29.10.2012

KARRIERENGeliebte Politik

Umweltminister Peter Altmaier dachte, er sei nicht schön genug, um Minister zu werden. Trotzdem verschrieb er sich ganz der Politik und verzichtete auf ein Privatleben. Macht ihn das zum idealen Politiker? Von Markus Feldenkirchen
"Ich traue mich nicht, es vorzuschlagen", simst der Bundesumweltminister. Es ging um einen Termin, für ein Gespräch über ihn und seine Aufgabe, die Energiewende. "Aber am besten wäre es am Freitagabend. So gegen 20 Uhr." Man könne zunächst schön essen, beim Mexikaner am Wittenbergplatz. "Danach gehen wir zu mir und zum Rotwein."
Für die meisten Politiker beginnt am Freitagabend das Familienleben, wenigstens die Freizeit, bei Altmaier jedoch ist alles etwas anders. Eine Stunde vor dem Treffen folgt eine weitere SMS: "Wenn wir draußen sitzen können, nehmen Sie bitte Pulli mit oder so."
Um kurz nach acht kommt Altmaier in einer beigen Übergangsjacke auf den Platz geradelt. Er schließt sein Fahrrad an einen Baum, setzt sich an einen der Tische und kommt gleich zur Sache: "Sie müssen eine Vorspeise bestellen. Sonst ist es weniger gemütlich."
Als der Kellner die Bestellung aufnehmen will, sagt Altmaier: "Machen Sie mal schön gemischte Tapas vorneweg."
"In welcher Größe denn? Sie können wählen: drei, sechs oder zehn Tapas?"
"Na, so, dass man was davon hat", antwortet Altmaier. "Dass es schmeckt."
Der Kellner mustert den Minister. "Dann empfehle ich sechs."
"Komm, bringen Sie zehn", sagt Altmaier. "Und danach Fajitas con carne."
Als die Tapas auf dem Tisch stehen, hebt er sein Glas, lehnt sich tief zurück in den Korbsessel, schwenkt den Rotwein vier-, fünfmal im Kreis und sagt, dass er sich pudelwohl fühle. "Sie sehen einen wirklich glücklichen Menschen vor sich."
Seit fünf Monaten ist Altmaier nun Minister. Für einen Mann, der keine Freizeit kennt, der sein Leben der Politik verschrieben hat, kommt die Berufung ins Bundeskabinett der Aufnahme ins Paradies gleich. Obendrein ist er nun für die Energiewende zuständig, oder, in seinen Worten: "Ich habe den dicksten Fisch aus allen Meeren an der Angel."
Altmaier, 54, hat nicht damit gerechnet, dass er jemals Minister werden könnte. Zu viel sprach dagegen, vor allem sein Äußeres. Er kam mit einer Lippenspalte auf die Welt. Heute wiegt er rund 140 Kilogramm, nimmt zehn Vorspeisen, wenn ihm sechs angeboten werden, und beantwortet die Talkshow-Frage, was es Schöneres gebe als Futtern, mit: "Noch 'nen Nachtisch nach dem Futtern." Eigentlich hatte er sich schon mit der dritten, bestenfalls zweiten Reihe der Politik abgefunden. Mit einem Leben in Unsichtbarkeit.
Vielleicht ist der Aufstieg des Peter Altmaier Ausdruck eines Bedürfnisses nach Authentizität, nach ungeschminkter Politik. Die Anforderungen der Bürger an ihre Politiker wechseln ja wie die Farben der Frühjahrskollektionen. Da kann es schon sein, dass einer wie er, der Anti-Hipster schlechthin, gerade im Trend liegt. Für den Beruf des Politikers bringt Altmaier aber auch ein paar Vorteile mit, Eigenschaften, Lebensumstände, die lange übersehen wurden. Die Frage ist nun, ob man mit Altmaiers Mitteln eine Energiewende stemmen kann, eine Aufgabe, so vertrackt wie die Rettung des Euro.
"Ich hatte eigentlich nie ein Privatleben", sagt Altmaier, während er sich über die zehn Tapas beugt. "Schon als Jugendlicher bestand mein Leben nur aus Junger Union und Politik. Abends bin ich dann zu meinen Eltern und habe Fernsehen geguckt." Es klingt nicht bedauernd.
Mit 14 gründete Altmaier im saarländischen Ensdorf die Schüler Union, er wurde Mitglied der Jungen Union, dann der erwachsenen Union. Seine Freizeit bestand aus Versammlungen, Grillfesten, Bachsäuberungen, Skatturnieren.
Selbst in der sonderbaren Welt der Union fiel Altmaier als Sonderling auf, weil er sich weder für das weibliche noch für das männliche Geschlecht interessierte. Er interessierte sich gar nicht fürs Geschlecht. "Wenn die anderen geflirtet haben, habe ich diskutiert, wer in den Gemeinderat kommen soll", erzählt er. Er weiß, dass ihn viele bemitleiden, aber dafür, sagt er, gebe es keinen Grund. "Irgendwann in der Pubertät habe ich erlebt, dass ich gern allein bin. Ich war gesellig, aber ich war nie erpicht, eine Frau oder einen Mann meines Lebens zu finden."
Als die "taz" davon erfuhr, glaubte sie, helfen und ihn als Schwulen outen zu müssen. Es passte nicht ins Weltbild, dass es neben den herkömmlichen noch eine dritte Kategorie gibt: den Wunsch nach Partner- und Bindungslosigkeit. "Es liegt an den Genen oder woran auch immer", sagt Altmaier. "Aber es ist eben so." Man könne ja im Archiv nachgucken. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass es Menschen ohne dieses gewisse Bedürfnis gebe.
Altmaiers Geliebte wurde die Politik. Sie erlaubte ihm, nicht einen einzelnen Menschen zu umarmen, sondern eine ganze Gruppe, seine Partei oder gleich den ganzen politischen Betrieb. Vielleicht liegt es wirklich an den Genen, vielleicht hat er aber auch früh erkannt, wo seine Stärken liegen und wo eher nicht.
Während des Jurastudiums nahm ihn die Konrad-Adenauer-Stiftung in ihre Begabtenförderung auf, er besuchte mehr als hundert Seminare, zu jedem erdenklichen Thema. In seiner Wohnung liegt ein DIN-A5-Heft, in dem er jedes Seminar vermerkt hat.
Nach dem Studium ging er als EU-Beamter nach Brüssel, schweren Herzens. Plötzlich wurde er von Kollegen zum Abendessen eingeladen. "Anfangs war das schrecklich", sagt Altmaier. "Die haben über alles Mögliche geredet, über Fußball, über Kino, über Kinder. Aber kein Wort über Politik. Ich saß da und wusste nicht, was ich reden sollte."
Die Tapas sind weg, es warten die Fajitas con carne, und Altmaier erzählt, dass die Politik für Leute wie ihn wie geschaffen sei. "Ich treffe sehr viele Menschen. Aber dann darf ich auch allein nach Hause, allein ins Bett." Er scheint tatsächlich wie gemacht für den Beruf des Politikers mit all seinen Abend- und Wochenendveranstaltungen. Man ist oft in Gesellschaft und trotzdem allein.
"Ich habe echte Privilegien", sagt Altmaier. "Weil ich diese soziale Bindung nicht habe, kann ich auch kein schlechtes Gewissen haben." Seine Kollegen hingegen müssten viel Zeit mit der Familie verbringen. Und die restliche Zeit guckten sie Fußball. Altmaier mag keinen Fußball.
"Kommen Sie", sagt er, als auch die Fajitas verputzt sind. "Wir gehen zu mir." Es ist jetzt kurz vor elf.
Altmaier schiebt sein Rad vorbei am KaDeWe und biegt in eine Seitenstraße. Er nimmt den Aufzug in den ersten Stock und öffnet die Tür zu seiner 280 Quadratmeter großen Altbauwohnung, in der er allein lebt. Nur hin und wieder kommt seine Mutter ein paar Tage zu Besuch. "Meine Theorie ist ja: Wenn Sie frisch verliebt sind, reicht einem auch ein Wohnwagen, dann brauchen Sie keinen Platz. Wenn Sie allein sein wollen, ist es herrlich, Platz zu haben."
Altmaier ist der einzige Spitzenpolitiker, der andauernd Menschen in seine privaten Räume einlädt, mit denen er nur beruflich zu tun hat, Politiker, Wissenschaftler, Journalisten. Einmal war die gesamte Enquete-Kommission "Neue Medien" samt Mitarbeitern bei ihm zu Gast, 35 Leute. Im Sommer saßen Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin hier, es ging um die Endlagerfrage für den Atommüll. Da er selbst keine Grenze zwischen Politik und Privatleben zieht, kommt es Altmaier auch nicht in den Sinn, er könne den Menschen seine Privatheit aufdrängen. Er hat ja keine.
Die Jacken könne man hier drüben ablegen, sagt Altmaier, er führt ins Ankleidezimmer. Dort stellt er sich vor eines der vielen Gemälde. Der Adenauer komme bald weg, der gefalle ihm nicht recht, sagt Altmaier. "Aber hier, mein Freund Otto!" Er deutet auf das Porträt Otto von Bismarcks. Man beachte bitte auch den Rahmen, ein Original von 1890. Dann die alte Holzkommode. "Habe ich bei Ebay ersteigert. Ich kaufe ohnehin viel bei Ebay." Ebay, der Flohmarkt für Leute, die gern allein sind, ist wie gemacht für ihn, genau wie das Twittern, das Altmaier so liebt. Knapp 30 000 Follower und doch kein ernster Kontakt.
Schließlich greift er nach einem silberfarbenen Teller, und es wirkt, als sei die ganze Führung auf diesen Teller hinausgelaufen, in dessen Rand ein lateinischer Spruch eingraviert steht: "E pluribus unum".
Er liest ihn laut vor. "Na, was sagt Ihnen der Satz?" Er lächelt, und noch bevor man reagieren kann, löst er das Rätsel selbst: "Das ist der erste Satz von Guttenbergs Doktorarbeit." Die Schale ist aus Washington, Altmaier hat sie in einem Souvenirshop gekauft. Den Satz hatte Karl-Theodor zu Guttenberg aus der "FAZ" abgeschrieben, er war der Anfang seines Endes. "Das musste ich einfach kaufen", sagt Altmaier. "Im Andenken an meinen Freund Gutti."
Er zeigt noch das Esszimmer, die riesige Bibliothek, das Arbeitszimmer, das er sich extra weit von der Küche und somit vom Kühlschrank eingerichtet hat.
"Sie erlauben, dass ich die Schuhe aus- und Pantoffeln anziehe?" Er verschwindet kurz, bald kommt er mit einer Flasche Rotwein, zwei bauchigen Gläsern und schwarzen Stoffpantoffeln an den Füßen zurück. Er läuft ins Wohnzimmer und lässt sich auf dem geblümten Sofa nieder. Das rechte Bein legt er samt Pantoffel auf dem Sitzbezug ab. Jetzt ist es gemütlich. Jetzt lässt es sich reden.
Die Sache mit Guttenberg sei schon faszinierend, sagt Altmaier, und es klingt ein wenig Schadenfreude durch über den Sturz des Schönlings. Ebenso faszinierend sei die Sache mit Röttgen. Norbert Röttgen und er zogen 1994 zeitgleich in den Bundestag ein, sie wurden Freunde, auch wenn Röttgen telegener, schlanker, schöner war. "Der Norbert war der Hoffnungsträger", erzählt Altmaier. "Ich hingegen wurde von denen geschätzt, die mich kannten. Aber mir wurde nie zuge-
traut, dass ich nach außen etwas hermachen, dass ich Politik vermitteln könne." Er schaut an sich herab, wie zum Beweis.
Altmaier glaubte, dass die Leute vom Fernsehen ihn ohnehin nicht einladen würden. "Ich war lange Zeit befangen, wenn ich im Fernsehen oder vor dem Bundestag reden sollte."
Er greift nach dem Rotweinglas, die Pantoffelspitze malt Kreise in die Luft. "Ich habe mich intensiv mit Telegenität beschäftigt", sagt er. "Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass es attraktive Leute leichter haben. Da könnte ich Ihnen tausend Namen nennen, die das belegen." Er redet schneller als vorher, fast erregt.
In der Zeit, als die Telegenität eine große Rolle in der Politik spielte, sagte Altmaier im kleinen Kreis: "Die Angela Merkel steht eben auf die schlanken jungen Männer." Wenige Jahre später sind die schlanken Männer vorerst gescheitert, und für Altmaier erfüllte sich ein Traum.
"Im Juni war ich erstmals in der SPIEGEL-Liste der 20 beliebtesten Politiker." Er nimmt einen kräftigen Schluck. "Tja, so ist das, mein Lieber."
Es gibt Studien, die belegen, dass dicke Menschen eine beruhigende Ausstrahlung haben. Ein ganzes Land profitierte zur Wendezeit von der Statur Helmut Kohls, weil er im Ausland nicht den gefährlichen, sondern den gemütlichen Deutschen verkörperte. Gerade in Zeiten des Umbruchs scheint man den Dicken zu vertrauen.
Vielleicht wirkt Altmaier aber auch so vertrauenerweckend, weil sein Motiv, Politik zu machen, recht überschaubar ist. Es soll Kollegen geben, die auch deshalb nach oben drängeln, weil sie um die Anziehungskraft der Macht aufs weibliche Geschlecht wissen. Bei ihm kann man dieses Motiv ausschließen, er ist zufrieden, wenn es etwas zu tun gibt und das Essen schmeckt.
Um 2.18 Uhr überlegt Altmaier, ob er eine weitere Flasche öffnen soll, lässt es dann aber bleiben. Am nächsten Morgen soll er früh auf einem Podium sitzen, um über die Energiewende zu reden. Er wartet noch auf dem Treppenabsatz, ob die Haustür nicht verschlossen ist. Dann winkt er zum Abschied.
Ein paar Tage später soll er im Senatssaal der Berliner Humboldt-Universität eine Grundsatzrede halten. Er habe schwer mit sich gekämpft, ob er kommen sollte, sagt Altmaier zur Begrüßung. Denn auch seine Vorgänger Gabriel und Röttgen hätten hier geredet. "Und kurz danach war ihre Herrlichkeit vorbei."
Seit er Minister ist, lässt Altmaier keine Gelegenheit aus, um Spitzen gegen seinen früheren Freund zu verteilen. So entsteht der Eindruck, als habe Röttgen einen Scherbenhaufen hinterlassen, den er nun mühsam zusammenkehren muss. "Der Kollege Röttgen hat allein zweimal das Energieeinspeisegesetz geändert", sagt Altmaier vor den Studenten. Die Folge seien "monatelanges Gewürge" und steigende Stromkosten gewesen.
Als Röttgens Herrlichkeit vorbei war, drangen aus dem Kanzleramt Erklärungen für dessen Rausschmiss. Es habe viele Klagen gegeben, die Energiebosse, die Ministerpräsidenten, die Parteifreunde, alle hätten über Röttgens forsche und kompromisslose Art geklagt.
Gesucht wurde eine neue Kultur, ein Anti-Röttgen. Ein freundlicher, selbstironischer Mann mit ausgleichendem Wesen, ein wandelnder Runder Tisch. Einer wie Altmaier, der in brenzligen Situationen einen Käseteller holt und darauf achtet, dass seine Gesprächspartner einen warmen Pulli dabeihaben.
"Mir geht es um eine neue Transparenz- und Diskussionskultur", sagt er im Hörsaal. "Das ist der Grund, warum der nette Herr Altmaier ständig durchs Land reist und mit Tausenden Leuten redet."
Als Altmaier in jungen Jahren zur Bundeswehr kam, war er unglücklich. Schon damals war er nicht gerade sportlich, der Wehrdienst schien eine Qual zu werden. Dann aber erfuhr er, dass ein Vertrauensmann für die Stube gewählt werden musste. Fortan hatte er eine Aufgabe. Er habe rund um die Uhr vermitteln können, erinnert er sich. "Mal wurden einem Kameraden Nacktfotos aus dem Spind geklaut, mal wurde einem nachts Schuhcreme auf den Hintern geschmiert - es gab eigentlich immer was zu tun." Und wenn das Essen mal wieder eklig war, ging Altmaier zum Vorgesetzten und sagte: "Herr Hauptmann, der Truppe schmeckt's nicht." So ähnlich stellt er sich das jetzt mit der Energiewende vor.
Vor den Studenten bekennt Altmaier, dass er als Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion erst eine Mehrheit für längere Laufzeiten der Atomkraftwerke organisiert habe und dann eine für den vorzeitigen Ausstieg. Er sagt das so freundlich, dass niemand auf den Gedanken kommt, ihm diese Wendigkeit übelzunehmen. Später erklärt er, dass er selbst gar nichts dagegen hätte, die AKW zehn Jahre länger laufen zu lassen. Aber es gehe nun mal um eine gesellschaftliche Befriedung. "Ob es in der Sache richtig ist, werden die Geschichtsschreiber feststellen. Aber bis es so weit ist, gilt es das jetzt zu organisieren." Es klingt, als sei die Organisation ein Selbstzweck, als sei das Ergebnis fast egal.
An einem Samstag im Oktober steigt Altmaier in seine Dienstlimousine und äußert eine dringende Bitte. "An der ersten Raststätte halten Sie bitte an. Da machen wir ordentlich Mittag." Der Fahrer nickt, er hat den Beifahrersitz fast bis zum Handschuhfach vorgefahren.
Gerade hat Altmaier versucht, die Junge Union auf deren Deutschlandtag in Rostock von seinem Projekt zu überzeugen, aber es war mühsam, die CDU will seine Energiewende nicht, genauso gut hätte er bei den Grünen für eine Lockerung der Waffengesetze werben können.
Als der Wagen auf die Autobahn rollt, erneutes Drängeln: "Sie vergessen mir bitte die Raststätte nicht." Altmaier wirkt jetzt weniger glücklich als an dem Abend in seiner Wohnung. Er weiß nun, wie schwer es ist, seine Partei von der Energiewende zu überzeugen. Die Ministerpräsidenten des Nordens streiten sich mit denen des Südens, die Energieriesen mit den Wind- und Solarfirmen. Und das Treffen mit Gabriel und Trittin in seiner Wohnung brachte auch keinen Erfolg. Taktikprofis wie sie kann man nicht mit Käsetellern oder Wraps befrieden.
Es scheint, als stoße auch die Methode Altmaier an ihre Grenzen. Vielleicht brauchte es doch etwas mehr Idealismus für ein Projekt wie die Energiewende, zumindest eine klare innere Überzeugung. Vielleicht reicht es nicht zu sagen, dass man die Dinge so oder so regeln könne, Hauptsache sie würden geregelt. Vielleicht müsste Altmaier mal den Mut aufbringen, alles auf eine Karte zu setzen.
Das aber ist schwierig für einen, dessen Geliebte die Politik und dessen Familie die Partei ist. Er hätte es vermutlich leichter, wenn er ein anderes, distanzierteres Verhältnis zur Politik hätte. Altmaier aber hängt auch deshalb so an ihr, weil ihm die anderen Spielfelder des Lebens fehlen. Auch daher rührt wohl seine Liebe zum Kompromiss, seine Scheu, sich unbeliebt zu machen. Er möchte es sich mit niemandem verscherzen. Was bliebe ihm denn ohne die Politik?
Seine Limousine rollt auf die Raststätte Recknitz-Niederung. Am Eingang zum Restaurant entschuldigt er sich. "Das ist zwar nicht die größte Raststätte, aber wir werden schon ein Schnitzel finden." Kurz darauf sitzt er vor einem großen "Schnitzel Champion" mit Pommes und sagt "guten Aperitif", so wie andere gern "zum Bleistift" sagen.
Er sei ja ein großer Freund von Raststätten, erzählt er. "Man kann da wunderbar mal 'ne Stunde privat sein." Pause. "Schön essen." Pause. "Leute gucken, die Landschaft genießen." Er schaut hinaus, aber da ist nur ein Parkplatz.
Neulich, da sei er auf einer besonders guten Raststätte gewesen, mit Buffet und All you can eat. "Man konnte so viel auf den Teller tun, wie man wollte. So viel Schnitzel, wie man wollte. Wunderbar."
Man sitzt ihm gegenüber und fragt sich nun, woher all das kommt, die vielen Schnitzel, die riesige Wohnung, diese Maßlosigkeit? Kann es sein, dass er am Ende doch nur eine gewisse Leere kompensiert? Dass es zwangsläufig Folgen hat, wenn gewisse Bereiche des Lebens einfach wegfallen, die Libido, die Verantwortung für einen geliebten Menschen?
Nach der Stärkung, die ernährungswissenschaftlich eher eine Schwächung ist, ist Altmaier wieder besserer Dinge. Er suche nach einem Bild mit Symbolkraft, sagt er, so wie Klaus Töpfer damals mit roter Badekappe durch den Rhein geschwommen sei, um auf die Sauberkeit der Flüsse aufmerksam zu machen. So was Ähnliches wäre toll, nur eben mit der Energiewende. Später im Auto erzählt er, dass man an solchen Tagen wieder mal sehen könne, welche Vorteile sein Leben habe. "Deutschlandtag in Rostock an einem Samstag - da hätten die meisten ordentlich Ärger mit der Familie."
Um 17 Uhr hält der Wagen vor seiner Wohnung neben dem KaDeWe. "Und, was machen Sie jetzt noch?", fragt Altmaier. Man erklärt ihm kurz das Programm für den Samstagabend. Und Sie?
"Ach", sagt er. "Ich denk, ich leg mich jetzt 'ne Stunde hin. Und dann fahr ich schön ins Büro."
(*) Mit den CDU-Parteikollegen Hermann Gröhe (l.), Eckart von Klaeden (r.).
Von Feldenkirchen, Markus

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