29.10.2012

TV-PRODUKTIONENLikes für Laien

Die RTL-II-Vorabendserie „Berlin - Tag & Nacht“ ist Proletenfernsehen - und sehr erfolgreich, auf dem Bildschirm wie im Internet. Auch andere Daily Soaps sollen deshalb nun weniger professionell und noch banaler werden.
Als vor zwei Wochen in Berlin die Herbstferien zu Ende gingen, schrieb die 18-jährige Hanna eine Nachricht auf Facebook. Sie lautete: "Meine Ferien sind schon fast vorbei. :( Gehts euch genauso? Hanna." Das blieb nicht ohne Folgen. Mehr als 13 000 Personen klickten auf "Gefällt mir". Die Leute antworteten "ja, die schule nervt" und "wir bekommen in 2 wochen". Es wurden über 1400 Kommentare.
So geht das jeden Tag. Hanna ist bloß eine Figur aus der RTL-II-Serie "Berlin - Tag & Nacht" ("BTN"), und die Sätze hat nur jemand aus der Redaktion auf der Facebook-Seite der Sendung veröffentlicht. Aber diese Seite hat mittlerweile rund 2,3 Millionen Fans. Und die sie lesen, mögen und kommentieren alles.
Banalität ist dabei kein Hindernis. Banalität ist Ausdruck von Nähe und Kommunikation auf Augenhöhe.
"Berlin - Tag & Nacht" ist die Fernsehsensation des Jahres. Und das eben nicht nur im Fernsehen. Mit riesigem Abstand führt es die Rangliste aller TV-Formate bei Facebook an, "BTN" ist ein crossmediales Phänomen. Die Produktionsfirma Filmpool, maßgeblich verantwortlich für den Fluch der Laiendarstellerei im deutschen Fernsehen, hat das mit recht schlichten Mitteln erreicht: Sie kombinierte einfach zwei Genres industrieller TV-Produktion und erzählt eine tägliche Seifenoper mit den Mitteln der gescripteten Pseudo-Dokumentationen.
"Berlin - Tag & Nacht" handelt vom Leben einer Gruppe relativ flächendeckend tätowierter und gepiercter junger Menschen in der Hauptstadt. Im Mittelpunkt steht eine Wohngemeinschaft, erzählt werden Alltagsdramen um Liebe und Freundschaft, Party und Beruf, gute und schlechte Laune. Es geht um unerfüllbare Kinderwünsche, plötzlich entdeckte Homosexualität, unaufgeräumte Küchentische und die Frage, wer ein Kegelturnier gewinnt oder beim Verlieren die besten blöden Sprüche macht. Die Mitglieder einer zweiten, jüngeren WG müssen kaum mehr tun, als mit einem Auto anfahren und einparken zu üben, um die Zielgruppe der Teenager eine Folge lang zu unterhalten.
Die Akteure sind Laiendarsteller, die die Dialoge auf der Grundlage von Handlungsbeschreibungen mehr oder weniger frei improvisieren. Nichts hier ist filigran, ausgefeilt oder komplex. Aber im Gegensatz zu den immer bizarrer werdenden, denunziatorischen Geschichten aus dem Hartz-IV-Elend in Nachmittagssendungen zelebriert "Berlin - Tag & Nacht" bloß harmlose Prolligkeit.
An diesem Mittwochmorgen sind die Dreharbeiten auf dem Hausboot im Berliner Osthafen ins Stocken geraten. Eine Darstellerin, die eine Episodenrolle spielen sollte, ist krank geworden.
Das kann den Betrieb nicht lange aufhalten. 150 000 Laiendarsteller hat Filmpool inzwischen in seiner Datenbank Castbase. Es dauert nur ein paar Stunden, bis darin Ersatz gefunden ist und eine andere junge Frau die Stewardess spielen kann, die mit einem Handtuch bekleidet aus der Dusche kommt und ihre Kollegin und deren Freundin beim Küssen ertappt. ("SBSA" steht an solchen Stellen im Drehbuch: Sex bahnt sich an.)
Es gibt grundsätzlich keine Studioaufnahmen. Das Tattoo-Studio ist tatsächlich ein Tattoo-Studio, der Schönheitssalon ein Schönheitssalon und das Hausboot ein Hausboot. Der Kameramann kann dort unter Deck mit der Kamera auf den Schultern kaum aufrecht stehen, und der Tonmann jongliert mühsam zwei Mikrofonangeln, während er die Truppe durch die engen Gänge verfolgt.
Produziert wird "Berlin - Tag & Nacht" wie eine billige Dokumentation: mit nur einer Kamera, die zwischen den Akteuren hin- und herschwenkt, ohne großes Licht, ohne Kunst. Das sei, sagt Felix Wesseler, der bei Filmpool das Business Development verantwortet, eine Herausforderung: den Kameraleuten ihre störende Professionalität auszutreiben, die sie dazu bringt, immer möglichst perfekte Aufnahmen drehen zu wollen. Trotzdem muss die Handtuch-Szene dreimal gedreht werden. Hinterher "checkt" das Team die Szene auf einem kleinen Monitor. Die Produktionsleute gucken halb skeptisch, halb stolz: Im Vergleich könne man deutlich sehen, sagt Filmpool-Geschäftsführer Vittorio Valente hinterher, was für Fortschritte die Laiendarsteller gemacht hätten, die jetzt schon seit einem Jahr dabei sind.
Es muss sich um sehr, sehr subtile und für den Laienzuschauer kaum erkennbare Hölzernheitsnuancen handeln.
Dem Publikum bieten die munter vor sich hin dilettierenden Darsteller eine doppelte Identifikationsmöglichkeit: mit den Rollen, die sie spielen, und den Darstellern, die zwar Stars sind, aber doch auch sichtbar ganz normale Leute. Sie sind gleichzeitig Schauspieler und authentische Personen.
Die Serienfigur und ihr Darsteller, Fiktion und Realität, sind bei "Berlin - Tag & Nacht" kaum trennbar miteinander verwoben. Dass Marcel in der Serie ein leidenschaftlicher Sprayer ist, der mehrere Wände in der WG gestaltet hat, liegt daran, dass sein Darsteller Patrick leidenschaftlicher Sprayer ist - und die Graffiti angeblich nach eigenem Geschmack machen durfte. Die Darsteller bringen Elemente aus ihrem Leben in ihre Rollen mit. Und umgekehrt wird aus der Fiktion Realität.
Falko Ochsenknecht ist ein junger Mann, der davon träumt, Schlagersänger zu werden. In der Serie spielt er Ole Peters, einen jungen Mann, der davon träumt, Schlagersänger zu werden. Ole gelingt das in der Serie mit einem Kirmesschlager namens "Ich bin kein Model und kein Superstar". Der Titel schaffte es in die Charts - und so ist der Traum auch für Felix wahr geworden.
Für die meisten Zuschauer ist Falko Ole. Sie wissen wohl, dass "Berlin - Tag & Nacht" keine Doku eines realen WG-Lebens ist, aber das scheint ihnen egal zu sein. Sie sind Fans von Ole, nicht von Falko.
Der Chefredakteur der "Bravo", Alex Gernandt, spricht von einem "relativ neuen Trend", den man auch bei anderen Serienhelden beobachte. Und so sprechen "Meike" und "Marcel" aus "Berlin - Tag & Nacht" mit der "Bravo" darüber, wie groß die Chancen ihrer (fiktiven) Liebe sind. Und natürlich hat Falko der aktuellen "Bravo" ein Interview als Ole gegeben, auch wenn er Kinderfotos mitgebracht hat und über seine Jugend spricht.
Die Verwechselbarkeit von Rolle und Ich ist zuweilen problematisch. Die Darstellerin der Jessica leidet bisweilen darunter, dass sie ein Star zum Anfassen ist - und deshalb von Fans auf der Straße gern angefasst wird. Die Darsteller und ihre Rollen sind den Zuschauern so nah, dass es keine Distanz gibt. Die Produktion beschäftigt eine eigene Psychologin, die den Laiendarstellern helfen soll, mit dem plötzlichen Ruhm (und womöglich naheliegenden Identitätsproblemen) umzugehen.
Für die Macher etablierter Daily Soaps wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" ("GZSZ") oder "Alles was zählt" ist "BTN" ein Problem. Ihre Produkte, einst auch als Laienspiel verschrien, sind im Vergleich teurer Hochglanz. Als einen "Tritt in den Hintern" bezeichnet GrundyUfa-Kreativchef Guido Reinhardt den plötzlichen Erfolg der neuen Konkurrenz und deutet Konsequenzen an. Es scheint darauf hinauszulaufen, "Alles was zählt" roher, ungeschliffener wirken zu lassen, während sich "GZSZ" eher in die umgekehrte Richtung entwickeln könnte: mit noch größerem Kontrast zu den Häppchen, die "BTN" anbietet.
Es spricht nichts dafür, dass der Druck auf die anderen Vorabendserien nachlässt, im Gegenteil: Filmpool und RTL II drehen in Köln schon ein zweites Ein-Stunden-Format mit dem Titel "Köln 50667". Andererseits ist offen, wie groß die Lebensdauer solcher Serien sein kann. Ungefähr dreimal so schnell wie eine normale Soap erzählt "BTN" seine Geschichten. Entsprechend groß ist der Bedarf an immer neuen Dingen, die den immer gleichen Personen passieren. Eine "BTN"-Figur hat einen Schicksalsschlag in kürzester Zeit verarbeitet, muss ihn dann nicht mehr als Ballast mit sich herumtragen und kann wieder fröhlich mit den anderen Party machen.
"Berlin - Tag & Nacht" gelingt das seltsame Kunststück, von seinen Zuschauern nicht viel Aufmerksamkeit zu verlangen, aber Treue zu bekommen. Die Geschichten sind so läppisch und die Erzählweise ist so redundant, dass sich ein konzentriertes Ansehen fast verbietet, aber die Fans sind extrem involviert.
Facebook spielt dabei eine wichtige Rolle. Fast rund um die Uhr können die Zuschauer hier das "Leben" ihrer Lieblings-WG-Bewohner verfolgen. Ein Online-Redakteur ist bei den Dreharbeiten dabei und dreht mit den Darstellern kurze Filmchen, in denen sie erzählen, wie es ihnen geht, worüber sie sich geärgert haben. Manchmal wird die Internetplattform auch bewusst in die Fernsehsendung eingebaut, wenn zu sehen ist, wie Ole einen Streit mit dem Handy filmt und sagt, dass der perfekt für Facebook sei, und der Film dann dort auch auftaucht. Es reicht aber auch ein harmlos-lustiges Partybildchen aus einer Szene, um Hunderte oder Tausende Fans zum Klicken oder Kommentieren zu bewegen.
Markus Piesch, der Online-Chef von RTL II, glaubt aus den Zahlen ablesen zu können, dass es "Berlin - Tag & Nacht" sogar gelungen sei, aus jungen Internetnutzern Fernsehzuschauer zu machen. Die Sendung kommt nach Senderangaben zwar auf bis zu eine Million Videoabrufe täglich auf rtl2now.de, aber die verschiedenen Medien kannibalisierten sich nicht.
Wie wertvoll eine konsequente Facebook-Strategie für ein Format sein kann, hat "Berlin - Tag & Nacht" bewiesen. Darüber hinaus gibt es Überlegungen, wie sich das monetarisieren ließe - beispielsweise durch Product-Placement. Im Fernsehen hat Ferrero in der Serie erfolgreich seine "Tic Tac"-Dragees untergebracht: WG-Mitglied Sofi lutschte sie viele Folgen lang. Ähnliche Werbeplatzierungen ließen sich der Industrie auch auf Facebook verkaufen.
Ein konkretes Konzept gibt es noch nicht, aber die Möglichkeiten werden von RTL II und seinem Vermarkter geprüft - und offenbar kontrovers diskutiert. "Die größte Gefahr wäre, die wahrgenommene Authentizität der Kommunikation auf Facebook zu gefährden", sagt Piesch.
Hanna hat auf Facebook gepostet: "Nur weil man nicht gut in der Schule ist, heißt das nicht gleich, dass man dumm ist." 22 485 Personen gefällt das.
Von Stefan Niggemeier

DER SPIEGEL 44/2012
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