zwischen amerikanischer Börse und russischen Bolschewiki". Den Luftterror erklärten sie zum Vollzug des Genozids an den Deutschen, dessen man sich mit gleichen Mitteln erwehren müsse.

Noch im Mai 1944, gerade während der massenhaften Tötung ungarischer Juden in Auschwitz, stimulierte Hitler seine Offiziere: "Wenn in diesem Kampf unsere Gegner siegen, würde das deutsche Volk ausgerottet werden." In Hamburg seien 40 000 Frauen und Kinder verbrannt.

Wahr ist, daß der alliierte Luftkrieg, der sie gegen das Regime mobilisieren sollte (Hitler hatte ständig Angst vor einer neuen Novemberrevolution 1918), die Deutschen eher dem Regime näherbrachte, er diente zumindest als Ausrede für die Exekutoren wie in Jozefow.

Dann wollte auch noch der US-Finanzminister Henry Morgenthau Deutschland zerstückeln und entindustrialisieren. Seinen Plan verbreiteten die NS-Medien genüßlich: Weiterkämpfen sollte als weniger schrecklich erscheinen.

In Potsdam beschlossen 1945 die drei Sieger: "Das deutsche Volk fängt an, die furchtbaren Verbrechen zu büßen, die unter der Leitung derer, welche es zur Zeit ihrer Erfolge offen gebilligt hat und denen es bald gehorcht hat, begangen wurden."

Die Kehrtwendung indes markierte schon am 21. November 1945 Robert Jackson, amerikanischer Chefankläger im Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher: "Wir möchten ebenfalls _(* Links: Gemälde von Edvard Munch. ) _(Rechts: Trauerkundgebung nach dem ) _(Attentat in Berlin. )

klarstellen, daß wir nicht beabsichtigen, das ganze deutsche Volk zu beschuldigen." Mit Beginn des Kalten Krieges war es mit Kollektivschuld und Säuberung vorbei (siehe Seite 72). Psychiater Alexander Mitscherlich ("Die Unfähigkeit zu trauern") kam zu dem Schluß, die Kollektivschuld-Verfechter setzten nur die Goebbels-Propaganda von der unzerstörbaren Einheit von Partei und Volk fort.

Nun überträgt Daniel Goldhagen die Mordlust der Kriminellen an der Spitze, von Polizeibataillonen, SS-Einsatzgruppen und Soldaten auf ein Millionenvolk, und diese gesamtdeutsche Mordlust sei seit langem schon gewachsen.

Er bringt bekannte, unanfechtbare Belege für ein Wuchern des Antisemitismus im vorigen Jahrhundert: Schon damals habe die herrschende Meinung in Deutschland die Juden als Fremdkörper betrachtet, dem alle Übel in Wirtschaft und Gesellschaft anzulasten seien. Nur zwei Zeilen in seinem 624-Seiten-Werk widmet er den Emanzipationsedikten seit 1807 bis zur völligen rechtlichen Gleichstellung der Juden in der Reichsverfassung von 1871.

Die Nationalliberale Partei, die Bismarck-Partei der Reichsgründungszeit, wurde angeführt von den Juden Eduard Lasker und Ludwig Bamberger, lange Zeit Berater Bismarcks. Die Sozialdemokratische Partei, frei von Antisemitismus ("Sozialismus der dummen Kerls", so August Bebel), ist Goldhagen drei Zeilen wert. Sie wurde von dem Juden Ferdinand Lassalle gegründet.

Chefideologe der preußischen Konservativen Partei, die in ihrem Konzept eines christlichen Staates die Glaubensjuden von öffentlichen Ämtern fernhalten wollte, war der Jurist Friedrich Julius Stahl, Abgeordneter im preußischen Herrenhaus und, ehe er zum Christentum übertrat, Jude.

Die Frankfurter Nationalversammlung debattierte 1848 über einen Bericht ihres Ausschusses für Völkerrecht zur Einverleibung der Provinz Posen, in dem es hieß, die Juden in Polen seien "allen zuverlässigen Angaben nach durchgehends Deutsche und wollen es auch sein", die "in ihren Familien, wie von Jugend auf ihre Kinder, deutsch sprechen". Friedrich Engels protestierte, wegen der daraus folgenden möglichen Ambitionen auf weitere Territorien: "Deutsch ist bekanntlich die jüdische Weltsprache."

In Deutschland belebten im vorigen Jahrhundert, als seine Bewohner noch als Volk der Dichter und Denker galten, Juden wie Rahel Varnhagen, Heinrich Heine, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Ludwig Börne, Karl Marx den deutschen Geist dermaßen, daß die jüdisch-deutsche Begegnung zu einer singulären kulturellen Blüte führte. Soziologie, Psychoanalyse, Atomphysik waren einige der Resultate. Fast jeder vierte deutsche Nobelpreisträger war ein Jude.

Jedoch: Notorische Antisemiten wie der Komponist Richard Wagner, der Historiker Heinrich von Treitschke, der Autor Gustav Freytag und der Hofprediger Adolf Stoecker genossen Ansehen. Die erste antisemitische Partei brachte 1887 einen Abgeordneten in den Reichstag (397 Abgeordnete), zwölf Jahre später 13, hernach nur einmal noch einen im Jahre 1907. Hunderttausend Juden kämpften im Ersten Weltkrieg, 12 000 fielen.

In der Weimarer Republik war nach Goldhagen fast jede politische Gruppierung vom Antisemitismus derart infiziert, daß die Juden "praktisch keine Verteidiger fanden". Aber die Weimarer Verfassung stammte von dem jüdischen Staatsrechtslehrer Hugo Preuß. Wiederaufbau-, dann Außenminister wurde Walther Rathenau, der unter dem Kaiser Rüstungschef werden durfte, aber nicht Reserveoffizier, weil er Jude war. Für diese Republik gab er als erstes Opfer des eliminierenden Antisemitismus sein Leben hin.

Nach der zeitweiligen Stabilisierung der Republik 1924 gab es 14 antisemitische Reichstagsabgeordnete (von 493). Ohne den jüdischen Beitrag ist das Weimarer Geistesleben nicht vorstellbar, eine "noch nie in diesem Maß dagewesene Integration der Juden" gelang, so die Enzyklopädie des Holocaust, das Standardwerk.

Viele Juden empfanden diese Interpretation freilich als Folge eines erheblichen Anpassungsdruckes ihrer Umgebung, so daß der Religionsphilosoph Gershom Scholem in den sechziger Jahren bestritt, daß es je zu einem wirklichen Gespräch, geschweige denn zu seiner Symbiose zwischen Juden und Deutschen gekommen sei: Geredet hätten immer nur die Juden, die Deutschen hätten geschwiegen. Dennoch notierte Victor Klemperer:
" Bis 1933 und mindestens ein volles Jahrhundert "
" hindurch sind die deutschen Juden durchaus Deutsche "
" gewesen und sonst gar nichts. Der immer vorhandene "
" Antisemitismus ist gar kein Gegenbeweis. Denn die "
" Fremdheit zwischen Juden und "Ariern", die Reibung "
" zwischen ihnen war nicht halb so groß wie etwa zwischen "
" Protestanten und Katholiken, oder zwischen Arbeitgebern "
" und -nehmern, oder zwischen Ostpreußen etwa und "
" Südbayern, oder Rheinländern und Berlinern. Die deutschen "
" Juden waren ein Teil des deutschen Volkes. "
** Eine deutsche Ausgabe 1940 übersetzt: _("deutschen Gefreiten, der . . . sie ) _(geschlagen hat." ) _(* Ein junger Jude muß das Geschäft ) _(seines Vaters kennzeichnen. )

In den letzten freien Wahlen im November 1932 stimmten zwei Drittel der deutschen Wähler gegen Hitler. Die KZ-Insassen der ersten sechs Nazi-Jahre waren Deutsche. Allein die Akten des Münchener Sondergerichts, zuständig für Verbrechen gegen das Regime, enthalten für die ganze Terrorzeit 10 000 Fälle, die der Gestapo Düsseldorf 72 000.

Der Westen konzedierte derweil dem Diktator alles, was er der Weimarer Republik noch versagt hatte. Der Papst und Stalin, die Premiers Englands und Frankreichs hielten Hitler für einen Partner, dem man trauen konnte, sie konkurrierten um Verträge mit dem Mann, der hernach Europa verheerte. Das Appeasement des Münchener Abkommens 1938 zerschlug die Absicht deutscher Spitzenmilitärs, Hitler zu verhaften.

Der britische Journalist Winston Churchill, später Premier, meinte vier Wochen vor der "Reichskristallnacht" 1938 in einem Essay:
" Unsere Führung muß mindestens ein Stück von dem Geist "
" jenes österreichischen Gefreiten haben, der, als alles "
" rings um ihn in Trümmer zerfallen war, als Deutschland "
" für alle Zukunft im Chaos versunken zu sein schien, nicht "
" zögerte, gegen die gewaltige Schlachtreihe der "
" siegreichen Nationen zu marschieren, und gegen sie schon "
" entscheidend den Spieß umgedreht hat**. "

Dabei war die kriminelle Intensität des Nobody aus dem Wiener Männerheim für jedermann erkennbar, auch ohne Lektüre seines Programms "Mein Kampf". SA-Leute, die im oberschlesischen Potempa einen Arbeiter vor den Augen seiner Mutter totgetreten hatten und zum Tod verurteilt waren, sprach er 1932 in einem Solidaritätstelegramm als "meine Kameraden" an.

Aus eigenem Recht ließ er 85 Personen, meist ehemalige Kampfgefährten, 1934 erschießen (niemand protestierte, weil es gegen die brutale SA ging). Er erließ im nächsten Jahr die schändlichen "Nürnberger Gesetze", die den Juden Ehe und außerehelichen Verkehr mit "Ariern" verboten.

Mancher Deutsche, auch viele jüdische, empfanden die Gesetze meist als Ende des ungezügelten Terrors gegen die Juden durch eine abschließende gesetzliche Regelung. Den Juden wurde vor allem das Wahlrecht entzogen, die formale deutsche Staatsangehörigkeit behielten sie. Die antisemitische Propaganda ging vorübergehend zurück, drei Jahre noch nahmen die jüdischen Kaufleute am Wirtschaftsleben, jüdische Schüler am Unterricht teil.

Das Ausland sah dem Diktator alles nach, gewährte ihm noch die Olympischen Spiele als Gütesiegel, und die in der Wirtschaftskrise in tiefes Elend gestürzten Deutschen, oft am Rande des Existenzminimums, betrieben ihr eigenes Appeasement: Stellen wurden frei, Konkurrenten verschwanden. Da zeigte sich wohl weniger "dämonologischer Antisemitismus" (Goldhagen) als der Durchbruch anderer Sch wächen im deutschen Nationalcharakter: der Mangel an Zivilcourage, sozialer Neid.

Die große Schande und auch die Schuld der Mehrheit der damals lebenden Deutschen sind - zu einer Zeit, da sich das Regime trotz aller Gewalttaten noch nicht gefestigt hatte - die Preisgabe ihrer jüdischen Ärzte, Anwälte, Berufs- und Studienkollegen, die Hinnahme des Hinauswurfs ihrer Freunde und Nachbarn aus Berufsvereinigungen und Innungen, gar den Sport-, Tierfreunde- und Gesangsvereinen. Irgendein Nazi verlangte die Statutenänderung, und die Mitglieder trauten sich nicht, wider den Stachel zu löcken.

Eine 1936 in Paris erschienene Dokumentation "Der gelbe Fleck" führte - auf Deutsch - die vielen großen und kleinen Gemeinheiten an, welche Parteigenossen und SA-Leute den jüdischen Deutschen zufügten. Das Buch hatte den Untertitel: "Die Ausrottung von 500 000 deutschen Juden". Auch damit war nicht ein unvorstellbarer Massenmord gemeint, sondern das Entrechten und Vertreiben. Ein Kapitel schildert auch "das andere Deutschland", die Sympathiebezeugungen nichtjüdischer Deutscher. Im Vorwort rät der emigrierte jüdische Schriftsteller Lion Feuchtwanger seinen Lesern:
" Wenden Sie nicht mitleidig und verächtlich auf das "
" ganze deutsche Volk jenen Satz an, den einst Friedrich "
" Nietzsche seiner Schwester schrieb: "Armes Lama, jetzt "
" bist du bis zum Antisemitismus herabgesunken." Das "
" deutsche Volk ist nicht identisch mit den Leuten, die "
" heute vorgeben, es zu vertreten. Es wehrt sich gegen sie. "

Niemand wehrte sich freilich, als im August 1938 die Juden durch perfide Zwangsvornamen an den Pranger gestellt wurden: für Männer "Israel", für Frauen "Sara" (möge Hitler in seiner Hölle hören, daß dies heute einer der beliebtesten Mädchennamen in Deutschland ist).

Drei Monate später offenbarte der November-Pogrom der SA zum erstenmal der ganzen Welt das Vorhaben, die jüdischen Mitbürger zu enteignen und zu vertreiben. Die Absicht, damit das Volk zu brutalisieren, mißlang, darüber beklagte sich Hitler am nächsten Tag in einer Geheimrede vor Schriftleitern.

Denn entgegen den Erwartungen seines Initiators Goebbels hatten sich die deutschen Durchschnittsbürger kaum an den Ausschreitungen beteiligt. Die meisten Zuschauer zeigten Betroffenheit, gar Furcht angesichts der vorgeführten Brutalität, die vielen nur als Gewalt gegen Sachen ("Kristallnacht") erschien. _(* Vor dem Nürnberger Tribunal 1946. )

Ein britischer Journalist berichtete, er habe nach dem offenen Terror "mit vielen Leuten, nicht allein im Ruhrgebiet, sondern auch in Hamburg, Köln und Berlin gesprochen, und alle ohne Ausnahme waren über die Maßnahmen entsetzt". Frauen hätten geweint, mehrfach sei ihm gesagt worden: "Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein."

Die Gestapo meldete aufgrund ihrer Spitzelberichte:
" Aus liberalistischer Grundhaltung heraus glauben "
" viele, offen für das Judentum eintreten zu müssen. Die "
" Zerstörung der Synagogen wurde als unverantwortlich "
" erklärt; man trat für die "armen unterdrückten Juden" "
" ein. "

Im Westen und Süden Deutschlands sei das stärker zu beobachten als im Norden ("protestantisch, weniger dicht besiedelt, Landbevölkerung"). Techniker Dürkefälden schrieb in sein Tagebuch, ein paar Frauen seien wegen der öffentlich geäußerten Frage festgenommen worden: "Was sollen nun bloß die armen Menschen machen?" In Wiesbaden, wo sich auch Normalbürger am Plündern beteiligt hätten, herrsche gedrückte Stimmung: "Werden wir einmal die Folgen dafür tragen müssen?" Noch vor dem Massenmord kam einigen die kollektive Haftung schon in Sicht.

Der britische Historiker Ian Kershaw bilanziert nach gründlichem Studium von internen Nazi-Akten: "Die Nationalsozialisten vermochten die Masse der Bevölkerung nicht mit aggressivem Judenhaß zu erfüllen." Goebbels ließ schleunigst die Filme "Jud Süß" und "Der ewige Jude" drehen.

Ein Jahr nach dem Pogrom eröffnete Hitler seinen Krieg, anders als 1914 und anders, als der Landräuber es erwartet hatte, ohne den Jubel der Massen, wie US-Korrespondent William Shirer in Berlin registrierte: "Jedermann gegen den Krieg. Die Menschen sprechen ganz offen. Wie kann ein Land in einen großen Krieg eintreten, wenn die Bevölkerung so entschieden dagegen ist?"

Worum es ging, konnte jeder hören, der Ohren hatte. Adolf Hitler, künftiger Mörder der Juden, Zerstörer Europas und Verderber Deutschlands, hatte vorher, im sechsten Jahr seiner Herrschaft, vor aller Welt eine schreckliche Prognose gestellt, hernach kam er immer wieder darauf zurück - seine Vorhersage sei eingetroffen. Der Diktator erklärte am 30. Januar 1939 vor dem von ihm erwählten Reichstag:
" Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und "
" außerhalb Europas gelingen "
" sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu "
" stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die "
" Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des "
" Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen "
" Rasse in Europa. "

Damit enthüllte der Anstifter schon offen sein Trachten, ein Verbrechen von welthistorischer Einzigartigkeit zu begehen, dem Umfang und dem Resultat nach allenfalls vergleichbar den Völkerdeportationen seines baldigen Verbündeten Stalin.

Vielleicht bemerkte Hitler selbst, daß er sich verraten hatte, denn gleich anschließend spielte er seine Drohung wieder herunter: Das deutsche Judentum sei bereits der NS-Propaganda "restlos erlegen". Unmittelbar vor den Sätzen mit seiner offenen Vernichtungsproklamation hatte Hitler noch die Alternative mit einer anderen Lösung vorgetragen, an der die Nazis in ihrer Propaganda denn auch bis zum Ende festhielten:
" Die Welt hat Siedlungsraum genügend . . . Das "
" Judentum wird sich genauso einer soliden aufbauenden "
" Tätigkeit anpassen müssen, wie es andere Völker auch tun, "
" oder es wird früher oder später einer Krise von "
" unvorstellbarem Ausmaße erliegen. "

Zu diesem Zeitpunkt war bereits die internationale Flüchtlingskonferenz von Evian gescheitert - kein Staat war bereit, die aus Deutschland zu Vertreibenden aufzunehmen; die Schweiz verlangte, den Juden ein "J" in den Paß zu stempeln.

Zehn Wochen nach Beginn des Vernichtungskriegs gegen Rußland 1941 wurden die jüdischen Deutschen gezwungen, sich den gelben Fleck anzuheften, einen Stern mit der Aufschrift "Jude".

Die Denunziationen steigerten sich. Wenn aber der Zweck sein sollte, die Mitbürger in der Öffentlichkeit zu Übergriffen herauszufordern, mißlang auch diese NS-Absicht. Laut Berichten der Gestapo-Spitzel begrüßte der überwiegende Teil der Bevölkerung die Maßnahme, doch vornehmlich "katholische und bürgerliche Kreise" äußerten Mitleid und sprachen gelegentlich von "mittelalterlichen Methoden".

Viele wurden durch den Stern erst darauf aufmerksam, daß in Deutschland noch rund 200 000 Juden lebten, weniger als 0,3 Prozent der Bevölkerung. "In der Straßenbahn. Mein Vater durfte nur auf dem Perron stehen", berichtet die Hamburgerin Ingeborg Hecht, Tochter eines Juden in der Nazi-Definition, eines Stern-Trägers. "Wir fuhren zusammen den Mittelweg herunter. Ich bin gespannt, was passiert. Gar nichts. Einige Mitfahrende schauen neugierig, einige mitleidig, aber keiner macht eine Bemerkung oder zeigt Aggression."

Victor Klemperer nimmt neben Gemeinheiten auch viele Zeichen des Mitgefühls zu Protokoll. Der päpstliche Nuntius in Berlin bemerkt, seit dem Stern seien die Deutschen den Juden gegenüber "merklich wohlwollender" geworden. Er erzählte, wie in einer Straßenbahn ein junger Mann von einer alten Jüdin verlangte, ihm ihren Platz freizumachen. Sofort seien zwei Herren aufgestanden und hätten ihren Sitz ihr angeboten.

Goebbels gab damals Albert Speer, dem späteren Rüstungsminister, gegenüber zu, daß die Einführung des Judensterns einen der Absicht entgegengesetzten Effekt bewirkt habe: "Überall zeigen Leute Sympathie für die Juden. Diese Nation ist einfach noch nicht reif, sie ist voller idiotischer Sentimentalität."

Gegen "die stupiden, gedankenlos rührseligen Argumente einiger zurückgebliebener Judenfreunde" suchte Goebbels mit einem Artikel in Das Reich ("Die Juden sind schuld") das Stern-Abzeichen, die optische und soziale Absonderung der Juden von der sogenannten Volksgemeinschaft zu verteidigen:
" Wenn Herr Bramsig oder Frau Knöterich beim Anblick "
" einer alten Frau, die den Judenstern trägt, eine Regung "
" von Mitleid empfinden, dann mögen sie gefälligst an den "
" Sterilisierungsplan des US-Juden Theodore Kaufman denken: "
" Jeder deutsche Soldat, der in diesem Kriege fällt, geht "
" auf das Schuldkonto der Juden. Sie haben ihn auf dem "
" Gewissen, und sie müssen deshalb auch dafür bezahlen . . "
" . Die Juden genießen den Schutz des feindlichen Auslands "
" . . . "

Dies diente der Motivation der Polizisten für ihr Massaker in Jozefow und anderswo. Zum Zeitpunkt des Goebbels-Artikels, Ende 1941, meint der Holocaust-Forscher David Bankier (Jerusalem), habe bereits ein Riß zwischen der Bevölkerung und dem Regime begonnen, das alle seine Versprechungen - erst auf Frieden, dann auf Sieg - nicht eingehalten hatte.

Gleichzeitig begann die Deportation der jüdischen Deutschen in die neuen Nazi-Kolonialgebiete, nach Polen - auch nach Jozefow -, Belorußland, in die Ukraine, ins Baltikum, nach Tschechien (Theresienstadt). Den Deutschen entging nicht, daß ihre Nachbarn, ihre Kollegen, ihr Hausarzt und Anwalt abgeholt wurden. Viele bewarben sich um die freigewordenen Wohnungen.

Mancherorts wurden die Juden durch die Stadt getrieben - in Heidelberg vom Marktplatz, in Hamburg von der Moorweide aus, durch Männer des Polizeibataillons 101. In Berlin kam es vor der Sammelstelle Rosenstraße zum Protest, hauptsächlich von Angehörigen der Deportierten. Und die Gestapo wich zurück, gab Gefangene frei.

Propagandaminister Goebbels schrieb in sein Tagebuch:
" Es haben sich da leider etwas unliebsame Szenen vor "
" einem jüdischen Altersheim abgespielt, wo die Bevölkerung "
" sich in größerer Menge ansammelte und zum Teil sogar für "
" die Juden etwas Partei ergriff. "

Und wenig später:
" Leider hat sich auch hier wieder herausgestellt, daß "
" die besseren Kreise, insbesondere die Intellektuellen, "
" unsere Judenpolitik nicht verstehen und sich zum Teil auf "
" die Seite der Juden stellen. "

Die Opfer wurden nicht mehr vom Lehrter Bahnhof im Berliner Stadtzentrum abtransportiert, sondern vom abgelegenen Bahnhof Grunewald in den frühen Morgenstunden in Möbelwagen. Beobachter standen stumm an ihren Fenstern hinter zugezogenen Gardinen. Eine Verordnung vom 24. Oktober 1941 bestrafte öffentliche Sympathiebezeugungen für die Juden mit drei Monaten KZ.

Alle Augenzeugen ahnten schon angesichts der vielen Juden, die Selbstmord begingen, daß diesen Vertriebenen Schreckliches bevorstand. Offiziell hieß es, sie würden zum "Arbeitseinsatz nach Osten evakuiert".

Das klang harmlos, manche Deportationszüge führten Waggons mit Hacken und Spaten mit sich - alle Deutschen, bald auch die Frauen, waren der Arbeitspflicht unterworfen, soweit sie nicht Soldat werden mußten. Viele lebten kaserniert in irgendeinem Barackenlager: Arbeitsdienstleute, technisches Personal der Organisation Todt, Flakhelfer, vor den Bomben evakuierte Kinder.

Von dem, was ihnen bevorstand, wußten auch die jüdischen Opfer selbst nichts. Manche rechneten mit "Arbeitsdienst" zwecks Beseitigung der Kriegsschäden im Osten. Noch im Warschauer Ghetto waren sich viele ihrer Heimkehr nach Deutschland ganz sicher, berichtet der Chronist Emmanuel Ringelblum. Einen Massenmord konnte sich niemand vorstellen. Victor Klemperer schrieb erst im November 1944 den Bericht eines Fronturlaubers nieder:
" Schauerliche Judenmorde im Osten. Die Truppe mußte "
" Schnaps bekommen. "Wenn wir Schnaps bekamen, wußten wir "
" schon immer, was kommen würde." Einige Leute hätten "
" Selbstmord verübt, "um das nicht ein zweitesmal mit "
" ansehen und auf das Gewissen nehmen zu müssen". Das ist "
" nun schon zu häufig und von zu vielen arischen Seiten "
" übereinstimmend berichtet worden, als daß es Legende sein "
" kann. "

Einige Deutsche halfen unter Lebensgefahr den 5000 untergetauchten Juden. Wie viele dem Stern-Träger Klemperer beistanden, anonym Lebensmittel und Gesten der Sympathie zukommen ließen, wird demnächst auch das amerikanische Publikum erfahren. Die US-Rechte an Klemperers realer Schilderung von Deutschland im Krieg wurden für fast 550 000 Dollar erworben.

Die meisten Deutschen waren befangen in ihren persönlichen Sorgen und zeigten sich gleichgültig gegenüber dem Los der Verschwundenen, selbst Regimegegner wie Ursula von Kardorff:
" Unsere jüdischen Freunde gingen fort, andere kamen "
" eben . . . Ich ging auf Tanztees und Bälle. Meine "
" Verehrer gehörten zum Teil zur Reiter-SS, weil die "
" schwarze Uniform so kleidsam war. "

Das reicht nicht für Goldhagens Urteil, die Deutschen hätten zugestimmt, Deutschland "judenrein" zu machen. Viele mochten sicherlich nicht erkennen, was sie nicht erkennen wollten, und nicht einmal das, was sie sogar wußten und so furchtbar war, daß sie es nicht wissen durften - zumal sie meinten, ohnehin nichts ändern zu können: Unterwerfung aus Ohnmacht.

Die Oppositionelle Ruth Andreas-Friedrich schrieb in ihr Tagebuch: "Könnten wir denn noch weiterleben, wenn wir begriffen, daß unsere Mutter, unser Bruder, unsere Freundin, unser Geliebter - fern von uns unter unfaßbaren Leiden zu Tode gefoltert wurde?"

Immerhin brachte der schwedische Bankier Jacob Wallenberg 1941 aus Berlin den Eindruck mit: "Viele Deutsche waren angeekelt von der Art, mit der die Juden aus deutschen Städten in Ghettos in Polen deportiert wurden", "in ein schleichendes Sterben".

Der evangelische Bischof Theophil Wurm und der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Bertram, protestierten nun mutig bei Ministerien. Die Synode der altpreußischen Kirche verteilte einen Kanzeltext:
" Wehe uns und unserem Volk . . . wenn es für "
" berechtigt gilt, Menschen zu töten, weil sie für "
" lebensunwert gelten oder einer anderen Rasse angehören. "

Einige wußten eben, was die Nazis taten. Der Lehrer Karl Ley hielt im Dezember 1941 in seinem Tagebuch die Vermutung fest, die Juden würden in Rußland zum Verhungern, zum Erfrieren gebracht: "Wer tot ist, sagt nichts mehr." Ein Jahr darauf hörte die Berlinerin Andreas-Friedrich Gerüchte über Massenerschießungen, Hungertod "und Vergasungen".

Dem Wissenschaftler Goldhagen, das Buch ist seine überarbeitete Dissertation, genügen diese beiden Notizen für sein Urteil: Das Maß an "Begeisterung", das die Deutschen für die Juden-Deportationen ausdrückten, die Mitleidlosigkeit und das Ausbleiben weitgehender Mißbilligung oder von Widerstand zeige das Einverständnis der Deutschen mit dieser Maßnahme, "ungeachtet des wahrscheinlichen Abschlachtens dieser letzten Juden", eine unzulässige Verallgemeinerung. Die Untersuchung von Marlis Steinert über "Hitlers Krieg und die Deutschen", auf die sich Goldhagen beruft, resümiert "Reaktionslosigkeit und Gleichgültigkeit des deutschen Staatsbürgers gegenüber seinem jüdischen Nachbarn".

Widerständler Graf von Moltke schrieb dagegen noch 1943, zwei Jahre vor seiner Hinrichtung, einem Freund ins Ausland:
" Ich glaube, wenigstens neun Zehntel der Bevölkerung "
" wissen nicht, daß wir Hunderttausende von Juden getötet "
" haben. Sie glauben immer noch, daß die Juden lediglich "
" ausgeschieden wurden und eine so ziemlich unveränderte "
" Existenz wie zuvor führen, nur eben weiter im Osten, "
" woher sie ja auch gekommen "
" sind - vielleicht mit etwas mehr Schmutz, aber ohne "
" Luftangriffe. "

Die Nazis hüteten nach Kräften ihr Mordgeheimnis, letzter Kitt ihres Klans, und redeten fürs Volk nur von "Entfernung" oder "Abschiebung" der Juden, unter sich von "Sonderbehandlung". Ganz selten verrieten sie sich mit der Vokabel "Ausrottung", die als die übliche Übertreibung angesehen wurde, zu unvorstellbar war solch Unterfangen singulärer Dimension.

In seiner Hetzrede "Wollt ihr den totalen Krieg?" nach Stalingrad im Februar 1943 sprach Goebbels über die Juden, sagte "Ausrott . . ." und verbesserte sich rasch: "Ausschaltung".

Doch gerade zum Zeitpunkt der Deportationen aus Deutschland hatte sich der geheime Mord an den Behinderten ("Euthanasie") herumgesprochen; noch 1945 äußerte sogar eine Flüchtlingsfrau in Königsberg, so erzählt Hans Graf von Lehndorff ("Ostpreußisches Tagebuch"): "Unter''m Russ'' läßt uns der Führer nicht fallen, da vergast er uns lieber."

Die ersten 70 000 Opfer, die durch Gas umgebracht wurden, waren nichtjüdische Deutsche, sie wurden aus zynischem wirtschaftlichem Kalkül ermordet - um Platz zu schaffen für Lazarette, um die Verpflegung "unnützer Esser" zu sparen. Fast 400 000 nichtjüdische Deutsche wurden von den Nazis zwangsweise sterilisiert.

Daraus ließ sich folgern, daß den Juden, zumindest den kranken und arbeitsunfähigen, dasselbe Schicksal drohte. Aber noch etwas schien bewiesen: Widerstand war möglich.

Denn vor dem Protest der Angehörigen, der Kirchen und weiter Bevölkerungskreise trat Hitler den Rückzug an, ließ die Tötungen offiziell einstellen, verschob sie inoffiziell auf die Zeit nach dem Sieg - und ließ sie noch geheimer und mit anderen Methoden fortsetzen, etwa in den Konzentrationslagern.

Aber die Stätten der Vernichtung waren nicht so sichtbar wie die Hospitäler in Brandenburg, dem hessischen Hadamar oder Hartheim in Österreich. Globocniks drei Vernichtungslager wurden an der Ostgrenze des Generalgouvernements versteckt und damit sogar der Jurisdiktion des NS-Reiches entzogen. Nicht einmal den Generalgouverneur Hans Frank ließ die SS die Lager Belzec oder Auschwitz betreten.

Globocnik eröffnete dem Widerständler und SS-Obersturmführer Kurt Gerstein:
" Diese Angelegenheit ist eine der geheimsten Sachen, "
" die es zur Zeit überhaupt gibt, man kann sagen, die "
" geheimste. Wer darüber spricht, wird auf der Stelle "
" erschossen. Erst gestern sind zwei Schwätzer erschossen "
" worden. "

Nachdem Gerstein das Todeslager Belzec gesehen hatte, sprach er darüber. Auf der Rückfahrt im D-Zug nach Berlin unterrichtete er den schwedischen Diplomaten Baron von Otter und äußerte unter Schluchzen laut Otters Bericht seine Überzeugung, "daß das deutsche Volk, wenn es von diesen Ausrottungen erfahre und wenn ihm diese von neutralen Ausländern bestätigt würden, die Nazis nicht einen Tag länger dulden werde".

Genauso dachte Emmanuel Ringelblum im Warschauer Ghetto. Er schrieb am 25. Juni 1942 nieder, der Umstand, daß noch keinem jüdischen oder polnischen Augenzeugen die Flucht aus Belzec gelungen war, sei das deutlichste Anzeichen, wie sorgfältig sie, die Täter, darauf achteten, daß nichts davon in ihrem eigenen Volk bekannt wird: "Erweist sich, daß das deutsche gemeine Volk darüber Bescheid weiß, würden sie wahrscheinlich nicht imstande sein, den Massenmord auszuführen."

Denn jeder der Schicksalsgenossen im Ghetto, der Kontakt zu Deutschen hatte, sei gewiß, daß diese Deutschen von den Tötungen mit Kugel und Gas nichts wußten; einzelne Beobachter der Gaswagenmorde in Chelmno, notierte Ringelblum, hätten erschüttert geweint: "Dafür werden wir mit unserem Kopf bezahlen und unsere Frauen und Kinder auch!" Sie dachten eben zuerst und nur an ihr eigenes Schicksal.

Die öffentliche Meinung im Ausland wußte nichts von den Vernichtungslagern in Polen, obwohl der Emigrant Willy Brandt in Stockholm die Nachricht vom Gasmord in die USA weitergeleitet hatte (seine Mutter in Lübeck erfuhr bis zum Kriegsende nichts vom Holocaust). Das Nürnberger Tribunal wurde noch 1946 von der polnischen Regierung informiert, die Tötungen seien durch elektrischen Strom geschehen. Der Augenzeugenbericht des polnischen Untergrundkämpfers Jan Karski aus dem Lager Belzec, den er Roosevelt erstattet hatte, stößt heute noch auf ernste Zweifel.

Was in Auschwitz geschah, ging über jegliches menschliche Begriffsvermögen hinaus. Nicht einmal die Wachposten vom Polizeibataillon 65 kannten das Los der Juden, die sie auf ihrem Transport dorthin begleiteten; das erfuhren sie erst nach deren Aushändigung am Lagertor von einem betrunkenen SS-Mann in einer Kneipe in der Stadt.

Der österreichische Sozialist Benedikt Kautsky oder der serbische Schriftsteller Ivan Ivanji, die als Gefangene Auschwitz überlebten, hatten die Gaskammern nicht gesehen. Die dort sofort zu Tötenden wurden bei ihrer Ankunft bewußt getäuscht.

Selbst Augenzeugen des Sterbens in Birkenau weigerten sich über Wochen, die erkannte Wahrheit für wahr zu halten, ermittelte der Dokumentar des Schicksals der holländischen Juden, Louis de Jong. Der Berliner Rabbiner Leo Baeck hörte erst 1943, daß jene seiner Schicksalsgenossen im Ghetto Theresienstadt, die nach Auschwitz kamen, im Gas starben. Er behielt sein Wissen für sich wie 1944 der Kopf der Budapester zionistischen Bewegung, Rudolf Kasztner, gegenüber den ungarischen Juden.

Das nach New York emigrierte Haupt der jüdischen Gemeinde Münchens, Hans Lamm, erfuhr erst nach dem Krieg den wahren Charakter der Endlösung. Dabei hatte der Breslauer Geschäftsmann Eduard Schulte 1942, noch ehe der massenhafte Tod in den Auschwitzer Gaskammern seinen Anfang nahm, über die Schweiz die britische und die US-Regierung mit einschlägigen Informationen aus dem Führerhauptquartier versehen. Sie wurden nicht ernst genommen.

Die Aussagen von fünf Flüchtlingen aus Auschwitz im Frühsommer 1944 überzeugten, zu spät. Vorschläge für mögliche Gegenmaßnahmen wie Luftangriffe auf die Bahnstrecken nach Auschwitz lehnten die Allierten ab, im Oktober ordnete Himmler an, die Judenvernichtung einzustellen.

Die regimekritische Berlinerin von Kardorff erfuhr erst im Dezember 1944 vom Auschwitzer Genozid; zu diesem Zeitpunkt meinte die Mehrheit der Amerikaner, Bürger einer freien Informationsgesellschaft, noch immer, es seien weniger als 100 000 Juden unter deutschem Befehl getötet worden.

Im selben Jahr las der britische Geheimdienstoffizier Milton Shulman im Verhörprotokoll eines deutschen Kriegsgefangenen "mit Entsetzen" die Aussage über ein Massaker, die er und seine Kollegen für übertrieben hielten, "äußerstenfalls für einen Einzelfall". Sein Chef Portland, Koordinator der alliierten Nachrichtendienste, äußerte über jüdische Holocaust-Berichte: "Die Juden haben eben eine lebhafte Phantasie, die zur Übertreibung neigt."

Selbst nach dem Krieg währte es lange noch, bis die SS-Tarnung der schrecklichsten Stätte in der Menschheitsgeschichte ganz enthüllt wurde; im Nürnberger Tribunal war außer dem Geständnis des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß wenig von Auschwitz die Rede. Verleitete sein wirkliches Wissen um die Unwissenheit der Deutschen Goldhagen zu einer absurden Relativierung? Er behauptet: "Vergasen war eine Nebenerscheinung des Abschlachtens der Juden durch die Deutschen."

Wenigstens lenkt er damit die Aufmerksamkeit auf die zentrale Bedeutung der Erschießungen, ein deutsches Trauma, weil es im Kriege durchaus den Deutschen ins Bewußtsein gedrungen war. Viele erstarrten in blanker Angst, als am Ende die SS ihre Opfer ins Reich zurücktrieb und Zusammenbrechende vor aller Augen erschoß.

In Panik waren die Häscher dabei bereit, jeden scheel Schauenden sofort aufzuknüpfen und sich der Opfer als Zeugen zu entledigen: Erschütternd beschreibt Goldhagen diese Sterbemärsche.

Was aber konnten die Deutschen im Griff der Nazis gegen jene Greuel tun, von denen sie wußten?

Der hochdekorierte Hauptmann Axel Freiherr von dem Bussche, der 1942 Juden-Massaker am Flughafen Dubno gesehen hatte, kam zu dem Schluß, nicht einzugreifen, weil die SS am nächsten Tag ihr blutiges Werk ohnehin fortgesetzt hätte. Er zog eine andere Konsequenz: den obersten Befehlsgeber zu töten.

Es gab auch den Soldaten Heinz Pust, der nicht nachgefragt hatte, als er auf Urlaub hörte, seine Nachbarn, "die Grünbergs", seien abgeholt worden. Im nachhinein hielt er es für die historische deutsche Schuld, den Dunstkreis von Verdacht, Kenntnis und gewollter Unkenntnis nicht durchbrochen und aktiven, zumindest passiven Widerstand geübt zu haben oder desertiert zu sein.

Die Münchner Studenten der "Weißen Rose", die 1943 Flugblätter wider den Mord an Hunderttausenden polnischer Juden warfen, kamen unter die Guillotine. Eine kommunistische Widerstandszelle setzte nach Beginn der Deportationen in Berlin die NS-Ausstellung "Das Sowjetparadies" in Brand und wurde geköpft.

Offiziere der Heeresgruppe Mitte beschlossen nach den Massakern von Borissow (1941) und Dubno (1942), den obersten Totschläger zu richten. Nach gescheiterten Versuchen drängte Oberst Stauffenberg auf den Termin des 20. Juli 1944, als er vom Polizeichef Kaltenbrunner im April den Befehl gehört hatte, 40 000 oder 42 000 ungarische Juden in Auschwitz zu töten. Die Hitler-Attentäter starben am Fleischerhaken.

Schuldig wurde jeder einzelne Deutsche, der fürs Vaterland oder die Familie durchaus zu sterben bereit war, aber die Lebensgefahr des Widerstands scheute. Das freilich wird vom Durchschnittsuntertan einer Gewaltherrschaft nirgendwo erwartet.

Jetzt, da die jüngsten volljährigen Deutschen von 1945 über 70 Jahre alt sind, tritt der Forscher Daniel Goldhagen eher wie ein Staatsanwalt denn als Historiker auf, urteilt der konservative Londoner Spectator: Er inszeniert einen zweiten Nürnberger Prozeß, nun "gegen ein ganzes Volk". Y

* Daniel J. Goldhagen: "Hitler''s Willing Executioners". Alfred A. Knopf Verlag, New York 1996; 624 Seiten; 30 Dollar. * 1942 in Lukow. * In Baden-Baden nach dem Pogrom. * Links: Gemälde von Edvard Munch. Rechts: Trauerkundgebung nach dem Attentat in Berlin. ** Eine deutsche Ausgabe 1940 übersetzt: "deutschen Gefreiten, der . . . sie geschlagen hat." * Ein junger Jude muß das Geschäft seines Vaters kennzeichnen. * Vor dem Nürnberger Tribunal 1946.

DER SPIEGEL 21/1996
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