29.10.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Eine Schocktherapie“

Der Extremsportler Felix Baumgartner über seinen Sprung aus der Stratosphäre, die erstickende Enge in seinem Raumanzug - und die Vorkehrungen für den Fall seines Todes
SPIEGEL: Herr Baumgartner, Ihr Fallschirmsprung aus 39 045 Meter Höhe über New Mexico wurde als moderne Mondlandung bezeichnet, Sie nennt man den Neil Armstrong unserer Zeit. Als was sehen Sie sich?
Baumgartner: Ich beurteile mich nicht gern selbst, das machen andere. Ich habe mich in den vergangenen Tagen mit einigen Jugendlichen unterhalten, die bei der Mondlandung 1969 noch nicht geboren waren. Diese Kids sind froh, dass es jetzt auch in ihrer Zeit so einen geschichtsträchtigen Moment gegeben hat. Sie haben miterlebt, wie der erste Mensch ohne Antrieb Überschall geflogen ist.
SPIEGEL: Hatte Ihr Sprung aus der Stratosphäre einen Sinn, oder war er nur Spektakel?
Baumgartner: Es ist schwer, meinen Sprung einzuordnen, da die Eindrücke so frisch sind. Es ist mir noch nicht bewusst, was ich geleistet habe. Ich habe zwar immer geahnt, dass es ein wirklich spektakulärer Moment werden würde. Dass mein Flug solche Begeisterungsstürme auslösen würde, hätte ich aber nicht für möglich gehalten.
SPIEGEL: Zumindest war Ihr Sprung das größte Live-Ereignis auf YouTube, das es jemals gab. Acht Millionen Menschen sahen Ihnen im Internet zu, mehr als bei der Amtseinführung des US-Präsidenten Barack Obama. Wie erklären Sie sich das?
Baumgartner: Von der Luftfahrt, und besonders von der Raumfahrt, ging schon immer eine spezielle Anziehungskraft aus. Es gibt bis heute nur zwölf Personen, die auf dem Mond waren. Die Menschen sind fasziniert von der Welt über ihnen, weil sie unerreichbar erscheint. Durch meinen Sprung hatten sie jetzt die Chance, dorthin mitgenommen zu werden. Sie konnten live an ihren Bildschirmen sehen, wie jemand bis in die Stratosphäre aufsteigt. Was danach kam, hat sie aber wohl noch mehr fasziniert.
SPIEGEL: Sie meinen Ihren freien Fall, bei dem Sie die Schallmauer durchbrachen und 1342,8 Stundenkilometer erreichten?
Baumgartner: Ich war so schnell, dass ich manche Gewehrkugel überholt hätte. Das sprengt die Vorstellungskraft der meisten Menschen. Auch viele Wissenschaftler hielten das für unmöglich. Während unserer Vorbereitung hatte ich Experten der Raumfahrtorganisationen Nasa und Esa nach ihrer Meinung befragt. Sie alle schüttelten nur den Kopf.
SPIEGEL: Das hat Sie offenbar nicht abgehalten von Ihrer Idee.
Baumgartner: Als Fallschirmspringer sah ich immer zu Joe Kittinger auf. Er sprang 1960 aus 31 332 Meter Höhe ab und erreichte 988 Kilometer pro Stunde im freien Fall. Er ist für mich das, was Sir Edmund Hillary, der erste Mensch auf dem Mount Everest, für Bergsteiger ist. Ein Idol, ein Vorbild. Bis ich die Chance hatte, mich selbst an Kittingers Rekorden zu versuchen, vergingen aber viele Jahre.
SPIEGEL: Weshalb?
Baumgartner: Die Idee ist mehrere Male auf meinem Tisch gelandet. Verschiedene Personen hatten mir das präsentiert, aber immer ziemlich laienhaft. Als Erster kam der Ballonfahrer Ivan Trifonov auf mich zu und drückte mir ein zweiseitiges Papier in die Hand.
SPIEGEL: Sie kamen nicht von sich aus auf die Idee mit dem Stratosphärensprung?
Baumgartner: Zunächst nicht, auch wenn Joe Kittinger mich schon immer begeistert hat und Fliegen mein großer Traum ist. Auf Trifonovs Papier waren zwei Bilder zu sehen, auf dem ersten Foto war ein riesiger Ballon, auf dem zweiten ein Astronaut in einem Raumanzug. Trifonov hatte die Idee, dass ich aus 50 Kilometer Höhe abspringe, ich sollte in einem Raketenstumpf stehend mit doppelter Schallgeschwindigkeit zur Erde rasen. Trifonov erklärte mir, dass er das alles in Gosau machen wolle, einem verträumten Dörfchen in den österreichischen Bergen. Er habe mit dem Bürgermeister schon alles abgeklärt. Das war ziemlich absurd, also bedankte ich mich und meldete mich nie wieder bei ihm.
SPIEGEL: Trifonov behauptet jetzt, Sie hätten seine Idee gestohlen.
Baumgartner: Das ist völliger Quatsch, denn Joe Kittinger hatte die Rekorde ja schon vor über 50 Jahren aufgestellt. Er ist der Urvater dieser Idee.
SPIEGEL: Wann haben Sie sich für einen eigenen Rekordversuch entschieden?
Baumgartner: Vor sieben Jahren. Kurz nach Trifonov präsentierte mir ein amerikanischer Unternehmer ein ähnliches Projekt. Es war wieder recht unrealistisch, aber ich dachte, dies müsse ein Zeichen sein. Ich begann, mich intensiv mit diesem Sprung zu beschäftigen, recherchierte, sprach mit Experten. Dann sagte ich mir: Warum versuche ich es mit meinem Sponsor Red Bull nicht selbst? Warum planen wir nicht unser eigenes Projekt von der Stunde null an? Es war uns sehr wichtig, "Stratos" selbst zu stemmen, alles genau durchzurechnen, unser eigenes Team dafür zusammenzustellen.
SPIEGEL: Welche Hindernisse traten zwischendurch auf?
Baumgartner: Die Firma David Clark, die seit Jahrzehnten für die Nasa Raumanzüge entwickelt, wollte uns zunächst keinen Anzug verkaufen.
SPIEGEL: Warum?
Baumgartner: Wir waren für das Unternehmen als Kunden nicht interessant. Die Air Force kauft David Clark bis zu hundert Anzüge auf einmal ab, wir dagegen wollten nur drei. Die Firma fürchtete um ihre Reputation, falls bei meinem Sprung etwas schiefgehen würde. Es hat Jahre gedauert, bis wir Clark davon überzeugt haben, dass wir seriös arbeiten.
SPIEGEL: Hat Ihr Sponsor irgendwann signalisiert, dass ihm das alles zu teuer wird?
Baumgartner: Red Bull ist nicht einfach nur Sponsor, sondern mit mir gemeinsam Projekttreiber. Logisch waren die Kosten ein Thema. Aber der Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz ist niemand, der sich von Rückschlägen beeinflussen lässt. Wenn er A sagt, dann sagt er auch B. Und wenn B nicht ausreicht, sagt er eben C. Im Übrigen hat "Stratos" bei weitem keine 50 Millionen Euro gekostet, wie momentan überall berichtet wird.
SPIEGEL: Sondern?
Baumgartner: Das sage ich nicht. Aber diese Zahl ist völlig daneben.
SPIEGEL: Die Hälfte?
Baumgartner: Nicht mal das. Lassen Sie es mich so sagen: Natürlich haben wir Geld investiert. Wir wollten maximale Sicherheit. Zudem sollte "Stratos" die schönsten Bilder produzieren und diesen atemberaubenden Blick auf den Erdball in die Wohnzimmer der Menschen bringen.
SPIEGEL: Sie sagten, die größte Herausforderung sei nicht der Aufstieg mit dem Ballon, der Sprung oder der gefährliche Flat Spin gewesen, bei dem man sich im freien Fall mehrmals um die eigene Achse dreht. Am meisten habe Ihnen die Enge in Ihrem Raumanzug zu schaffen gemacht.
Baumgartner: Ja, den Flat Spin habe ich ausführlich geübt, da hatte ich Routine. Aber der Anzug blieb eng und unbequem. Er ist völlig dicht, ansonsten hätte ich den geringen Luftdruck in großer Höhe nicht überlebt. Der Anzug schränkte mich ein, jede Bewegung kostete viel Energie. Ich habe mich gefühlt wie in einem Gefängnis. Dazu war es unfassbar heiß da drin, die Haut konnte nicht atmen, und ich musste viel ertragen. Ich hörte immer nur meinen eigenen Atem, war ausgeschlossen vom Rest der Welt.
SPIEGEL: Sie litten unter klaustrophobischen Anfällen?
Baumgartner: Ja, ich habe es anfangs nur rund eine Stunde lang in dem Anzug ausgehalten. Länger ging nicht. Dabei wusste ich, dass ich später beim Rekordversuch mindestens sieben Stunden lang aushalten müsste. Das erschien mir unmöglich. Ich dachte damals, dass das Projekt verloren sei. Ich war am Boden zerstört.
SPIEGEL: Hat Red Bull Sie gedrängt, das Projekt zu Ende zu bringen? Immerhin hat Ihnen der Konzern einen Psychologen vermittelt.
Baumgartner: Das bedeutet nicht, dass mich Red Bull gedrängt hätte. Ich war schon so weit vorangekommen, dass ich durchaus genügend eigenen Ehrgeiz hatte, das Projekt zu Ende zu bringen.
SPIEGEL: Wie hat der Psychologe Ihnen genau geholfen?
Baumgartner: Ich habe Hilfe von Michael Gervais bekommen, einem Psychologen, der mit vielen amerikanischen Sportlern zusammenarbeitet. Er sagte mir, dass sich nicht mein Körper gegen den Anzug sträubt, sondern mein Kopf. Er erklärte, dass der Stress irgendwann aufhören werde. Ich sollte mir vorstellen, dass mir niemand mehr aus dem Anzug raushelfen wird. Eine Art Schocktherapie, aber es wirkte. Ich zwang mich, im Anzug zu bleiben, und versuchte, Dinge außerhalb wahrzunehmen, mich nicht abschotten zu lassen.
SPIEGEL: In welchem Moment war am Tag des Absprungs Ihre Angst am größten?
Baumgartner: Ich habe eigentlich nie richtige Angst verspürt. Wir waren gut vorbereitet. Wir haben über fünf Jahre lang an diesem Projekt gearbeitet, Hunderte Tests gemacht. Das heißt, wir haben nahezu alle Unbekannten ausgeräumt. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, wie sich 75 Grad minus anfühlen, kein Mensch hat da eine Vorstellung. Ebenso wenig hatten wir eine Vorstellung, wie es sich in 40 Kilometer Höhe anfühlt. Wie reagiert der Körper da?
SPIEGEL: Wie haben Sie das herausgefunden?
Baumgartner: Wir konnten alles am Boden proben. Wir sind nach San Antonio in Texas gefahren und haben auf der früheren Air-Force-Basis Brooks eine Kältekammer gefunden, die sich auf 75 Grad minus herunterkühlen ließ und Druckverhältnisse wie in 40 Kilometer Höhe simulieren konnte. Dort war ich fünf Stunden lang quasi in einem Vakuum. Da spürst du genau, wie die Kälte dich beeinflusst - und zwar negativ, weil sie Stress erzeugt. Wenn du aber weißt, dass der Körper es dort fünf Stunden lang aushält, dann weißt du auch, dass zweieinhalb Stunden während des Aufstiegs kein Problem sind.
SPIEGEL: Dennoch blieb es eine Simulation.
Baumgartner: Schon, aber die Tests erzeugen das Selbstvertrauen, das man für diesen Tag braucht. Das ist immer noch schwierig genug, weil ich wusste: Bald bin ich auf einer sehr, sehr großen Bühne, auf der ich Dinge tue, die es zuvor noch nicht gab. Und die ganze Welt schaut dabei zu. Auf diese Öffentlichkeit konnte ich mich kaum vorbereiten, das ist mental sehr schwer zu verarbeiten.
SPIEGEL: Das Unternehmen stand mehrmals auf der Kippe. Warum mussten Sie den Rekordsprung zweimal verschieben?
Baumgartner: Am Anfang geht es erst mal darum, dass es gutes Wetter gibt, um den Ballon befüllen zu können. Geht das gut, sitzt man in der Kapsel drin, und alle warten, bis der Ballon aufgeblasen ist. Dann hofft man, dass es windstill bleibt. Wir reden hier von einem Unterschied von nur zwei Stundenkilometern. Vier Stundenkilometer Windgeschwindigkeit heißt Start, sechs bedeutet Abbruch. In diesem Fall ist der Ballon zwar aufgeblasen, aber zum Wegwerfprodukt geworden, weil man ihn nicht zweimal verwenden kann.
SPIEGEL: Sie sprachen vor der Aktion davon, keine unkalkulierbaren Risiken einzugehen. Die gab es aber. Ihre Visierheizung fiel aus. Sind Sie risikofreudiger geworden, weil es nicht noch einen weiteren Abbruch geben sollte?
Baumgartner: Vielleicht. Man verschiebt in so einem Moment die Prioritäten. Wir hatten ja nur noch diesen einen Ballon. Wenn das nicht funktioniert hätte, hätten wir das Projekt auf Juni 2013 verlegen müssen. Aber ich merkte ja erst, als ich vom Boden abgehoben war, dass es bei der Heizung ein Problem gab. Man ist extrem limitiert in der Kapsel und nicht in der Lage, größere Probleme zu lösen. Als das Visier tatsächlich beschlug, hat die Mission Control um Joe Kittinger gesagt, wir müssten abbrechen, wenn das Visier nicht in den Griff zu bekommen sei. Denn wenn ich die Tür öffne, ist in der Kapsel dieselbe extreme Kälte wie draußen. Wenn dann auf der Absprungrampe das Visier noch stärker beschlägt, komme ich nicht mehr in die Kapsel zurück, weil sich der Anzug wegen des Druckunterschieds inzwischen aufgeblasen hat. Ich bin dann sehr unbeweglich, kann mich nicht mehr bücken und passe nicht mehr durch die kleine Luke. Wir konnten also nicht testen, was passiert, sondern mussten entscheiden.
SPIEGEL: Sie entschieden sich gegen den Rat von Kittinger für den Sprung?
Baumgartner: Nein, wir haben gemeinsam verschiedene Szenarien durchgespielt und entschieden, es zu riskieren. Klar, da geriet ich schon ins Zweifeln, und mein Puls ging nach oben.
SPIEGEL: Wie sah denn Plan B aus, für den Fall, dass das Visier so stark beschlägt, dass Sie gar nichts mehr sehen?
Baumgartner: Dann hätte ich nach 30 Sekunden meinen Bremsfallschirm geöffnet. Ich hätte keinen Höhenmesser lesen können, aber bei 10 000 Metern gewusst, wo ich bin, denn da verliert der Anzug den Druck. Ich wäre blind gewesen, aber der Schirm hätte mich stabilisiert. 60 Sekunden später hätte ich gewusst, dass ich mich in einer Höhe mit genügend Sauerstoff befinde. Dann hätte ich das Visier öffnen können. Der Überschallflug und auch die anderen Rekorde wären futsch gewesen, aber da geht es ums Überleben.
SPIEGEL: Zumal es mit Nick Piantanida bereits einen Vorgänger von Ihnen gab, der bei einem ähnlichen Versuch bewusstlos unten ankam. Mussten Sie daran denken?
Baumgartner: Logisch, sehr oft sogar. Das Problem bei diesem Sprung ist, dass man die Gefahr nicht sieht. Es sind so wunderschöne Bilder, ich war fasziniert vom Erdball, so rund, wie er da vor mir lag. Der Himmel ist schwarz, alles schaut sehr schön aus. Beim Feuer würde man Gefahr sehen und spätestens, wenn man nah herangeht, merken - Achtung, Gefahr! Diese Reflexe gibt es da oben nicht. Ohne Technik bin ich dort nicht überlebensfähig. Die einzige gute Nachricht ist: Fiele die Technik aus, dauerte es nicht lange bis zum Tod. In 15 Sekunden wäre alles vorbei. Die Flüssigkeit im menschlichen Körper würde zu kochen beginnen, aufschäumen, und man ginge elendig zugrunde.
SPIEGEL: Trotz solcher Horrorszenarien verging Ihnen nicht die Lust an dem Projekt?
Baumgartner: Mein Medical Director, Jonathan Clark, hat bei einer Space-Shuttle-Mission seine Frau verloren. Er hat mir das in allen Details erzählt. Da sitzt du schon da und denkst, eigentlich willst du das gar nicht so genau wissen. Nick Piantanida, der Springer, von dem Sie vorhin sprachen, erlitt durch seinen Sturz eine schwere Gehirnschädigung und lag vier Monate im Koma, bevor er starb. Das ist natürlich das Schlimmste. Die Vorstellung, meine Mutter müsste mich im Rollstuhl umherschieben, wäre unerträglich. Da zöge ich einen schnellen Tod vor. Über all dies habe ich schon nachgedacht in diesen ewigen Wartezeiten, die ein solches Projekt mit sich bringt.
SPIEGEL: Hatte Ihr Team einen Katastrophenplan für den Fall, dass Sie sterben?
Baumgartner: Wenn so etwas live stattfindet, geht es gar nicht ohne ein gewisses Krisenmanagement. Wir hatten entsprechende Pressetexte vorbereitet.
SPIEGEL: Sie haben die Nachricht Ihres eigenen Todes abgesegnet?
Baumgartner: Ja, es muss in so einem Moment schnell gehen. Es ist ziemlich bizarr, wenn man einen solchen Text lesen und abnicken muss. Es gibt nicht viele Menschen, die das können. Im Extremfall wären auch die Kameras abgeschaltet worden. Wir hatten eine private Frequenz. Bei einer solchen Geschichte sieht man ja ab einem gewissen Zeitpunkt, wenn etwas danebengeht. Da bleibt man nicht live drauf, das wäre ethisch verwerflich. Über diesen Teil der Geschichte will keiner sprechen. Der Mensch generell redet ja nicht gern über den Tod.
SPIEGEL: Das klingt fast so, als würden Sie den eigenen Tod in die Planungen miteinbeziehen wie einen Betriebsunfall?
Baumgartner: Als Profi musst du dich zumindest damit beschäftigen. Das macht man im Extremsport immer wieder aufs Neue. Wenn du eine Geschichte dieser Größenordnung angehst, an der die Welt teilnimmt, musst du auch für die Kehrseite der Medaille sorgen und nicht dastehen, wenn es passiert, und sagen: Huch, was machen wir jetzt? Die Nasa hat Katastrophenpläne, und genauso musste ich das machen. Das ist wie mit Kopfschmerztabletten im Urlaub. Hat man sie dabei, braucht man sie nicht. Hat man sie vergessen, hat man garantiert eine Woche Dauerkopfschmerz. Je besser man vorbereitet ist, desto weniger trifft es einen.
SPIEGEL: Nach Ihrer Landung sollte Ihnen von Ihrem Sponsor eine Dose Red Bull gereicht werden. Stattdessen haben Sie nach Wasser verlangt. Ging Ihnen der ganze Markenwahnsinn auf die Nerven?
Baumgartner: Nein, das hat sich ja in Grenzen gehalten. Mir ist keine Dose gereicht worden, obwohl es Sinn gehabt hätte. Wenn wir alles dem Marketingzweck untergeordnet hätten, hätte es eine solche Trinkszene geben müssen. Gab es aber nicht. Ich habe Wasser getrunken, weil Wasser als Erstes verfügbar war. Es ist absurd, wenn jetzt alle sagen, das Ganze sei eine reine Marketingaktion gewesen.
SPIEGEL: Was war es sonst?
Baumgartner: Es war auch ein wissenschaftliches Experiment. Es hat uns interessiert, und es hat Wissenschaftler interessiert. Natürlich muss so etwas finanziert werden. Das macht die Nasa nicht anders. Da wird ein Space Shuttle auch mit viel Spektakel ins All geschossen.
SPIEGEL: Aber ohne das Logo einer Brausefirma auf jedem Strohhalm.
Baumgartner: Wir haben unser Projekt Gott sei Dank mit eigenen Mitteln bezahlt und nicht mit Steuergeldern. Natürlich gibt es jetzt die ganzen Bedenkenträger, die sagen, wir hätten mit dem Geld etwas Sinnvolleres machen können, mindestens die Welt retten. Sie können mir glauben, Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz spendet genug, die größte seiner Spenden ging nicht in den Sport, sondern in die Medizin. Es wird ihm ja wohl erlaubt sein, sein Geld für Dinge einzusetzen, die ihn begeistern. Wir sehen das auch als Investment in Forschung und Entwicklung.
SPIEGEL: Viele Experten bezweifeln den Nutzen.
Baumgartner: Zukünftige Raumfahrtmissionen werden nachhaltig davon profitieren. Wir sind für die Jugend gewisse Vorbilder, sicherlich größere als sehr viele unserer Politiker in den vergangenen zehn Jahren.
SPIEGEL: Sie haben verkündet, dass Sie mit dem Extremsport aufhören wollen. Kann ein Adrenalin-Junkie wie Sie das?
Baumgartner: Ich bin kein Adrenalin-Junkie, das vorweg. Für mich ist es nie um den Nervenkitzel gegangen. Ich bin ein Mensch, der die Herausforderung liebt. Und zwar in der Luft, das ist mein Zuhause - wie für Segler das Meer oder für Kletterer der Berg. Natürlich spielt Adrenalin da eine Rolle, aber es stand nicht im Vordergrund. Es ging immer nur um Ziele und die Möglichkeiten, diese Ziele zu verwirklichen. Das ist auch der Grund, warum ich nach 25 Jahren in diesem Sport noch am Leben bin. Aber jetzt ist im doppelten Wortsinn der Höhepunkt da, es reicht.
SPIEGEL: Sie wollen zukünftig für Hollywoods Filmproduktionen Helikopter fliegen und für die Feuerwehr Löscheinsätze. Dabei ist die Filmindustrie durch Ihren Landsmann Arnold Schwarzenegger verrückt nach Typen wie Ihnen. Gab es nicht schon bessere Angebote?
Baumgartner: Nein, bis dato nicht. Aus irgendeinem Grund ist das bis jetzt nicht eingetreten.
SPIEGEL: Würden Sie gern vor der Kamera stehen?
Baumgartner: Ich glaube nicht. Ich wollte mal Stuntman werden. Als der Basejumper Felix Baumgartner stand ich immer auf den Titelseiten. Als der Stuntman Felix Baumgartner tauchte ich dagegen im Abspann eines Films ganz hinten auf. Dabei habe ich mein Leben für andere riskiert. Das Dasein als Stuntman war irgendwann kein Thema mehr. Und Schauspieler? Alles, was ich bis jetzt gemacht habe, war real - only one try, immer nur ein Versuch. Das Leben als Schauspieler ist eine ständige Wiederholung. Das reizt mich nicht so.
SPIEGEL: Wie lange wird es dauern, bis Ihr Rekord gebrochen werden wird?
Baumgartner: Sehr lange. Der britische Unternehmer Richard Branson hat ja bereits ein Nachfolgeprojekt angekündigt. Jetzt kommen sie, die Trittbrettfahrer. Jetzt kommen sie alle und sagen: Das haben wir auch schon immer geplant. In Bransons Projekt soll aus 120 Kilometer Höhe gesprungen werden. Ich kann mich ja inzwischen Experte schimpfen, und als solcher sage ich: Unsere 40 Kilometer waren schon schwer zu realisieren. Eine Verdreifachung der Distanz ist einfach nur Schwachsinn.
SPIEGEL: Herr Baumgartner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Lukas Eberle und Janko Tietz in New York.
Von Lukas Eberle und Janko Tietz

DER SPIEGEL 44/2012
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