24.06.1996

PhilosophieNachsommer des Denkens

Philosophie floriert wieder - jenseits der Universitäten allerdings. Eine Flut von unakademischen Sinn-Angeboten und Moralfibeln im Plauderton rehabilitiert das Fach anders, als es seinen Amtsträgern lieb ist: mit Unterhaltung und geistiger Lebenshilfe. Aber auch Ideen im Ausverkauf haben ihr Gutes: Sie immunisieren gegen Ideologien.
Weiße Stühle stehen im Grünen, vom Wiesenrand klingt das Plätschern der Pegnitz herüber. Unter den Eichen ist ein Buffet aufgetischt, und in der romantisch verkommenen Villa nebenan, dem eigentlichen Treffpunkt, wartet schon geistige Nahrung: große Denker, Buch an Buch, griffbereit für alle Diskussionsfälle.
"Zuerst sprechen wir natürlich über Epikur", sagt Reinhard Knodt lächelnd. Die Lehren des alten Griechen, der Weisheit mit Lebensfreude und Gartenlust verband, liefern einen idealen Einstieg für die philosophischen Lesekreise, die Knodt, 45, in seinem Refugium unweit von Nürnberg abhält. Wenn der Herbst kommt, will der hagere Gentleman mit ein paar Eifrigen noch zum "Philosophischen Nachsommer" für eine Woche an den Gardasee ziehen.
"Man verdient nicht wie ein Professor", gibt Knodt zu. Leben kann der Schreib-Profi, der als Künstler sozialversichert ist, durch Rundfunkarbeiten. Aber er schätzt die "leichte, spritzige Atmosphäre" seiner Gesprächskreise, schon weil er dort ab und an sein Lieblingsthema behandeln kann: "Ästhetisches Denken im technischen Raum". Schon einiges hat er darüber geschrieben. Es brachte ihn nicht auf einen Uni-Lehrstuhl, sondern auf den Gartenstuhl. Sein Ausstieg hat ihn nie gereut, auch wenn er den Kursteilnehmern - vom Ex-Studenten bis zum mittelschweren Manager - weder Referate aufbrummen noch Noten geben kann. Knodts Seminare bieten schließlich kein Pflichtprogramm, sondern behagliches Freizeitvergnügen, eine Dienstleistung am Geist, wie sie fürs gegenwärtige Dasein des Denkerstands typisch ist: Nach Jahren der Belanglosigkeit ist Philosophie wieder Wachstumsbranche geworden - nur abseits vom geregelten Markt der Universitäten.
Paradebeispiel des Trends ist noch immer der Überraschungsbestseller "Sofies Welt", in dem Jostein Gaarder, ein norwegischer Lehrer, seine simple Version der Philosophiegeschichte mit einer Kinderbuch-Story umkleidet hat. Der Wälzer in Briefform, allein auf deutsch bislang über 1,7millionenmal verkauft, auf Kassette erhältlich und bald auch als Musical zu erleben, bewies allen Skeptikern, daß Denkstoff wieder gefragt ist.
Für die Dosierung in jeder Gestalt haben die Verlage inzwischen gesorgt. Vom Anfänger-Comic oder einem bunten Schnellkurs "Erkenne Dich selbst - Abenteuer Philosophie" über Spruchsammlungen für zahlenmüde Manager ("Mit Platon zum Profit", "Dialoge mit Sokrates", bald auch "Nietzsche für Gestreßte") bis zum dreibändigen Nachdruck einer populären Geschichte des griechischen Denkens gibt es Weisheit zum Auflöffeln in jeder Packungsgröße.
Der einst als Genie gehandelte Hegelianer Vittorio Hösle aus Essen bringt Anfang September sogar frei nach Gaarder einen "philosophischen Briefwechsel für Kinder und Erwachsene" heraus. Darin lernt eine Zwölfjährige das "Café der toten Philosophen" kennen und sagt verdächtig altklug ihre Meinung ("Wie auch Maimonides und Alfarabi kann ich zunächst nicht viel gegen das Argument von Lull zur Trinität einwenden").
Ausgerechnet der Talkshowstar des Fachs, der Ursprungs-Träumer Peter Sloterdijk aus Karlsruhe, verantwortet eine Buchreihe, die philosophische Klassiker in Appetithappen anbietet. Doch selbst dieser überraschende Rückgriff auf die Tradition mit dem Anreger-Motto "Philosophie jetzt!" wirkt relativ behäbig: Neben Sloterdijks Readern steht im Buchladen oft ein Heftchen des Briten Paul Strathern, das denselben Denker in Turboversion vorstellt - ob Kant oder Kierkegaard, "90 Minuten" müssen genügen.
Gemütlicher geht es da am philosophischen Stammtisch zu. Entstanden sind die Café-Treffs mit Denkanleitung in Frankreich; allein Paris hat ein knappes Dutzend der geselligen Runden zu bieten. Aber auch in München, wie in manch anderer deutschen Großstadt, grübeln "Die Philosophen e.V.", die sich als "Bürgerinitiative" verstehen, bedeutenden Lebensfragen nach.
Unter den Diskutanten sind weniger abstrakte Seinsformeln gefragt als moralische Probleme, die jeder konkret nachvollziehen kann. Tugend-Traktate, schon vor den Bucherfolgen des Fernseh-Moralonkels Ulrich Wickert ein Boom, liefern die Stichworte. Über Prinzipienfragen wie Abtreibung, Gentechnik oder Umweltschutz glaubt jeder mitreden zu können. Der nette Denk-Schwatz beim Kaffee bestärkt ihn zudem im Wohlgefühl, ein Stück Mündigkeit, Engagement und Bildung zurückgewonnen zu haben.
Organisiert werden die Kreise häufig von studierten Philosophen, die der unsicheren Uni-Karriere den Rücken gekehrt haben. Statt in philosophischen Privatpraxen, der Ausweichbranche der achtziger Jahre, betätigen sich viele inzwischen bei Galerien, Museen oder anderswo als "pflegeleichtes Allzweckgerät" (Knodt) des Kulturbetriebs. An die Stelle der sokratischen Überzeugung, Philosophie sei Einübung ins Sterben, tritt dabei meist ein gefälligeres Verständnis des Denkens: als eines subtilen Lustgewinns - im Stil französischer Boulevard-Denker wie Michel Serres oder auch Michel Onfray, der mit geistigen Leibesübungen unter den Titeln "Der sinnliche Philosoph - Über die Kunst des Genießens" oder "Philosophie der Ekstase" zum Star geworden ist.
So hat der Rostocker Assistent Dieter Thomä kürzlich ein Lesebuch zu "Lebenskunst und Lebenslust" herausgebracht, wo von Casanova bis Berti Vogts jeder sein Scherflein Weisheit abgibt. Einen Fernsehfilm über "Die Kunst, lustvoll zu leben" schob der alerte Jungdenker gleich nach. Ältere Semester bedienen das wiedererwachte Andachtsbedürfnis mit Meditationen über die Dämmerung, über "Die Dichter und die Ahnung" oder die "Form des Glücks".
Am Wettbewerb der Katheder-Denker um Losungswörter zur Weltverfassung mag sich dagegen kaum noch jemand beteiligen. Wenn der Karlsruher Ordinarius Hans Lenk, ehemals Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland, sich um "Konkrete Humanität" bekümmert, sein Tübinger Kollege Otfried Höffe streng "Moral als Preis der Moderne" einfordert oder der Konstanzer Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß allen Ernstes "strukturelle Geselligkeit" von den Geisteswissenschaften verlangt, klingt das Jüngeren in der Zunft wie müde Oldies aus dem Elfenbeinturm.
Ihnen ist klar, daß scheinbar originelle Zentren für "Gerechtigkeitsforschung", für Ethik oder "Kinderphilosophie", wie sie in den vergangenen Jahren überall entstanden sind, vielfach Modegags und akademische ABM-Unternehmen sind, deren philosophischer Ertrag sich nahe Null bewegt. Und sie wissen auch, daß schon jetzt nicht nur auf Papier mehr Weisheiten und Wahnworte gespeichert sind, als ein Mensch je aufnehmen könnte, sondern ebenso an den unzähligen Philosophie-Haltepunkten im Internet.
Da tummeln sich die australische Kierkegaard-Gesellschaft und die renommierte Voltaire Foundation aus Oxford. Nebenan propagieren die Dschainas, Angeh"rige einer indischen Religion, ihr Weltbild, einen Mausklick weiter meldet sich eine Gruppe, die "Postmodern Jewish Philosophy" betreibt. Niemand könnte der grenzenlosen, anarchischen Vielfalt, die allenfalls durch die Standardsprache Englisch normiert wird, annähernd gerecht werden.
Dabei bilden die Netze nur elektronisch ab, was sich auch real zum gigantischen Flohmarkt der Theorien ausgewachsen hat. Ob bemühte Zweibänder über "Philosophinnen" oder ein Selbsterfahrungsopus "aus weiblicher Sicht" ("Gleichzeitig sah ich mich als Reh von außen und fühlte mich als Reh von innen") - allein von Frauen gibt es allerlei. Andere ergründen das "Geheimnis der Vorhandenheit und des Existierens" lieber bei kultischen Hölderlin-Happenings im "Kloster für moderne Kunst und Philosophie", das der pensionierte Mathematiker Fritz Schranz seit Jahren im bayerischen Tacherting unterhält.
"Es gibt schon die Gefahr, daß das Niveau verkommt", sagt Reinhard Knodt selbstkritisch. "Man redet über Romane oder Gedichte, macht Entertainment, Urlaub mit Sozialberatung oder esoterische Sterbehilfe - das ist ja alles nicht Philosophie." Professoren, die stolz sind, daß sie gerade "die neueste Verantwortungs-Version entworfen haben", ließen hingegen den einzelnen mit seinen Problemen im Stich. Ein unlösbares Dilemma?
Universitätsdenker mißachteten schon lange "die einfachen, großen Fragen", meint ein erfahrener Veteran des Faches, der Tübinger Gadamer-Schüler Walter Schulz, im SPIEGEL-Gespräch. Er plädiert für Besinnung innerhalb der Zunft - und gelassene Neugier aller im Umgang mit dem riesigen Ideenangebot.
"Daß die Seminarphilosophie, wo sie jetzt unter Druck steht, einfach alles Innovative rauswirft, ist ganz verkehrt", pflichtet Reinhard Knodt bei. Als "Bestandswahrer" und Testinstitut für den großen Rohstoffmarkt der Sinnsuche bleibe ihr eine wichtige Aufgabe erhalten. Mündige Menschen würden schließlich ohnehin "von Philosophen nicht geleitet, sondern höchstens begleitet".
Interesse zeigen und weiterfragen bleibt also wohl alles, was Philosophen raten können. Daß der Spaß jedenfalls nicht zu kurz kommen muß, bewies kürzlich Lutz Geldsetzer aus Düsseldorf. In einem kleinen, klugen Buch hat der Professor als erster seines Gewerbes "Die Philosophenwelt/ In Versen vorgestellt", Reim um Reim und Denker für Denker. Am Ende des keineswegs politisch korrekten Poems fordert der dichtende Pädagoge zur Kritik auf: "Schluckt's runter, wenn es euch belästigt,/ auch dadurch sich das Urteil festigt!"

DER SPIEGEL 26/1996
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