10.06.1996

Sekten„Ein Teufel mit drei Köpfen“

Unangefochtener Führer einer verschworenen Gemeinschaft, genialer Forscher, der alle Rätsel löst, Schöpfer verborgener Welten mit Geheimtüren, Labyrinth und Laboratorium: von so etwas träumen Jungen, und für gewöhnlich vergessen sie es dann wieder. Nur wenige schaffen es, ihre knabenfrischen Wunschwelten beharrlich gegen den Ernst des Lebens zu verteidigen.
So einer ist Oberto Airaudi, 46. Er hat sich seine jugendlichen Hirngespinste nicht nur bewahrt. Stück für Stück hat er sie Wirklichkeit werden lassen. Er ist der heimliche Herrscher in einer von ihm gegründeten Nation, stolzer Bauherr einer riesigen unterirdischen Tempelanlage, selbsternannter Künstler, Lehrer und Wissenschaftler.
Gemeinsam mit einem guten Dutzend befreundeten piemontesischen Okkultisten hat er 1975 "Damanhur" gegründet, benannt nach der altägyptischen "Stadt des Lichtes", in der es eine Untergrundschule für mystische Studien und eine unterirdische Tempelanlage gab. Gut eine Autostunde nördlich von Turin erwarb die Gruppe Land und ließ sich nahe der Gemeinde Vidracco nieder.
Was als beschauliche Landkommune begann, wächst sich aus zur Großgemeinschaft von 700 Personen, nennt sich heute "Nation", umfaßt drei Gemeinden auf insgesamt 185 Hektar Land und ist nach Einschätzung des Münchner New-Age-Experten Colin Goldner die größte esoterische Kommune der Welt.
Die "Nazione di Damanhur" ist straff organisiert und verfaßt wie ein Staat mit eigener Regierung und Währung, mit Gerichts- und Schulwesen, Sicherheitsdienst und Feuerwehr. Sie gibt sich offen und modern, bietet ein Programm mit Kursen von Meditation bis Heilen, jeder kann die selbstverlegten Tages- und Wochenzeitungen lesen oder sich im Internet über Damanhur informieren.
Doch was sich auf den ersten Blick als friedliche, spirituell geprägte Gemeinschaft präsentiert, läßt bei genauerem Hinsehen Strukturen einer geschlossenen, verschworenen Gesellschaft erkennen, wie sie von Sonnentemplern, Freimaurern oder der untergegangenen Aktions-analytischen Organisation des Österreichers Otto Muehl bekannt sind. Unlängst geriet Damanhur wegen heimlicher Machenschaften in die Schlagzeilen, mittlerweile beschäftigen sich Klerus, Politiker und auch Gerichte mit der Welt des Oberto Airaudi.
Sein liebstes Spielzeug trägt den Namen "Osiris", ist knallgelb lackiert und weithin erkennbar, wenn er seine Runden dreht über dem Valchiusella, jenem "geschlossenen Tal" im nördlichen Piemont, dessen Straßen sämtlich am Fuße der Alpen enden. Aus seinem Einmannhubschrauber blickt er hinab auf eine malerisch morbide Landschaft.
Über die Hänge verstreut liegen vereinzelte Häuser, oftmals Ruinen, und in den Tälern alte, schmalgassige Dörfer, halb verfallen und verlassen. Die meisten jungen Leute sind fortgezogen, weil sie Arbeit suchten. Im Durchschnitt knapp 60 Jahre alt sind die Zurückgebliebenen, überwiegend wortkarge Voralpenbewohner, die sich Canavesen nennen.
Argwohn beherrscht die Atmosphäre in dem verschlafenen Nest Vidracco, sobald sich fremde Gesichter zeigen und Auskünfte über die "maledetti", die Verfluchten, erbitten. So heißen die Bewohner von Damanhur bei den Alteingesessenen, die hinter der harmlosen Fassade des Kommunealltags die Aktivitäten einer "sètta", einer gefährlichen Sekte, vermuten. Kein Offizieller ist zu sprechen, und wer sich hinter verschlossenen Türen äußert, gibt seine Identität nicht preis.
"Nennen Sie uns Alpha und Beta", sagt einer der zwei alten Männer, die ihren Sonntagskaffee in der Locanda Chiusella trinken, dem einzigen Gasthaus am Ort. Die ohnehin schon düsteren Mienen der Umstehenden verfinstern sich.
"Namen nennen ist gefährlich", erklärt Beta, der Bärtige.
"Die schütten uns Säure über die Autos", fürchtet Alpha, der schwarzen Tabak raucht. Fast ein Drittel der amtlich gemeldeten Bewohner Vidraccos sind bereits Damanhurianer. Dort und in den umliegenden Gemeinden stellen sie insgesamt 13 gewählte Ratsmitglieder. Bei Wahlen, so wird gemunkelt, seien ihre Stimmen computerkontrolliert aufeinander abgestimmt: "Wie die Mafia, das gleiche System", sagt Beta.
Punktgenau setzt der gelbe Helikopter in einer abgezäunten Siedlung auf einem markierten Landeplatz auf. Das Gelände sieht aus wie ein kleiner Campus mit Springbrunnen und Blumenbeeten, gepflegten Wegen zwischen teilweise bunt bemalten Gebäuden. Hier liegt das Zentrum von Damanhur, die Verwaltungszentrale der "Nation" mit Behörden, Pressestelle, Kantine, Kaufladen, Werkstätten, Schulen. Die beiden anderen Gemeinden liegen einige Kilometer entfernt, mit dem Hubschrauber sind sie in wenigen Minuten zu erreichen.
Dem Fluggerät entsteigt ein leicht geduckt gehender, dünnbärtiger Mann mit Sonnenbrille und Blouson, dessen Bewegungen weder Eitelkeit noch Eleganz erkennen lassen. Wenn er sich allein wähnt, wirkt Oberto Airaudi eher so, als habe er sich verlaufen in der von ihm selbst geschaffenen Welt. Erst wenn seine Getreuen sich ihm nähern und ihn begrüßen, verändert sich seine Haltung zu einer Mischung aus Leutseligkeit und Überheblichkeit, wie sie an Potentaten mitunter zu beobachten ist.
Oberflächlich betrachtet macht Damanhur den Eindruck eines New-Age-Kibbuz mit Räucherkerzen und Computern, das Leben wird permanent untermalt von esoterischer Sphärenmusik - und gelegentlich übertönt von den Ansagen einer überall zu hörenden Lautsprecheranlage, wie es sie in Kaufhäusern oder auf Campingplätzen gibt. Die Leute grüßen einander auf eine eigentümliche Weise, sagen "con te" (mit dir) oder "con voi" (mit euch), je nachdem, ob sie auf einzelne oder Gruppen stoßen.
Wenn Oberto Airaudi Gäste zum "Tempel der Menschheit" führt, der nach seinen Plänen und seinem Willen entstanden ist, lenkt er seinen schwarzen Mitsubishi Space Runner über eine schmale, kurvenreiche Straße bergauf. Der Weg endet vor einem schweren Eisengittertor. Airaudi murmelt etwas in die Sprechanlage am Portal, das automatische Tor schiebt sich beiseite. Zwei frei laufende Dobermann-Hunde, offensichtlich nicht auf das freundliche Begrüßen von Fremden abgerichtet, rasen kläffend auf das Auto zu. Als sie den Fahrer erkennen, kneifen sie ihre Schwänze ein.
Eine unscheinbare, aus groben Brettern gezimmerte Tür an der Rückseite eines dicht an den Hang geschmiegten Hauses führt in die Unterwelt. Dahinter öffnet sich ein enger, in die Erde getriebener Gang, dessen verputzte Wände mit altägyptisch anmutenden Malereien und Hieroglyphen bedeckt sind. Nach wenigen Metern verliert sich der Tunnel, nichts deutet auf zusätzliche Räume hin.
Airaudi zieht eine Fernbedienung aus der Tasche seines Blousons, und eine vorher im Fresko nicht auszumachende, tonnenschwere Geheimtür drückt sich, von sanft surrenden Motoren getrieben, rechter Hand aus der Wand zurück. Der Weg ins Innere des Berges ist frei.
Den Traditionen des altägyptischen Namensgebers verpflichtet, haben die Leute von Damanhur hier 16 Jahre lang unbemerkt und ungestört gebuddelt und gebaut. Anfangs zu zwölft, später mit bis zu 100 Arbeitskräften haben sie zwei Millionen Eimer Dreck aus der Erde ans Tageslicht befördert und sich eine Unterwelt geschaffen, wie die Kinder der Nintendo-Generation sie nur aus Computer- oder Videospielen kennen.
Durch über und über bemalte und mit geheimen Schriften versehene Korridore und abermals fernbediente Türen, vorbei an Nischen mit Altären und eigenartigen Tonfiguren, über sich plötzlich im Fußboden auftuende steinerne Stiegen und eine stählerne Wendeltreppe erschließt sich den Besuchern ein weitläufiges Labyrinth aus Laborräumen, Kammern und kathedralengleichen Sälen, ausgeschmückt mit unzähligen Bildnissen und Bleiglasmosaiken vor hintergründig beleuchteten Fenstern.
In Damanhur gilt das Motto, jeder Mensch sei ein Künstler, und jede Arbeit sei Kunst. Das ästhetische Ergebnis dieser kreativen Chancengleichheit zeigt sich im unterirdischen Tempel, der als Metapher für Ausgrabungen im verschütteten Seelenleben verstanden wird. Quantität erschlägt oft Qualität, dilettantisches Stückwerk, klotzig und kleinkariert, naive Gemälde, banal-bombastische Statuen in der Tradition faschistischer Körperdarstellungen verstellen den Blick auf die wenigen kunsthandwerklichen Kleinodien. Einzig im "Saal der Erde" und im 15 Meter hohen "Saal der Spiegel", in denen Chorproben und Tanzrituale abgehalten werden, läßt die Klarheit der Strukturen eine ordnende Hand vermuten.
Für das Allerheiligste, das Labor für "esoterische Wissenschaft", haben sich die Erbauer einen Gag ausgedacht: In einer kleinen Nische hängt ein Waschbecken an der Wand. Wird der Wasserhahn in einer bestimmten Weise gedreht, rückt, Sesam öffne dich, die Wand nach hinten weg.
Dahinter im alchimistischen Labor stehen auf einem Regal allerlei Kolben und Phiolen voll bunter Flüssigkeiten, die der Staubschicht nach zu urteilen seit Ewigkeiten nicht berührt worden sind. Schließlich präsentiert der Meister ein übermannsgroßes Gebilde aus Kupferrohren und elektrischem Klimbim, das er als Zeitmaschine vorstellt. Zur Zeit sei das Gerät für Reisen in Zukunft und Vergangenheit leider defekt. Doch sei es bereits gelungen, mit Hilfe der Apparatur die Seelen verstorbener Damanhurianer in die Körper von Neugeborenen zu übertragen. Glückliches Damanhur!
Wie schafft es ein so unscheinbarer Mann wie Airaudi, so viele Menschen dazu zu bewegen, sich so viele Jahre lang der Verwirklichung seiner Vision zu widmen? Welcher Art muß die Gehirnwäsche sein, die aus eigenständigen Persönlichkeiten willfährige Helfer in Diensten eines Projektes von wahnsinnigen Dimensionen macht?
Nach offizieller Lesart der demokratisch geprägten Verfassung von Damanhur gibt es dort weder einen Chef noch ein spirituelles Oberhaupt, keinen Guru wie Bhagwan, Shoko Asahara oder David Koresh. "Unser Gott", heißt es, "ist die Gemeinschaft."
Aus der alle 700 Mitglieder umfassenden "Schule der Meditation" werden einmal im halben Jahr drei "geistige Führer" bestimmt, die für Langzeitplanung und Koordination verantwortlich sind. Oberto Airaudi wird regelmäßig in diesen Kreis gewählt.
Jeder Erwachsene in Damanhur trägt den Namen eines Tieres, mit dem er oder sie sich am meisten verbunden fühlt. Der Chef des Metallabors heißt Specht, Haifisch der Gründer der Käserei, die 25 Kinder in der Grundschule unterrichtet das Frettchen, und Steinbock leitet die Mittelschule mit 10 Schülern.
Jeder trägt den Namen eines Tieres - mit Ausnahme Airaudis. Eine Zeitlang nannte er sich Falke, läßt sich heute aber von allen nur Oberto nennen. Und was Oberto sagt, das wird gemacht. Dabei tritt der Meister ohne jeden Pomp auf, in Haltung und Kleidung gleicht er eher einem kleinen Angestellten im Wochenende als einem Würdenträger im Dienst. Sein Charisma bezieht er offenbar aus seinen Lehren, einem heillosen Konglomerat spirituell-esoterischer Kopfgeburten, das sich allenfalls Eingeweihten erschließt.
Airaudi stammt aus der Gegend von Turin (das der Papst im letzten Jahrhundert wegen satanischer Umtriebe zur "Stadt des Teufels" erklärte), und während seiner Jugend will er seine Neigung zu Magie und Okkultismus entdeckt haben. Mit 17 schrieb er sein Erstlingswerk, "Crònaca del mio suicido", eine "Chronik meines Selbstmordes", dem er bis heute etwa 150 dem Normalsterblichen ebenso unzugängliche Schriften folgen ließ.
Mit 18 bereits treibt ihn die Idee von einer unterirdischen Tempelanlage um. Im Garten seiner Eltern gräbt er sich heimlich eine Höhle, ein früher Prototyp des "Tempels der Menschheit" in Damanhur. Schon damals reizt ihn das Versteckspielen, niemand erfährt etwas von seinen Aktivitäten - Hauptsache geheim.
Gerade 20jährig, betreibt er eine erfolgreiche Praxis als Pranotherapeut, der Kranke durch Handauflegen behandelt. Fünf Jahre später kauft er mit Gesinnungsgenossen das erste Stück Land genau an jener Stelle, die nach esoterischen Vorstellungen an einem einmaligen Kraftzentrum gelegen ist.
Weithin sichtbar mit gelben Fahnen kennzeichnen die Damanhurianer ihre Häuser, deren Einrichtung sich am Standard kleinbürgerlich geprägter Wohngemeinschaften messen kann. Die reichlich beengt lebenden 10 bis 20 Bewohner eines Hauses entscheiden gemeinsam, ob sich ein Paar - Partner schließen zunächst einen Vertrag für ein Jahr, der dann wieder gelöst werden kann - ein Kind anschaffen darf. Für die Aufzucht des Nachwuchses sind dann alle Erwachsenen der Gruppe gleichermaßen zuständig.
Etwa die Hälfte der Erwerbstätigen verdienen ihr Geld außerhalb und zahlen "Steuern". Die anderen arbeiten in Damanhur-eigenen Unternehmen, die wie eine perfekte Camouflage jeden Blick vom Innenleben der Gemeinschaft fernhalten. Die Produkte aus der Weberei gehen an die ersten Adressen in der Modeindustrie, Bio-Spezialitäten aus dem Versandhandel finden weltweit Absatz, der Käserei verdanken etliche Bergbauern ihr wirtschaftliches Überleben. Die Schulen, betrieben nach einem der Waldorfpädagogik ähnelnden Prinzip, finden Anerkennung auch außerhalb der Kommune: Die Kinder müssen ihre Prüfungen in staatlichen Lehranstalten absolvieren und schneiden überdurchschnittlich gut ab.
Niemand in der Kommune muß Airaudis Bücher und Heftchen lesen, gleichwohl zählt die Auseinandersetzung mit seinen unergründlichen Gedankenwelten zur mehrjährigen Vorbereitung auf die Vollmitgliedschaft. Jeden Donnerstag versammeln sich Damanhurianer in großer Zahl, um sich Vorlesungen in damanhurianischen Lehren anzuhören. Das "Studium" ist durchorganisiert, jeder bringt ein kleines Mitgliedsbüchlein mit, wo die Anwesenheit registriert wird. Etliche Zuhörer zeichnen die Vorträge mit Tonbandgeräten auf, und für diejenigen, die nicht dabeisein können, wird die Veranstaltung videoaufgezeichnet und später im kommuneeigenen TV-Sender ausgestrahlt.
Wenn Airaudi kommt, wird er mit ehrfürchtigem Schweigen begrüßt. Und wenn er spricht, verrät sich sein eigentliches Talent. Zwar nennt er "Aberglauben den größten Feind Damanhurs" und sagt, daß "der gesunde Menschenverstand" das Denken in der Gemeinschaft bestimmen soll. Doch seine frei vorgetragenen Reden mehren nicht unbedingt die Vernunft auf diesem Planeten. Das Volk aber, in dem sich Rechtsanwälte, Lehrer und Ingenieure finden, hängt an seinen Lippen, wenn er über "Mikroattraktoren" oder "evolutionäre Strukturen" doziert. Dazu stellt der Meister Fragen, die niemand richtig beantworten kann, fährt seinen Adepten über den Mund, schneidet ihnen das Wort ab - ein hyperaktiver Talkmaster, mal charmant, mal hochmütig. Und wenn er die Getreuen lobt, freuen sie sich wie Kinder.
Das Ganze funktioniert nach dem Prinzip: einweichen und einschüchtern. Allmählich werden, selbst wenn das Erlernte keinerlei Sinn ergibt, Lernende zu Geheimnisträgern und damit zu Eingeweihten - und doch bleibt er der Überlegene, während sie mehr und mehr zu Abhängigen werden.
Sowohl der Tempel als auch die heimlichen Machenschaften seiner Kommune wären wohl für immer ein Geheimnis geblieben, hätte Airaudis Strahlkraft nicht bei einigen seiner Anhänger allmählich an Wirkung verloren. Über die Jahre mehrten sich die Aussteigewilligen, und eines Tages geschah das Unvermeidliche: Ein Abtrünniger, der an den unterirdischen Arbeiten beteiligt war, packte aus. Im Jahre 1992 verschafften sich Amtspersonen in Begleitung von bewaffneten Karabinieri Eingang in das Gelände oberhalb von Vidracco und brachten buchstäblich Licht in das Dunkel Damanhurs.
Die Leute der Ortschaft, unter deren Gelände die Stätte des Anstoßes entstanden ist, reagieren zunächst schockiert. Der Gemeinderat beschließt, den Tempel sprengen zu lassen, weil für seine Errichtung keine Baugenehmigung vorgelegen habe, auch von einer Nutzung als Touristenattraktion ist die Rede.
Doch Damanhur gibt sich nicht so leicht geschlagen, zieht vor Gericht - und hat Erfolg. Kürzlich verbreitete die Kommune die Nachricht: "Der Tempel hat gesiegt." Das Amt für Schöne Künste in Turin hat die Katakomben als Kunstwerk von besonderem Wert eingestuft, ein Richter die Anordnung zum Abbruch gemäß einem neuen, von der italienischen Regierung erlassenen Dekret aufgehoben. Die "Nation" gab daraufhin bekannt, den Tempel öffentlich zugänglich machen zu wollen - als spirituelle Pilgerstätte. Nun steht, so die Verlautbarung, "eine andere schwierige Schlacht" bevor: der Kampf um die Erlaubnis zum Weiterbau. Erst ein Zehntel des Komplexes ist bislang verwirklicht worden.
Die Enthüllung des Tempelgeheimnisses hat nicht nur die ärgsten Ängste der Anrainer bestätigt. Der Bischof von Ivrea, Monsignor Luigi Bettazzi, sah sich genötigt, Damanhur und seine Adepten offiziell zu verurteilen: "Wer dort eintritt, ist kein Christ mehr."
Don Gianni Ambrosio, hauptberuflich Pfarrer in Vercelli und im Nebenjob Religionssoziologe, hat sich wissenschaftlich mit der "gefährlichen Doktrin" Damanhurs befaßt. Er will zwar keine Sekte ausgemacht haben, aber eine "neue religiös-esoterische Bewegung" mit rigider Organisation und "totalitären Tendenzen". "Die magische Vision", erklärt er, "ist bedrohlich für fragile Persönlichkeiten."
Noch deutlicher wird Pietro Coticoni, ein Turiner Anwalt, der eine Reihe von Damanhur-Aussteigern vor Gericht vertritt. Er kenne 7 der mindestens 15, vermutlich sogar mehr als 20 Aussteiger, von denen einige Prozesse gegen die Gemeinschaft anstreben. Zwar könne er aus den laufenden Verfahren keine Einzelheiten berichten. Aber er wisse von satanischen Praktiken, "tantrischem Sex hin und wieder zur Ablenkung" und der "sexuellen Macht des Gurus". Die "Nation" unterhalte Verbindungen zu Sekten in den USA und in Italien, unter anderem zur Freimaurerloge P2. "Scientology, Damanhur und die satanischen Sekten sind wie ein Teufel mit drei Köpfen", sagt der Jurist.
Große Unterstützung erhalte die Gruppe von rechten politischen Vereinigungen, vor allem von der Forza Italia des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi -- womöglich ein Grund dafür, daß die Verfahren nicht vorankommen. Ein Aussteiger, der Damanhur mitgegründet und 15 Jahre am Tempel mitgearbeitet hat, erstattete vor zwei Jahren Anzeige, doch noch ist juristisch nichts geschehen. Der Mann behauptet, Airaudi habe angeordnet, jeden zu ermorden, der den Tempel vernichten will. Dessen Zerstörung, schätzt Coticoni, würde "das Ende der Sekte" bedeuten.
In einem Zivilprozeß habe man Airaudi bereits der Falschaussage überführt, Damanhur sei eine staatlich anerkannte Stiftung. Vielmehr lieferten die Leute ihr Vermögen ab und sehen, wenn sie gehen wollen, keine Lira wieder.
Eine Aussteigerin, die womöglich mehr über das Innenleben der Gemeinschaft weiß als alle anderen, hält sich bislang noch bedeckt: Valeria, die Tochter Oberto Airaudis.
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 24/1996
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