12.11.2012

Die Gewalt der Zinsen

Von Schnibben, Cordt

Die meisten Staaten sind so hoch verschuldet, dass ihre Politik mehr von den Gläubigern als von den Bürgern bestimmt wird - warum können Demokratien nicht mit Geld umgehen?

Mitten in dieser unübersichtlichen Krise, die nun schon mehr als fünf Jahre dauert, hat Helmut Schmidt sich mit der Frage beschäftigt, wer "fast die ganze Welt in die Scheiße geritten hat". Je länger man Antworten sucht, desto beunruhigender werden die Fragen, die sich aus den Antworten ergeben: Kann es sein, dass wir keine Krise erleben, sondern eine Verwandlung unserer Wirtschaftsordnung, die uns wie eine unendliche Krise vorkommt, auf deren Ende wir aber vergebens hoffen? Kann es sein, dass wir darauf warten, dass sich die Welt wieder unserer Weltanschauung fügt, es aber schlauer wäre, wir würden unsere Weltanschauung der Welt anpassen? Kann es sein, dass Finanzmärkte nie wieder zu Dienern der Warenmärkte werden? Kann es sein, dass Staaten die Finanzmärkte nie mehr unter Kontrolle bekommen? Kann es sein, dass westliche Staaten nicht mehr zu entschulden sind, weil Demokratien nicht mit Geld umgehen können? Und kann es sein, dass Helmut Schmidt sich sagen müsste: Auch ich habe die Welt in die Scheiße geritten?

Der romantischste Hollywood-Film zur Finanzkrise ist nicht "Wall Street", ist nicht "Der große Crash", sondern "Stirb langsam, Teil 3" von 1995. Der Plot: Die Goldreserven der westlichen Welt werden aus den Kellern der Federal Reserve Bank of New York gestohlen, von einem deutschen Stasi-Offizier, und angeblich im Hudson versenkt. Bruce Willis jagt den Täter und rettet diese 550 000 Barren Gold, die bis Anfang der siebziger Jahre mal so etwas waren wie die Vertrauensbasis aller Währungen der westlichen Welt.

Bis 1971 war Gold das Maß des Dollar, eine Unze Feingold entsprach 35 Dollar, und der Dollar war das feste Maß aller westlichen Währungen. Aber als die USA für den Vietnam-Krieg immer mehr Dollar brauchten und die Weltwirtschaft so schnell wuchs, dass die Goldbindung zur Fessel wurde, gaben die Staaten das System der festen Wechselkurse auf. Es begann eine neue Phase der Weltwirtschaft, es wurden zwei Prozesse in Gang gesetzt: die Befreiung der Finanzmärkte von begrenzten Geldmengen, was vor allem Vorteile hatte; und die Befreiung der Staaten von begrenzten Einnahmen, was vor allem Nachteile hatte. Über vier Jahrzehnte lang konnte sich diese Geldblase aufpumpen, konnten Notenbanken aus nichts Geld schöpfen, konnten Banken scheinbar unbegrenzt Kredit schaffen, konnten sich Konsumenten und Staaten ungehemmt verschulden. So lange, bis diese größte Kreditblase der Geschichte zu platzen begann: zuerst in den USA, weil die Hypotheken von Millionen Amerikanern, deren einziger Besitz ein auf Pump gekauftes Haus war, von Banken zu wertlosen Wertpapieren gebündelt worden waren; dann rund um den Erdball, weil Banken diese Papiere Kunden in vielen Ländern angedreht hatten; und als diese Banken ins Wanken gerieten, machten hochverschuldete Staaten aus privaten Schulden so lange öffentliche Schulden, bis sie selbst ins Wanken gerieten und sich bei Banken nur gegen noch höhere Zinsen verschulden konnten.

Aus diesem Irrgarten der Schulden kennt die Welt im Moment nur einen Ausweg: noch mehr Billionen, noch mehr Schulden.

Was das alles mit Bruce Willis und Helmut Schmidt zu tun hat? Der eine rettete das Gold der Welt und damit die Illusion von der guten alten Welt. Der andere setzte als Finanzminister in den siebziger Jahren die Schuldenspirale in Gang und befeuerte in Deutschland die Illusion, Staaten könnten sich verschulden zum Segen aller.

Sein Vorgänger Karl Schiller hatte die Regierung verlassen aus Protest gegen vier Milliarden Mark Neuverschuldung und gewarnt: "Ich bin nicht bereit, eine Politik zu unterstützen, die nach außen den Eindruck erweckt, die Regierung lebe nach dem Motto: Nach mir die Sintflut."

Helmut Schmidt startete mit zehn Milliarden Mark neuer Schulden. Vom Krisenökonomen John Maynard Keynes inspiriert, wollte die Bundesregierung mit Konjunkturprogrammen wirtschaftliches Wachstum stimulieren, unter der Maßgabe allerdings, dass die Verschuldung in besseren Zeiten wieder zurückgeführt werden sollte.

"Globalsteuerung" nannte sich diese Wirtschaftspolitik in Deutschland. Helmut Schmidt nutzte als Finanzminister und dann als Kanzler die Ölkrise, um mit Konjunkturprogrammen das Defizit des Bundes nach oben zu treiben. Als Schmidt 1982 abtrat, hatten sich die Ausgaben des Bundes gegenüber 1970 auf - umgerechnet - 126 Milliarden Euro fast verdreifacht, die Schulden aller öffentlichen Haushalte der Bundesrepublik hatten sich auf 313 Milliarden Euro verfünffacht. Bis heute schaukelte sich die Verschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden auf über 2 Billionen Euro hoch.

Aus heutiger Sicht - lässt man die schwärmerische Europa-Rhetorik beiseite - ist auch die Einführung des Euro nichts weiter als die Fortsetzung des Schuldenwahns mit dreisteren Mitteln. Die Euro-Staaten nutzten den günstigen Zins, den die Gemeinschaftswährung bot, um sich noch höher zu verschulden.

Steckt dahinter ein menschliches Schulden-Gen? Ist es Verschwendungssucht, Dummheit oder ein Systemfehler? Es gibt zwei Auffassungen darüber, wie der Staat über seine Haushalte Einfluss nehmen sollte auf die Volkswirtschaft: Die Nachfragetheorie, von Keynes begründet, rät, kreditfinanzierte staatliche Nachfrage zu schaffen, die wiederum private Nachfrage und staatliche Einnahmen erzeugt: Der Bau einer Straße bringt Bauarbeitern Lohn, die zahlen Steuern und kaufen mit dem Lohn Möbel, deren Herstellung dem Tischler Lohn bringt und so weiter.

Die andere Auffassung, die Angebotspolitik, geht davon aus, dass das Wachstum einer Volkswirtschaft von den Rahmenbedingungen für Unternehmen bestimmt werde, deren Investitionstätigkeit hänge ab von hohen Gewinnen, niedrigen Löhnen und niedrigen Steuern. Über niedrige Steuersätze solle der Staat Wachstum fördern. Der häufige Machtwechsel in westlichen Staaten zwischen Angebotspolitikern (Konservative, Liberale, inzwischen auch Sozialdemokraten) und Nachfragepolitikern (Sozialdemokraten) hat in den vergangenen Jahrzehnten mal die eine, mal die andere Auffassung an die Macht gebracht und so die Staatsverschuldung nach oben getrieben: Die einen haben die Einnahmen des Staates reduziert, die anderen haben seine Ausgaben erhöht. Manche taten beides.

Nimmt man zu den öffentlichen Schulden die Verschuldung von Unternehmen und privaten Haushalten hinzu, so wuchs die Summe aller Kredite seit 1985 doppelt so schnell wie die Wirtschaftsleistung, sie ist jetzt dreimal größer als die Weltwirtschaftsproduktion. Die entwickelten Volkswirtschaften brauchen offenbar die kreditfinanzierte Nachfrage, um weiter zu wachsen, sie brauchen Konsumenten, Unternehmen und Staaten, die sich verschulden und die Finanzierung ihrer Nachfrage in die Zukunft verschieben. Aus sich heraus produziert diese Wirtschaftsordnung den Zwang zur Verschuldung von öffentlichen und privaten Haushalten.

Die Regierenden delegierten Macht und Gestaltungskraft an die Märkte, in der Hoffnung, Wachstum und Beschäftigung zu ernten und so den finanziellen Spielraum von Politik zu erweitern. Die auf Pump gebauten Staatshaushalte schufen so lange die Illusion von Macht, bis die Märkte über die Zinsen ihre Macht ausspielten.

Im Bundeshaushalt sind die Zinsausgaben inzwischen der drittgrößte Posten, jede dritte deutsche Kommune kann ihre Schulden nicht mehr aus eigener Kraft tilgen. In den USA sind die Staatsschulden in den vergangenen vier Jahren von 10 Billionen Dollar auf über 16 Billionen Dollar gestiegen, immer mehr Kommunen melden Konkurs an. In Griechenland, Spanien oder Italien entscheiden die Bond-Märkte mittlerweile indirekt über Renten, Planstellen und Löhne.

Ein Staat ist kein Unternehmen, auch wenn es Politiker gibt, die mit ihren Wählern gern so umgehen, als wären sie Betriebsangehörige. Politik ist die Kunst, zwischen den politischen und den wirtschaftlichen Märkten zu vermitteln, Parlamente und Bürger davon zu überzeugen, dass die Wirtschaftspolitik ihrem Wohlstand und dem Gemeinwohl dient; und Märkte und Anleger davon zu überzeugen, dass Völker nicht so gewinnorientiert geführt werden können wie Unternehmen.

Diese Balance zwischen Demokratie und Markt ist spätestens durch vier Jahre Finanzkrise zerstört. Zum einen hat die billionenschwere Intervention der Staaten zur Rettung der Banken und Märkte das Legitimationsproblem, das Regierungen in der Demokratie grundsätzlich haben, verschärft. Dass die Reichen geschont und die Armen geschröpft werden, ist der gängige Vorwurf. Selten wurde er so bestätigt wie in der ersten Phase der Finanzkrise: Die verschuldeten Hausbesitzer verloren ihr Dach über dem Kopf; Banken, die mit ihren Hypotheken gezockt hatten, blieben dank der Steuergelder im Geschäft.

In der zweiten Phase der Krise, nachdem die Staaten sich weitere Billionen pumpen mussten, um die Finanzmärkte zu stabilisieren, nahm die Abhängigkeit der Regierungen von den Finanzmärkten so zu, dass der Konflikt zwischen Markt und Demokratie nun offen ausgetragen wird, auf den Straßen von Athen und Madrid, in den Talkshows des deutschen Fernsehens, auf Gipfeltreffen, in Wahlkämpfen. Auf die Finanzmärkte, eigentlich ein lautloses Geflecht von Milliarden Transaktionen am Tag, sind nun die Scheinwerfer der Demokratie gerichtet, jede Zuckung wird analysiert, gefürchtet, bejubelt, verdammt, und das Handeln der Politiker wird daran gemessen, ob es den Märkten nützt oder schadet.

Der Versuch der Staaten, das wankende Finanzsystem zu stützen, hat ihre Abhängigkeit von den Finanzmärkten so erhöht, dass ihre Politik nun von zwei Souveränen bestimmt wird: von den Bürgern und den Gläubigern. Die Gläubiger und Anleger verlangen Schuldenabbau und die Aussicht auf Wachstum, die Bürger wollen Arbeit und Wohlstand und merken, dass die Regierenden inzwischen mehr auf die Gläubiger hören. Was ist die Gewalt der Straße gegen die Gewalt der Zinsen? Aus einer Finanzkrise ist so eine Krise der Demokratie geworden, die viel existentieller werden kann als jede Finanzkrise.

Der eine Souverän belauert den anderen, der Druck der Märkte ringt mit dem Druck der Straße; besonders in Europa ist das ein ungleiches Spiel geworden. Seit dem 14. Januar 2009, seit Standard & Poor's griechische Staatspapiere abstrafte, bestimmen die Märkte die Richtung und das Tempo der europäischen Integration. Sie wollen immer größere Rettungsschirme, sie wollen einen Bail-out, sie wollen die Absicherung ihrer Forderungen, sie wollen eine europäische Zentralbank, die unbegrenzt Staatsanleihen aufkauft, sie wollen zusammengestrichene Staatshaushalte, sie wollen Arbeitsmarktreformen wie in Deutschland, sie wollen Lohnsenkungen wie in Deutschland, und sie wollen gleichzeitig, dass diese entmündigten, rezessiven Staaten ihnen die Aussicht auf sattes Wachstum bieten.

Und das passiert in einem Europa, in dem der echte Souverän nicht weiß, wie viel Europa er eigentlich will. Die Regierenden in Europa wissen das auch nicht, und das macht sie zu Getriebenen der Märkte. Sie haben kein gemeinsames Europa-Modell, sie setzen die simpelsten demokratischen Grundregeln außer Kraft, um handlungsfähig zu bleiben. Sie müssen tricksen und Verträge verbiegen, um den Euro nicht zerbrechen zu lassen.

Die Kluft zwischen Regierenden und Regierten - in jeder Demokratie ein Problem - wird in Europa vertieft durch das Misstrauen zwischen den Europäern und allen Gremien, die in ihrem Namen die Krise zu bändigen versuchen.

Misstrauen untereinander bestimmt auch das Handeln der Regierenden, besonders die Bundesregierung traut den Märkten mehr als den Regierungen der Krisenländer, sie findet den Zwang von Zinsen überzeugender als Reformversprechen. Misstrauen bestimmt auch das Verhältnis der Regierenden zu ihren Wählern, es ist inzwischen üblich, wichtige Entscheidungen hinter den Wahltermin zu verschieben und aus den Wahlkämpfen herauszuhalten. Das Vertrauen in die ökonomische Urteilskraft des Souveräns ist nicht sehr groß. Wenn Abgeordnete schon kaum noch verstehen, welche Rettungsschirme sie beschließen, wie viel Milliarden sie wohin verschieben, wie groß die Inflationsgefahr ist, was Target, Derivat, Leverage und Verbriefung ist, was soll man da von Bürgern verlangen? Wer als Souverän die Grundprobleme der Euro-Krise verstehen will, müsste jeden Tag mindestens die Wirtschaftsteile von "SZ" oder "FAZ" lesen, eine Talkshow pro Woche reicht da nicht aus.

In dieser Fundamentalkrise stößt demokratische Willensbildung an ihre Grenzen, aber schon in den Jahrzehnten der Verschuldung ist deutlich geworden, dass Demokratien ein gestörtes Verhältnis zu Geld haben.

Begründungen für neue Schulden gab es immer: Mehr Arbeitsplätze, bessere Bildung, soziale Gerechtigkeit, das waren die Schlagworte, und die nächste Wahl war nie weit entfernt. Was auf kommunaler Ebene Buslinien oder Spielplätze, das sind auf Länderebene Lehrerstellen oder Umgehungsstraßen und auf Bundesebene Panzer oder Konjunkturpakete.

Es gibt gute Schulden, es gibt schlechte Schulden, aber auch gute Schulden müssen ständig bedient werden. Wer sich genauer anschaut, welche Staaten sich in welchem Maße verschulden und entschulden, entdeckt beunruhigende Korrelationen: Je öfter Regierungen wechseln und je pluralistischer sie sind, desto schneller steigt die Verschuldung und desto schwerer fällt die Entschuldung. Je mehr Demokratie, desto lockerer sitzt das Geld. Noch lockerer sitzt es nur in Diktaturen.

Um eine Regierung auch für die Schulden ihrer Vorgänger verantwortlich zu machen, gibt es Schuldenbremsen in Demokratien, zu Helmut Schmidts Zeiten etwa die Vorschrift im Grundgesetz, die Summe der Kredite dürfe die Summe der Investitionen nicht überschreiten, oder in Europa die Bestimmungen des Maastrichter Vertrags, Schulden nur in Höhe von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anhäufen zu dürfen.

Funktioniert haben solche Schuldenbremsen bisher zu keiner Zeit in keinem Land. Von 2016 an, so sehen es neue Bestimmungen in Deutschland vor, darf der Bund neue Schulden in der Regel nur noch in der Höhe von 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts machen; die Euro-Staaten haben sich auf eine ähnliche Regelung verständigt, die aber nur in Kraft tritt, wenn alle nationalen Parlamente ihnen zustimmen.

In einigen Staaten entflammt schon jetzt Widerstand gegen die Begrenzung der Neuverschuldung. Die italienische Regierung weigert sich, von der EZB geforderte Einsparungen umzusetzen und eine Klausel zu verabschieden für automatische Ausgabenkürzungen. Die portugiesische Regierung nahm angekündigte Kürzungen nach Massenprotesten wieder zurück. Spanien wird das vereinbarte Defizitziel verfehlen, statt 6,3 Prozent wird das Defizit voraussichtlich bei 7,4 Prozent liegen, eigentlich dürfen Euro-Staaten jährlich nur neue Schulden in Höhe von 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufnehmen.

Was die Sanierer in den Krisenländern skeptisch werden lässt, ist die Abwärtsspirale, die durch drastische Haushaltskürzungen, Strukturreformen und Lohnsenkungen ausgelöst wird. Die private und öffentliche Nachfrage bricht ein, die Wirtschaft schrumpft - mehr Arbeitslose, weniger Staatseinnahmen, höhere Verschuldung. In Spanien ist die Arbeitslosenquote seit Anfang 2007 nach fünf Sparpaketen von 8 Prozent auf 25,8 Prozent gestiegen, die Schuldenquote hat sich verdoppelt. In Portugal ist die Arbeitslosenquote in vier Jahren um fast 100 Prozent gestiegen und die Schuldenquote von 72 auf 114 Prozent. In Griechenland hat sich - nach Haushaltskürzungen, die höher waren als zehn Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes - die Arbeitslosenquote mehr als verdreifacht und die Schuldenquote von 113 Prozent auf 160 Prozent erhöht.

Diese Horrorzahlen treiben nicht nur die Leute auf die Straße, sondern auch Politiker und Ökonomen gegeneinander: Da ist er wieder, der alte Streit zwischen Angebots- und Nachfragegläubigen. Erst wenn die Haushalte saniert, die Steuern niedrig und die Löhne gedrückt sind, kann es wieder Wachstum geben, sagen die einen; wer die öffentliche und die private Nachfrage so radikal beschneidet, treibt die Länder in die Rezession und die Schulden weiter nach oben statt nach unten, sagen die anderen. Das durchschnittliche Wachstum in Europa ist kontinuierlich gesunken und lag 2011 nur bei 1,4 Prozent, im laufenden Jahr dürfte die Wirtschaft schrumpfen.

Wachstum ist für verschuldete Staaten eine von vier Möglichkeiten, sich zu entschulden. Die Haushalte zu sanieren durch Kürzungen und Steuererhöhungen ist eine andere. Der Schuldenschnitt ist die dritte Option, also den Bankrott zu erklären und die Schulden zumindest teilweise nicht mehr zu bedienen. Der vierte Weg: Inflation, also klammheimliches Abschmelzen der Schulden auf Kosten der Sparer und Konsumenten. Drei bis vier Prozent Geldentwertung im Jahr ist allerdings in Deutschland politisch kaum noch zu vertreten, in den USA und in anderen Ländern schon eher. In Europa versuchen es die Länder derzeit deshalb - auf deutschen Druck hin - mit harten Sparprogrammen.

Weil Regierungen sich uneins sind, treten Organe an ihre Stelle, die nun zu Ersatzregierungen werden: die Notenbanken.

Der Beschluss der Europäischen Zentralbank, unbegrenzt Anleihen europäischer Staaten aufzukaufen, ersetzt politische Lösungen, für die in den Regierungen und Parlamenten der Euro-Staaten im Moment keine Mehrheit zu finden ist. Der Beschluss der amerikanischen Federal Reserve, wieder unbefristet Hunderte Milliarden Dollar in die Märkte zu pumpen, um Wirtschaftswachstum zu stimulieren, erklärt sich aus der Unfähigkeit von Demokraten und Republikanern, sich auf einen Kompromiss zu verständigen zwischen Schuldenbegrenzung und Konjunkturprogrammen. Geld zu drucken ist auf beiden Seiten des Atlantiks die letzte verzweifelte Antwort, also noch einmal - wie in einer Wette - Hunderte von Milliarden zu setzen.

Was vor vier Jahren mit dem Platzen einer Kreditblase auf dem Hypothekenmarkt begann, wird durch immer neue Schulden in Billionenhöhe bekämpft und pumpt so die nächste, noch größere Kreditblase auf.

Die frischen Billionen kreisen um die Welt auf der Suche nach Rendite, aber in die Realwirtschaft fließt das Geld nur zum kleinen Teil, Investitionen in neue Produktionsanlagen werfen geringere Renditen ab. Die Billionen schwappen von einem Finanzmarkt zum anderen, vom Devisenmarkt zum Rohstoffmarkt, vom Goldmarkt zu den Börsen und zurück.

Weil die Billionen nicht in der Realwirtschaft ankommen, ist die Inflationsgefahr im Moment kleiner, als die Bundesbank und ihr Präsident glauben machen wollen. Aber jeder Sparer und Lebensversicherte zahlt für die Niedrigzinspolitik der Notenbank mit einem Niedrigzins. Wenn Notenbanken über lange Zeit die Zinsen nahe null halten, was sie seit Jahren tun, dann benachteiligen sie kleine Sparer und bevorzugen große Anleger, Zocker und Banken, die sich günstig verschulden und das Geld profitabel anlegen können.

Wer und was hat denn nun die Welt "in die Scheiße geritten", und wie kommt sie da wieder raus? Investmentbanker sind für Helmut Schmidt die Schuldigen, das wird nicht überraschen, jene Manager und Banker, die die Welt überschwemmten mit wertlosen Wertpapieren und sich lange mit Staatsanleihen von Krisenstaaten eindeckten; die ihre zu hohen Risiken mit viel zu wenig Eigenkapital absicherten und deshalb mit Steuergeldern gerettet werden mussten. Banken sind immer noch das Zentrum aller Probleme auf den Finanzmärkten, sie müssen immer noch mit Geld versorgt werden, sie sind immer noch systembedrohend.

Und die, die sie so mächtig werden ließen, sind all jene Politiker und Regierungen, die Finanzmärkte zu sehr entfesselten, die Risiken zu oft vergesellschafteten, die Staaten zu hoch verschuldeten, all jene, die Kommunen, Bundesländer und Staaten in die Unmündigkeit führten. "Der Markt" ist kein Treffen von Sachverständigen, er ist nicht die letzte Instanz der kollektiven Vernunft, er ist eine Orgie der Unvernunft, der Willkür, der Verschwendung, des Egoismus. "Die Demokratie" ist keine Veranstaltung von Staatsbürgern, kein Fest des Altruismus und der Weitsicht, sie ist der Versuch, verschiedene Interessen möglichst friedlich zu Entscheidungen zu bündeln.

Markt und Demokratie sind zusammen das, was gern "das System" genannt wird. Das System hat Banker und Politiker getrieben und gelockt, die Welt in die Scheiße zu reiten - so könnte man argumentieren, wenn sie nicht auch das System wären. Und wir könnten es wegfegen, wenn wir ein besseres hätten.

So bleibt nur der unverhüllte Blick auf das System: Zu den Nebenwirkungen der Krise gehört, dass alle ideologischen Hüllen verbrannt sind. Wahrheiten über die Rationalität von Märkten und über die Symbiose von Markt und Demokratie sind verglüht.

Die europäische Depression ist nur das Vorspiel, dahinter lauert das japanische Desaster: Das Land ist mit 230 Prozent verschuldet und die Regierung darauf angewiesen, dass die Opposition der Ausgabe neuer Staatsanleihen zustimmt. Und dahinter lauert der amerikanische Abgrund, das Schuldendrama der nächsten Monate, der Showdown, das Duell zwischen Demokraten und Republikanern darum, wer den Staatsbankrott dem anderen anlasten kann.

Und dahinter wird der Blick frei auf die drei großen Probleme im finanzgetriebenen, demokratisch verfassten Kapitalismus: Wie kann, erstens, eine hochverschuldete Wirtschaft wachsen, wenn ein großer Teil der Nachfrage in der Vergangenheit auf den Krediten basierte, die nun abgebaut werden sollen?

Das zweite große Problem des modernen Kapitalismus: Wie sollen die entfesselten Finanzmärkte wieder eingefangen werden, wie sollen die G-20-Staaten gemeinsame Regeln finden für Großbanken, die ihre Geldgeber und Gläubiger sind, und für Märkte, die diese Staaten über die Zinsen abstrafen und belohnen? Wie viel Freiheit brauchen Finanzmärkte, um der globalen Weltwirtschaft als Schmiermittel zu dienen, welche Grenzen brauchen sie, damit Banken, Schattenbanken und Hedgefonds nicht zum Systemrisiko werden?

Das dritte Problem: Wie vermitteln die Regierenden zwischen der Macht der beiden Souveräne, wie verschaffen sie den Bürgern wieder Vorrang vor den Gläubigern, wie funktioniert Demokratie in hochverschuldeten Staaten? Wie können Politiker regieren, ohne die Staaten weiter zu verschulden, wie können sie Staaten entschulden? Wie können sie überhaupt noch regieren in diesem Gefängnis der Schulden? In der Vergangenheit wurden die Einnahmen der Zukunft verpfändet, in Kommunen, Bundesländern und im Bund. Das macht es nun so schwierig, die Gegenwart und die Zukunft zu gestalten. Im Bundeshaushalt sind nur noch knapp über 20 Prozent des Etats wirklich politisch verfügbar, als Helmut Schmidt in der Regierung saß, waren es noch 40 Prozent.

Die Welt steckt immer nur auf den ersten Blick in einer Schuldenkrise, einer Finanzkrise, einer Euro-Krise. Tatsächlich steckt sie in einem gewaltigen Transformationsprozess, mitten in einer tiefgreifenden Veränderung eines krisenhaften und verschuldeten Systems, die geeignet ist, uns arm zu machen, unseren Wohlstand, soziale Sicherheit und Demokratie zu zerstören, mitten in einer Umwälzung, die sich hinter dem Rücken der Handelnden vollzieht.

Es ist eine große Wette, die da läuft, ein Billionenpoker zwischen denen, die sich mit Notenbankengeld Zeit erkaufen und glauben, so weitermachen zu können wie bisher; und den anderen, die sich ängstigen vor der größten Kreditblase der Geschichte, die nach Auswegen suchen aus dem Pumpkapitalismus.

Bruce Willis rettete das Gold der Welt, und Helmut Schmidt setzte die Schuldenspirale in Gang.

Dieser Text basiert auf einem Kapitel des Buchs "Billionenpoker - Wie Banken und Staaten die Welt mit Geld überschwemmen und uns arm machen", herausgegeben von Ullrich Fichtner und Cordt Schnibben. SPIEGEL-Buch bei DVA, München; 304 Seiten; 19,99 Euro.


DER SPIEGEL 46/2012
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