27.05.1996

Gefangen im Konsens

Gute Zeiten waren es, als alle Welt noch vor Kritik und Visionen von Soziologen auf den Knien lag. Mittlerweile diskutieren die Sozialwissenschaftler untereinander, wie nichtssagend und unnütz ihr Fach geworden sei - und erzeugen damit die Langeweile, die sie beklagen. Der Soziologie geht es nicht anders als Kirchen, Parteien, Gewerkschaften: Die gesellschaftliche Resonanz der goldenen siebziger Jahre schwindet dahin. Wie kann man sie zurückgewinnen? Antworten aus der Zunft klingen ebenso plausibel wie sympathisch: Wir Soziologen sollten uns wieder stärker beteiligen am öffentlichen Vernunftgebrauch, sollten uns einmischen, neue Arten des Wertkonsenses mitkonstruieren.
Als ob wir das nicht längst im Übermaß täten! Ohne sozialwissenschaftliche Assistenz wird heute keine Straße gebaut, keine Biermarke eingeführt, kein Kandidat gekürt. Tag für Tag sind Tausende von Konsum-, Freizeit-, Organisations-, Alten-, Jugend-, Frauen-, Wahl-Forscher und -Forscherinnen an der Arbeit. Zusammen mit ihren Auftraggeberinnen und Auftraggebern in Ministerien, Kommunen, Unternehmen, Wohnungsbaugenossenschaften, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften, Fraktionen, Redaktionen, Kirchen, Stiftungen, Akademien versuchen sie es Kunden, Wählern, Gläubigen und Ungläubigen recht zu machen. So knüpfen sie, unauffällig und nicht öffentlich, am gesellschaftlichen Konsens mit. Und ihre Ziehväter in den Universitäten, die das theoretische Erbe verwalten und fortspinnen, reflektieren den Wertkonsens öffentlich und von höherer Warte aus: trotz allen Streits immer übereinstimmend in der Verantwortung für eine gute oder bessere Gesellschaft.
Soviel Nützlichkeit, so viele Rücksichten, Vorsichten und gute Absichten: sie sind der Grund dafür, daß die Soziologie als Wissenschaft in flachem Wasser dahindümpelt. "Gut gemeint" ist nämlich das Gegenteil nicht nur von Kunst, sondern auch von Wissenschaft.
Zwar gehört Engagement zu den Antriebskräften gerade der Sozialwissenschaften. Es ist aber zugleich ihr größtes Hindernis. "Wenn ich mich einmisch'', seh'' ich gar nix!" läßt Heimito von Doderer seinen René in der "Strudlhofstiege" sagen. Was Wissenschaftler zu neuen Ufern führt, ist immer eine Gleichgültigkeit, ja Rücksichtslosigkeit gegenüber dem moralischen Konsens. Machiavelli löste sich mit seinem politischen Realismus von den Wertbindungen der Bürger-Humanisten seiner Zeit. Adam Smith, der die Ordnung der Wirtschaft in der unsichtbaren Hand der Markt-Anarchie besser aufgehoben sah als in jedem noch so aufgeklärten Kopf, beleidigte die Vernunft. Karl Marx jagte mit der Analyse selbstzerstörerischer Prozesse des Kapitalismus - die ja durch die Selbstzerstörung des Staatssozialismus keineswegs widerlegt wurde - dem Fortschrittsglauben einen Schrecken ein. Emile Durkheim erschütterte das individualistische Weltbild durch den Aufweis kollektiver Zwänge. In Sigmund Freuds schlicht formuliertem Forschungsinteresse am "unbewußten Seelenleben" lag, wie Thomas Mann sagte, ein "revolutionärer Affront für alle Schulpsychologie und jede philosophische Gewohnheit". Max Weber zerschlug mit seiner Forderung nach "Werturteilsfreiheit" den Konsens, daß gute Werte und gute Wissenschaft zusammengehören.
Absolute Werturteilsfreiheit gibt es sowenig wie die Freiheit vom Tode. Trotzdem ist jede wissenschaftliche Entdeckung eine Befreiung von vorherrschenden Werturteilen und Verdrängungen - oder sie ist nichts. Sie durchbricht eine kollektive Übereinstimmung. Wer dies nicht in Kauf nehmen, wer kein Einverständnis stören will, hat uns wissenschaftlich nichts mitzuteilen - mag er noch so wortgewaltig kommunizieren.
Den Entdecker aber erwartet selten Ruhm und immer Strafe. Der verletzte Konsens schlägt zurück. Als seine Sprachrohre setzt er heute Kollegen, Intellektuelle, Journalisten ein, die mit ihrem Hohn und exkommunikativem Eifer hinter den kirchlichen Tugendrichtern früherer Zeiten kaum zurückstehen.
Ihr Zorn richtet sich nicht so sehr auf diejenigen, die dem Wertkonsens den Kampf ansagen. Denn mit den erklärten Gegnern teilen sie ja zumindest ein Wertengagement. Deswegen verstehen Marktwirtschaftler Marxisten, Linke verstehen Rechte - und brauchen einander. Ihr schlimmster gemeinsamer Feind aber sind die Wahrheitssucher, die nach dem jeweils herrschenden Konsens nicht fragen. Die Mißachtung, die in dem Streben nach Wertfreiheit liegt, verzeiht der Wertkonsens nicht. Da alles soziale Leben ein wertendes - also ein Vorziehen und Zurücksetzen - ist, bedeutet das Sich-dem-Vorziehen-Entziehen einen Anschlag auf die Grundlage des Zusammenlebens, einen Verstoß gegen "das elfte Gebot": "Du sollst dazugehören!"
Die Wächter des Wertkonsenses rasten deshalb nicht, bevor sie eine unangenehme Wahrheit - und ihre Entdecker - einer Wertgemeinschaft zugeschlagen haben; ob der eigenen oder einer gegnerischen, ist zweitrangig. Nicht vom Gegner geht ja die letzte Gefahr aus, sondern vom Verlust der Freund-Feind-Struktur in der Werturteilsfreiheit. Erst wenn sichergestellt scheint, daß ein Störenfried des Konsenses eine - sei es verkappte - Wertposition vertritt, kehrt wieder Ruhe ein. Letztlich wollen wir nicht wissen, ob Erkenntnisse wahr sind, sondern wohin sie gehören.
Auch die Entdecker, die mit unangenehmen Wahrheiten die eigene Wertgemeinschaft verprellen, suchen Zugehörigkeit. Gerade für sie stellt sich, in Cesare Paveses Worten, "das ganze Problem des Lebens... wie man die eigene Einsamkeit brechen, wie man mit anderen Gemeinschaft halten soll": Machiavelli, in der Verbannung schreibend, diente sich dem Fürsten an; der verbannte Marx dem Proletariat. Freud, am Ende seines Lebens ebenfalls auf der Flucht, bannte die zersetzende Kraft seiner Analysen im ärztlichen Ethos, Durkheim im pädagogischen. Weber flüchtete in die Krankheit und in die Politik.
Alle waren sie nichts weniger als Provokateure. Vor der Radikalität ihres Denkens suchten sie Schutz in bürgerlicher Wohlanständigkeit. (Der einzige Radikale unter den Soziologen der Bundesrepublik, Niklas Luhmann, tarnt sich mit mildem Konservatismus und ironischen Paradoxierungen.) Und alle waren sich der brisanten Spannung ihrer Gedanken zur herrschenden Moral bewußt. Noch heute ist es anrührend zu lesen, wie vorsichtig und schonend Freud seine Leser und Zuhörer an das Unerhörte heranführte, das er zu sagen hatte.
Aber Sünden wider den Konsens werden nachgetragen bis ins dritte und vierte Glied. Heute entdecken junge Forscherinnen und Forscher: Voltaire als Antisemiten, Weber als Rassisten, Freud als Frauenfeind. Die Toten werden aus ihrer Geschichte herausgerissen und vor das Tribunal eines Gegenwartskonsenses gezerrt, der zum moralischen Maßstab aller Dinge wird.
Daß es einen Wertkonsens in modernen Gesellschaften nicht mehr gebe, daß er sich in eine Pluralisierung der Wertmilieus und Individualisierungen auflöse, ist die schlimmste Fehldiagnose der zeitgenössischen Soziologie überhaupt. Der Wertkonsens in modernen Industriegesellschaften ist so mächtig, daß er sogar das Bewußtsein seiner selbst überwältigt hat. Und er wächst und wächst, im supranationalen, aber auch im nationalen Rahmen.

Wollen wir dies erkennen, dann brauchen wir nur zu fragen, was Rechte und Linke, Arme und Reiche, Ossis und Wessis gemeinsam hierzulande nicht haben wollen: nicht soviel Gewalt wie in Amerika, nicht so viele Streiks wie in Frankreich, nicht so viele Regierungswechsel wie in Italien, nicht soviel Mafia wie in Rußland, nicht soviel Nationalismus wie auf dem Balkan, nicht soviel Hingabe an die Firma wie in Japan, nicht soviel Züchtigung wie in Singapur, nicht so viele heilige Kühe wie in Indien, nicht so viele Schleier wie im Iran, nicht soviel militärische Selbstbehauptung wie in Israel. Abend für Abend, bei "Tagesschau" und "Weltspiegel", bilden wir, in der Ablehnung des Andersartigen, einen Wertkonsens, ohne es zu wissen und zu wollen. Der offene Blick auf die Welt, nicht völkische Borniertheit, erschafft kollektive Interessen und Identität der Bundesrepublik jeden Tag neu. Erst in der Öffnung zur Welt fügen sich individuelle Selbstgefühle zu einem Wirgefühl zusammen, das ungewollt auch ein nationales ist.
Warum sind wir als Soziologen die letzten, die dieses aufregende Zusammenspiel zwischen Öffnung und Schließung, zwischen Individualisierung und kollektiver Konsensbildung entdecken? Weil sich uns als engagierten Intellektuellen die Haare dagegen sträuben. Denn zum Konsens aller Demokraten gehört ja, daß es in der Bundesrepublik nie wieder nationale Tendenzen geben darf.
Eine soziologische Analyse, die solche Tendenzen als Implikation von Weltoffenheit sichtbar macht, gerät in schärfsten Konflikt mit dem Grundkonsens für eine offene Gesellschaft, in den wir als Bürger und Intellektuelle eingebettet sind. Plötzlich spüren wir am eigenen Leib: Die Rolle des Intellektuellen, der am guten Konsens mitkonstruieren will, und die des Wissenschaftlers, der ihn mit seinen Wahrheiten stört, gehen auch heute keineswegs harmonisch ineinander auf.

Zum demokratischen Konsens gehört, neben Anti-Nationalismus, auch der Satz: "Gewalt zahlt sich nicht aus." Als Bürger muß ich ihn immer wiederholen, um alle Gewaltregungen, bei anderen und bei mir selbst, zu unterdrücken. Als Soziologe muß ich ihn zurückweisen, genauer: als eine Hypothese behandeln, die sich bei genauer Prüfung als falsch erweist, ja immer falscher wird: Je ziviler eine Gesellschaft wird, je mehr sie Gewalt fürchtet und aus ihrem Alltag verdrängen kann, desto größer die Aufmerksamkeit, das Erschrecken und die Reaktionen, kurz: die kollektive Wirkung, die eine Gewalttat erzielt.
Vor 150 Jahren erklärte Alexis de Tocqueville die Französische Revolution: "Die Franzosen haben ihre Lage um so unerträglicher gefunden, je besser sie wurde... Man gelangt nicht immer dann zur Revolution, wenn eine schlimme Lage zur schlimmsten wird. Sehr oft geschieht es, daß ein Volk, das die drückendsten Gesetze ohne Klage und gleichsam, als fühle es sie nicht, ertragen hatte, diese gewaltsam beseitigt, sobald ihre Last sich vermindert."
Als theoretische Einsicht ist diese Analyse hoch aktuell und alarmierend: Sie läuft unserem demokratischen Grundkonsens zuwider, wonach Gesellschaften durch mehr Freiheit und Partizipation immer zur Gewaltlosigkeit voranschreiten. Nach Tocqueville kann gerade das Gegenteil eintreten: Die Aussicht auf mehr Freiheit und Selbstbestimmung bringt auch gesteigerte Unzufriedenheit und mehr Gewalt hervor - innerhalb von Gesellschaften, aber auch zwischen ihnen. Befreiungskriege wie auf dem Balkan und in Tschetschenien weisen darauf hin. So beunruhigend ist Tocquevilles soziologische Einsicht für unseren gegenwärtigen Wertkonsens, daß man sie nicht ohne Mut nachsprechen kann. Wer heute sagt, daß Gewalt nicht nur durch Gewalt, sondern auch durch Freiheit gezeugt wird, wird leicht als Feind der Freiheit oder gar Brandstifter abgestempelt. Für die schlechte Botschaft, daß das Gute nicht nur Gutes nach sich zieht, büßt immer noch der Bote.
Aus dem Konflikt zwischen der Rolle des engagierten Bürgers und Intellektuellen, der dem Konsens seiner Wertgemeinschaft verpflichtet ist, und der des Wissenschaftlers, der die Wahrheit auch auf Kosten des Konsenses sucht, gibt es kein Entrinnen. Wenn wir den Konflikt annehmen und nicht einseitig auflösen wollen, können wir die Soziologie als eine Wissenschaft entdecken, die Herzklopfen macht - und ihre großen Entdeckungen noch vor sich hat. Wollen wir sie dagegen zum Diener des Konsenses und zum Staatsdiener - auch des demokratischen Staates - herabwürdigen, brauchen wir uns nicht zu wundern, daß sie keine Entdeckungen hervorbringt, sondern bloß Langeweile verbreitet.
Hondrich, 58, ist Professor für Soziologie an der Universität Frankfurt am Main.
Von Karl Otto Hondrich

DER SPIEGEL 22/1996
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