29.07.1996

TheaterCopperfield im Gebirge

Zauber-Theater bei den Salzburger Festpielen. Peter Stein langweilt mit Ferdinand Raimund, Leander Haußmann erfrischt mit Shakespeare.
Sparzwang? Bei den Salzburger Festspielen (Etat 1995: 74,2 Millionen Mark) darf noch immer jeder ungeniert zusehen, wie teuer wahre Kunst den Steuerzahler zu stehen kommt. Theatrum non olet. Und so bot Peter Stein, 58, Schauspielchef der Sommerspiele, seinem auf Luxus und Protz abonnierten Publikum in diesem Jahr zwei Neuinszenierungen von wahrlich verschwenderischer Opulenz.
Der Chef selbst, ausgewiesener Kopfarbeiter mit ästhetischem Feingefühl, präsentierte am vergangenen Dienstag im Landestheater Ferdinand Raimunds urösterreichisches Zauberspiel "Der Alpenkönig und der Menschenfeind". Einen Tag darauf lockte Leander Haußmann, 37, Bochumer Intendant und approbierter Spezialist fürs Freche und Grobe, in die Felsenreitschule zum zweiten Zauberstreich, zu Shakespeares Elfenkomödie "Ein Sommernachtstraum". Gekleckert wurde weder hier noch da.
Der Preuße Stein realisiert die Biedermeier-Ballade vom unerträglichen Misanthropen, den der Alpenkönig Astragalus schocktherapeutisch in einen rechten Menschenfreund verwandelt, wie ein penibler Buchhalter. Gewissenhaft bis zur Pusseligkeit - und vielleicht deshalb so ohne Charme und Ironie - schöpft der Regisseur aus dem Repertoire der Bühnen-Tricks. Ein Copperfield fürs Stadttheater.
Da schweben Hochgebirgs-Geister samt Plastik-Gaul hin und her, die Bühne dreht sich zu immer neuen kostbaren Arrangements, es stürmt und schneit, und schließlich brennt auch noch eine weiße Hütte unendlich langsam ab, als habe Stein noch schnell beim Kollegen Robert Wilson einen Workshop absolviert. Die Bühne (Ferdinand Wögerbauer) verkommt so zum Showroom für bloße Effekte.
Für die Arbeit mit den Schauspielern, so scheint es, blieb dem Regisseur da wenig Zeit. Otto Schenk als miesepetriger Menschenfeind Rappelkopf gestikuliert und grantelt sich durch den Abend und klaut doch nur bei sich selbst. Helmuth Lohner dagegen, der Alpenkönig, gibt sich so weihe- und würdevoll, als trüge der grundgute Gebirgsfürst den Beinamen Valium. Staatsschauspieler auf hochalpinem Volkstheater: kunstvoll und lebensleer.
Beim Showdown mit Rappelkopf, als Astragalus den Stinkstiefel in seinem ganzen Lebensekel imitiert und ihn so zur Selbsterkenntnis treibt, liefert Loh-
* Im "Sommernachtstraum" bei Haußmanns Salzburger Inszenierung.
ner eine schaurig-schöne Schenk-Kopie, die schon an Berufsschädigung für den Kollegen grenzt. Ein bißchen Lebensluft in die unterkühlte Zauberbude bringt einzig Walter Schmidinger als Diener Habakuk. Er spielt auch die Widersprüche seiner Figur: Seht her, eine Charge als Mensch.
Warum nur, rätselte das herausgeputzte Premierenvolk, hat sich Peter Stein dieses Stück zum Prüfstein seiner hohen Kunst erkoren, wenn er doch so offensichtlich gar nichts damit anzufangen weiß?
Respektloser als sein Boß machte sich Leander Haußmann ans Zauber-Werk. So unfromm wie fröhlich ackerte er sich durch den "Sommernachtsstraum" und löste das schwerste Problem am leichtesten: Für die vertrackt dominante Naturkulisse der Felsenreitschule ließ er sich von Bert Neumann ein Podium aus unbehandelten Brettern basteln, das, verschieb- und drehbar, den Riesenraum auf eine zentrale Aktionsfläche konzentrierte. Den Athener Zauberwald brachte er noch simpler ins Spiel. Den finsteren Forst mimten gigantische, grüne Leuchtbuchstaben in den Steinarkaden: "THE WOOD".
Klotzig ging es nur auf dem Besetzungszettel zu. Als Handwerkertruppe verdingte sich ein luxuriöser Komiker-Kader: Otto Sander, Peter Fitz, Hans-Michael Rehberg, Ignaz Kirchner, Ulrich Wildgruber und - Benjamin der Besten - Michael Maertens als Squenz. Das köstliche Quintett bot schönste Schauspielkunst, mehr nicht. Aber niemand wollte mehr.
Die anderen, ob Aristos, Athener oder Elfenvolk, konnten da kaum mithalten. Besonders die jungen Liebenden Lysander (Oliver Stokowski), Demetrius (Jan-Gregor Kremp) und Hermia (Steffi Kühnert), allesamt im tarnfarbigen Military-Look, versagten sich glutvolles Liebes-Spiel. Der amouröse Stellungskrieg, der peinvolle Partnertausch wider Willen verkam zur Trockenübung.
Prickelnde Erotik verschenkte nur Sabine Orléans als dralle Helena, deren Präsenz nur André Eisermanns Puck erreichte. Sein Kobold ist ein Proll ohne Groll, ein lispelnder Strippenzieher der Gefühle, der in einem Verschlag über der Bühne hockt und sich behende mit der Strickleiter zum Verwirrspiel auf die Erde hangelt.
Haußmanns Einfälle hatten wenigstens Witz, meistens Verstand und waren - im Gegensatz zu Steins cooler Alpen-Ästhetik - erfrischend unverfroren.
Joachim Kronsbein
* Im "Sommernachtstraum" bei Haußmanns Salzburger Inszenierung.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 31/1996
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