17.06.1996

Die Schönheit retten

Italiens Trainer Arrigo Sacchi über seinen Glauben an die Harmonie und den Respekt vor den Deutschen

Von Schümann, Helmut und Weinzierl, Alfred

SPIEGEL: Herr Sacchi, wenn Sie die deutsche Nationalmannschaft am Mittwoch nicht besiegen, müssen Sie mit Ihrem Team vermutlich schon wieder nach Hause fliegen. Fürchten Sie um Ihren Job?

Sacchi: Ich bleibe Optimist, obwohl die Deutschen beim 2:0 über die Tschechen 30 Minuten lang so gut gespielt haben, daß einem angst und bange werden kann. Vor allem was die Athletik und den Kampfgeist angeht.

SPIEGEL: Sie schwärmen von den deutschen Tugenden. Ihr ehemaliger Spieler, der Niederländer Ruud Gullit, lobte als TV-Kommentator dagegen die kluge und effiziente Taktik der Deutschen.

Sacchi: Noch problematischer war für uns, daß wir uns nicht, wie die Deutschen, nach dem Auftaktspiel eine Woche regenerieren konnten. Zudem hatten die Deutschen den Vorteil, vor ihrem Rußland-Spiel unser Ergebnis gegen die Tschechen zu kennen.

SPIEGEL: Das hört sich nach Ausreden an.

Sacchi: Natürlich stimmt auch: Das Umschalten von Abwehr auf Angriff und umgekehrt funktioniert bei den Deutschen auf einem sehr hohen Niveau, die Spieler arbeiten sehr gut zusammen.

SPIEGEL: Überrascht Sie diese neue Fähigkeit?

Sacchi: Nicht wirklich. Berti Vogts ist ein sehr gewissenhafter Mann.

SPIEGEL: Seine Profis stehen offenbar nicht mehr so hoch im Kurs. Von den deutschen Nationalspielern ist nur noch einer, Oliver Bierhoff, in Italien beschäftigt. Sind Bundesligaprofis nicht mehr gut genug für die Seria A?

Sacchi: Das glaube ich nicht. Die ökonomischen Verhältnisse haben sich ganz einfach geändert. Die Bundesligaklubs zahlen heute so gute Gagen, warum sollte ein Spieler also sein Land verlassen?

SPIEGEL: Wenn ein italienischer Klub einen Deutschen unbedingt haben will, dann bekommt er ihn auch.

Sacchi: Es gibt gute Spieler, denken Sie an Ziege, an Scholl, an Basler ...

SPIEGEL: ... alles passable Fußballer, aber keine Namen mit Klang, um die sich die großen Klubs Europas reißen.

Sacchi: Wenn Deutschland in zwei Wochen Europameister sein sollte, werden Spieler wie Ziege auch berühmt sein.

SPIEGEL: Vom Uefa-Pokal-Sieg des FC Bayern München abgesehen, haben die deutschen Klubs in den europäischen Wettbewerben seit Jahren kaum reüssiert.

Sacchi: Wenn die besten deutschen Spieler im Ausland spielen, ist es völlig logisch, daß die Klubs im europäischen Vergleich Schwierigkeiten bekommen. Jetzt sind die Spieler zurück - und schon gewinnt Bayern einen Titel.

SPIEGEL: Aber hinter den wohlhabenden Spitzenvereinen Bayern und Borussia Dortmund klafft eine riesige Lücke.

Sacchi: In fast allen Ländern gibt es zwei oder drei Klubs, die finanziell überlegen sind, deren Organisation besser strukturiert ist und die auch die besseren, erfahreneren Trainer haben. Das ist kein deutsches Phänomen, das ist in Frankreich, Spanien und Italien nicht anders.

SPIEGEL: Bundestrainer Berti Vogts beklagt mangelnde Innovationsfreude unter seinen Vereinskollegen.

Sacchi: Jeder Trainer tut das, was er beherrscht. Die klassische Manndeckung etwa gehört zu den historischen Grundwerten des deutschen Fußballs. Vielleicht kennen die Trainer diese Spielweise besser als andere Varianten. Vielleicht will es das Publikum auch so. Jedenfalls ist es ein erfolgreicher Fußball.

SPIEGEL: Dortmund erhielt in der Champions League im eigenen Westfalenstadion von Juventus Turin und Ajax Amsterdam Lehrstunden.

Sacchi: Aber die deutsche Nationalelf hat zur gleichen Zeit in Portugal, in Holland und gegen Dänemark gewonnen. Ich kann im deutschen Fußball keine Schwäche entdecken.

SPIEGEL: Spielt das Vogts-Team im Vergleich zu den Bundesligaklubs den moderneren Fußball?

Sacchi: Ich weiß nicht, ob das modern ist oder antik. Das ist subjektiv. Die deutsche Elf tritt als Einheit auf, das ist wichtig. Sie zählt für mich zu den Top-Favoriten dieser EM.

SPIEGEL: In Italien ist der Fall eher umgekehrt. Die Klubs sind europäische Spitze, die Nationalmannschaft konnte sich nur mit Mühe für das EM-Turnier qualifizieren. Wie ist diese Diskrepanz zu erklären?

Sacchi: Sehr einfach. Flüssigen, schönen Kombinationsfußball muß man üben und immer wieder üben. Als Klubtrainer kann ich im Jahr 300 bis 400 Trainingseinheiten nutzen. Als Nationaltrainer habe ich 30 oder 40. Das Gesicht einer Klubmannschaft kann man in vier, fünf Monaten ändern, bei einer Nationalelf braucht man dafür vier, fünf Jahre.

SPIEGEL: Sie sind im fünften Jahr italienischer Nationaltrainer ...

Sacchi: ... und wenn ich das Spiel gegen Rußland mit den beiden Toren durch Pierluigi Casiraghi betrachte, dann behaupte ich: Wir sind inzwischen auf einem höheren Niveau als ein Klub.

SPIEGEL: Das kann man ja wohl von einer Mannschaft, die sich aus den besten Profis eines Landes rekrutiert, auch erwarten.

Sacchi: Ich rede nicht von den individuellen Fähigkeiten der Spieler. Ich spreche von der mannschaftlichen Harmonie, eine Spielsituation gemeinsam vorwärtszubringen. Meine elf Spieler sollen wie ein Wesen, ein Organismus handeln. Diese Feinabstimmung ist bei einer Nationalelf ein langer Prozeß, wie das tröpfchenweise Füllen eines Kruges.

SPIEGEL: Warum haben Sie dann gegen die Russen Ihre Mannschaft ohne Not kurzfristig umgestellt?

Sacchi: Ich würde es wieder so machen. Wir haben nur versäumt, in der ersten Hälfte Pressing zu spielen. Später waren wir doch ganz nahe dran am Remis. Es gibt eben Tage, da verliert die Mannschaft mit dem größeren Potential.

SPIEGEL: Haben Sie die Schwierigkeit Ihrer Aufgabe unterschätzt?

Sacchi: Geniestreiche sind nicht beliebig reproduzierbar. Leonardo da Vinci hat auch nur eine Gioconda gemalt. Ich habe den Stil des italienischen Teams revolutioniert: Die Zeit des Catenaccio ist vorbei. Wir spielen jetzt offen, wir schauen dem Gegner in die Augen. Wir stehen nicht mit zehn Mann hinten, dreschen den Ball blind nach vorn und beten, daß es gut- geht.

SPIEGEL: Trotzdem sind Sie immer noch umstritten.

Sacchi: Schon immer gehörte die Nationalelf in Italien allen und niemandem. Mit den Klubs identifizieren sich die Leute, egal, ob die schön spielen oder nicht. Die Nationalelf darf jeder angreifen - das ist typisch für kulturell unterentwickelte Länder.

SPIEGEL: Ihr Vorgesetzter, Verbandspräsident Antonio Matarrese, der Ihren Vertrag großzügig verlängerte, bemäkelte Ihre ausufernde Experimentierlust.

Sacchi: Es stimmt. Ich habe in fünf Jahren 89 Spieler berufen. Das ist einmal der Beweis, daß der italienische Fußball lebendig ist. Aber vor allem war es eine Notwendigkeit, weil ich nicht die elf besten Spieler suche, sondern die beste Elf.

SPIEGEL: Statt das taktische System nach den Spielern auszurichten, suchen Sie Spieler, die in ein von Ihnen geschaffenes System passen?

Sacchi: Nehmen Sie Cruyff, nehmen Sie Maturana, Trapattoni oder auch Sacchi. All diese Trainer haben eine gewisse Vorstellung von gutem Fußball. Und diese bleibt immer gleich. Im Fußball braucht man nur wenige Ideen, aber die müssen sehr klar sein. Ich glaube an den totalen, den ganzheitlichen Fußball - einen, in dem die Grenzen zwischen Offensive und Defensive verschwimmen. Ich will einen Körper aus elf Personen schaffen.

SPIEGEL: Wo bleibt da die italienische Individualität?

Sacchi: Italiener haben traditionell mehr Sinn für Einzelsportarten, sie lieben den Egoismus mehr als den Teamgeist. Ich mußte also Spieler suchen, die in ihrer Persönlichkeit weiterentwickelt sind. Sie müssen die Reife haben, für das gesamte Wesen zu denken.

SPIEGEL: Andere Trainer suchen eine einzelne Führungspersönlichkeit als verlängerten Arm auf dem Rasen.

Sacchi: Ich brauche nicht einen verlängerten Arm, ich brauche elf. Eine große Mannschaft darf nicht abhängig sein von einem Star. Sie muß einer Idee folgen. Wenn dann ein Spieler ausfällt, bleibt trotzdem die Idee erhalten.

SPIEGEL: Wie kann Ihr ganzheitlicher Fußball mit Spielern funktionieren, die in ihren Klubs vergöttert werden?

Sacchi: Ich habe die berühmtesten Fußballer der Welt trainiert: Gullit, Rijkaard, van Basten, Baresi, Maldini, Baggio. Intelligente, gebildete und umsichtige Profis durchschauen, daß die Medien mit ihnen spielen. Sie können abgeklärt damit umgehen, ein Gegenstand zu sein. Egal, ob man sie hochlobt oder niedermacht.

SPIEGEL: In anderen Nationalteams scheint der Star wichtiger und mächtiger als der Coach zu sein. In Bulgarien, Kroatien und Dänemark, so wirkt es, haben die Nationaltrainer kaum etwas zu sagen.

Sacchi: Wenn ein Trainer keine eigenen Konzepte hat, dann wird er immer seinem Star sagen: okay, du machst das schon. Und damit ist er von seinem Spieler abhängig. Er ist nur ein Anhängsel der Mannschaft. Im Erfolg wie im Mißerfolg.

SPIEGEL: Deshalb ist der Star der italienischen Mannschaft der Visionär Sacchi?

Sacchi: Ich will kein Star sein, ich bin der Regisseur. Ich denke für meine Spieler, aber ich weiß, daß ich ohne sie nichts wert wäre.

SPIEGEL: Wo wollen Sie Ihre vollkommenen Profis hernehmen, wenn der Meister AC Mailand ab der kommenden Saison mit einem halben Dutzend oder mehr Ausländern antreten wird?

Sacchi: Die Welt des Fußball hat sich vom Bosman-Urteil überraschen lassen. In den vergangenen zehn Jahren ist die Kluft zwischen dem Fußball und dem wahren Leben immer größer geworden. Die Welt wurde liberaler, der Fußball blieb zurück. Andererseits wollen wir natürlich den Fußball als ein nationales Kulturgut schützen. Die Eigentümlichkeiten des holländischen, des deutschen, des italienischen Fußballs müssen bewahrt bleiben. Die Verbände müssen die Ausbildung der Jugendspieler sichern.

SPIEGEL: Was schwebt Ihnen da vor?

Sacchi: Die Klubs sollten dazu verpflichtet werden, eine bestimmte Zahl von Spielern aus der eigenen Jugend unter Vertrag zu nehmen. Wir müssen künftig weniger auf Menge als auf Qualität achten. Es gibt heute 300 Italiener in der Seria A. Wenn es nur noch 100 sind, die aber um so besser Fußball spielen können, sehe ich da kein Problem.

SPIEGEL: Führt der europaweite Austausch der Profis dazu, daß die Nationalmannschaften irgendwann hinter das Ansehen der Vereine zurückfallen?

Sacchi: Früher waren die Klubs der Nährboden, aus dem die Spieler für die Nationalelf ausgesucht wurden. Heute verfolgen die Vereine ihre eigenen Interessen - und sind den meisten Nationalmannschaften inzwischen spielerisch enteilt. Was haben wir denn 1994 in den USA gesehen? Das war taktisch uninteressant, das war nicht schön, das hat keinen Spaß gemacht. Drei Milliarden Fernsehzuschauer haben sich das antun müssen - da haben wir dem Fußball keinen guten Dienst erwiesen.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Sacchi: Die Verbände sollten zwei Monate im Jahr ausschließlich für die Natio-nalelf reservieren. Dann könnte man den besten Spielern auch das beste Spiel beibringen. Man wäre nicht nur auf die Füße angewiesen, sondern könnte die Schönheit des Spiels retten.

SPIEGEL: Welcher Klubpräsident läßt sein Kapital zwei Monate brachliegen?

Sacchi: Natürlich müssen die Verbände die Spieler genauso bezahlen, wie es die Vereine tun. Die Bürokraten müssen es umsetzen: Herr Havelange, Herr Blatter, Herr Johansson. Die Tore um drei Zentimeter höher oder breiter zu machen löst nicht die Probleme des Fußballs.

SPIEGEL: Profis, die in ihren Klubs die Terminhatz einer Saison hinter sich haben, werden kaum Lust verspüren, sich zwei weitere Monate für die Nationalelf im Training zu schinden.

Sacchi: Das glaube ich doch. Es gibt hochbezahlte italienische Spieler, die würden Geld mitbringen, um in der Nationalelf dabeizusein. Das ist ein großes Prestige, eine Ehre - nur Nationalspieler schreiben als Fußballer Geschichte.

SPIEGEL: Wird das auch so bleiben, wenn junge Spieler als Folge des Bosman-Urteils allerorten mit langfristigen Millionenverträgen satt gemacht werden?

Sacchi: Ich hoffe es. Man muß im Leben auch Ideale haben, sonst bleibt nur Geld. Ich bin Idealist. Und ich will, daß es die Spieler auch sind.

SPIEGEL: Sie sind ein Träumer.

Sacchi: Das hat man mir gesagt, bevor ich beim AC Milan begonnen habe. Und dann habe ich dort zweimal in Folge den Europapokal gewonnen. Ich liebe es zu träumen, Träume werden realisiert.

SPIEGEL: Herr Sacchi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Helmut Schümann und Alfred Weinzierl. REUTERS

DER SPIEGEL 25/1996
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