03.06.1996

Paulus oder Jesus?

Rudolf Augstein über die Anfänge des Christentums

Von Augstein, Rudolf

Die Kirche lebt praktisch davon, daß die Ergebnisse der wissenschaftlichen Leben-Jesu-Forschung in ihr nicht publik sind.

Einer der ganz großen Neuentwerfer der Geschichte ohne Wehr und Waffen ist der sogenannte Apostel Saulus-Paulus aus Tarsus in Kilikien, einem hellenistisch-orientalisch geprägten Ort im Süden der Türkei.

Ohne ihn gäbe es die römisch-christliche Kirche entweder gar nicht, was unwahrscheinlich ist, oder in einer sehr anderen Gestalt, was wahrscheinlich ist.

Aber wieso, war denn nicht der Herr Jesus Christus, der uns viel später in den vier autorisierten Evangelien bezeugt wurde, Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte, somit Stifter der christlichen Kirchen? Zwei hochrangig besetzte Symposien in den USA beschäftigen sich jetzt wieder mit der neu aufgekommenen Frage nach Todesart, Grablegung und Auferstehung des Gekreuzigten, nur einer der Teilnehmer ist Jude.

Auch in Deutschland hat Jesus neuerdings wieder Konjunktur. Ein "Himmelfahrtskommando", so schreibt Fuldas Erzbischof Johannes Dyba in Bild, und ersichtlich will er diesmal niemanden beleidigen, sei geradezu das Gegenteil dessen, was Christen an diesem sogenannten Vatertag feiern sollten, nämlich dies: "Der auferstandene Christus ist in den Himmel aufgefahren, um denen, die an ihn glauben, dort eine Stätte zu bereiten, ,damit auch ihr seid, wo ich bin''."

Dagegen läßt sich nichts einwenden. Wir müssen allerdings beiseite lassen, daß die Kirchen oft genug blutige "Himmelfahrtskommandos" veranstaltet oder geduldet haben**. ** Ein weltweit verkündetes Hirtenwort des _("Stellvertreters" Jesu Christi auf Erden ) _(hätte genügt, und Hitler hätte die ) _(Juden-Ausrottung einschränken oder ) _(abbrechen müssen, so gut kenne ich ) _(Hitlers Armee denn doch. Rolf Hochhuth ) _(hat den Finger in diese Wunde gelegt. ) _(Der Papst hatte Divisionen. Aber Pius ) _(XII. wollte kein Märtyrer sein. Dabei ) _(hätte ihn ja keiner umgebracht. ) _(* Gemälde von Bartolome Esteban ) _(Murillo um 1675. )

Wie war der Mann Jesus beschaffen, den die vier anerkannten Evangelisten uns vorstellen? Wir wissen beklagenswert wenig, so gut wie nichts.

Paulus, der die ersten Juden-Christen wie ein Wüterich verfolgt hat, mag 25 bis 30 Jahre alt gewesen sein, als er sein berühmtes Erlebnis bei Damaskus hatte. Zu ihm als dem einzigen redet der Auferstandene, in Hebräisch, nicht in Griechisch, und beauftragt ihn, die Nichtjuden, die Griechen, die Heiden zu bekehren. So fühlt sich Paulus, der sich selbst eine Miß- oder Spätgeburt nennt, direkt vom Herrn zum Apostel berufen. Die in Jerusalem nennt er spöttisch "Überapostel", die alle zusammen nicht soviel leisten wie er, womit er wohl recht haben wird. Besonders unangenehm geht ihm "Kephas" (Simon Petrus) auf die Nerven. Daß er den Ehrennamen "Petrus" erhielt, geht auf "Petra", griechisch "Stein/Fels", zurück.

Paulus tritt uns als eine Figur von Fleisch und Blut entgegen. Das Gesetz Mose, dieser mythischen Gestalt aus Vorzeiten, verachtete er nicht. Aber nun, da Christus auferstanden ist und man "in ihm gefunden werde", glaubt er nicht weiter an eine Gerechtigkeit, "die aus dem Gesetz kommt", sondern an eine Gerechtigkeit, "die durch den Glauben an Christus kommt". "Dreck" nennt er die künftige Gesetzesgläubigkeit, der auch er zuvor anhing.

Die Beschneidung sieht er als das an, was sie ist: das größte Hindernis auf dem Wege zur Bekehrung der Griechen, Römer und sonstiger Heiden. Die Widerstände in Jerusalem sind groß. Aber er setzt sich durch. Keiner, der zu Christus will, muß sich mehr beschneiden lassen.

Paulus, dessen Damaskus-Erscheinung kaum erörtert werden kann, hatte nun eine Bestimmung, die ihn absolut verzehrte. Seine bisherigen Auftraggeber, die Tempelpartei, die Schriftgelehrten und Hohepriester, fanden diesen Verrat skandalös. Viele ihrer Anhänger verschworen sich, den Abtrünnigen in einen Hinterhalt zu locken und ihn zu töten, wie sie es am liebsten ja auch mit Jesus gehalten hätten.

Da gab es aber ein Hindernis. Saulus-Paulus war, anders als Jesus, geborener Bürger von Tarsus und des römischen Weltreiches. Nur mit stillschweigender Zustimmung des römischen Statthalters konnte man ihn umbringen, und das war sogar für diesen gefährlich.

Paulus hatte das Recht, zwar als Gefangener, aber ohne Fesseln nach Rom gebracht zu werden. Seine Odyssee beginnt und verliert sich Anfang der sechziger Jahre im dunkeln.

So kam es, daß ein römischer Bürger eine Art Religionsstifter werden konnte, an Bedeutung Mohammed gleich. Wenn einer, dann hat Paulus und nicht die Lichtgestalt Jesus Christus die Kirche geprägt, bis in die Ganglien von Papst Johannes Paul II., dessen Fleisches- und Frauenfeindschaft er vorwegnimmt. Aber an eine Kirche, an ein Konzil, einen unfehlbaren Papst hat Paulus gar nicht denken können. Er glaubte, daß der auferstandene Herr bald mit Macht und in Herrlichkeit wiederkommen werde, die Theologen nennen das "Nah-Erwartung". Er glaubte, daß etliche seiner Zeitgenossen die Wiederkunft des Herrn noch erleben würden, vielleicht sogar er selbst.

Paulus, der den lebenden Jesus nicht kannte, hätte sich über den berühmten Wundertäter am ehesten kundig machen können. Er kannte den Petrus, und er kannte den Gemeindevorsteher in Jerusalem, den Bruder des Herrn, Jakobus. Lieb kann ihm diese Bekanntschaft nicht gewesen sein, sonst hätte er mehr darüber berichtet.

Am Leben des im Fleische wandelnden Herrn ist Paulus aber merkwürdig uninteressiert. Er widmet all seinen Eifer seinem eigenen theologischen Entwurf, einem Meisterstück der jüdischen Rabulistik. Er muß sich ständig auf das Gesetz Mose berufen, niedergeschrieben erst im 5. Jahrhundert vor der Zeitenwende, um vom Gesetz Mose loszukommen. Er zieht die Parallele zwischen Adam und seinem Jesus Christus:
" Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über "
" alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die "
" Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die "
" Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. "

Mit Gott sind wir versöhnt durch den "Tod seines Sohnes". So spricht der bereits Nicht-mehr-Jude. "Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir."

In ihm redet Christus. Paulus hat das Evangelium direkt und von ihm selbst empfangen. Seine Botschaft: Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Es folgt die Volte: Christus ist der "Erstling" geworden "unter denen, die da entschlafen sind".

Paulus allein verkündet des Herrn Gebot mit einer bis dahin unerhörten Leidenschaft, die manchmal an Hysterie grenzt. Sein Stil ist furios. Widersprüche gibt es zahlreich. Die Gnadenwahl späterer Jahrhunderte läßt sich unschwer herauslesen. Gott erbarmt sich, wessen er will, und verstockt, welche er will: "Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?"

In einem stimmt der Jesus der Evangelisten mit Paulus überein: Wer die frohe Botschaft nicht glaubt, wird verdammt. Dazu Paulus: "Wenn jemand den Herrn nicht liebhat, der sei verflucht."* Jahwe, _(* Auch der Israeliten-Stammesgott Jahwe ) _(erwies sich als nicht sehr treu. Er ging ) _(mit der Zeit und verkündete "seinem" ) _(Volk den Untergang, bis auf einen ) _("kleinen Rest", den "heiligen Rest". )

Jesus, Paulus, darin sind sie sich gleich. Die Liebe fragt nicht, sie gehorcht.

Korinth war nach damaligen Maßstäben eine Großstadt. Wie sollten die Korinther den Herrn lieben, von dem sie nur hörten, daß er dem Paulus aufgetragen hatte, ihnen die Auferstehung von den Toten zu verkünden? "Niemand", so schreibt der Kirchenvater Augustinus (354 bis 430), "glaubt etwas, ohne vorher nachzudenken, ob man es glauben muß." Eines braucht derjenige, der Paulus folgt, nicht: nachzudenken.

Der erste Evangelist, ein anonymer Markus, hat sein Evangelium mit großer Wahrscheinlichkeit kurz vor oder kurz nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 diktiert. Bei ihm erfahren wir, was bei Paulus wegen der Vieldeutigkeit des Wortes "pfählen" nur vermutet werden kann: daß Jesus den römischen Kreuzestod gestorben ist. Markus weiß in jüdischen Sitten und Gebräuchen nicht sehr gut Bescheid. Jesus, wenn denn gekreuzigt, ist mit Sicherheit anders gekreuzigt worden als bei Markus dargestellt.

Die "Hohepriester" bei Markus verlangten die Kreuzigung "aus Neid", so als hätte es zwischen der Tempelpartei und Pilatus wegen dieses Unruhestifters keine gemeinsamen Interessen gegeben. Die Pilatus-Szene muß erfunden worden sein, poetisch erfunden, aber gleichwohl, sie macht gar keinen Sinn. Ein römischer Prokurator hätte sich niemals für einen "König der Juden" einsetzen können. Der Schluß des Evangeliums wirkt wie angepappt: Jesus wird in den Himmel aufgenommen und setzt sich "zur Rechten Gottes". Der ethische wie der theologische Gehalt dieses ältesten Evangeliums erscheint denkbar dürftig.

Die Jesus-Figuration birgt "jenen eigenartigen Ballungspunkt menschlicher Möglichkeiten", den der Soziologe Peter L. Berger ausgemacht hat. Konturen gewinnt dieser in sich ganz widersprüchliche Jesus nicht, und so hat man die Suche nach dem Menschen, in dessen Wesen jeder Gläubige hineinsehen kann, was er will, nahezu aufgegeben. Ob wir den Paulus heute noch kennen würden, wenn die ersten Juden-Christen das Gedenken an ihren Meister nicht tradiert hätten, muß offenbleiben. Woher sonst sollte er einen anderen Himmelssohn nehmen?

Konsequent kann er als Missionar so vieler Völkerschaften nicht immer sein. Gott hat seinen Sohn "in der Gestalt des sündigen Fleisches" gesandt, das geht gerade noch. Aber er mutet seinen Gemeinden viel zu. So behauptet er, sogar schon im Mutterleib vom Herrn ausersehen worden zu sein, den Heiden das Evangelium zu predigen, auch wohl dazu ausersehen, die Juden-Christen vorher rechtschaffen zu peinigen. Er verlangt bedingungslosen Gehorsam. "Denn ich habe euch verlobt mit einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte" (Zweiter Brief an die Korinther).

Schon während der Wüstenwanderung des Volkes Israel in das Land Kanaan hat Christus segensreich gewirkt. Der Fels, aus dem die durstigen Kinder Israels tranken, war der geistige Fels Christus, der hinter dem Volk herzog: eine rabbinische Überlieferung, die Paulus übernimmt. Der Herr Jahwe wird fast unmerklich in den Herrn Christus umgewandelt.

So läßt sich auch umgekehrt die Frage stellen: Wäre ein Jesus Christus ohne Paulus denkbar? Hier helfen nur Vermutungen. Man sollte meinen, irgendein _(* Gemälde von Diego Velazquez um 1630. )

persönlicher Anstoß für die Gemeinde sei notwendig gewesen.

Mag Jesus seinen Zeitgenossen nicht besonders aufgefallen sein - charismatische Wanderprediger und ägyptische Magier gab es ja viele -, so muß er bei seinen Anhängern, Jüngern, Aposteln doch einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben, und sei es aus dem Schuldgefühl heraus, ihn allesamt zum Schluß allein gelassen zu haben.

Mündliche Überlieferungen, heimliche Zusammenkünfte muß es gegeben haben, sonst hätte keine Verfolgung stattgefunden. Ein Jesus ohne Paulus? Denkbar, nicht sicher.

Denn womit untermauerten Paulus und die vier Monopol-Evangelisten ihre Texte? Mit Weissagungen aus den alten Schriften, ob sie nun paßten oder nicht. Um das Mysterium "Auferstehung" konnte sich eine neue, immer weiter fortgesponnene Religiosität entfalten, nicht durch Kreuzigung oder Steinigung allein.

Im Evangelium nach Johannes, geschrieben etwa im Jahre 110 nach der Zeitrechnung, heißt es: "Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen." Das geschieht mehrfach, dazu bedurfte es keiner den Römern vorbehaltenen "Blutgerichtsbarkeit", das war spontane Lynchjustiz.

Nur kam es nie dazu. Jesus sollte nämlich nach der Schrift nicht gesteinigt, sondern "erhöht" werden, am Kreuzesholz. So hoch war das auch nicht, die Füße befanden sich etwa einen Meter über dem Erdboden.

Die Anhänger des Auferstandenen sahen offenbar einen Zusammenhang zwischen der Kreuzigung und einem Hängen am Holz. In der Apostelgeschichte wird von Jesus gesprochen, den die Juden durch die "Hand der Heiden" an das Holz gehängt und getötet haben.

Paulus interessiert sich nicht für die Art der Hinrichtung, und er hält den abtrünnigen Galatern vor, daß Jesus seinen Tod auf sich genommen habe, "um uns aus der gegenwärtigen bösen Welt zu befreien". In der Schrift stehe: "Verflucht ist jeder, der am Pfahl hängt", ein am Schandmal hängender toter Verbrecher.

Plato (427 bis 347 vor Christus), wohl den gerechten Sokrates im Blick, schreibt, der Gerechte werde gegeißelt, gebunden und schließlich ans Kreuz geschlagen; andere Übersetzungsmöglichkeit: gepfählt, gehängt, aufgeknüpft. Der Theologe Friedrich Schleiermacher (1768 bis 1834) wählt die Übersetzung "aufgeknüpft". In der alten Kirche galt dies als eine Weissagung auf Christus. Im Ersten Brief an die Thessalonicher schreibt Paulus, die Juden hätten den Herrn Jesus ebenso getötet wie die Propheten. Erst gesteinigt, dann aufgeknüpft?

Im allgemeinen hängte man den Delinquenten, um Material zu sparen. Das Wort für "annageln" steht in keinem Kreuzigungsbericht, sondern um das Jahr 77 bei dem römischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus und in dem fälschlich Paulus zugeschriebenen Brief an die Kolosser. Man hat in der Nähe von Jerusalem die Gebeine eines zu Jesu Zeiten Gekreuzigten gefunden. Seine Füße waren zur Seite gepreßt und mit einem einzigen Nagel ans Holz geheftet.

Der Jesus des Johannes sagt über seine eigene Zukunft:
" Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, will ich "
" alle zu mir ziehen. "
" Das sagte er aber, um zu zeigen, welchen Todes er "
" sterben würde. "

Von der messianischen Arroganz des Johannes-Evangeliums führen wohl Wege zurück zu dem Paulus im Fleisch, aber keiner zum gekreuzigten Christus.

Hatte er bei Markus 40 Jahre zuvor noch gerufen: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", so spricht er in dem Evangelium laut Johannes: "Ich habe Macht, es (mein Leben) zu lassen, und habe Macht, es wiederzunehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater." Und weiter: "Ich und der Vater sind eins."

"Meinem innersten religiösen Besitz", sprach der Neutestamentler P. W. Schmiedel 1906, "würde kein Schaden geschehen, wenn ich mich heute überzeugen müßte, daß Jesus gar nicht gelebt habe." Und der evangelische Theologe Martin Kähler 1892: Geschichtlich wirksam ist nicht der historische Jesus, "wie er leibte und lebte", sondern der gepredigte und geglaubte Christus. Immerhin, eine "bedeutende Gestalt" müsse den Anstoß für die Jünger gegeben haben. Aber nicht einmal bei Markus finden wir einen allein Jesus zuzuschreibenden Ausspruch.

Jesus stand, wie der Neutestamentler Joachim Jeremias 1971 schrieb, unter dem Eindruck einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe - nicht einer "in dreißig oder vierzig Jahren", zu Zeiten des römischjüdischen Krieges. An den konnte auch Paulus nicht gedacht haben.

Bei Markus sollen die Leute beten, daß die Drangsale nicht im Winter kommen, bei dem späteren Matthäus außerdem, daß sie sich nicht an einem Sabbat ereignen. Das Evangelium nach Matthäus gilt als das jüdischste, obwohl alle vier Evangelisten den Römern schöntun. Mit dem jüdischen Alltag sind sie nur unvollkommen vertraut.

Wer glauben will und kann, der muß eben auch an die Auferstehung und an das leere Grab glauben. Beides ist aber der Gesprächsstoff der Urgemeinde, so sieht es der frühere Benediktinermönch Luke Timothy Johnson anno 1995. Zugespitzt: Ohne die Pfingst-Erfahrung der Urgemeinde auch kein Ostern.

Die Auferstehung und das leere Grab bleiben aber auch ohne Pfingsten eine Hoffnung oder ein Ärgernis. John Dominic Crossan, Bibelgelehrter in Chicago und früherer katholischer Priester, nimmt sich des leeren Grabes an. Wilde Hunde, so schlägt er vor, hätten sich über den Leichnam hergemacht, wie das für von den Römern hingerichtete Verbrecher üblich gewesen sei.

Wohin wir auch blicken, Jesus als geschichtliche Person können wir nicht dingfest machen. Es fehlt an jedem Anhalt. Er ist die "personifizierte Heilserwartung" seiner damaligen Anhänger. Er steht nicht auf geschichtlichem Boden, er "schreitet durch uns hindurch".

Anders ist das mit Paulus. Auch er, wie die Evangelisten, kennt nicht das menschliche "Gewissen", weil es den Spielraum der göttlichen Allmacht einengen würde. Mit Bezug auf ihn läßt sich das Wort Joseph Conrads umkehren: "Ich weiß nur, daß der verloren ist, der eine Bindung eingeht. Der Keim der Verwesung ist in seine Seele eingedrungen."

Das trifft auf Paulus nicht zu. Er ist die denkbar stärkste Bindung eingegangen. Aber frei blieb seine Seele vom Keim der Verwesung. Y

[Grafiktext]

Reisen des Apostel Paulus

[GrafiktextEnde]

** Ein weltweit verkündetes Hirtenwort des "Stellvertreters" Jesu Christi auf Erden hätte genügt, und Hitler hätte die Juden-Ausrottung einschränken oder abbrechen müssen, so gut kenne ich Hitlers Armee denn doch. Rolf Hochhuth hat den Finger in diese Wunde gelegt. Der Papst hatte Divisionen. Aber Pius XII. wollte kein Märtyrer sein. Dabei hätte ihn ja keiner umgebracht. * Gemälde von Bartolome Esteban Murillo um 1675. * Auch der Israeliten-Stammesgott Jahwe erwies sich als nicht sehr treu. Er ging mit der Zeit und verkündete "seinem" Volk den Untergang, bis auf einen "kleinen Rest", den "heiligen Rest". * Gemälde von Diego Velazquez um 1630.

DER SPIEGEL 23/1996
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