15.07.1996

Olympiasieger„Soll ick ewig trauern?“

Selig streift Peter Frenkel durch die Tischreihen. Hundert Olympiastars drängeln sich in der Sporthalle von Sonneberg. Frenkel würde am liebsten jedem die Hand schütteln: dem Skispringer Jens Weißflog, der jetzt ein Hotel betreibt; Schwimmer Roland Matthes, einem erfolgreichen Sportarzt; der Sprinterin Marlies Göhr, die als Psychologin arbeitet; Radprofi Olaf Ludwig, der in Diensten der Telekom eine Million Mark im Jahr verdient, oder dem Dressurreiter und Anwalt Reiner Klimke.
Zusammen haben sie einen kleinen Berg Goldmedaillen gewonnen. Das schweißt zusammen. Frenkel steuerte 1972 Gold und vier Jahre später Bronze über 20 Kilometer Gehen bei.
Auf die "Olympia-Gala" hat sich Frenkel lange gefreut. Endlich bekommt er mal wieder soviel Respekt und Anerkennung, wie er sich eigentlich für den Rest seines Lebens täglich erhofft hatte.
Hier erkennen sie ihn wieder und wollen noch einmal die Geschichte hören, wie ihn Manfred Ewald, der ungeliebte Herrscher des DDR-Sports, fast aus der Mannschaft geworfen hätte, weil er nach dem Sieg bis morgens durch Schwabing gezogen war. Später am Abend bittet ihn sogar Moderator Heinz-Florian Oertel, einst der Harry Valérien der DDR, noch zum Schwatz auf die Bühne. Tags darauf ist der Ausflug ins glückselige Gestern vorbei. Frenkel, 57, sitzt zu Hause in Bad Honnef auf dem Sofa und tut, was er viel zu oft tut: Er wartet - auf Arbeit, auf Geld, auf Anerkennung.
"Im ständigen Kampf ums Überleben" steht Frenkel nicht allein. Als Vizepräsident der Gemeinschaft Deutscher Olympiateilnehmer weiß er von "vielen, denen es dreckig geht. Aber die trauen sich nicht, das zuzugeben".
Neben einer Handvoll millionenschwerer Superstars entläßt Olympia alle vier Jahre Scharen von Athleten in eine ungewisse Zukunft. Beseelt vom Fackelund-Fahnen-Mythos, trainieren und spielen sie noch, wenn sich Gleichaltrige schon längst um ihre Ausbildung kümmern. Viele opfern einen Großteil ihrer Jugend, manche ihre Gesundheit.
Doch der Traum vom Gold treibt dem Unterhaltungskonzern, der in Atlanta die Rekordsumme von 1,7 Milliarden Dollar umsetzt, immer neue Darsteller zu. So wird ein Unternehmen von beispielloser Effizienz am Leben erhalten: Olympia bleibt der Gewinn, dem Athleten bleiben dagegen jegliches Risiko und die vage Hoffnung, daß eine Medaille zu einer Art Lebensversicherung wird.
Ein Trugschluß. "Die Medaille nützt den meisten nichts", weiß Frenkel. Und das gilt heute möglicherweise noch mehr als früher. Denn im Zeitalter von Massenarbeitslosigkeit und schlanken Firmen ist auch die letzte Station vor dem Nichts, ein Job als Adidas-Repräsentant, weitgehend wegrationalisiert.
Zu DDR-Zeiten lebte Frenkel noch einigermaßen komfortabel, so wie alle, die dem Staat Ruhm gebracht hatten. Obgleich sich der freie Fotograf mit dem System nur notdürftig arrangierte, wurde er mit Aufträgen eingedeckt.
Nach der Wende jedoch übernahmen fixe Wessis sein Atelier in Potsdam und verdrängten ihn, der sich mit dem neuen Geschäftsgebaren nicht zurechtfand. Ohne Aufträge war er finanziell bald am Ende. Als Olympiasieger, dachte Frenkel immer, "muß man eigentlich ein Auskommen haben". Doch ein Geher, Mittfünfziger zumal, hat auch mit Goldmedaille kaum Chancen. "Das ist bedrückend und beschämend", sagt er bitter.
Rettung kam bei einem Freundschaftsspiel von Senioren-Kickern aus Potsdam und Bad Honnef. Ein Geschäftsmann vom Rhein wollte Honnef mit einem Olympiasieger schmücken und bot Frenkel eine Wohnung mietfrei an. Nun schreibt der von dort aus Bewerbungen.
Die Hoffnung, die Verwalter der olympischen Ringe würden ihm helfen, hat Frenkel längst aufgegeben. In der Tugendwarte des deutschen Sports, dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK), gäbe es zwar viel zu fotografieren, doch Frenkel bekam von dort nie einen Auftrag. "Denen bin ich piepegal."
Als er für das Treffen von Sonneberg zur Dekoration die NOK-Flagge ausleihen wollte, bellte Generalsekretär Heiner Henze nur, daß die Fahne rechtzeitig nach Atlanta müsse: "Da findet mehr Olympia statt." Dann knallte der stramme Olympiokrat den Hörer auf.
Wie etwa die einstige Sprinterin Renate Stecher, die im Amt für Ausbildungsförderung der Uni Jena einen Gnadenjob erledigt, gehört Frenkel zur verlorenen Generation des DDR-Sports. Sie sind zu alt für einen Neuanfang, ihre Siege sind im Westen in Vergessenheit geraten, die einstigen Mitbürger im untergegangenen Arbeiter-und-Bauern-Staat neiden ihnen die Privilegien von damals.
Nicht mal die Medaillen gelten heute noch viel. Peter Frenkel fischt eine fleckige Pappschachtel aus dem Kleiderschrank und hebt die Goldplakette mit spitzen Fingern heraus. Früher verlieh sie ihm das Gefühl, Einzigartiges geleistet zu haben. "Heute denken alle an Doping und Stasi."
Frenkel geht es noch vergleichsweise gut. Ein Dutzend einstiger Olympiateilnehmer, die im Mai zum Veteranentreffen nach München eingeladen waren, gestanden ihm am Telefon, weder das Geld für die Fahrt noch die 100 Mark für Kost und Logis aufbringen zu können.
Auch Fredy Schmidtke, der ehemals beste Bahnradfahrer der Republik, hat keine Mark und keine Minute übrig. Seit zehn Jahren leistet Schmidtke ein mörderisches Arbeitspensum. Drei Wochen schiebt er Nachtschicht. Gleich darauf, wenn die Kollegen freihaben, hängt der Schichtführer der Bayer-Tochter EC Erdölchemie noch eine Woche Dienst an der Polyäthylen-Straße dran, wo der Stoff für Plastiktüten entsteht.
Alle vier Wochen hat Fredy Schmidtke einen freien Sonntag. Der letzte Kollege, der dieses Pensum schob, starb mit 41.
Schmidtke, 35, hat den Mythos Olympia teuer bezahlt. Als der Kraftprotz am zweiten Tag der Olympischen Spiele von Los Angeles auf der Betonbahn des Radstadions das zweite deutsche Gold nach dem Schwimmer Michael Groß erstrampelte, wuchs in ihm der Glaube, am Ziel zu sein - endlich Ruhm und Geld.
Heute baumelt die Plakette an einem Pokal, der auf dem Teppichboden zwischen Fernseher und Stereoanlage steht. Am Rand ist die dünne Goldschicht abgeschabt, der schmuddelige Messingkern liegt frei. "Vom vielen Anfassen", sagt Schmidtke ohne Stolz, "damals wollte jeder grabbeln."
Mit tiefen Ringen unter den Augen hockt er im Wohnzimmersessel seiner 76-Quadratmeter-Wohnung in Zons. Wenn seine Frau und die beiden Söhne nach Hause kommen, macht er sich schon wieder auf den Weg zur Spätschicht. So kommt er, "praktisch als Ungelernter" auf etwa 4500 Mark netto im Monat.
Damals hatte sich Schmidtke das Leben als Olympiasieger anders vorgestellt. Vor allem nach den Telegrammen vom Bundeskanzler und anderen Prominenten, die gern teilhaben mochten am Triumph - "Einsatz fürs Vaterland und so".
Überzeugt, ein Erfolgsmensch zu sein, gab Schmidtke das Training auf, feierte lieber ausgiebig und eröffnete ein Sportgeschäft in Worringen. Mit der Goldmedaille in der Tasche würde schon nichts schiefgehen. Doch kaum waren die Dienst-Daimler von Bayer Leverkusen und die Partygäste verschwunden, "stand ich plötzlich allein da. Ich hatte von nichts Ahnung, weil ich vorher ja nur auf dem Rad gesessen hatte".
Schmidtke flog aus dem Nationalteam, im Dorf machten Gerüchte die Runde, er betreibe ein Bordell und habe im Kasino in einer Nacht mal eben 100 000 Mark verzockt. Statt der Fans kamen bald nur noch Gerichtsvollzieher ins Geschäft.
Als die Schulden eine Viertelmillion Mark überstiegen, überlegte Schmidtke kurz, "ob ich nicht kriminell werden soll. Es war doch alles scheißegal. Ich war so richtig am Ende. Jeder zweite hätte sich in dieser Lage die Kugel gegeben".
Im August 1997 beginnt das zweite Leben für Fredy Schmidtke: ein Leben ohne Schulden. Seit über zehn Jahren zahlt er jeden Monat 2700 Mark zurück. 1997 wird die Commerzbank seine Telefonrechnung nicht mehr zurückgehen lassen, wie neulich, als sein Konto um fünf Mark überzogen war.
Manchmal überlegt sich Schmidtke auf den endlosen Nachtschichten, was geworden wäre, wenn er nicht allein mit dem Erfolg geblieben wäre. Wenn das Milliardenunternehmen Olympia wenigstens einen Manager gestellt hätte, der Sportler nach ihrer Karriere berät und ihnen notfalls "auf die Finger haut". Hätte es für Olympioniken eine Art Resozialisierungsprogramm gegeben, "wäre es vielleicht anders gekommen - was hätte ich nicht alles machen können".
Uwe Hohn haßt den Konjunktiv. Wäre alles gutgegangen, würde er wohl in Atlanta zum viertenmal an Olympischen Spielen teilnehmen. Und seinen Speer hätte man als Kultobjekt im Olympischen Museum in Lausanne ausgestellt.
Doch Hohn, fast zwei Meter groß und über 100 Kilogramm schwer, war nie bei Olympia. Ihm passierte das Schlimmste, was einem Athleten geschehen kann: Hohn mußte auf Weisung aus Moskau die Spiele boykottieren. Er ist nur theoretischer Olympiasieger.
Am 5. August 1984 weigerte sich Hohn, den Fernseher anzustellen. Er wollte nicht sehen, wie ein finnischer Speerwerfer namens Arto Härkönen in Los Angeles die Goldmedaille für 86,76 Meter bekam. Zwei Wochen zuvor, beim Olympischen Tag in Ost-Berlin, hätte Hohn fast einen Stabhochspringer am anderen Ende des Jahnpark-Stadions erlegt: Sein Speer landete bei 104,80 Meter.
Aus Angst um Athleten und Zuschauer befahl daraufhin der Internationale Leichtathletik-Verband, daß mit einem Speer zu werfen sei, der früher zu Boden sinkt. Mit diesem Speer wurde eine neue Rekordliste eröffnet. Hohns Jahrhundertwurf verschwand in den Archiven.
Wenn Hohn, 34, heute die paar Meter vom Sofa zum Schrank mit den Röntgenbildern geht, beschreibt das rechte Bein einen kleinen unnatürlichen Halbkreis. Er setzt den Fuß so vorsichtig auf, als lägen Scherben auf dem Boden.
Zurück im Sofa, muß er ständig die Sitzposition wechseln. Hohn, zu 60 Prozent schwerbeschädigt, lebt von 1500 Mark Invalidenrente im Monat und einem Halbtagsjob bei der Bundeswehr. Weil ihn das Abrechnen von Essensgeld "nicht so richtig ausfüllt", hat er sich als Pächter einer Badeanstalt beworben.
Der Brandenburger, der wie Sergej Bubka oder Carl Lewis eine Legende hätte werden können, bezahlte den Goldtraum mit seiner Gesundheit. So wie Manfred Klein, Steuermann des Deutschland-Achters: Weil jedes Gramm zuviel den Sieg kosten konnte, hatte sich der Berliner "krank gehungert". So wie die Radsportler, die Triumphe lebenslänglich mit Rückenschmerzen bezahlen.
So wie der Geher Bernd Kannenberg, Gold über 50 Kilometer in München, den ein Hüftschaden infolge übermäßigen Verschleißes quält. Der Frühpensionierte kann nicht mal als Trainer arbeiten, weil er ohne Schmerzmittel nicht stehen kann. Oder wie der Geher Hartwig Gauder, Olympiasieger 1980, der im Frühjahr ein Kunstherz bekam.
Bei Hohn erkannten die Ärzte 1986 einen Bandscheibenvorfall nicht rechtzeitig. Eine Operation an der Berliner Charité mißlang, ein Muskel in Hohns Unterschenkel verkümmerte. Dafür trägt er im Rücken - "wie 'n Gitter" - ein Gerüst aus Stahlstangen und Schrauben.
Eine Operation im Westen hätte helfen können, sie wurde untersagt. Doch Hohns Zorn ist längst verraucht: "Was soll ick machen? Soll ick ewig trauern?"
Die Sache mit der Schulter, sagt Dagmar Hase, "ist halb so wild". Der Körper verschleißt nun mal schneller, wenn man in 16 Jahren 30 000 Kilometer geschwommen ist. Aber nach drei arthroskopischen Eingriffen sei das Gelenk wieder belastbar: "So 'ne Operation macht inzwischen der Pförtner."
Bei einer Umfrage, wer 1992 in Barcelona die einzige deutsche Goldmedaille im Schwimmen gewonnen hat, würde der großen Mehrheit vermutlich nur ein Name einfallen: Franziska van Almsick. Hase dagegen war die, die geheult hat nach ihren Attacken gegen die Feierabend-Funktionäre. So entstand das öffentliche Bild von der Verliererin, das sie schon selbst verinnerlicht hat: "Zu alt, nicht hübsch, nicht frech. Dabei hatte ich Gold bei Olympia. Als einzige! Aber das wurde nie gewürdigt."
Sie kommt vielleicht auf ein Zehntel der Werbeeinnahmen ihrer Berliner Konkurrentin, die auch in Atlanta nicht Olympiasiegerin werden muß, um weiter Kasse zu machen (siehe Seite 150). Dagmar Hases einziger Luxus ist ein zitronengelbes BMW-Kabrio.
Obwohl sie bereits vor Barcelona "die Schnauze voll" hatte, krault sie immer weiter. Welche Wahl hat sie schon? Ihre Ausbildung zur Kosmetikerin hat sie nach der Wende abgebrochen, und mit der Lehre als Reisekauffrau "verdiene ich gerade mal 1200 netto im Monat".
Dann lieber ins Becken. "Schwimmen", sagt Dagmar Hase, 26, "ist so 'ne Art Droge." Und der Olympiasieg erst recht. "Das war gigantisch wie nichts anderes, einfach nur geil." Mit einer weiteren Goldmedaille in Atlanta, daran glaubt sie, "habe ich einen Namen, mit dem ich irgendwo reinrutsche. Ganz sicher!"
Das dachten Peter Frenkel und Fredy Schmidtke auch mal. Frenkel? Schmidtke? Hase überlegt. "Die Namen habe ich noch nie gehört."

DER SPIEGEL 29/1996
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