03.06.1996

Wir sind kein Müll, sondern Menschen

In Daressalam erprobt die Uno ein neues Sanierungsprogramm

Ein tropischer Sturm fegt über die Hafenstadt am Indischen Ozean. Windböen zerren an den zerschlissenen Kokospalmen, der Regen trommelt auf die Blechdächer. In wenigen Minuten verwandeln sich Sandwege in zähe Schlammflüsse. Die kraterähnlichen Schlaglöcher in den geteerten Straßen weiten sich zu kleinen Seen aus.

Autos bleiben im Wasser stecken. Geschrei und Geschimpfe, Passanten kämpfen sich durch den Dreck - das übliche Chaos sechs Uhr morgens in Tansanias größter Stadt Daressalam.

In Kinondoni, einem Wohnviertel im Norden, eilt Anna Makata zur Bushaltestelle. Völlig durchnäßt zwängt sie sich in eines der zerbeulten Fahrzeuge, das sie für 200 Schilling (etwa 50 Pfennig) zur Arbeit bringt. Für die fünf Kilometer braucht sie in der vom Berufsverkehr verstopften Stadt fast eine Stunde.

Makatas Arbeitsplatz besteht aus vier in den Sand gerammten Holzbohlen, die ein Wellblechdach halten. Darunter stehen zwei selbstgezimmerte Tische und zwei Bänke. Nur mühsam gelingt es der Frau, auf feuchter Holzkohle ein kleines Feuer zu entfachen. In "Mama Makata's Place" gibt es gleich Frühstück - Ugali, Brei aus Maismehl, dazu eine Tasse Tee.

Vor acht Jahren, als ihr Mann starb, hat sich Anna Makata, 42, den "Mama Ntilie" angeschlossen, jenen Frauen, die auf den Straßen Daressalams Selbstgekochtes servieren ("ntilie" heißt "auflegen" in der Landessprache Kisuaheli). Mit dem Verdienst aus ihrer Garküche ernährt sie die ganze Familie - vier Kinder, die alte Mutter und zwei Tanten.

Für das Mittagessen bereitet sie Fisch mit Reis und Bohnen vor. Ihre Kunden sind Busfahrer, ein paar Maurer von einer nahen Baustelle, zufällige Passanten. "Mein Essen ist schmackhafter und natürlich billiger als in den Restaurants und Hotels", sagt Makata zufrieden. Die 47 Straßenköchinnen auf dem Busbahnhof von Mwenge haben sie zu ihrer Vorsitzenden gewählt, als sie sich zu einer Art Schutzverband zusammenschlossen.

"Seitdem haben wir einen Nachtwächter engagiert, sorgen dafür, daß zweimal in der Woche der Abfall abgeholt wird, und wehren uns gemeinsam gegen Übergriffe und Schikanen", berichtet Mama Makata. Die Frauen haben nur einen Feind: die Stadtverwaltung von Daressalam. "Die drohen immer wieder, uns zu verjagen", schimpft die Blechhütten-Wirtin, "sie tun nichts, aber sie kassieren ab."

Das zornige Urteil teilen die meisten Bewohner von Daressalam. Die 1862 vom Sultan von Sansibar gegründete Stadt mit dem schönen Namen "Haus des Friedens" kann ihre Probleme nicht mehr selbst lösen: aufgerissene Straßen, freiliegende Leitungen, baufällige Gebäude, stinkende Abfallberge, ständige Strom- und Wasserausfälle - die Stadt steht jeden Tag aufs neue vor dem Kollaps.

Die einstige Kapitale Deutsch-Ostafrikas (bis 1916), in der neugotische Kirchen und koloniale Trutzburgen neben Moscheen und Villen im arabischen Baustil verfallen, gehörte einmal zu den schönsten Städten Afrikas. Doch der exotische Charme ist dahin, die Stadt mit ihren 2,8 Millionen Einwohnern (jedes Jahr kommen acht Prozent dazu) verrottet.

Den Niedergang wollen die Vereinten Nationen jetzt stoppen: Habitat und die Uno-Umweltorganisation Unep erproben seit 1992 ein ehrgeiziges Sanierungsprogramm. Das "Sustainable Dar es Salaam Project" (SDP) will in Zusammenarbeit mit internationalen Hilfsorganisationen, Geberländern, Nichtregierungsorganisationen und der kommunalen Verwaltung das "Haus des Friedens" aus dem Sumpf ziehen - ein aussichtsloser Kampf, wie es scheint.

Dreiviertel der Häuser wurden in Wildwuchs gebaut. Nur zehn Prozent der Stadtfläche, meist im Zentrum, verfügen über eine mehr oder weniger funktionierende Kanalisation. 1,8 Millionen Menschen sind auf Latrinen angewiesen, die nur unregelmäßig entleert werden, da die Stadt nicht genug Spezialfahrzeuge besitzt.

Lediglich in 10 von 52 Wohnbezirken wird der Müll abgeholt. Nur weil die Einwohner nach einem Cholera-Ausbruch 1990 begannen, ihre Abfälle zu verbrennen oder zu vergraben, ist die Stadt nicht total im Dreck versunken.

Nach der Entstehung des Staates Tansania 1964 experimentierte Tansanias "Vater der Nation", Julius Nyerere, mit seiner Version des afrikanischen Sozialismus: Damals wurden nicht nur alle Gebäude verstaatlicht, sondern auch die Kommunen der Zentralregierung unmittelbar unterstellt - mit verheerenden Folgen:

In der Stadtverwaltung, erst 1984 wieder eingesetzt, sind 13 000 unterbezahlte Arbeitskräfte beschäftigt. Sie haben vor den alltäglichen Schwierigkeiten längst kapituliert. Kompetenzstreitigkeiten mit der Zentralregierung und Korruption lähmen jede Aktivität.

Kein Wunder, daß sich ausländische und einheimische Sanierer manchmal wie Sisyphus vorkommen. Der Niederländer Paul Schuttenbelt hat seine Erfahrungen im Bewältigen urbaner Probleme bei der Stadtverwaltung von Amsterdam gesammelt, wo "eine einzige Abteilung mehr Geld hat als die gesamte City hier". Schuttenbelt mußte lernen, sich afrikanischer Gemächlichkeit anzupassen: "Die westliche Hast muß man erst mal abstreifen."

Die Ziele sind dennoch hochgesteckt: Privatisierung der Müllbeseitigung, Sanierung von Wohngebieten, Verbesserung der Transportmittel, Entflechtung des Verkehrs, Luftverschmutzung, Kanalisationsbau oder öffentliche Erholungsgebiete - die SDP-Aktivisten lassen kein Gebiet der Stadtsanierung aus.

"Für jedes Vorhaben müssen wir ausländische Geber finden", erzählt Schuttenbelt, "das Ganze wird sehr lange dauern. Aber Daressalam ist endlich aus seiner Lähmung erwacht."

Erste Ergebnisse sind schon sichtbar, etwa im Stadtteil Hanna Nasif. Auf der ehemaligen Kokosplantage, die nach der Verstaatlichung in den sechziger Jahren Pleite machte, errichteten die früheren Landarbeiter ihre Hütten.

Die Stadt kümmerte sich nicht um die wilde Siedlung, in der heute 20 000 Menschen leben. "Wenn es regnete, flossen in unseren Straßen Flüsse voll stinkendem Abfall. Unsere Kinder sind ständig krank", klagt der Schneider Salum Saidi.

Jetzt bauen die Bewohner von Hanna Nasif selbst einen Abwasserkanal. Mit Geld von der Weltbank, einer irischen Entwicklungsorganisation und der Ford Foundation haben sie bereits unter Anleitung eines städtischen Ingenieurteams 550 Meter gegraben. Der Lohn beträgt 850 Schilling pro Tag.

"Bei der Arbeit bringen wir den Leuten auch gleich bei, wie sie die Abwassergräben später selbst sauberhalten können", erklärt Projektkoordinator Shaaban Sheuya. Auch an der Finanzierung sollen die Bürger beteiligt werden: Die Stadtverwaltung will 15 bis 20 Prozent der Kosten durch Spenden aufbringen.

Das ist schwer durchzusetzen, das Mißtrauen gegen die Obrigkeit sitzt tief. "Zu oft sollten wir der Stadt schon für angeblich geplante Serviceleistungen etwas zahlen", erinnert sich Dinah Nkye, "aber das Geld verschwand in privaten Taschen."

Immer öfter helfen die Anwohner sich deshalb selbst. Im Stadtteil Karakata bauten sie einen Umgehungspfad, weil die öffentliche Straße seit Monaten blockiert ist. In Upanga wollen Bürger unbeschilderte Straßen nach ihren eigenen Namen benennen. "Wir haben es satt, daß uns niemand findet, weil die Stadt nicht einmal in der Lage ist, die Straßen zu kennzeichnen", schimpft John Waluye, Redakteur bei der Tageszeitung Daily News.

Zwei Jahre mußte eine Bürgerinitiative in Kinondoni warten, bis sie die Genehmigung erhielt, Altpapier zu sammeln, um daraus Eierkartons und Papierteller herzustellen - Daressalams erstes Recycling-Projekt.

Die Bürokraten im Rathaus können den einfallsreichen Überlebenskampf der Bürger nicht ersticken. Seit Jahren boomt in der Hafenstadt nur die Schattenwirtschaft der kleinen Leute, die landesweit bereits 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erarbeitet. An Ecken und Plätzen, in Hausnischen und Hinterhöfen, vor Bahnstationen und entlang der großen Straßen suchen an die 350 000 fliegende Händler und Handwerker ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Sie bieten Altkleider und Ersatzteile an, verkaufen Obst und Gemüse, reparieren Autos und Radios, sammeln Abfälle, Altpapier und Holzreste, waschen Autos, schneiden Haare und kochen warme Mahlzeiten. Für eine immer größer werdende Zahl ist der Straßenhandel ein Nebenjob: Der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters, Lehrers oder Ingenieurs reicht gerade für eine Woche.

Immer wieder vertreibt die Polizei die fliegenden Händler, weil sie die Straßen verschmutzen und die vorgeschriebenen Hygieneregeln nicht einhalten würden. Im Februar letzten Jahres zerstörten städtische Bulldozer gleich 30 000 Kleinbetriebe. Mit dem Slogan "Wir sind kein Müll, sondern Menschen", protestieren die Händler und kämpfen um ihre Legalisierung.

Die Organisation Vibindo, in der sich 74 Händlergruppen zusammengeschlossen haben, verlangt neue Standplätze und sichere Gewerbeflächen. Vibindo-Vorsitzender Said Shaban, der einst auf der Straße Ziegen verkaufte: "Wir sind bereit, dafür zu zahlen, wenn die Stadt uns nur als Partner anerkennt."

Sechs Uhr abends, Mama Makata wäscht auf dem Busbahnhof von Mwenge ihr Geschirr ab. Die großen Töpfe putzt sie sorgfältig mit Sand. Dann packt sie Zwiebelschalen, Fischköpfe und Gemüsereste in eine Plastiktüte.

Makata hat heute nur 14 Teller Essen zu je 300 Schilling verkauft. "Morgen", so hofft sie, "wird ein besserer Tag."


DER SPIEGEL 23/1996
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