DER SPIEGEL



SPIEGEL-GESPRÄCH

Frei, hungrig, stark

Von Eberle, Lukas

Orlando Cruz ist der erste schwule Boxprofi, der sich geoutet hat. Er beschreibt seine Erleichterung nach dem Coming-out, seine plötzliche Popularität - und zeigt Mitgefühl für seine vielen Verehrerinnen.

SPIEGEL: Señor Cruz, ist es wichtig, als Boxer dem Bild des harten Mannes zu entsprechen?

Cruz: Boxen ist ein Sport, der von Machos dominiert wird. Von Männern, die erwarten, dass wir in ein bestimmtes Muster passen: Der ideale Boxer denkt nicht nach, ist roh und strotzt vor Kraft. Ich bin auch von Stärke fasziniert, aber für mich gehört zu Stärke auch immer Stil.

SPIEGEL: Anfang Oktober haben Sie bekanntgegeben, dass Sie homosexuell sind, vor gut zwei Wochen standen Sie erstmals nach Ihrem Coming-out im Ring. Wie reagierten die Fans, wie Ihr Gegner?

Cruz: Ich hatte das Gefühl, dass mich die Zuschauer annehmen. Sie haben immer wieder meinen Namen gerufen, viel lauter als bei früheren Kämpfen. Mein Gegner, der Mexikaner Jorge Pazos, hatte zuvor gesagt, ihn gehe es nichts an, was ich außerhalb des Rings mache. Das finde ich die richtige Einstellung.

SPIEGEL: Einmal zuckten Sie mit den Schultern, als Pazos Sie nicht getroffen hat. Dann schlugen Sie sich wild mit den Fäusten auf die Brust.

Cruz: Mit diesen Gesten wollte ich zeigen: Dies ist mein Ring, mein Moment, niemand wird mir das wegnehmen. Meine Körpersprache war auch wichtig, weil ich den Leuten beweisen wollte, dass ich kein Mädchen im Ring bin. Ich bin ein Mann, im ganzen Sinn des Wortes. So sollte mich das Publikum wahrnehmen.

SPIEGEL: Ein paar Klischees über Boxer müssen Sie also doch bedienen?

Cruz: Nein, aber ein bisschen machohaft zu sein ist Teil des Spiels im Ring.

SPIEGEL: Sie sind seit zwölf Jahren Profi-Boxer. Wieso haben Sie sich gerade jetzt geoutet?

Cruz: Als Sportler habe ich mir Respekt erarbeitet. Ich habe nur 2 von 22 Profi-Kämpfen verloren, manche Gegner habe

ich in der ersten Runde k. o. geschlagen.

Respekt als Mensch habe ich aber nie richtig bekommen. Das Ende meiner Karriere ist nicht mehr weit, es war Zeit, Frieden mit mir zu schließen. Und es gab noch einen Grund für mein Coming-out: Ich hatte gehofft, dass ich dadurch ein besserer Boxer würde.

SPIEGEL : Wie meinen Sie das?

Cruz: Bisher hatte ich mein Privatleben streng von meiner Karriere getrennt. Dass ich schwul bin, sollte ja bloß niemand wissen. Dieses Versteckspiel war unfassbar anstrengend, es hat mich viel Energie gekostet. Jetzt hoffe ich, dass ich diese Energie ins Training stecken kann.

SPIEGEL: Haben Sie sich als Teenager verliebt?

Cruz: Ja, und wie.

SPIEGEL: In ein Mädchen oder in einen Jungen?

Cruz: In ein Mädchen, meine große Jugendliebe. Wir waren zusammen, bis ich 17 war, von ihr bekam ich meinen ersten Kuss.

SPIEGEL: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie schwul sind?

Cruz: Ich war 19, und ich boxte bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. Dort habe ich einen Mann kennengelernt. Als ich wieder nach Hause kam, spürte ich, dass sich etwas in mir verändert hatte.

SPIEGEL: Wie ging es Ihnen dabei?

Cruz: Schlecht, sehr schlecht.

SPIEGEL: Warum?

Cruz: Weil ich darauf nicht vorbereitet war. Ich wollte lange nicht akzeptieren, dass ich schwul bin. Besser gesagt: Ich konnte es nicht akzeptieren, ich hatte zu viel Angst. In Puerto Rico wurden Homosexuelle damals diskriminiert, manche sogar umgebracht. Ich hatte einen Freund, er hieß José, doch weil er ein Transvestit war, nannten wir ihn Linoschka. Als er 19 Jahre alt war, wurde er auf der Straße von einem Schwulenhasser erstochen, weil er an einer Parade von Homosexuellen teilgenommen hatte.

SPIEGEL: Wie gingen Sie damit um?

Cruz: Es war ein schmerzhafter Weg, aber ich hatte das Glück, dass mich meine Mutter unterstützt hat. Ein Jahr nach Olympia erklärte ich meinen Eltern, dass ich schwul bin. Meine Mutter sagte mir, dass ihr das egal sei und sie mich liebe. Dann heulten wir beide vor Glück.

SPIEGEL: Und Ihr Vater?

Cruz: Da war es schwieriger. Er war nie so einfühlsam wie meine Mutter. Mittlerweile leben meine Eltern getrennt. Bei meinem letzten Kampf saß meine Mutter direkt am Ring, mein Vater oben auf den Rängen. Aber mir war wichtig, dass er überhaupt da war.

SPIEGEL: Wie haben Sie Ihre Homosexualität zwölf Jahre lang verheimlicht?

Cruz: Ich habe eine Rolle gespielt. Ich spürte das Misstrauen. Wenn andere Jungs über den Hintern einer Frau sprachen, achteten sie genau darauf, ob ich mich beteiligte. Also habe ich mitgespielt: ja, ja, toller Po. Aber das war nicht ich, ich habe mich jedes Mal verleugnet.

SPIEGEL: Wie fühlte sich das an?

Cruz: Ich habe schlecht über mich gedacht, weil ich nicht zu mir selbst stand. In mir drin war nur Leere, ich hatte das Gefühl, dass Tonnen Gewicht auf mir lasteten.

SPIEGEL: Gab es in der Boxszene Leute, die die Wahrheit kannten?

Cruz: Das lässt sich gar nicht vermeiden. Óscar de la Hoya, mein früherer Promoter, fragte mich vor einem Kampf ganz offen: Orlando, sag mal, wirst du den Leuten erzählen, dass du schwul bist? Es standen noch andere Leute um uns herum, Boxer, Manager. Ich war geschockt und sagte: Nein, ich bin doch ein Mann.

SPIEGEL: Wurden Sie beschimpft?

Cruz: Vor vier Jahren kämpfte ich in Puerto Rico. Das Publikum hat mich fertiggemacht, sie haben mich Schwuchtel gerufen. Meinen Gegner forderten sie auf, mir die Federn rauszureißen. Wer in Puerto Rico abfällig über einen schwulen Mann spricht, nennt ihn eine Ente. Da war mir klar, dass sich etwas ändern musste.

SPIEGEL: Das war Ihr Schlüsselerlebnis?

Cruz: Genau. Ich bin 2008 von Puerto Rico nach New Jersey umgezogen. Der Abstand tat mir gut. Auch weil ich mich in New Jersey in Ruhe auf mein Coming-out einstellen konnte.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Cruz: Zunächst musste ich einsehen, dass ich das nicht allein schaffe. Vor drei Jahren habe ich mir die Hilfe eines Psychologen geholt, wir haben uns alle zwei Wochen getroffen. Er hat mir geholfen herauszufinden, ob ich das Outing wirklich nur für mich machen möchte oder ob ich dazu getrieben werde. Erst als mir klar war, dass es mein tiefster Wunsch ist, konnte ich es durchziehen. Vor sechs Monaten habe ich mich in New York mit dem Gründer einer Organisation getroffen, die sich für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzt. Er gab mir Tipps für meine Pressemitteilung, und wir haben eigens für das Outing ein Twitter-Profil angelegt, auf dem ich jetzt in Englisch und Spanisch schreibe.

SPIEGEL: War Ihr Boxteam in Ihre Pläne eingeweiht?

Cruz: Natürlich. Mein Promoter Tuto Zabala war zunächst sehr vorsichtig. Er fragte bei allen wichtigen Kontakten nach, ob jemand ein Problem mit einem schwulen Boxer habe. Er ging zum Fernsehsender Telemundo, der meine Kämpfe in den USA überträgt, er sprach mit dem Boxverband WBO. Alle haben ihm signalisiert, dass mein Outing für sie okay sei.

SPIEGEL: Hatten Sie trotzdem Angst?

Cruz: Die Vorbereitung hat mir die Angst genommen, aber ich war schon nervös und grübelte, wie die Reaktionen sein würden. Ich stellte mich auf böse Kommentare ein. Dabei haben sich nach meinem Coming-out die meisten Menschen für mich gefreut. Profis wie der frühere Weltmeister Miguel Cotto standen zu mir, er gratulierte mir. 95 Prozent der Reaktionen waren positiv.

SPIEGEL: Und die restlichen fünf Prozent?

Cruz: Kürzlich, beim Training in einem Boxing Gym in Puerto Rico, stand eine Gruppe von Boxern neben mir. Sie sprachen über mich, ich hörte alles. Einer sagte zu seinen Kumpels: Na, dann duschen wir heute besser nicht, bevor wir nach Hause gehen. Ignoranten! Ich bin Profi-Sportler, ich trainiere hart. Ich gehe nicht ins Gym, um jemanden unter der Dusche zu beobachten.

SPIEGEL: Haben Sie den Boxer zur Rede gestellt?

Cruz: Nein. Früher hätte mich das noch wütend gemacht. Nach dem Outing kennt jeder die Wahrheit. Das ist wie ein Schutzschild gegen diese Art von Kommentaren. Dumme Sprüche und Witze verletzen mich nicht mehr, weil ich dazu stehen kann, schwul zu sein. Heute kann ich sogar über Schwulenwitze lachen. Ich fühle mich frei, hungrig und stark.

SPIEGEL: Haben sich nach Ihrem Outing auch Menschen bei Ihnen gemeldet, die nicht aus dem Boxmilieu kommen?

Cruz: Jede Menge. In meinem Postfach sind Mails aus Venezuela, Polen, Australien. Sogar aus Afghanistan. Viele Männer, die mir geschrieben haben, haben sich in einen Mann verliebt und wissen nicht, wie sie das ihrer Familie erklären sollen. Ich kann ihnen Ratschläge geben, ich weiß, worauf es ankommt.

SPIEGEL: Kennen Sie andere schwule Profi-Sportler?

Cruz: Wenn es so wäre, würde ich nicht ihren Namen nennen. Es gibt aber gewiss sehr viel mehr Homosexuelle im Sport, als wir denken.

SPIEGEL: Die Nachricht von Ihrem Outing hat sich rasend schnell verbreitet. Haben Sie damit gerechnet?

Cruz: Obwohl ich versucht habe, mich auf alles einzustellen, war ich überfordert. Ich saß plötzlich im US-Morgenfernsehen, Produzenten fragten mich, ob ich Interesse an einer Reality-Show über mich hätte. Ich bekam ein Angebot für das TV-Promi-Tanzen. Selbst meine Mutter wurde interviewt.

SPIEGEL: Warum hat Ihr Outing solche Wellen geschlagen?

Cruz: Das liegt nicht nur daran, dass ich Profi-Sportler bin. Es ist sehr ungewöhnlich, dass jemand aus der lateinamerikanischen Gesellschaft offen zu seiner Homosexualität steht. In meiner Heimat gibt es noch viele Vorurteile gegenüber Schwulen. Wir werden oft nicht als vollwertige Menschen angesehen. Die Familie ist dort heilig, Kinder zu bekommen geht über alles.

SPIEGEL: Der Brite Justin Fashanu war der erste und bisher einzige Fußballprofi in Europa, der sich zu seiner Homosexualität bekannte. Nach seinem Outing 1990 fühlte er sich ständig diskriminiert, später beging er Selbstmord.

Cruz: Auch auf mich werden schwierige Tage zukommen. Aber ich habe mir ein so starkes Umfeld aufgebaut, dass ich sicher sein kann, aufgefangen zu werden. Mein Outing wäre vor 15, 20 Jahren auch nicht möglich gewesen. Es war eine andere Zeit, die Menschen dachten so eng. Heute sind viele liberaler. Schwulsein ist in vielen Bereichen der Gesellschaft kein Tabu mehr. Das hat sich selbst auf den Sport und sogar auf das Boxen ausgewirkt.

SPIEGEL: Nach Ihrem Sieg gegen Jorge Pazos gelten Sie als Anwärter auf einen Kampf um den WBO-Titel. Sie könnten Weltmeister werden.

Cruz: Ich möchte nicht nur als ein Boxer wahrgenommen werden, der schwul ist. Ich möchte ein Boxer sein, der professionell ist, der seine Ziele verfolgt, seine Träume verwirklicht. Und mein größter Traum ist der WM-Gürtel.

SPIEGEL: Hatten Sie vor Ihrem Coming-out eigentlich viele Verehrerinnen?

Cruz: O ja, ich hatte viele Angebote. Die Mädchen kamen nach meinen Kämpfen und wollten flirten. Sie sagten: Hey, du bist so süß, komm schon, Orlando!

SPIEGEL: Was haben Sie geantwortet?

Cruz: Na, was wohl? Ich sagte: Entschuldigung, nicht bei mir, da wirkt das nicht. Ich glaube, nach meinem Outing gibt es schon ein paar Mädchen, die traurig sind. Das tut mir fast ein bisschen leid.

SPIEGEL: Ihr letzter Gegner hatte mit Ihrer Homosexualität kein Problem. Was machen Sie, wenn Ihr nächster Kontrahent weniger tolerant ist?

Cruz: Ach, wissen Sie, es wird einer kommen, der mich Schwuchtel oder Tunte nennt. Ich werde sagen: Was? Ich soll eine Schwuchtel sein? Von mir aus! Aber pass mal schön auf: Ich bin die Schwuchtel, die dir in den Arsch treten wird!

SPIEGEL: Señor Cruz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte der Redakteur Lukas Eberle in Kissimmee, Florida.

DER SPIEGEL 45/2012
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