05.11.2012

JUSTIZEin unmöglicher Prozess

Nicht nur der Soldat Robert Bales steht jetzt vor Gericht. Sein Verteidiger will einen Krieg anklagen, der aus Menschen Mörder macht. Mohammed Wazir, der sechs Kinder verlor, möchte den Täter hängen sehen.
Die 33 Perlen einer Gebetskette gleiten durch seine Finger, 33-mal Allahu akbar, Gott ist groß.
"Mein Name ist Mohammed Wazir. Ich weine nicht. Ich habe zehn Finger an meinen Händen. So war mein Schmerz an diesem Tag: als würde man mir alle zehn Finger abschneiden. Ich hatte sieben Kinder. Ein Sohn ist mir geblieben. Es macht die Toten nicht lebendig, wenn ich weine."
Grundlos lächelt er. Auf seiner Hand eine Tätowierung, zwei gekreuzte Säbel.
"Man fragt Allah nicht: ,Warum hast du das getan?' Ich muss duldsam sein. Dann wird der Prophet mich dafür belohnen im Paradies."
Mohammed Wazir, 35, den Turban nach Art der Paschtunen gebunden, sitzt im Garten einer Herberge in Kabul und beantwortet Fragen. Man sucht nach Spuren der Verzweiflung in seinem Gesicht. Man sucht die Trauer in seinen klaren, dunklen Augen, findet sie nicht. Drei Männer begleiten ihn, quittieren mit nickendem Kopf seine langsamen Sätze. Sie alle wollen morgen mit dem Flugzeug nach Mekka aufbrechen, zur großen Pilgerfahrt, der Hadsch, Pflicht für jeden Muslim.
In der Nacht auf den 11. März 2012, einen Sonntag, geht um etwa 2.30 Uhr ein Mann durch die Dunkelheit auf das Haus zu, in dem Wazir mit seiner Familie lebt. Das Haus steht in einem Dorf namens Najiban, Provinz Kandahar, Afghanistan, ewiger Krieg. Laut Anklage heißt der Mann Robert Bales, er ist Angehöriger der U. S. Army im Rang eines Staff Sergeant, 3. Stryker-Brigade, 2. Infanteriedivision, 39 Jahre alt. Im Haus schlafen sechs von Wazirs Kindern, seine Frau, seine Mutter, sein Bruder, dessen Gattin und ein Neffe. Wazir ist nicht da. Er hat seinen jüngsten Sohn mitgenommen, um Verwandte zu besuchen.
"Warum hat der Mörder nicht auf mich gewartet? Warum tötete er meine Kinder und hat nicht auf mich gewartet?"
Was in seinem Gehöft und in zwei weiteren Häusern in den Dörfern Najiban und Alkozai am 11. März 2012 geschieht, weiß bald darauf die ganze Welt. Die Tat erhält einen Namen mit einem dunklen Klang, das Massaker von Kandahar, und gilt schon heute als das vielleicht gravierendste Kriegsverbrechen des jüngsten Afghanistan-Konflikts. Es gab Haditha im Irak, es gab My Lai in Vietnam. Und es gibt die 16 Toten in den Dörfern um das US-Camp Belambay, Distrikt Panjwai, Provinz Kandahar. Ghamgina Wraz, trauriger Tag, so nennen die Angehörigen der Opfer diesen 11. März, in afghanischer Zeitrechnung der 21. Tag im zwölften Monat des Jahres 1390 nach dem Auszug des Propheten.
"Erst mal sehen, wie viel sie beweisen können", sagt Anwalt John Henry Browne. Ein stilisierter Stacheldraht umkreist seinen Arm, ein Tattoo.
Browne, 66, Löwenmähne, Hippie-Vergangenheit, sechsmal geschieden, gilt als Rockstar unter Amerikas Juristen, er hat ein Leben lang Vergewaltiger und Mörder vertreten, es waren Fälle, die Kameras und Mikrofone anlocken. Außerdem mag er Motorräder und spielte einst in einer Band, die im Vorprogramm der Doors auftrat. Einen Namen machte er sich schon in den siebziger Jahren als einer der Anwälte des Serienkillers Ted Bundy.
Was ihn treibt, beschreibt Browne so: "Mich zieht juristisch das Unmögliche an."
Er faltet seine zwei Meter in einen Mietwagen, weißer SUV, und lässt sich zum Gefängnis in Fort Leavenworth fahren, ein Termin mit seinem Mandanten. Auf dem Schoß hält er einen Laptop, er scrollt durch ein Dokument mit 5000 Seiten, die Ergebnisse der militärischen Ermittlungsbehörden im Fall U. S. Army gegen Robert Bales. 34 Verstöße gegen das amerikanische Wehrstrafrecht sind aufgeführt, darunter 16 Morde, 6 versuchte Morde, mehrere Fälle von Leichenverbrennung sowie Missbrauch von Alkohol und einem Anabolikum namens Stanozolol.
Brownes Strategie vor Gericht ist seit Jahrzehnten die gleiche, und er wandte sie auch im vergangenen Jahr an, als er für den als "Barfuß-Banditen" berühmt gewordenen Flugzeugdieb Colton Harris-Moore eine milde Strafe erwirkte: Er lenkt den Blick weg von der Tat hin zu den widrigen Lebensumständen des Angeklagten. Kaum hatte er das Mandat für Staff Sergeant Bales übernommen, erzählte er Reportern von dessen zerstörerischen Kriegserfahrungen, von seinen drei Einsätzen im Irak, von einer im Dienst erlittenen Gehirnerschütterung, von Symptomen eines posttraumatischen Syndroms. Er sagte der "Seattle Times", Soldaten wie Bales seien "gebrochen, und wir haben sie gebrochen". Er sagte der "New York Times": "Nicht die Kreatur ist das Monster, sondern Dr. Frankenstein, der sie erschaffen hat." Er sagte der NBC: "Hier steht der Krieg vor Gericht." Man wird solche Sätze bald wieder hören von ihm, wenn jetzt, am 5. November, in Seattle und Kandahar die Anhörung in einem Fall beginnt, den Browne als den wichtigsten seiner Karriere versteht.
Die Garnisonsstadt Fort Leavenworth, einst ein Symbol für die militärische Stärke Amerikas, wird heute vor allem gemeinsam mit Namen genannt, die Schande über die Armee und die USA gebracht haben. Charles Graner, einer der Folterer von Abu Ghureib, saß hier seine Strafe ab. Bradley Manning, mutmaßlicher Landesverräter und Urheber der WikiLeaks-Datensätze, war lange hier untergebracht. Hinter einem Hügel liegt die Anstalt, flach in die Ebene geduckt. Auf den Betonmauern glitzert der Nato-Draht in der heißen Sonne von Kansas. Irgendwo da drin sitzt auch Robert Bales, den sie im Internet "Kandahar-Killer" nennen, den seine Gattin Kari "den besten aller Ehemänner" nennt.
Einmal, als Kari mit den beiden Kindern Quincy, 5, und Bobby, 2, zu Besuch war in Fort Leavenworth, da hat sie mit ihrem Mann gefeiert, dass der kleine Bobby das erste Mal aufs Töpfchen ging.
An den zwei jüngsten Leichen in Najiban, jenen von Nabia, 4, und Palwasha, 1, konnten Zeugen keine Schusswunden erkennen, der Täter hat sie vermutlich bei lebendigem Leib verbrannt, oder sie erstickten, als er seine Opfer auf einen Haufen schichtete, mit Decken bewarf, alles in Brand steckte.
Als Wazir seine toten Kinder beschreibt, zählt er sie von den Fingern ab.
"Esmatullah war mein ältester Sohn. Er war etwa 15. Er ging in die Koranschule in der Moschee. Er konnte lesen und schreiben. Wir hatten Hochzeitspläne für ihn. Faizullah war etwa 11. Er fuhr gern Fahrrad. Er brachte uns Tee auf die Felder. Masooma war 9. Ihr Name bedeutet ,Unschuld'. Sie bastelte kleine Puppen und nähte ihnen Gesichter. Farida war 7. Sie half ihrer Mutter. Nabia war vielleicht 4. Palwasha war noch ganz klein."
Was ist Gerechtigkeit, John Henry Browne?
"Gleichheit vor dem Gesetz. Darum verteidige ich jene, die am Rande stehen, die Unverteidigbaren. Solche wie Bales. Wenn der Staat sie fallenlässt, sie willkürlich zum Tod verurteilt, ist unsere gesamte Verfassung nichts wert."
Was ist Gerechtigkeit, Mohammed Wazir?
"Wir wollen diesen Mann hängen sehen. Ich werde seinen Namen nicht aussprechen, ich möchte meinen Mund nicht beschmutzen. Ich selbst möchte ihn erhängen. Ich werde zum Mahkama nach Amerika gehen, zum großen Gericht, um ihn hängen zu sehen. Dann wird mein Herz ruhig sein." Seine Begleiter nicken träge.
Mahkama, Paschtu für "Gerichtsversammlung": So nennt Mohammed Wazir das Podium, vor das er treten will.
Article 32 Hearing: So nennen John Henry Browne und die amerikanische Militärjustiz die Anhörung, die am 5. November beginnen wird und bei der überhaupt erst entschieden wird, ob und zu welcher Art von Strafverfahren es kommen wird in der Zukunft. Sie wird gleichzeitig in Tacoma bei Seattle und in Kandahar stattfinden, die Anklage wird ihre Erkenntnisse präsentieren, Zeugenaussagen von Überlebenden werden live in den Verhandlungssaal an der US-Westküste gesendet. Staff Sergeant Robert Bales wird zugegen sein. Am Ende wird der Vorsitzende entscheiden, ob die Ermittler genügend belastendes Material gesammelt haben, um das oberste US-Militärgericht einzuberufen, General Court-Martial genannt, und er wird auch entscheiden, ob es zu einem Prozess mit dem Antrag auf Todesstrafe kommen wird, wie es die Anklage zweifellos fordern wird. Bis zu einem Urteil kann es Jahre dauern.
Mohammed Wazir räuspert sich, speit Kautabak zu Boden.
"Das Gericht in Amerika", so erklärt er nun, "wird den Mörder schuldig sprechen." Anschließend werde man ihn, Wazir, und die anderen Angehörigen der Opfer fragen, wie der Täter bestraft werden soll. Erschießen, sagt Wazir, sei nicht qualvoll genug. Als wäre nicht längst klar, was er sich wünscht, verdeutlicht Mohammed Wazir mit Gesten seinen Wunsch nach Gerechtigkeit, er legt sich eine unsichtbare Schlinge um den Hals, zieht sie zu.
John Henry Browne halbiert im Frühstücksraum des "Q Hotel + Spa" nahe Fort Leavenworth einen Bagel. Das Treffen mit seinem Mandanten sei gut verlaufen, sagt er, Bales sei bei guter Moral, vermisse aber seine Familie. Während er kaut, resümiert Browne die Beweislage. "Es gibt keine Fingerabdrücke. Es gibt keine Blutproben. Es gibt keinerlei forensische Daten. Es gibt kein Geständnis." Und sein Mandant habe keinerlei Erinnerung an die Tatnacht.
Die Toten wurden, wie es Brauch ist unter Muslimen, so rasch wie möglich beigesetzt, es gab keine Obduktionen, es wurden keine Projektile sichergestellt. Die amerikanischen Ermittler erhielten aus Sicherheitsgründen erst mehrere Tage nach der Mordnacht Zugang zu den Tatorten, als alle Spuren längst verwischt waren. Aus Sicht von Browne ist bis heute nicht erwiesen, wie viele Menschen gestorben sind, die Identitäten seien unklar, er habe keine Totenscheine gesehen. Für John Henry Browne existiert nur, was bewiesen werden kann. Für John Henry Browne sind die Toten von Najiban und Alkozai nicht mehr als Gerüchte.
Mohammed Wazir zählt Perlen ab mit seinen Fingern, 33-mal al-hamdu lillah, Gott sei gelobt. Die Amerikaner hätten ihn gefragt, ob man die Leichen seiner Familie exhumieren dürfe, für Untersuchungen. Er sagt: "Niemals würden wir zulassen, dass unsere Märtyrer geschändet werden. Ich habe sie gesehen. Sie sind tot. Der Mörder ist im Gefängnis. Was wollen diese Leute noch beweisen?"
Er bezweifle, sagt Anwalt Browne in Fort Leavenworth, dass es Zeugen gebe, die seinen Mandanten identifizieren können, "es war ja stockdunkle Nacht". Für die Anhörung wird er im November nach Kandahar fliegen, wird im gepanzerten Fahrzeug zu einem Armee-Camp fahren, um Überlebende zu verhören, alles synchron übersetzt und live übertragen nach Seattle. Etliche Zeugen allerdings, "vor allem die Frauen", sagt Browne, würden jede Aussage verweigern. Was ihm nur recht sein kann.
"Niemals geht eine Frau zum Mahkama", sagt Mohammed Wazir. Solange eine Frau einen männlichen Verwandten habe, der für sie sprechen könne, werde sie nicht zum Gericht geschickt. Die Opferfamilien haben bereits bestimmt, wer Zeugnis ablegen soll vor dem Gericht, es sind die Ältesten, die Respektspersonen. Dass sie nicht dabei waren, spielt keine Rolle, Wahrheit ist hier nicht abhängig von Augenzeugenschaft, sondern von Autorität.
Rafiullah aber war dabei.
Er spielt im Garten des Hotels in Kabul mit einem Mobiltelefon. Auch er kennt sein Alter nicht genau, Wazir sagt, er sei etwa so alt, wie sein Ältester war, als er starb, also 15. Ein Flaum über der Oberlippe, pechschwarzes Haar.
"Wir hatten erst eine Seite Schlaf." Das ist die Antwort von Rafiullah, dessen Haus der Täter wohl zuerst heimsuchte, auf die Frage, wann er aufgewacht sei vom Lärm der Schüsse, am 11. März 2012. Er messe das Verstreichen der Zeit in der Nacht anhand seiner Schlafposition, erklärt er. Wache er in derselben Lage auf, in der er und seine Geschwister sich hingelegt hätten, seien vielleicht ein paar Stunden vergangen seit dem Einschlafen.
Klar ist: Als der Täter das Haus von Rafiullah im Dorf Alkozai wieder verlässt, hat er vier Menschen umgebracht, die erste Beute dieser Nacht. Etliche weitere sind verwundet, darunter Rafiullahs Schwester Zardana, die eine Hirnverletzung erleidet und später mehrere Monate zur Behandlung in den USA verbringt, sie kann nicht mehr richtig gehen. Rafiullah selbst überlebt mit einem Durchschuss am linken Oberschenkel und einem Streifschuss am rechten. Seit seine Schwester zurück sei, sagt Rafiullah, würden sie beide nicht mehr genug Schlaf bekommen, weil "in fast jeder Nacht einer von uns schreiend aus einem Traum erwacht und den anderen weckt".
Aufgebrochen war der Mörder ungefähr um ein Uhr nachts zu Fuß aus dem nahen Camp Belambay, einem kleinen Stützpunkt von amerikanischen Special Forces. Die Festung steht in einem Risikogebiet, über das die Amerikaner die Kontrolle zu gewinnen hofften, eine Taliban-Hochburg aus Sicht der Soldaten, Heimat für Mohammed Wazir.
Nach der Schlacht in Rafiullahs Haus geht der Täter zurück ins Camp und erzählt dort angeblich einem Kameraden, er habe draußen ein paar Zivilisten erschossen. Der Soldat hält das für Unsinn, er informiert niemanden. Dann, etwa eine halbe Stunde später, bricht der Täter ein zweites Mal auf, in die andere Richtung, südwärts, nach Najiban. Diesmal schlägt einer der afghanischen Wachleute Alarm, die ganze Belegschaft wird geweckt, alle durchgezählt, bald wird ein Suchtrupp gebildet, ein Helikopter losgeschickt. Der Mörder ist längst im Haus von Mohammed Wazir.
Auf seinen Feldern, die direkt an die Mauern des US-Camps Belambay grenzen, produzierte der Bauer Mohammed Wazir Granatäpfel, Maulbeeren und Trauben, die seine Familie zu Rosinen trocknet, seit Generationen. Drei Feinde machten ihm seit langer Zeit das Leben schwer, sagt er: die Taliban, die afghanische Armee und die Amerikaner. Fast täglich seien er und seine Leute von Soldaten kontrolliert worden. Zwischen Dämmerung und Sonnenaufgang gilt Ausgangssperre. Der Distrikt Panjwai ist als Geburtsstätte der Taliban-Bewegung bekannt, von hier aus startete Mullah Omar 1994 die Revolution der Radikalen. Zivilbevölkerung und Aufständische sind bis heute schwer zu trennen, oft sind sie identisch.
Er habe ja nicht nur Menschen verloren, sagt Mohammed Wazir. Auch sein Haus sei ihm genommen worden und sein Boden, er könne und wolle nicht zurück, lebe heute bei seinem Bruder in einer Stadt namens Spin Boldak. Die Felder in Najiban lägen brach, die Bäume seien vertrocknet. Er sagt: "Meine Maulbeeren waren so süß." Nie wird er so laut wie dann, wenn er von seinen vernachlässigten Pflanzungen spricht, der Gedanke daran scheint ihn ähnlich zu schmerzen wie der an seine verlorenen Kinder.
"Die Amerikaner, sie sprechen immer von Menschenrechten, die sie uns bringen wollen. Sind das Menschenrechte, wenn man Kinder erschießt? Sind das Menschenrechte, wenn man die Bäume verdorren lässt? Welche Schuld, frage ich, trifft den Granatapfelbaum, welche Schuld trifft den Traubenstock? Meine Maulbeeren waren so süß."
In Bonney Lake im US-Bundesstaat Washington versperrt eine Leine mit der Aufschrift "Private Property" den Zugang zum Haus der Familie Bales. In dieser idyllisch zwischen Wäldern und Seen gelegenen Kleinstadt haben die meisten Leute in der Einfahrt neben dem Auto noch ein Boot auf einem Anhänger stehen. Bald werden die Müllmänner kommen, blaue Tonnen stehen vor allen Häusern am Straßenrand, außer bei den Bales, denn hier wohnt niemand mehr. Bales' Frau und die beiden Kinder sind aus Sicherheitsgründen im nahen Armeestützpunkt Joint Base Lewis-McChord untergebracht worden. Der Mann an der Chevron-Tankstelle sagt: "Wir fühlen alle mit Bobby. Er ist ein großartiger Kerl. Es ist schwer zu glauben, was da drüben passiert sein soll."
Kari Bales hat bei ihren Besuchen im Hochsicherheitsgefängnis von Fort Leavenworth mit ihrem Gatten noch kein Wort über die Ungeheuerlichkeiten gewechselt, derentwegen man ihn festhält. Sie frage nicht nach, hat sie gesagt. Denn dieser Mörder, von dem alle reden, "das ist nicht mein Bobby".
Bales war Captain des Footballteams seiner Highschool, ein All-American-Boy, ein Leader-Typ, in elf Jahren bei der Armee vielfach mit Ehrungen ausgezeichnet. Er war dreimal im Irak, ehemalige Vorgesetzte und Untergebene haben ihn als einen Soldaten geschildert, der an die Sache glaubte, der die Zivilbevölkerung mit Respekt behandelte, der begriffen habe, dass man Herz und Kopf dieser Leute gewinnen müsse, ein strategisches Motto der US-Armee: "winning hearts and minds". Dass Bales auch dunklere Seiten hatte, zeigen Polizeiakten. 2002 wurde er in einem Hotel festgenommen, die Anklage betraf eine Tätlichkeit gegenüber einer Frau. Das Verfahren wurde eingestellt, doch Bales musste für 20 Stunden in eine Therapie zur Aggressionsbewältigung.
2011 war die Familie überzeugt, dass Robert Bales' Einsätze in Konfliktgebieten beendet seien. Kari Bales erstellte in ihrem Blog bereits eine Liste der Länder, in denen sie am liebsten leben würde; sie hoffte, ihr Mann werde bald auf einen Armeestützpunkt in Europa versetzt. An erster Stelle stand Deutschland, an zweiter Italien. Dann kam der Marschbefehl nach Afghanistan.
Warum tat Bales, was er tat?
Die Frage ist leicht zu parieren für John Henry Browne. "Wir wissen nicht, was er getan hat. Aber wir wissen, was der Krieg ihm angetan hat."
Wenn es zum Prozess kommt, was als sicher gilt, wird für Browne nicht Robert Bales vor Gericht stehen, sondern die ganze Armeeführung, der ganze Krieg. "Warum schickt man einen Mann, der am posttraumatischen Syndrom leidet, der im Irak bei einem Unfall einen Teil seines Fußes verlor, zum vierten Mal in den Krieg?" Tausenden jungen Amerikanern ergehe es ebenso wie Bales, man ordere sie auf ein Schlachtfeld, um dort ihre toten Freunde aufzusammeln, nach Hause kämen sie als Wracks. Browne zitiert eine Schlagzeile dieses Sommers, wonach seit Beginn des Afghanistan-Kriegs mehr US-Armee-Angehörige Selbstmord begingen, als im Einsatz zu Tode kamen.
Es gehört zu den Ironien dieses Falls, dass der mutmaßliche Urheber eines Massakers, das die Brutalität des Kriegs verkörpert, von einem erklärten Kriegsgegner verteidigt wird, und das vor einem Militärtribunal mit einer Strategie, die aus einem Killer ein Kriegsopfer machen will. Für John Henry Browne ist das die Fortsetzung eines anderen Kampfs: Als junger Mann war er Teil der amerikanischen Anti-Kriegs-Bewegung. Dem Vietnam-Einsatz entkam er wegen seiner Körpergröße, Männer über 198 Zentimeter wurden nicht eingezogen. "Ich war zu groß, um kleine Leute erschießen zu gehen", sagt Browne. Er ist kein Pazifist, aber den Einsatz in Afghanistan lehnt er ab, "so wie mittlerweile 70 Prozent meiner Landsleute". Die Kriegsmüdigkeit der amerikanischen Öffentlichkeit nimmt zu, auch wegen Fällen wie den Morden von Kandahar.
Erst spät fügten die Ankläger ihrer Liste von Vorwürfen ein für einen Mordfall ungewöhnliches Vergehen hinzu: Besitz und Konsum von Stanozolol, einem anabolen Steroid, wie es Sportler und Bodybuilder einsetzen. Der Mörder war womöglich gedopt.
"Wie kam mein Mandant an diese Substanz?", fragt John Henry Browne, "steht da irgendwo ein Medikamentenschrank im Stützpunkt, woraus sich die Soldaten bedienen?" Browne will den Umgang der Armee mit leistungssteigernden Substanzen zum Thema machen, wenn es zum Prozess kommt. Die Diskussion um aufgeputschte und angstfrei gemachte Soldaten in der US-Armee ist aktuell. 2008 ergab eine Untersuchung des US-Verteidigungsdepartements, dass 2,5 Prozent aller Armeemitglieder illegal Steroide benutzen. Mehr als 110 000 aktive Truppenangehörige, so meldete die "L. A. Times" in diesem Jahr, nehmen von Armeeärzten verschriebene Medikamente ein, Antidepressiva, Sedative, Amphetamine.
Browne wird solche Erkenntnisse in einen Zusammenhang stellen mit der steigenden Suizidrate in der Armee, mit den sich häufenden Fällen von Kontrollverlust, er wird das Bild einer Streitkraft am Rande des Nervenzusammenbruchs zeichnen.
Mohammed Wazir steckt sich eine Zigarette an, Pine heißt die Marke, ein koreanisches Produkt, aber auf der Packung steht "American Taste".
Nur zwei Wochen nach der Tat erhielten die Hinterbliebenen in Kandahar je 50 000 Dollar pro Todesopfer und je 10 000 Dollar pro Verletzten, in bar. Amerikanisches Geld, als rasche Nothilfe bezeichnet, nicht als Kompensation. Mohammed Wazir wurde eine halbe Million zugesprochen, für zehn verlorene Blutsverwandte. Obwohl ein afghanischer Mitarbeiter der BBC vor Ort war und US-Stellen die Zahlungen bestätigten, lügt Wazir beim Gespräch in Kabul, er habe niemals Geld von den Amerikanern bekommen. Wer Geld annimmt vom Feind, wird zur Zielscheibe für die Taliban.
Morgen wird er nach Mekka gehen, drei Männer begleiten ihn, eine Reise, die ein Bauer aus Najiban sich nicht leisten kann. Wegen der Pilgerfahrt wird er wahrscheinlich die Anhörung in Kandahar verpassen, aber er glaubt, dass man ohne ihn nicht anfangen kann. Unter seinen Begleitern ist sein neuer Schwiegervater. Zwei Monate nach dem traurigen Tag, Ghamgina Wraz, hat sich Mohammed Wazir eine neue Frau genommen. Er sagt, es sei keine Musik gespielt worden auf der Hochzeit und man habe nur hundert Gäste eingeladen.
11. März 2012, halb vier nachts. Als der Suchtrupp aus Camp Belambay aufbricht, sehen die Männer nach wenigen Metern eine Gestalt auf sie zukommen, Sicherheitskameras halten das Geschehen fest. Der Mann, Bales, trägt einen afghanischen Schal über seiner Uniform, er sinkt in die Knie, legt seine Waffen nieder, streckt seine Arme in die Luft. Fünf Tage später wird er ausgeflogen nach Fort Leavenworth.
Dass es so lange dauern wird, bis der Fall abgeschlossen ist, hat auch politische Gründe. 2014 wollen die Vereinigten Staaten ihre Truppen aus Afghanistan abziehen, Diplomaten verhandeln aber mit der Regierung Karzai über die Bedingungen des Verbleibs bestimmter Kontingente über diesen Zeitpunkt hinaus. Ein wichtiger Diskussionspunkt ist die militärische Rechtsprechung. Afghanistan möchte Kriegsverbrecher wie den Killer von Kandahar künftig selbst aburteilen, Amerikaner wollen ihre Soldaten auf keinen Fall afghanischen Gerichten aussetzen. Jeder baldige Richtspruch eines US-Militärtribunals, das Robert Bales nicht mit dem Tod bestraft, würde in Kabul als Skandal aufgenommen und die Verhandlungen gefährden.
Drei Uhr nachts in Najiban am 11. März 2012, am 21. Tag des zwölften Monats im Jahr 1390, der Mörder hat sein Werk im Haus von Mohammed Wazir vollendet, niemand ist mehr am Leben. Auch der Hund ist erschossen und sogar der Singvogel, den Mohammeds Frau Zarah in einem Käfig hielt, ist im Rauch der brennenden Leichen verendet. Doch die Wut des Täters hält an. Er pocht und tritt an weitere Türen im Dorf, wahllos, diejenige zum Haus von Mohammed Dawood lässt sich öffnen. Was hier geschieht, in den letzten Minuten des Amoklaufs, erzählt der zehnjährige Hikmatullah, der zusah, wie sein Vater erschossen wurde.
Der Soldat, immer wieder das Wort "Taliban" rufend, trampelt über schlafende Kinder, weckt Mohammed Dawood und dessen Frau, die zwei Töchter, die vier Söhne. Der jüngste, Hasratullah, weniger als ein Jahr alt, liegt in einer Krippe. Die Mutter schreit, alle schreien, und der Vater fleht um Gnade, der Eindringling richtet ihn mit einem Kopfschuss. Er könnte jetzt weitermachen, er könnte mehr Kinder erschießen, weitere Frauen. Er tritt an die Krippe und hält den Lauf seiner Pistole in den Mund des Säuglings.
Als Robert Bales seinen Sohn, Bobby, zum letzten Mal sah, bevor er nach Afghanistan aufbrach, in den ewigen Krieg, war der Junge ungefähr so alt wie dieses Kind.
Der Mörder lässt ab und geht zurück in die Nacht.

"Warum tötete er meine Kinder und hat nicht auf mich gewartet?"

Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 45/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 45/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JUSTIZ:
Ein unmöglicher Prozess

Video 01:01

Trump und die lästige Reporterin "Seien Sie still!"

  • Video "Trump und die lästige Reporterin: Seien Sie still!" Video 01:01
    Trump und die lästige Reporterin: "Seien Sie still!"
  • Video "Amateurvideo aus Arizona: US-Familie von Wassermassen überrascht" Video 00:57
    Amateurvideo aus Arizona: US-Familie von Wassermassen überrascht
  • Video "Krise in Venezuela: Staatschef missbraucht Sommerhit Despacito" Video 01:20
    Krise in Venezuela: Staatschef missbraucht Sommerhit "Despacito"
  • Video "Amateurvideo aus Burma: Touristenattraktion stürzt in Fluss" Video 00:54
    Amateurvideo aus Burma: Touristenattraktion stürzt in Fluss
  • Video "Trumps neuer Sprecher: Wenn ihr leakt, werfe ich euch alle raus" Video 01:31
    Trumps neuer Sprecher: "Wenn ihr leakt, werfe ich euch alle raus"
  • Video "US-Polizeivideo: Starbucks-Räuber von Kunden überwältigt" Video 01:04
    US-Polizeivideo: Starbucks-Räuber von Kunden überwältigt
  • Video "Sri Lanka: Elefanten in Seenot" Video 00:49
    Sri Lanka: Elefanten in Seenot
  • Video "Fukushima: Roboter taucht in die Reaktor-Ruine" Video 01:17
    Fukushima: Roboter taucht in die Reaktor-Ruine
  • Video "Panorama-Video: Die ultimative Was-passiert-dann-Maschine" Video 02:16
    Panorama-Video: Die ultimative Was-passiert-dann-Maschine
  • Video "Bis zu 2000 Dollar pro Gemälde: Michael Jacksons Affe macht Kunst" Video 01:32
    Bis zu 2000 Dollar pro Gemälde: Michael Jacksons Affe macht Kunst
  • Video "Videobotschaft aus Venezuela: Der Violinen-Mann spielt weiter" Video 02:30
    Videobotschaft aus Venezuela: Der Violinen-Mann spielt weiter
  • Video "Identitäre auf dem Mittelmeer: Rechtsextreme wollen Flüchtlinge stoppen" Video 05:00
    "Identitäre" auf dem Mittelmeer: Rechtsextreme wollen Flüchtlinge stoppen
  • Video "Harry und William über Prinzessin Diana: Sie hat uns mit Liebe überschüttet" Video 02:05
    Harry und William über Prinzessin Diana: "Sie hat uns mit Liebe überschüttet"
  • Video "Webvideos der Woche: Polizist von eigener Kamera entlarvt" Video 02:48
    Webvideos der Woche: Polizist von eigener Kamera entlarvt
  • Video "Trump-Sprecher: Bye, Bye, Sean Spicer!" Video 02:41
    Trump-Sprecher: Bye, Bye, Sean Spicer!