03.06.1996

Die Zerstreuung des Eros

Gegenwärtig unterliegt unsere Sexualität einem so enormen kulturellen Wandel, daß es nicht übertrieben ist, von einer neosexuellen Revolution zu sprechen. Bisher ist diese Umwälzung, von einigen Debatten abgesehen, eher schleichend verlaufen.
Die letzte sexuelle Revolution dagegen hat den König Sex im reichen Westen mit großem Getöse inthronisiert. Damals, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, durchdröhnte die Parole "Genuß ohne Reue", die von der Filterzigarettenindustrie entlehnt werden konnte, den letzten Winkel der Kultur.
Vorausgegangen war eine allmähliche Auflösung der traditionellen Ehemoral und eine Denunziation der glücklichen Familie als in sich zerstörerisch. Beseitigt wurden Zustände, die uns heute nur noch als vorsintflutlich erscheinen, beispielsweise der Kuppeleiparagraph, der es einem unverheirateten jungen Paar nur mit Tricks und unter Gefahren erlaubte, in einer Wohnung zusammenzuleben.
Insgesamt findet heute, verglichen mit der Zeit der letzten sexuellen Revolution, eine rasante Umwertung der Sexualität statt. Daher meine Rede von der neosexuellen Revolution. Von "neosexuell" spreche ich, weil die alte Sexualität auseinandergelegt und neu zusammengesetzt wird. Dadurch treten Dimensionen, Intimbeziehungen und Sexualfragmente hervor, die bisher keinen Namen hatten oder gar nicht existierten.
Die Vorsilbe "neo" scheint mir besonders geeignet zu sein, weil sie nach unserem Sprachgefühl sowohl die schöpferische und neuartige wie die rückwärtsgewandte Seite eines Vorganges assoziieren läßt. Von "Revolution" spreche ich, weil wir inzwischen wissen, daß Revolutionen laut oder leise, sanft oder unsanft verlaufen können und daß sie nicht unbedingt in ein Reich der Freiheit führen.
Vor allem aber habe ich diese Bezeichnung gewählt, weil die letzte sexuelle Revolution, ein realer Mythos unserer jüngeren Geschichte, zwangsläufig als Maß genommen wird, sobald Umbrüche der Sexualkultur beschrieben werden.
Gemessen an den Verheißungen der letzten sexuellen Revolution wird die hohe symbolische Bedeutung, die die Sexualität um die Jahrhundertwende, in den zwanziger Jahren und am Ende der sechziger Jahre hatte, wieder reduziert. Damals wurde die Sexualität mit einer solchen Mächtigkeit ausgestattet, daß einige davon überzeugt waren, durch ihre Entfesselung die ganze Gesellschaft stürzen zu können.
Andere verklärten die Sexualität zur menschlichen Glücksmöglichkeit schlechthin. Generell sollte sie so früh und so oft und so intensiv wie nur möglich praktiziert werden. Generativität, Monogamie, Treue, Virginität, Enthaltsamkeit und Askese waren Auswurf oder Inbegriff der zu bekämpfenden Repression. Daß mit der "Befreiung" neue und alte Zwänge und Ängste einhergingen, wollten die Propagandisten nicht wahrhaben.
Heute ist Sexualität nicht mehr die Lust- und Glücksmöglichkeit schlechthin. Sie wurde inzwischen weithin banalisiert, ist eine Selbstverständlichkeit wie Egoismus oder Motilität. Man/frau hat Sex - oder auch nicht. Die Sexualität wird nicht mehr positiv mystifiziert als Rausch, Ekstase und Transgression, sondern so negativ gesehen, wie sie oft ist: Quelle und Tatort von Unfreiheit, Ungleichheit und Gewalt. Seit dem Einbruch der Krankheit Aids ist sie auch wieder mit der Wahrscheinlichkeit einer tödlichen Infektion verbunden.
Nur noch Kinder und Perverse scheinen das sexuell Triebhafte nach wie vor mit jener Mächtigkeit auszustatten, die den Mystikern des Heiligen Eros einst vorschwebte. Der Vatikan ist die letzte Instanz, die unbeirrt versucht, sexuelle Lust durch Verbote großzumachen, beeindruckenderweise in einer Zeit, in der deren ununterbrochene und übertriebene kulturelle Inszenierung offenbar wirksamer als alle Repressionen das Begehren zerstreut. Ohne die Reminiszenzen an die paradiesischen Wonnen und höllischen Qualen der Kindheit und Jugend wären die Erwachsenen womöglich nur noch mit Vakuumpumpen und Massagestäben befaßt.
Heute ist die Bühne des Ewigen Eros, den zuletzt Geister wie Wilhelm Reich, Georges Bataille oder Alex Comfort als orgastisch und revolutionär, als heilig und grenzüberschreitend oder auch nur als aufgeklärt und wohltuend beschworen haben, von Figuren bevölkert, die nicht verschweigen, daß der Gegenspieler, der Ewige Anteros, sie gezeugt und geboren hat.
Sie begegnen uns jeden Tag: Der sexistische Mann. Der gewalttätige Mann. Die lustlose Frau. Der physisch oder psychisch abwesende Vater. Die zuviel oder zuwenig liebende Mutter. Das sexuell mißbrauchte Kind. Das sozial asymmetrische Paar. Der Single. Der transsexuelle Geschlechtsvollzieher. Der präventionsgerechte Schwule. Das gesegnete gleichgeschlechtliche Paar. Der Selbstverliebte. Der medial Sexsüchtige. Der mystisch Abstinente. Der elektronisch zerstreute Perverse. Der futuristische Cybersexer.
Kein Wunder also, wenn Sexualforscher klagen, der Sexus werde entsexualisiert und die sexuelle Triebhaftigkeit verschwinde. Beleidigt präsentieren sie ihre neuesten empirischen Resultate unter der Überschrift "Abschied von der sexuellen Revolution". Offenbar benehmen sich die Gesellschaftsindividuen nicht so, wie sich das die Forscher erbeten haben.
Mir ist dieses Wehgeschrei zu sentimental, zu sehr nach rückwärts gewandt, weil es noch immer die sexuelle Revolution der sechziger Jahre glorifiziert, obgleich wir inzwischen alle wissen, wie sehr auch sie von Doppelmoral und Sexismus, von Ängsten und Schuldgefühlen zersetzt war. Vor allem aber wird das Neue übersehen, das trotz alledem beweist: Die Wunde des sexuell und geschlechtlich Möglichen blutet noch.
Aus der Unzahl der miteinander vernetzten Prozesse, die Neosexualitäten hervorbringen, greife ich drei heraus, die auch empirisch zu beobachten sind: die Dissoziation der sexuellen Sphäre, die Dispersion der sexuellen Fragmente und die Diversifikation der Intimbeziehungen.
Zunächst zur Dissoziation oder Aufteilung und damit zugleich Neukonstruktion: Nach der Trennung einer heute immer noch ganz selbstverständlich sexuell genannten Sphäre von einer nichtsexuellen, die bereits vor etwa zwei Jahrhunderten erfolgte, wurde nicht zuletzt durch technologische Errungenschaften die sexuelle von der reproduktiven Sphäre abgekoppelt. Die Herausnahme der reproduktiven aus der sexuellen Sphäre stellt so etwas dar wie die zweite kulturelle Geburt der Sexualität, und das bedeutet: Geburt einer scheinbar eigentlichen, "reinen" Sexualität schlechthin.
Auf diese Trennung folgte in den achtziger Jahren die Dissoziation der sexuellen von der geschlechtlichen Sphäre. Angestoßen vom kulturellen Feminismus, wurden auch in der Sexualwissenschaft die alten Sexualverhältnisse zunehmend zum Verhältnis zwischen den Geschlechtern umgeschrieben. Der Springpunkt ist seither für viele nicht der Sexualtrieb mit seinem "Schicksal", sondern das Geschlecht mit seiner "Differenz".
Folglich können heute viele Sexualität ohne Trieb denken, nicht aber ohne Geschlecht. Dissoziiert wurde in diesem Prozeß, der bereits in den fünfziger und sechziger Jahren begann, das Körpergeschlecht ("sex") vom Geschlechtsrollenverhalten ("gender role") und dieses von der Geschlechtsidentität ("gender identity"), Dimensionen der Geschlechtlichkeit, die vordem unhinterfragt zusammenfielen.
Es gibt jetzt nicht nur eine Sexualität, sondern zunächst einmal die männliche und die weibliche, die nicht mehr das bloße Negativ der männlichen ist. Gleichzeitig werden die alten Sexualformen Homosexualität und Perversion nicht mehr so strikt von der Heterosexualität getrennt. Die Grenzen sind durchlässiger geworden. Vor allem jüngere Frauen wollen heute, wie beispielsweise die Sexualforscherin Sonja Düring gezeigt hat, immer weniger mit der von Anfang an männlichen Einteilung in entweder heterosexuell oder homosexuell zu tun haben.
Indem sie sich mal so und dann wieder ganz anders erleben und verhalten, bringen sie die psychoanalytische Lehre ins Wanken, nach der die Weichen in der frühen Kindheit endgültig gestellt werden. All das gibt der Bisexualität zum erstenmal eine reale Chance, zur Sexual- und Geschlechtsform eigener Art zu werden. Am Reißbrett entworfen wurde sie von der Sexualwissenschaft schon vor 100 Jahren, natürlich mehr als Risiko denn als Chance. Seit der letzten sexuellen Revolution wird ihr eine emanzipatorische Kraft zugesprochen. Männliche und weibliche Sexualität waren aber damals allgemein noch zu festgelegt, als daß sie sich auf dieses Experiment hätten einlassen können. Und so suchte ich sie zusammen mit Herbert Marcuse am Ende der Revolution als eigensinnige Form vergebens. Jetzt aber tritt sie aus dem Bannstrahl von Hetero- und Homosexualität allmählich heraus, wie der SPIEGEL (5/1996) kürzlich illustrierte.
Immer mehr Empfindungen, die früher durchweg als krank oder abnorm angesehen worden sind, inszenieren und etablieren sich mit großer Selbstverständlichkeit als neue Lebensarten - beispielsweise sadomasochistische, fetischistische oder transsexuelle. Sie sind insofern typische Neosexualitäten, als das triebhaft Sexuelle im alten Sinn nicht mehr im Vordergrund steht. Sie sind zugleich sexuell und non-sexuell, weil Selbstwertgefühl und Befriedigung nicht nur aus der Mystifikation der orgastischen Verschmelzung beim Geschlechtsverkehr gezogen werden, sondern ebenso oder stärker aus dem Thrill, der mit der nonsexuellen Selbstpreisgabe und Selbsterfindung einhergeht.
Von den erwähnten Neosexualitäten ist die sogenannte Transsexualität mittlerweile mit den höchsten gesellschaftlichen Weihen versehen worden. Welche Sexualität oder Geschlechtlichkeit besitzt schon eine Lex specialis wie das Transsexuellengesetz oder bekam höchstrichterlich ein Recht auf Leistungen der Krankenkassen zugesprochen?
Die letzte Trennung, die ich erwähnen möchte, schied bei uns im Verlauf der achtziger Jahre, vor allem angestoßen vom politischen Feminismus, die ehedem libidinöse von der destruktiven Sphäre. Durch diesen Prozeß wurde die aggressive und trennende Seite der Sexualität von der zärtlichen und vereinigenden so gründlich abgelöst, bis jene diese uniform überblenden konnte. Die einen Moment lang als "rein" imaginierte Sexualität wurde wieder manifest "unrein".
Die Schatten, die Angst-, Ekel-, Scham- und Schuldgefühle werfen, wurden so dunkel und breit, daß viele Frauen und folglich auch Männer keinen Lichtstrahl mehr sahen. Gefühle der Nähe, der Freude, der Zärtlichkeit, der Erregung, des Stolzes, der Lust, der Zuneigung und des Wohlseins drohten in einem diskursiven Affektsturm aus Haß, Wut, Neid, Bitterkeit, Rache, Angst und Furcht zu ersticken. Die Stichworte, die wir alle kennen, lauten: frauenverachtende Pornographie, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, alltäglicher Sexismus, Inzest, Vergewaltigung, sexueller Kindesmißbrauch und sexuelle Gewalt gegen Frauen.
Der Prozeß der kulturellen Dissoziation der alten Einheit Sexualität hat zu einer gewaltigen Zerstreuung der Partikel, Fragmente, Segmente und Lebensweisen geführt, die ich Dispersion nenne. Dadurch sind neue Konstrukte entstanden, die alte Verkrampfungen, Zweifel und Befürchtungen beseitigt haben, so daß sich andere ausbreiten können. Es gibt jetzt bei uns eine sexuelle und geschlechtliche Buntscheckigkeit, von der die letzte sexuelle Revolution nicht einmal träumte.
Historisch begannen Dissoziation und Dispersion bereits in dem Moment, in dem die Einheit fabriziert wurde. Sie entstand schließlich um den Preis der Trennung in Sexus potior und Sexus sequior, das heißt in erstes und zweites Geschlecht, in männliche und unmännliche Sexualität, in moralisches und unmoralisches, gesundes und krankes Sexualverhalten.
Heute ist nicht mehr zu übersehen, wie sehr die alten heilig-unheiligen Entitäten, vom Sexus potior bis hin zur Unio mystica, von Anfang an von Widersprüchen und Konflikten durchzogen waren und jenseits des Empfindens nur als Scheineinheiten existierten. Auf Dauer konnten die Widersprüche offensichtlich nicht stillgestellt werden, trieben vielmehr die verdeckt fragmentierte Einheit in die offene Dispersion, bis die Unio mystica Vibratoren gebar.
Durch die Kommerzialisierung von Sexualität, Liebe und Geschlecht wird die Dispersion gewissermaßen physisch und damit greifbar. Sie ist der Versuch, möglichst viele Fragmente und Segmente in die Warenförmigkeit zu pressen, von der medialen Selbstentlarvung über die Flirtschule, die Partnervermittlung, die Produktion von Keuschheitsgürteln oder Penisbekleidungen oder Massagestäben in "weiblicher" Delphinform und mit Klitorisstimulator über den Sextourismus und die Kinderprostitution bis hin zum Embryonenhandel.
Gegen die These, unsere Sexualität sei zur Ware geworden, die im Zuge einer mit der westdeutschen Studentenbewegung einhergehenden Marx-Renaissance aufgekommen war, hatte ich damals zu zeigen versucht, warum das prinzipiell unmöglich ist. Denn träfe die These zu, wären Mensch und Ware identisch, lebten Menschen nicht nur in Verhältnissen des Scheins, nicht nur mit dem Schein und im Schein, sondern nur noch zum Schein. Das mittlerweile erreichte Ausmaß der Kommerzialisierung aber hätte ich mir damals nicht vorstellen können.
Wie groß die Dispersität der dissoziierten Teile heute ist, zeigt ein Blick in die Zeitungsannoncen. Zur Zeit werden angeboten: FF, DS, TS, NK, ZA, TF, O, SBS, UB, SL, NS, AV, ZK usw. Beinahe alle uns gewissermaßen von Amts wegen geläufigen Praktiken werden einzeln offeriert, vom Fist fucking (FF) bis hin zum Zungenkuß (ZK) in Aids-Zeiten.
Wer die Annoncen nicht studiert, kann die Zerstreuung der alten Sexualität im Fernsehen beobachten. Dort findet die Veröffentlichung aller Intimitäten statt, die irgendwie faßbar sind - unter der Versicherung, sie blieben ganz persönlich, und offenbar ohne Scham. Das Motto lautet: "Ich bekenne." Wildfremde sagen Wildfremden die persönlichsten Dinge und verschaffen sich dadurch das Gefühl, noch am Leben zu sein.
Elektronisch aufbereitet, ist ganz offensichtlich weiterhin der Beichtzwang am Werk. Nichts wird ausgelassen. Vorgestern onanierten Männer vor der Kamera. Gestern sah ich eine Nonne, die erklärte: Ja, ich hatte Petting, aber ich liebte immer nur den Einen. Morgen werden sich Frauen öffentlich-rechtlich die Venuslippen durchstechen, die wir immer noch Schamlippen nennen.
Die Dissoziationen und Zerstreuungen, von denen die Rede ist, wurden durch eine Schrumpfung, Deregulierung und Entwertung der traditionellen Familie und durch die Vervielfältigung der Beziehungs- und Lebensformen ebenso ermöglicht, wie sie von ihnen angestoßen worden sind oder mit ihnen zusammenfallen. Diese Prozesse könnten unter dem Stichwort Diversifikation zusammengefaßt werden. Dem Schrumpfen der traditionellen Familie ging eine prinzipielle Trennung von Ehe und Familie voraus, das heißt, man/frau hat auch dann eine Familie, wenn man/frau nicht verheiratet ist.
An einem empirisch nachweisbaren Wandel kann dieser Umwertungsprozeß abgelesen werden, einen Wandel, der sich seit dem Ende der sechziger Jahre zum Teil rasant vollzog: Abnahme der Heiratsrate; Zunahme der Scheidungsrate; Abnahme der Kinderzahl pro Partnerschaft und Ehe; Zunahme der partnerschaftlichen (immer noch nicht- oder außerehelich genannten) Geburten; Zunahme der Ein- und Zwei-Personen-Haushalte; Zunahme der alleinerziehenden Mütter und allmählich auch Väter, die den Übergang von der Klein- zur Kleinstfamilie anzeigt; Aufkommen von Drei- und Mehr-Personen-Haushalten unterschiedlicher Motivations- und Interessenlage, deren Mitglieder nicht miteinander verwandt sind, und so weiter. Elisabeth Beck-Gernsheim spricht in diesem Zusammenhang zutreffend von der "postfamilialen Familie".
Dieser Wandel reduzierte die soziale und emotionale Bedeutung der Herkunftsfamilie durch die zunehmende Aufwertung subkultureller und freundschaftlicher Bindungen vom Jugendalter bis zum Tod erheblich, zumindest in den oberen Mittelschichten. Die selbstgewählten Bindungen ließen die überkommenen Blutsbande verblassen. Freundinnen und Freunde stehen heute vielen näher als die eigenen Geschwister.
Aus dem Schrumpfen der traditionellen Familie bis hin zur Kleinstfamilie und zu einem Haushalt, der nur noch aus einer Person besteht, und der Vervielfältigung der Lebensweisen, aber auch aus einem bisher unüblichen Überschreiten der Eltern-Kind-Schranke resultieren neue Formen der Kontrolle, der Abhängigkeit und der Einsamkeit, die sich hinter der Idealisierung von Lifestyles zu verbergen suchen.
Die alte Lustmaximierungsmoral und die noch ältere Ehe- und Versorgungsmoral sind in eine individuell zu gestaltende und zu verantwortende Moral transferiert worden, eine Konsensmoral, deren deklarierte Kriterien Liebessymmetrie, Geschlechtssymmetrie und daneben auch noch HIV-Prävention sind. Aus dem Revolutionären Eros ist, etwas zu modern gesagt, Lean sex geworden: selbstdiszipliniert und selbstoptimiert.
Indem das triebhaft Sexuelle zunehmend rationalisiert wurde und dadurch zunehmend seinen Charakter der Unberechenbarkeit verlor, wurden alte Unwägbarkeiten scheinbar kalkulierbar. Mit nüchternem Verstand und heißem Kopf wird heute geregelt, was immer sich regeln läßt, vom No-Sex oder One-night-stand bis hin zur jahrzehntelangen Beziehung ohne Sexualität, aber mit Zuneigung. Das mag gut und schön sein, wenn wir uns die Krämpfe vergangener Zeiten in Erinnerung rufen.
Eines Tages aber brechen jene Wünsche und Begierden, die sich dem Bewußtmachen verweigerten, doch wieder durch. Die Lifestyles erweisen sich dann als so partiell, wie sie nun einmal sind. Und das allgemeine sexuelle und geschlechtliche Elend, das gar nicht übertrieben werden kann, tritt wieder ins Bewußtsein. Es wäre aber nichts als Sentimentalität, wollten wir die nur scheinbar von den kulturellen Umbrüchen unberührten Wünsche und Begierden gegen die Neosexualitäten ins Feld führen.
Denn ohne alte Vorstellungen von natürlichen Trieben und ewigen Werten, die bis aufs Fleisch korrumpiert sind, ließe sich das gar nicht bewerkstelligen. So bleibt uns nur, die Wunde des Möglichen bluten zu lassen, angezogen und abgestoßen, getrost und ungetrost.
Von Volkmar Sigusch

DER SPIEGEL 23/1996
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