29.10.2012

Kalte Schulter

Die Christsozialen versuchen, ihren ehemaligen Star Karl-Theodor zu Guttenberg zur Rückkehr zu bewegen - bisher vergebens.
Als Christian Schmidt vom CSU-Parteitag zu seiner geheimen Mission aufbricht, weiß nur einer über sein Ziel Bescheid - Parteichef Horst Seehofer. Während die CSU in einer Münchner Messehalle sich selbst feiert, fährt Schmidt, Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium und CSU-Vizechef, in die Münchner Innenstadt. Sein Ziel ist der Bayerische Hof.
In dem Nobelhotel residiert der ehemalige Superstar der Partei. Zehn Kilometer vom CSU-Treff entfernt, ist Karl-Theodor zu Guttenberg zu Gast in einer exklusiven Runde. Er, der seit seinem Rücktritt als Verteidigungsminister in den USA lebt, debattiert über den Nahost-Konflikt. Schmidt will ihn bewegen, sich wieder stärker für die CSU zu engagieren, zumindest in der Außenpolitik.
Es ist nicht der erste Versuch der Christsozialen, ihren einstigen Strahlemann zu reaktivieren. Eineinhalb Jahre nachdem Guttenberg wegen seiner in weiten Teilen gefälschten Doktorarbeit zurücktreten musste, beflügelt die ehemalige CSU-Kanzlerhoffnung noch immer die Phantasie der Partei. Selbst CSU-Chef Seehofer, den Guttenberg noch als Verteidigungsminister vorzeitig aufs Altenteil abzuschieben drohte, ist der Meinung, dass die Gerüchte um ein Comeback Guttenbergs der CSU nur nutzen können. Am Rande des Parteitags am Freitag vor einer Woche heizte Seehofer daher die Spekulationen über eine Rückkehr Guttenbergs an. "Nach der Wahl werde ich mich darum bemühen."
Was der CSU-Chef verschwieg: Die Operation Comeback ist längst angelaufen, und zwar ohne Seehofers Zutun. Seit Monaten versuchen ranghohe Christsoziale, Guttenberg zum Wiedereinstieg in die deutsche Politik zu bewegen. Doch bislang zeigte der Plagiator seinen Parteifreunden stets die kalte Schulter.
Bereits Ende Juli hatte sich Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich mit dem ehemaligen CSU-Star auf dessen Familienstammsitz Schloss Guttenberg getroffen. Friedrich, der auch Bezirksvorsitzender in Oberfranken ist, wollte ihn überreden, im Wahlkreis Kulmbach wieder für den Bundestag zu kandidieren.
Guttenberg müsse zwar bei null anfangen. Aber, so lockte der Innenminister: "Der Aufstieg kommt ganz von allein."
Wenig später versuchte Christian Meißner, CSU-Landrat in Lichtenfels, seinen Freund zu überzeugen. Doch auch dessen Werben ließ ihn kalt. "Besuch mich mal", verabschiedete er sich in Richtung USA.
Auch wenn die Oberfranken ihn wieder wählen würden - Guttenberg will kein Comeback von Seehofers Gnaden. Früher war er sein Rivale um die Macht an der Spitze der Partei. Jetzt ist er bloß noch ein Spielball der Launen des CSU-Chefs, der stolze Familienname ein Knochen, den Seehofer den Journalisten hinwirft, wenn in der CSU zu viel über Ilse Aigner und Markus Söder gesprochen wird.
In Guttenbergs Plänen, so der Eindruck seiner Gesprächspartner, kommt die CSU kaum noch vor. Er strebe eher einen internationalen Job an, bei Nato oder Vereinten Nationen, abgehoben vom widrigen Alltagsgeschäft der Parteipolitik.
Doch ob daraus etwas wird, ist ungewiss. Seit seinem gescheiterten Comeback Ende vergangenen Jahres plätschern Guttenbergs Projekte allesamt geräusch- und vor allem erfolglos vor sich hin. Von seinem Wirken als Berater von EU-Vizekommissionspräsidentin Neelie Kroes in Sachen Meinungsfreiheit im Internet ist so gut wie nichts zu hören. Wenn er in der "Financial Times" die geplatzte Fusion der Luftfahrt- und Rüstungskonzerne EADS und BAE geißelt, ist das nur noch wenigen deutschen Wirtschaftsteilen eine kleine Meldung wert. Und auch bei der renommierten Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington läuft es nicht rund für den Ex-Verteidigungsminister.
Zwar tummelt sich Guttenberg gemeinsam mit seiner Gattin in den USA gelegentlich unter den Reichen und Mächtigen, doch einen bleibenden Eindruck als transatlantischer Denker hat Guttenberg in den USA bislang nicht hinterlassen.
Als am vergangenen Dienstagabend das American Institute for Contemporary German Studies ins Restaurant Cipriani einlud, eine feine Adresse an der New Yorker Wall Street, ließ es sich an Tisch 15 auch das prominente Auswandererpaar schmecken. Bei Montepulciano und Kalbsrippchen lauschte die transatlantische Elite dem Starpianisten Lang Lang und beklatschte Reden von VW-Chef Martin Winterkorn oder Deutschlands Amerika-Botschafter Peter Ammon.
Für Guttenberg ist es einer der seltenen glanzvollen Momente. Nicht nur in Deutschland, auch in seiner Wahlheimat mied er in den vergangenen Monaten das Rampenlicht. Seine Ernennung zum "Angesehenen Staatsmann" am CSIS hatte selbst in US-Medien für Häme gesorgt: "Der Plagiats-Minister", schrieb die "Washington Post". Als er in seiner neuen Funktion im April mit Jörg Asmussen, dem EZB-Direktor, am CSIS zur Euro-Krise diskutierte, tat er das ohne öffentliche Ankündigung.
Nun will Guttenberg in Amerikas Hauptstadt endlich Gehör finden. Am 8. November lädt der CSU-Mann am CSIS zu einer "offenen Diskussion über transatlantische Herausforderungen" ein. Auf der Einladung ist ausdrücklich vermerkt, die Veranstaltung sei "on the record".
Berichterstattung ist also ausdrücklich gewünscht. Guttenberg hat es genauso nötig wie Seehofer und die CSU.
Von Peter Müller und Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 44/2012
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