24.06.1996

TerrorismusMännlich großkotzig

Ist die Antiimperialistische Zelle, von Innenminister Kanther zum gefährlichen Staatsfeind erklärt, bloß ein Zwei-Mann-Unternehmen?
Um mutmaßliche Terroristen zu fassen, ist dem Bundeskriminalamt (BKA) nichts zu teuer.
Monatelang quälten sich im vergangenen Jahr Observationstrupps von Polizei und Verfassungsschutz rund um die Uhr ab, einen roten VW-Passat und seine beiden Insassen zu verfolgen. Immer wieder verloren sie das Objekt ihrer Begierde aus den Augen.
Schließlich spickten BKA-Spezialisten das Auto mit hochmoderner Elektronik: Sie brachten am Wagen ein kleines Gerät an, das mit Hilfe von Satelliten ständig den genauen Standort des Fahrzeugs speichern und bei Bedarf melden kann. Das technische Wunderding, von amerikanischen GIs im Golfkrieg erprobt, kostete weit über 100 000 Mark.
Die Fahnder wähnten sich auf heißer Spur - dicht dran an den Rädelsführern der terroristischen Vereinigung Antiimperialistische Zelle (AIZ). Ein Trupp, der
nach Einschätzung des Hamburger Verfassungsschutzchefs Ernst Uhrlau "gefährlicher" sei als in früheren Zeiten die Rote-Armee-Fraktion (RAF).
Nach Erkenntnissen der Ermittler hatten AIZ-Aktivisten innerhalb von drei Jahren neun Anschläge auf Politiker und Gebäude verübt. Experten der Sicherheitsbehörden schätzten die AIZ auf mindestens "25 bis 50" Mann.
Im Februar dieses Jahres wurden zwei Männer schließlich gefaßt. Seither sitzen der Physikstudent Bernhard Falk, 28, und sein früherer Klassenkamerad Michael Steinau, 29, in Untersuchungshaft.
"Die AIZ", kommentierte Uhrlau nach der Festnahme, sei "unverändert brandgefährlich". Ein neuer Anschlag stehe schon bald bevor, da die Terroristen erfahrungsgemäß im Dreimonatsrhythmus zuschlügen. Das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz brachte eine 30 Seiten starke Broschüre über die AIZ in Umlauf. Und der Bundesinnenminister, Manfred Kanther, tönte noch vor einem Monat, die AIZ sei nach wie vor eine Bedrohung.
Doch seit Falk und Steinau einsitzen, hat der AIZ-Spuk aufgehört. Die intensive Suche nach Helfern und Hintermännern blieb bis heute erfolglos - es gibt wohl keine. Bei Karlsruher Bundesanwälten verdichtet sich die Ahnung, daß die AIZ bloß ein Zwei-Mann-Unternehmen war.
Selten haben sich die deutschen Sicherheitsexperten offenbar so verschätzt wie in diesem Fall. "Falk und Steinau", sagt ein hoher Staatsschützer, "waren Einzelkämpfer, allenfalls unterstützt von zwei Handlangern."
Die Bundesanwaltschaft bereitet derzeit die Anklageschrift gegen die beiden vor. Daß sie alle neun Taten auflistet, die die AIZ für sich selbst schriftlich reklamierte, ist höchst ungewiß - zu dünn scheint die Beweislage. Beide Inhaftierten haben bisher zu den Vorwürfen geschwiegen.
Erstmals hatte der Terrortrupp im April 1992, damals noch namen- und kürzellos, in einer schriftlichen Erklärung von sich reden gemacht. Das Statement galt als Replik auf die Ankündigung der Untergrundler von der RAF, sie würden vorerst "gezielt tödliche Aktionen" gegen Repräsentanten aus Staat und Wirtschaft unterlassen. Großspurig konterten die AIZ-Verfasser: "Der Kampf geht gemeinsam weiter."
Von da an galten die Antiimpis für viele, trotz eines prompten Dementis, als Ableger der Rote-Armee-Fraktion. Die Staatsschützer konzentrierten sich fortan auf die Verfolgung der neuen Gruppe.
Im selben Jahr verübte die AIZ ihr erstes Verbrechen. Das Rechtshaus der Universität Hamburg ging in Flammen auf. Seit diesem Brandanschlag, bilanzierten die Kölner Verfassungsschützer, sei "die Gruppe kontinuierlich gefährlicher und unberechenbarer geworden". Ende 1994 kündigte sie "gezielte Angriffe auf einzelne Funktionsträger" an - dort, "wo die BRD-Eliten ihre Arbeitsplätze bzw. ihre Wohnsitze haben".
Fahnder interpretierten dies als eine neue Dimension terroristischer Bedrohung. "Mit den ausgefeilten Operationen der RAF", analysierte später das Fachblatt Kriminalistik, seien solche Taten "nicht zu vergleichen". AIZler hätten "bewußt Ziele mit möglichst niedriger Risikoschwelle" ausgewählt.
Ihre "Tatbekenntnisse" (Polizeijargon), bis zu 24 Seiten stark und mit wirren Äußerungen durchsetzt, schienen von einem großen Redaktionskollektiv formuliert. "Schritt für Schritt", so ein Kripomann, "stellten wir uns im Kopf eine vielköpfige Bande vor."
Mitte Juni 1995 ließ die Bundesanwaltschaft Dutzende Wohnungen mutmaßlicher Linksextremisten durchsuchen, auch die von Falk in Mönchengladbach und die von Steinau nahe Hamburg. Beweismaterial wurde nicht entdeckt. Auf Falks Nachttisch stand lediglich ein Foto der RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof.
Fortan wurden Falk und Steinau, beide vorbestraft wegen Sachbeschädigung oder Landfriedensbruchs, observiert. Die Verfolgten entdeckten nicht nur rasch die Beschattung. Sie suchten und fanden auch Wanzen, die der Staatsschutz im Fahrzeug versteckt hatte. Der angehende Physiker Falk setzte dabei einen Scanner ein, der Peilsender entlarvt. Das elektronische Gerät jedoch, das dann auf ihre Spur führte, konnte mit einem Scanner nicht geortet werden.
Am frühen Morgen des 23. Dezember 1995 detonierte vor einem Düsseldorfer Bürogebäude, in dem auch der Honorarkonsul Perus residiert, eine mit Eisenkrampen gefüllte Bombe. Der VW-Passat, registrierte die Elektronik an Bord, habe "in der Tatnacht circa 2 Stunden vor der Explosion für die Dauer von circa 30 Minuten" zwei Kilometer "vom Tatort" entfernt gestanden, heißt es bei der Bundesanwaltschaft.
Wenig später wurde in Göttingen ein Bekennerbrief aufgegeben. Präzise hielt die Technik auch hier den Schnittpunkt von Längen- und Breitengrad fest, in dem sich der Wagen zu diesem Zeitpunkt befand.
Auf diese Weise ist für die Ermittler hinreichend belegt, daß Falk und Steinau am Düsseldorfer Anschlag beteiligt gewesen sein müssen. Daß sie später, Anfang Februar dieses Jahres, in der Nähe Berlins an zwei selbstgegrabenen Erddepots mit 3,5 Kilo Schwarzpulver beobachtet und zwei Wochen danach festgenommen werden konnten, erhärtet den Verdacht.
Während etliche deutsche Sicherheitsmanager aus Verfassungsschutz, Polizei und Justiz die AIZ zu Top-Terroristen hochschrieben, distanzierte sich die Unterstützerszene, sonst auf Solidarität bedacht, von der Gruppe. Der Vorwurf: Bei ihren Bombenattacken hätten auch zufällig vorbeikommende Passanten verletzt oder getötet werden können.
Die Düsseldorfer Stattzeitung TERZ kritisierte die Anschläge der AIZ als "politisch nicht vertretbar" und "völlig kontraproduktiv", die Kölner Autonomenpostille Agitare Bene wetterte: "Ihr baut Mist!"
Die Berliner junge Welt verspottete die Attentäter als "sinnsuchende Desperados mit niedrigem IQ" und "postmoderne Stadtindianer"; das Undergroundblatt Radikal kanzelte AIZ-Texte als "militärisch - männlich - großkotzig" ab.
Auch im Gefängnis bekamen Falk und Steinau zu spüren, daß sie völlig isoliert sind. Vom 19. April bis zum 7. Mai befanden sich beide wechselweise im Hungerstreik, um gegen ihre Inhaftierung zu protestieren.
Von der Aktion nahm im linken Spektrum kaum jemand Notiz.
* Am 26. Februar. Nach der Festnahme von Falk und Steinau suchte die Polizei in dem Wagen nach Sprengstoff.

DER SPIEGEL 26/1996
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