24.06.1996

UmweltPille im Brunnen

Arzneimittelrückstände belasten die Gewässer - neue Gefahr für Mensch und Tier?
Das südhessische Städtchen Wölfersheim war Schauplatz einer ungewöhnlichen Expedition: Männer mit Gummistiefeln kletterten ins Kanalnetz, nahmen Abwasserrohre in Augenschein und zogen Proben aus dem Schlick.
Auch die örtliche Kläranlage inspizierten die Forscher aufs gründlichste, schöpften hier und da ein wenig Naß aus den Zu- und Abflußkanälen der Wasserbecken und nahmen sogar ein Gläschen vom Wölfersheimer Trinkwasser mit. Hernach im Labor schütteten die Wissenschaftler ihre Ausbeute in hochmoderne Analysemaschinen; Rechner surrten, Meßsonden klickten - ein aufwendiges Prüfverfahren, Teil eines größeren Forschungsprojekts, begann.
Der Forscherfleiß gilt einem neuentdeckten Umweltproblem, dem Wasserwerkbetreiber und Politiker derzeit möglichst ohne viel Aufsehen nachspüren lassen: Rückstände von Arzneimitteln tröpfeln, vermutlich in der ganzen Republik, aus häuslichen Wasserhähnen - eine bislang weitgehend übersehene gesundheitliche Gefahrenquelle.
An die 20 verschiedene Arzneiwirkstoffe, von Kopfschmerz- über Anti-baby- bis zu Rheumamitteln, haben Wissenschaftler bei Wasseranalysen aufgespürt. Das Zeug rauscht durch Flüsse und Bäche, dümpelt in Klärteichen und verbirgt sich in Trinkwasserseen.
Die alarmierenden Befunde werden als Herrschaftswissen gehütet; allenfalls in Fachblättern sind Hinweise darauf versteckt. Einige Wasserversorger, wie die Berliner Wasserbetriebe, halten brisante Meßwerte gänzlich unter Verschluß. Über eine Zusammenkunft von Medizinern, Umweltschützern und Wasserexperten im Wiesbadener Wasserwerk am vorletzten Donnerstag wurde Stillschweigen vereinbart. Am selben Tag berieten die Teilnehmer der Umweltkonferenz in Lübeck zum gleichen Thema. Auch dort gab es, gegen alle Gewohnheit, keine öffentliche Erklärung.
Die ersten Spuren von Arzneimitteln im Trinkwasser hatten Berliner Forscher vor zwei Jahren nur durch Zufall entdeckt. Bei der Suche nach Pflanzenschutzmitteln mit Hilfe komplizierter Gaschromatographen war ihnen auf dem Monitor ein unerklärlicher Zeigerausschlag aufgefallen. Als Verursacher identifizierten die Wissenschaftler Clofibrinsäure, ein Abbauprodukt bestimmter Medikamente, die gegen erhöhte Cholesterinwerte im Blut verschrieben werden.
Inzwischen gilt der Stoff als im ganzen Land verbreitet. Das verwundert die Wissenschaftler nicht: Bis zu 21 Tonnen des Wirkstoffs werden Jahr für Jahr verschrieben (siehe Grafik).
Wie in Berlin, so fanden sich auch in Hamburg und Wiesbaden Reste der lipidsenkenden Chemikalie im Brunnenwasser, in Konzentrationen bis zu 270 Nanogramm (milliardstel Gramm) pro Liter. Das Mittel tauchte auch in einem Klärwerk der US-Stadt Kansas City auf, im Flußwasser der Donau und im italienischen Po.
In Bayern wiesen Forscher unterdessen den Wirkstoff Fenofibrat im Trinkwasser nach, einen der Clofibrinsäure verwandten Cholesterin-Senker. In Hessen entdeckten Chemiker des Wiesbadener ESWE-Instituts für Wasserforschung und Wassertechnologie Rückstände von Rheumamitteln und Beta-Blockern in Fließgewässern und Trinkwasserreservoirs, des weiteren Antibiotika und künstliche Östrogene aus Antibabypillen.
Nach einem bis- lang geheimgehaltenen Sachstandsbericht des Berliner Umweltbundesamtes (UBA) sind derlei Wasserverunreinigungen "auf Dauer nicht duldbar oder akzeptabel". Nicht nur beim Menschen, auch in der Tierwelt könnten die Medikamentenreste bislang nicht übersehbare "ökotoxikologische Wirkungen ausüben".
Da saugen Karpfen über ihre Kiemen unablässig Rheumamittel ein, Wasserflöhe werden mit Beta-Blockern betäubt. Die Kenntnisse "über das Abbauverhalten der Wirkstoffe" in der Umgebung, räumt das UBA unumwunden ein, seien derzeit noch "sehr gering bzw. in den meisten Fällen nicht vorhanden".
Über die Wirkung auf den Menschen herrscht ebenfalls Unklarheit. Zwar betonen Wissenschaftler wie der Würzburger Toxikologe Dietrich Henschler, daß die im Trinkwasser gemessenen Arzneimittelspuren jeweils weit unter den Wirkungsschwellen liegen, die für eine medizinische Therapie notwendig wären. Doch damit, meinen Kritiker, werde das Problem "nur schöngeredet".
Die Endokrinologin Petra Stahlschmidt-Allner vom Forschungsinstitut ECT ökotoxikologie im hessischen Flörsheim betrachtet den Vergleich mit medizinischen Dosen für Erwachsene als "völlig unverantwortlich". Bei den vorgefundenen Wasserverunreinigungen handle es sich nicht um zeitlich begrenzte Verabreichungen unter ärztlicher Kontrolle, sondern um Dauerberieselungen eines Grundnahrungsmittels.
Überdies seien nicht nur Erwachsene unter den Konsumenten, sondern auch Kinder, Schwangere und sogar Föten. "Während der Entwicklung im Mutterleib oder im frühkindlichen Stadium", so Stahlschmidt-Allner, "können Fremdstoffe ganz anders wirken als bei Erwachsenen."
Künstliche Hormone wie der Pillenwirkstoff Ethinylestradiol seien im Wasser selbst in kleinsten Mengen "ein Risiko für das Ökosystem", erklärt die Wissenschaftlerin, die soeben eine umfangreiche Forschungsarbeit zu dem Thema vorlegte. Auch die Clofibrinsäure steht im Verdacht, hormonähnliche endokrine Wirkungen auszulösen.
Nach neuesten Erkenntnissen unterscheiden sich die Hormonspiegel von Jungen und Mädchen nur durch einige Nanogramm. Könnten folglich auch geringste unfreiwillige Hormonaufnahmen Veränderungen hervorrufen?
Niemand weiß das im Moment. In der Tierwelt, etwa bei Reptilien, Vögeln und Meerestieren, beobachten die Forscher seit einiger Zeit Störungen bei der Fortpflanzung; bei manchen Gattungen verschwimmen schon die Grenzen zwischen den Geschlechtern.
In der Nähe von Kläranlagen fanden britische Forscher Forellen- und Karpfenmännchen, deren Geschlechtsorgane sich verändert hatten. Im Raum Berlin entdeckten Wissenschaftler, daß 70 Prozent der Havelfische mittlerweile weiblich sind, auch hier stehen hormonwirksame Substanzen aus den Klärwerkabflüssen als Verursacher im Verdacht.
Die Reise der Arzneimittelrückstände ins Grund- und Trinkwasser beginnt zumeist in der häuslichen Toilette. Zwar spielen auch Abwässer aus Schweinemastbetrieben oder Fischzüchtereien eine Rolle, wo oftmals völlig unkontrolliert kiloweise Hormonpräparate und Antibiotika verfüttert werden. Auch werden in manchen Haushalten ganze Tablettenröllchen ins Klo befördert. Im Abwasser von Kliniken fanden sich Rückstände von Röntgenkontrastmitteln.
Das Gros der Verunreinigungen aber, da sind sich die Experten sicher, wird durch die medizinische Therapie verursacht. Was Menschen an Pillen und Pülverchen zu sich nehmen, scheiden sie zum größten Teil auch wieder aus. So wandert mit dem Kot teils die Originalrezeptur ins Abwasser, teils haben sich in Reaktion mit dem menschlichen Organismus neue Verbindungen gebildet.
Millionenfach verdünnt landet das Zeug letztlich im Trinkwasser. Denn mangels Quellwasser wird das lebensnotwendige Naß häufig mit Uferfiltrat aus den Flüssen verschnitten; andernorts werden die knappen Grundwasservorkommen künstlich durch Berieselung mit Flußwasser vermehrt.
Manche Wirkstoffe, etwa die im Aspirin enthaltene Acetylsalicylsäure, werden mit den Klärdurchläufen des Wassers fast vollständig abgebaut. Andere hingegen, wie die Clofibrinsäure, rauschen nach den Beobachtungen der Forscher beinahe ungebremst durch die Klärung - in den normalen Reinigungsstufen der Wasserwerke werden sie nicht herausgewaschen.
Das ist nach derzeitiger Gesetzeslage auch nicht erforderlich. Während etwa für Spuren von Pflanzenschutzmitteln klare gesetzliche Grenzwerte gelten, gibt es für die Arzneimittelrückstände keinerlei rechtliche Regelung.
Zwar wird in der Europäischen Union seit längerem über den Vorschlag beraten, in das Zulassungsverfahren für neue Medikamente eine Art Umweltprüfung einzubauen, doch die Eurokraten kommen nicht voran. Auch in Deutschland handeln die Politiker nur zögernd. Vorletzten Donnerstag beschlossen die Umweltminister immerhin, eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe mit der Prüfung des Problems zu betrauen.
Da wirkt die Gesundheitsreform womöglich schneller: "Wenn die Ärzte weniger verschreiben", sinniert der Wiesbadener Wasserchemiker Thomas Ternes, "kommt bei uns auch weniger an."
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Verordnete Medikamente in Deutschland 1993
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DER SPIEGEL 26/1996
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