Mittwoch, 10. Februar 2010

DER SPIEGEL


24.06.1996

Film

Wie du mir

Von Jenny, Urs

"Sommer". Spielfilm von Eric Rohmer. Frankreich 1996.

Gibt es nichts Wichtigeres auf dieser Welt? Und keinen aufregenderen Helden? Nein, nicht für diese zwei Stunden Kino. Gaspard ist ein Junge von der blassen, dünnen, hochaufgeschossenen und wuschelköpfigen Sorte; nett, aber nicht viel an ihm dran. Er studiert Mathematik und muß demnächst einen Ferienjob in einem Ingenieurbüro antreten, doch in den drei Sommerwochen, die er allein im freundlichen Dinard in der Bretagne verbringt, zupft er lieber auf seiner Gitarre herum und bastelt an einem Liedchen, irgendwo irgendwie zwischen Folklore und Rock, zaghaft, sehr zaghaft wie alles, was er angeht. Gaspard ist - kein Mädchen könnte so blind sein, das nicht zu spüren - der Typ, der immer am Rand des Lebens herumsitzt und zuguckt und sich nicht traut.

Drei Mädchen nacheinander treten auf, wie in den drei Akten einer Komödie, gehen auf ihn zu und verwirren ihn, jede für sich, so weit, daß er jeder von ihnen dasselbe Liedchen widmet, das er eben komponiert hat, und jede für sich zu einem Ausflug auf die Insel Ouessant vor dem westlichsten Zipfel der Bretagne einlädt - dann aber wächst die Sache ihm über den Kopf, und falls es aufs Siegen ankäme, müßte man sagen, daß dieser sanfte Tölpel alles verpatzt.

Keine der drei sehr verschiedenen Bezauberinnen nämlich kommt im simultanen Gang dieses dreifachen Sommerflirts dem Zauderer Gaspard über ein bißchen Küssen hinaus nah, mit keiner bricht er nach Ouessant auf, und allein, wie er im ersten Bild des Films mit der Fähre von Saint Malo in Dinard ankam, fährt er im letzten dorthin zurück. Da es in diesem ganzen erheiternd-erhellenden Quiproquo von Avancen und Rückziehern, Ausweichmanövern, Notlügen und Komplimenten (wobei nur zu oft das eine zugleich das andere sein kann) niemals um Gefühle geht, die über den Saisonschluß hinaus Gewicht und Bedeutung behalten sollen, kann man nicht sagen, daß Gaspard eine Lebenschance versäume: Insofern er der exemplarisch Wankelmütige ist, bleibt er sich treu wie Hans im Glück.

Es gibt da weiter nichts zu kapieren, nur zuzuschauen und zuzuhören, wie Rohmer seine jungen Leute dahinspazieren und seine Kamera mitspazieren läßt, in leichter, manchmal fast schwebender, schwingender Bewegung, am liebsten bei Ebbe über die weiten Sandstrände unter dem diesig blassen Himmel am Ärmelkanal.

Keine Kinomusik, keine extremen Großaufnahmen, keine Totalen und kein Schnitt-Gehacke; nichts größer erscheinen lassen, als es tatsächlich ist; ein präzis durchformuliertes Drehbuch, doch bei den Darstellern eine Art von entspannter Natürlichkeit, die den Charme des Improvisierten wahrt: Das ist Rohmers unnachahmlicher "Königsweg der Einfachheit", seine filmische Weisheit.

Ein Flirt ist ein Flirt ist ein Flirt. Sollte der verehrte filmende Philosoph, da er kürzlich 76 Jahre alt geworden ist, sich nicht allmählich für etwas erwachsenere Personen und Angelegenheiten interessieren? Andererseits: warum sollte er? Ihn interessieren Menschen erst, wenn sie befreit vom Alltagsstreß Zeit haben, sich für ihre Gefühle zu interessieren, deshalb ist er seit je der Sommerferien-Filmer par excellence. Seine ewig jugendlichen, ewig unfertigen Figuren sind ihm unentbehrlich, weil ihnen eine besondere Art von Transparenz eigen ist, und das macht sie zu Exempel-Figuren. Sie zei-gen Leben in der Möglichkeitsform. Daher kommt es vielleicht, daß Rohmers kleine Filme ein eigentümliches Nachleuchten haben: In der Erinnerung werden sie größer und größer.

Urs Jenny

* Melvil Poupaud und Amanda Langlet.


DER SPIEGEL 26/1996
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