15.07.1996

Propaganda„Eine verdammte Lüge“

Am Telefon verleugnete sich der eine, der andere spielte Kannitverstan, der dritte wollte mal darüber nachdenken: über die Rolle der US-Gäste des Moskauer Hotels "President" im Wahlkampf für Rußlands Präsidenten.
Ihre Identität und Funktion enttarnte die Washington Post zwei Tage vor der Stichwahl, zu spät für einen Gegenschlag der Kommunisten und Nationalisten Rußlands: Amerikaner hatten Boris Jelzins Wahlfeldzug organisiert.
Erst nach seinem Sieg präsentierte das US-Magazin Time alle Details des fremden Eingriffs in Rußlands innere Angelegenheiten. Das Unternehmen lenkte Wirtschaftsberater Felix Braynin, 48, der vor 17 Jahren aus der Sowjetunion nach San Francisco geflüchtet war. "Geheimhaltung war oberstes Gebot", erzählte er nachher. "Jedem war klar, wenn die Kommunisten vor der Wahl davon erführen, würden sie Jelzin als Werkzeug der Amerikaner brandmarken - ein hohes Risiko."
Jelzins Wahlkampfstratege Wjatscheslaw Nikonow, ein Enkel des Stalin-Gefährten Molotow, dementierte: "Eine verdammte Lüge. Es gibt hier keinen einzigen Ausländer. Sie dürfen gar nicht das Hotel betreten. Ich habe nie ein von irgendwelchen Amerikanern verfaßtes Papier gesehen."
Braynin hatte die Experten angeheuert: Richard Dresner, einst Wahlhelfer von Jelzins US-Kollegen Bill Clinton, den PR-Mann Steven Moore aus Washington, dazu die Meinungsforscher Joe Shumate und George Gorton, die Kaliforniens Gouverneur Pete Wilson beraten hatten; und Braynins Sohn Alan.
Am 27. Februar, als Jelzins Popularität laut Umfragen auf fünf Prozent abgesunken war, traf sich Dresner mit Vizepremier Oleg Soskowez, dem Wahlkampfmanager Jelzins. Nach Stunden entschied Soskowez: "Ich sage dem Präsidenten, daß wir die Amerikaner haben." Das Honorar für vier Monate Beratung: eine Viertelmillion Dollar. Für den ganzen Wahlkampf gaben Jelzins Leute schätzungsweise eine halbe Milliarde aus, wovon 100 Millionen Dollar private Sponsoren stifteten.
Ausgestattet mit Wagen, Chauffeur und zwei Leibwächtern, okkupierten die
sechs Amerikaner die Suite 1120 im Pre-
* Alan Braynin, Richard Dresner, George Gorton, Steven Moore, Felix Braynin, Joe Shumate.
sident-Hotel, das einmal als Gästehaus des ZK der KPdSU gebaut worden war (auf demselben Flur fand zu Gorbatschow-Zeiten eine SPIEGEL-Delegation Obdach). Gegenüber, im Zimmer 1119, residierte die Verbindungsfrau zu Jelzin: seine Tochter Tatjana Djatschenko, 36. Die studierte Informatikerin über ihren Beitrag zu Vaters Triumph: "Ich habe mit allem zu tun. Ich bin überall. Bei jeder Schwachstelle."
Sie teilte mit den US-Beratern Fax, Kopierer, EDV-Drucker, zwei Sekretärinnen und einen Übersetzer. "Ein wirklich herausragender Mensch", schwärmte Braynin, als alles vorbei war, gegenüber der Komsomolskaja prawda. "Sie war die einzige, die ihrem Vater sagen konnte und offen gesagt hat: Du redest schlecht, bist schlecht angezogen, schlecht gekämmt."
Jelzins russischer Wahlstab, sowjetisch erzogen, war sich sicher, man brauche nur Fabrikdirektoren für sich zu gewinnen, die ihre Belegschaften dann für die Stimmabgabe instruieren. Wahlversprechen genügten vollauf - derweil meinten die Amerikaner, man müsse ausstehende Löhne bezahlen und die gute Tat dann an die große Glocke hängen. Jelzin selbst konnte sich nicht vorstellen, daß die Wähler sich für seinen Rivalen, den Kommunisten Gennadij Sjuganow, entscheiden würden.
Die sechs Wahlkampfstrategen setzten eine Art Meinungsdetektor ("perception analyzer") ein, mit dem sich per Handbewegung Anti- und Sympathien von 40 ausgesuchten Russen beim Betrachten von Filmen und Anhören von Reden messen lassen. Alle Meinungstests ergaben, daß die meisten Russen Jelzin als einen Freund ansahen, der sie verraten hat, zum Herrscher entrückt, korrupt und schuldig am Zusammenbruch der Volkswirtschaft. In Stichproben fielen auf Stalin mehr positive Urteile als auf Jelzin.
In kurzen Memoranden schickten die Meinungs-Macher ihre Ratschläge an Tatjana Djatschenko. Die Amerikaner hatten die verbreitete Nostalgie erkannt: für die Errungenschaften der Sowjets, gegen Jelzin, aber hauptsächlich voller Furcht vor Unruhen und Klassenkampf. Darauf empfahlen sie, als zentrale Botschaft Jelzins die Gefahr einer Wiederkehr des Kommunismus, womöglich sogar eines Bürgerkriegs zu beschwören - zum Beispiel mit Fernsehspots von Käuferschlangen, Warenmangel, drohender Wiederverstaatlichung.
Gerade weil über die Rückkehr des Kommunismus nach Osteuropa und wachsenden Respekt für Stalin im Land Einigkeit herrsche, sei Antikommunismus die falsche Losung, widersprach die Jelzin-Tochter. Die Amerikaner setzten sich durch, sie rügten nur die fröhlichen Tänze ihres Kandidaten in einer Situation, die sie doch als ernst und unheilträchtig darzustellen suchten.
Sie rieten zu einer Diffamierungskampagne gegen Sjuganow durch "Wahrheitsschwadronen", die ihn auf seinen Kundgebungen aus der Fassung bringen sollten. "Aber das wäre nicht fair", klagte Tatjana Djatschenko weltfremd.
Das US-Sextett drang auf eine Sprachregelung für die vom Staat kontrollierten Medien, die allesamt den Staatschef wegen seines Tschetschenien-Kriegs verdammt hatten. In der letzten Woche vor der Stichwahl brachten die wichtigsten Fernsehsender dann 114 positive Beiträge zu Jelzin, 158 kritische zu Sjuganow.
Die Fachleute aus Übersee wehrten sich gegen ein Fernsehduell der beiden Kandidaten, das Jelzin verloren hätte, und gegen eine Verschiebung der Wahlen, wie sie Jelzin-Intimus Korschakow vorschlug. Dessen Begründung, ein Wahlsieg der Kommunisten könne zum Bürgerkrieg führen, aber erfreute die PR-Leute: Sie selbst hatten diese Parole in Umlauf gesetzt.
Russische Jelzin-Berater halfen dem Stimmenbeschaffer Alexander Lebed mit Wahlgeldern (seine Kampagne kostete 180 000 Dollar), die auswärtigen Ratgeber aber sträubten sich, dem General a.D. schon vor dem entscheidenden Durchgang einen Posten anzubieten. Tests hatten ergeben, zwei Wählerprozente würden sich sonst von Jelzin abwenden. Tatjana Djatschenko verwarf die Warnung, Lebed wurde Sicherheitsberater.
Am Wahltag, dem 3. Juli, zitterten die Besserwisser aus den USA. Nur Shumate ging gelassen in "La Traviata" im Bolschoi-Theater. Er vermutete, was deutsche Ostkenner schon im Februar angekündigt hatten: Die Kommunisten und ihre Hilfstruppen gewinnen nicht mehr Stimmen als bei der Parlamentswahl vom Dezember. Fällt die Wahlbeteiligung nicht unter 65 Prozent, so sagte Shumate voraus, bekommt Sjuganow höchstens 32 Prozent der Stimmen.
So geschah es. Verdeckte Manipulation führt zum Erfolg, so Time, "auch wenn diese Mittel nicht immer respektabel sind".
* Alan Braynin, Richard Dresner, George Gorton, Steven Moore, Felix Braynin, Joe Shumate.

DER SPIEGEL 29/1996
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