27.05.1996

AtommüllRinnsal am Rand

Jahrelang bat Bonn die USA, den Strahlenmüll aus Forschungsreaktoren zu entsorgen. Jetzt lenken die USA ein. Aber Bonn will nicht mehr.
Lange hatten die deutschen Nuklearforscher auf die Nachricht aus Washington warten müssen. Anfang letzter Woche war es endlich soweit.
Nach fast achtjähriger Unterbrechung, so versprach Energieministerin Hazel O''Leary, werden die USA wieder verbrauchte Brennelemente aus ausländischen Forschungsreaktoren zurücknehmen. Bereits im Spätsommer könnten die ersten Transporte im Marinehafen von Charleston (South Carolina) anlanden.
Zwar umfaßt die weltweite Atommüll-Kollekte insgesamt nicht mehr als 20 Tonnen Strahlenmüll - weniger, als ein einziges großes Atomkraftwerk pro Jahr produziert. Doch der Stoff hat es in sich: Er taugt für die Herstellung von Bomben.
Bis in die späten achtziger Jahre nutzten die von den USA belieferten Kernforscher in Europa, Japan, Australien und vielen Ländern der Dritten Welt routinemäßig hochangereichertes Spalturan als Brennmaterial - den Stoff, aus dem die Militärs Atombomben herstellen.
Um jeglichem Mißbrauch vorzubeugen, verpflichteten die USA ihre Kunden seit Anfang der siebziger Jahre, sämtliche Brennelemente nach Gebrauch zurückzuliefern. Die Reaktorbetreiber im Ausland nahmen den Service gern in Anspruch: Er ersparte ihnen jeglichen Ärger mit der Entsorgung ihres Strahlenmülls.
Fünfzehn Jahre lang interessierte sich kaum jemand für dieses Rinnsal am Rand der großen nuklearen Brennstoffströme, bis schließlich amerikanische Umweltschützer und Anwohner des Atomkomplexes von Savannah River (South Carolina) auf die Nukleartransporte aus dem Ausland aufmerksam wurden.
Ende 1988 erzwangen sie eine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung über Risiken des Brennelemente-Transports und die Wiederaufarbeitung am Savannah River. Die Folge: Die Rücktransporte wurden ausgesetzt.
Besonders deutsche Forschungszentren gerieten damit in Not. Die internen Zwischenlager der fünf Testreaktoren in Jülich, Berlin, Geesthacht, Garching und Braunschweig drohten überzuquellen. Alternativen zum Rücktransport in die USA waren kaum zu finden. Ohne "Entsorgungsnachweis" aber darf in Deutschland kein Reaktor betrieben werden.
Atomkraftgegner witterten neue Chancen, vor Gericht die Schließung einzelner Forschungsmeiler zu erstreiten. Insbesondere der Experimentalreaktor am Hahn-Meitner-Institut in Berlin stand zeitweise auf der Abschußliste.
Jahrelang hatte die Bundesregierung deshalb die US-Regierung bedrängt, den lästigen Strahlenmüll wieder, wie früher, zurückzunehmen. Doch als letzte Woche die ersehnte US-Entscheidung bekannt wurde, war die Reaktion
im Bundesforschungsministerium (BMBF) ausgesprochen kühl. Plötzlich meinte man dort erkannt zu haben, dieser Entsorgungsweg sei "mit großen Unsicherheiten" behaftet.
Das tatsächliche Motiv für diesen merkwürdigen Eiertanz findet sich ein paar hundert Kilometer südöstlich von Bonn: in Garching bei München.
Denn seit dort der Bau des von der Bundesregierung vehement unterstützten Forschungsreaktors FRM II der TU München beschlossen wurde, haben sich die Probleme grundlegend verschoben: Plötzlich plagen die Ministerialbeamten im Wissenschaftsministerium nicht mehr nur Ent-, sondern auch Versorgungsängste: Es mangelt an Brennstoff für die geplante Garchinger Neutronenquelle. Denn sie soll, gegen den Widerstand der Clinton-Administration, mit hochangereichertem Uran (Fachjargon: HEU, Highly Enriched Uranium) befeuert werden.
Zivile Anlagen, die HEU herstellen, gibt es in Europa nicht. Die Vorräte der Euratom Versorgungsagentur sind bereits anderen versprochen. Und die USA, deren erklärte Politik es ist, waffentaugliche Spaltstoffe schrittweise aus allen zivilen Kreisläufen zu entfernen, wollen nicht liefern. In dieser prekären Situation sehen die BMBF-Ministerialen in dem Abbrand der anderen Forschungsreaktoren einen willkommenen Ausweg aus dem Versorgungsengpaß. Das darin gespeicherte Uran enthält das spaltbare Isotop U-235 immerhin noch zu rund 72 Prozent - genug für den Betrieb des FRM II in Garching.
In einer Entscheidungsvorlage für Forschungsstaatssekretär Gebhard Ziller von Anfang April votiert das zuständige Referat 415 ("Reaktorsicherheit und Entsorgung") folgerichtig dafür, die angehäuften Brennelemente aus deutschen Wissenschaftsreaktoren in der schottischen Wiederaufarbeitungsanlage Dounreay zu recyceln. Ausdrückliche Begründung: Flaute auf dem Brennstoffmarkt.
Damit ist offener Zwist innerhalb der Forschergemeinde ausgebrochen. Die Reaktorplaner von Garching geraten in Gegensatz zu ihren Kollegen von den bereits bestehenden Forschungsreaktoren. "Wir sehen die US-Option als erste Priorität", versichert etwa Gerd Thamm vom Forschungszentrum Jülich.
Gründe dafür gibt es genug: Die Reaktoren in Berlin, Jülich und Geesthacht sind schon oder werden demnächst auf nicht waffentaugliches Uran umgestellt. Aus Dounreay käme HEU-Uran zurück, für das dort keine Verwendung mehr besteht.
Außerdem fürchten sie die Lieferungen des Strahlenmülls, der beim Recycling anfällt und dann in Zementfässern oder Glaskokillen eingeschweißt wird. Für die Entsorgung müßten die deutschen Forschungszentren geradestehen. Der Akzeptanz an den Standorten, fürchtet Thomas Robertson vom Hahn-Meitner-Institut in Berlin, täte eine derart "unklare Entsorgungsoption" nicht gut.
Zudem ist die Wiederaufarbeitung teuer: "20 Kilogramm hochangereichertes Uran aus Dounreay", schimpft Wilfried Krull, Leiter des Forschungsreaktors im GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht, "verursachen gegenüber der US-Option Zusatzkosten in einer Größenordnung von zehn Millionen Mark." 20 Kilo reichen gerade mal für einen etwa halbjährigen Betrieb des FRM II.
Noch aus einem anderen Grund betrachten die Gegner einer Wiederaufarbeitung die Dounreay-Connection als Sackgasse: Seit Jahren ist die schottische Anlage wegen kärglicher Auslastung von Schließung bedroht.
Doch all diese Argumente scheinen die Beamten im Bonner Forschungsministerium nicht umstimmen zu können. Als die Reaktorbetreiber am 9. April nach Bonn eingeladen wurden, opponierten sie stundenlang gegen die teure Verschiffung des Strahlenmülls nach Dounreay.
Wenige Tage später erreichte die Beteiligten der Protokoll-Entwurf aus Bonn. Kernsatz: "Nach eingehender Diskussion... schließen sich die Teilnehmer dem BMBF-Votum (für Dounreay) an."
Dennoch scheint nicht mehr ausgeschlossen, daß Forschungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) sich gezwungen sieht, seine Beamten zurückzupfeifen. Denn nicht nur im Inland nimmt der Druck gegen die Dounreay-Option zu. Auch die Clinton-Administration will die Wiederaufarbeitung des waffentauglichen Urans unbedingt verhindern.
Für Ende Mai hat sich eine Regierungsdelegation aus Washington im Bonner Forschungsministerium angemeldet. Einziges Anliegen: Aushandlung der Modalitäten für den Rücktransport deutscher Brennelemente nach South Carolina.
* Am Hahn-Meitner-Institut.

DER SPIEGEL 22/1996
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