20.05.1996

Energie„Rebellen von Schönau“

Engagierte Bürger des kleinen Schwarzwald-Städtchens Schönau kämpfen seit gut zehn Jahren gegen den ansässigen Stromkonzern. Jetzt stehen sie kurz vor dem Erfolg - der Übernahme des Stromnetzes.
Von Berufs wegen kämpft Michael Sladek gegen Windpocken, Keuchhusten und gefährliche Erreger aller Art. Privat hat sich der Dorfarzt der 2500-Seelen-Gemeinde Schönau im Schwarzwald einen mächtigeren Gegner ausgeguckt: die Stromwirtschaft.
Seit gut zehn Jahren streitet Sladek mit einer Bürgerinitiative für den Ausstieg aus der Atomenergie. Allerdings: Protestmärsche, Sitzblockaden, das Ansägen von Strommasten sind ihm und seinen Schönauern fremd. Sie verfolgen einen anderen Weg: den Aufbau einer eigenen Energieversorgung.
Ihren Gegner, den deutsch-schweizerischen Strommonopolisten Kraftübertragungswerke Rheinfelden (KWR), hat die kleine Truppe nach erbitterten Auseinandersetzungen fast in die Knie gezwungen. Die Übernahme des Stromnetzes durch die "Stromrebellen" (Markgräfler Tagblatt) steht kurz bevor. Ein Beispiel, so befürchten die Energiekonzerne, das in Deutschland Schule machen könnte.
Vor zehn Jahren, unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, beschloß der Dorfarzt, sich mit einigen Freunden für den Ausstieg aus der Atomenergie zu engagieren. Man müsse dort ansetzen, wo sich tatsächlich etwas bewegen ließe, im eigenen Ort.
Die Idee ist einfach: "Rund 40 Prozent des von der KWR gelieferten Stroms", so rechnete Sladek den Gemeindemitgliedern vor, stammen aus Atomkraftwerken. Wenn es gelänge, genau diesen Anteil einzusparen oder durch umweltfreundliche Energien zu ersetzen, habe man in Schönau einen kleinen Beitrag zum Einstieg in den Ausstieg geliefert.
Stromsparwettbewerbe wurden ins Leben gerufen und Einsatzgebiete für die Nutzung von Sonnen- und Wasserenergien gesucht.
"Wenn der Strommulti damals auf uns eingegangen wäre", erinnert sich Sladek, "hätten wir gemeinsam eine ökologische Vorzeigeregion entwickeln können."
Doch der Strommonopolist stellte sich stur. "Vielleicht ein Fehler", räumt Konzernjurist Manfred Gollin heute ein. "Die haben die Wünsche der Bürger einfach nicht ernst genommen", klagt auch CDU-Bürgermeister Bernhard Seger.
Statt dessen präsentierte der Energieversorger der Gemeinde einen neuen Konzessionsvertrag. Wie gewohnt sollte damit das alleinige Recht zur Stromversorgung für weitere 20 Jahre festgeschrieben werden. "Möglichkeiten, eine ökologische kommunale Energiepolitik aufzubauen", schimpft Sladek, "sah das Papier nicht vor." Dafür eine um jährlich 25 000 Mark höhere Konzessionsabgabe.
Für die finanzschwache Gemeinde mit einer Arbeitslosenquote von über zehn Prozent eine Mehreinnahme, auf die man kaum verzichten konnte. Der Gemeinderat stimmte zu - für den Monopolisten schien die Auseinandersetzung damit beendet.
Doch die Bürgerinitiative ließ nicht locker. Verärgert über "soviel Arroganz" (Sladek), reifte ein waghalsiger Plan. "Wer das Netz hat, hat die Macht", hieß fortan die Devise. Und so gründete die Bürgerinitiative die Gesellschaft "Netzkauf". Ihr Ziel: Das KWR-Stromnetz inklusive aller Masten, Leitungen und Transformatoren sollte übernommen und in Eigenregie betrieben werden.
In einem ersten Bürgerentscheid wurde der Gemeinderatsbeschluß über den neuen Konzessionsvertrag mit der KWR gekippt. Die entgangenen Mehreinnahmen, so sicherte die Bürgerinitiative Netzkauf der verblüfften CDU-Mehrheit zu, würden von den Gesellschaftern aus Schönau getragen.
Immer noch nahm der Strommonopolist die Aktivisten nicht ernst. "Ein schlüssiges Energiekonzept", so hieß es lapidar aus der Zentrale in Rheinfelden, habe die Bürgerinitiative nicht zu bieten. Außerdem, wiegten sich die Strommanager in Sicherheit, sei das Netz der Gemeinde mehrere Millionen wert und für die kleine Bürgerinitiative wohl kaum zu bezahlen.
Weit gefehlt: In Schönau entwickelte sich in den Folgemonaten eine wahre Stromhysterie. Der Sparkassendirektor, wichtiger Befürworter des neuen Kurses, baute sich Sonnenkollektoren aufs Dach. Dorfarzt Sladek ließ im Keller ein Blockheizkraftwerk installieren.
Die ansässige Marmeladenfabrik demonstrierte, daß mit intelligentem Strommanagement Spitzenlasten verschoben werden können. Und auch Mittelständler Gustav Kaiser ließ sich mit seiner Fabrik vor den Toren Schönaus einspannen: Woche für Woche können nun ganze Schulklassen zuschauen, wie mit Hilfe von Wasserkraftturbinen Strom für die Produktion von Klobürstensets gewonnen wird.
Das kleine Schwarzwaldörtchen wurde zum Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung. Prominente Energie-Experten halfen, ein tragfähiges Stromkonzept zu entwickeln. Die Netzkauf-Initiative gründete schließlich eine Betreibergesellschaft mit dem wohlklingenden Namen "Elektrizitätswerke Schönau", Geschäftsführer wurde Gemeindepolizist Rolf Wetzel.
Selbst vier Millionen Mark für die Übernahme des Stromnetzes sammelte die Bürgerinitiative mit Hilfe eines Energiefonds und Beteiligungskonten zusammen. Seit Monaten schon steht das Geld für eine Übernahme zur Verfügung.
Die letzte Schlacht mit dem inzwischen extrem verunsicherten Energiekonzern konnte beginnen. Ein zweiter Bürgerentscheid im März dieses Jahres sollte die endgültige Entscheidung bringen.
Bereits Wochen vor der Abstimmung entwickelte sich eine Schlammschlacht, wie sie die kleine Schwarzwaldgemeinde in ihrer über 800jährigen Geschichte noch nicht erlebt hat. "Tiefe Gräben", schimpft Bürgermeister Seger, seien da entstanden.
Denn das Energiekonzept der Bürgerinitiative stieß in Schönau nicht nur auf Zustimmung. In ganzseitigen Anzeigen warnte der größte Arbeitgeber der Region, der Kunststoff-Produzent Frisetta, vor steigenden Strompreisen und der Gefahr von Netzausfällen. Auch die CDU und Teile der SPD lehnten das neue Stromkonzept ab.
Mit einem gewaltigen Wahlkampfetat und einem eigenen Informationsbüro vor Ort versuchte der deutsch-schweizerische Energieversorger, die Gegenkräfte in Schönau zu unterstützen. Mit Tausenden Flugblättern, Zeitungsannoncen und Diskussionsveranstaltungen sollte das Konzept der Stromrebellen diskreditiert werden.
Langjährige Freundschaften wurden aufgekündigt, Restaurants im Ort nicht mehr nach Speisekarte, sondern nach energiepolitischer Gesinnung der Inhaber ausgesucht. Dorfarzt Sladek mußte sich sogar mit dem Vorwurf auseinandersetzen, altersschwachen Patientinnen bei der Briefwahl die Hand geführt zu haben. "Der Dorffriede", so der Bürgermeister, "war extrem gefährdet."
Allen Anfeindungen zum Trotz setzte sich die Bürgerinitiative mit einer knappen Mehrheit durch. 52,4 Prozent der Schönauer stimmten schließlich gegen die KWR. Das Stromnetz steht seitdem zur Übernahme bereit.
Nun dämmert auch dem Monopolisten, daß seine unnachgiebige Haltung gravierende Folgen haben könnte: Der Imageschaden für KWR, räumt Justitiar Gollin ein, sei gewaltig. Nach dem Entscheid in Schönau überlegten schon zwei weitere Gemeinden, dem Beispiel nachzueifern.
Dabei, klagt der Konzernjurist, führe KWR einen Stellvertreterkrieg für andere Energieversorger. Als einer der kleinsten Stromproduzenten im Lande verfüge KWR über einen der größten regenerativen Stromanteile: Rund 60 Prozent des Stroms, den Rheinfelden in das Netz einspeist, stammen aus Wasserkraft. KWR und Schönau hätten eigentlich gut zueinander gepaßt.
Doch eine Zusammenarbeit der Bürgerinitiative mit dem Energieversorger ist weiter entfernt denn je. Der Monopolist spielt seinen letzten Trumpf: Rund 8,7 Millionen Mark soll das Schönauer Stromnetz kosten. "Das ist doppelt soviel, wie alle seriösen Experten berechnet haben", schimpft Sladek.
Trotzdem wollen die Schönauer den vollen Betrag so bald wie möglich überweisen. In der vergangenen Woche wurde eine Deutsche Energiestiftung ins Leben gerufen. Der Verein soll die fehlenden viereinhalb Millionen Mark für die Übernahme des Stromnetzes einsammeln. Die Chancen stehen nicht schlecht: Bereits in den ersten drei Wochen sind rund 300 000 Mark auf dem Konto eingegangen.
Gleichzeitig will die Bürgerinitiative juristisch gegen den "Wucherpreis" vorgehen. Wenn die Gerichte erst einmal eine verbindliche Bemessungsgrundlage für den Preis eines Stromnetzes festgelegt haben, glaubt Sladek, sei der entscheidende Schlag gegen die Stromlobby gelungen.
"Viele andere Gemeinden könnten dann dem Vorbild des Schwarzwaldortes folgen", glaubt er. Das Geld dafür wäre vorhanden: "Alles, was wir in Schönau zum Netzkauf nicht brauchen", verspricht der Dorfarzt und Stromrebell großzügig, "stellen wir anderen Bürgerinitiativen zur Verfügung."
* Oben: vor eigenem Blockheizkraftwerk; unten: auf dem Kirchturm der Gemeinde.

DER SPIEGEL 21/1996
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