12.11.2012

PATENTEAngriff der Toner-Klone

In deutschen Büros sind gefälschte Druckerkartuschen weitverbreitet - oft getarnt als umweltfreundliche Recycling-Ware.
So etwas sehen auch Polizisten selten: eine Lagerhalle, randvoll mit heißer Ware. Die Kisten stapelten sich rund sechs Meter hoch und waren gefüllt mit gefälschten Druckerpatronen. Drei Sattelschlepper waren nötig, um die Asservate abzutransportieren.
Die Beamten des Offenbacher Betrugsdezernats hatten im Juli eine Fälscherwerkstatt im benachbarten Obertshausen hochgenommen. Der Verdacht: Leere Kartuschen wurden mit minderwertigem Farbstoff gefüllt, sie waren der Originalware von Unternehmen wie HP, Samsung oder Brother zum Verwechseln ähnlich. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Darmstadt, der Fall zeige "eine neue Dimension", so die Offenbacher Polizei.
Bislang waren derartige Plagiate überwiegend aus China bekannt, mittlerweile werden sie sogar in Deutschland hergestellt und finden massenhaft Abnehmer. In Büros und Arbeitszimmern sind nachgebaute Tintenpatronen und Tonerkartuschen auf dem Vormarsch, oft werden sie über Internethändler in den Verkehr gebracht. Der europäische Markt werde von patentverletzender Billigware aus Fernost überschwemmt, beobachtet der Fachdienst "Digital Imaging".
Die Flut der falschen Farben bedroht das besondere Geschäftsmodell, das die Druckerhersteller durchgesetzt haben. Sie verschleudern ihre Geräte samt Erstausstattung von Toner oder Tinte - das Bombengeschäft aber machen sie mit dem Verkauf der sündteuren Ersatzkartuschen oder -patronen: Hier beträgt ihre Marge bis zu 90 Prozent (siehe Grafik).
Die Originalhersteller beherrschen ungefähr vier Fünftel des Geschäfts in Deutschland. Der Rest des legalen Markts verteilt sich auf unabhängige, das Patentrecht achtende Unternehmen wie Pelikan oder KMP sowie Anbieter von recycelter Ware, denen eine besonders raffinierte Betrugsvariante zu schaffen macht.
Die Fälscher tarnen die Plagiate als wiederaufbereitete Produkte, in Wahrheit sind sie nagelneu. Der Kunde soll glauben, er habe mit seinem Schnäppchen sogar noch etwas Gutes für die Umwelt getan. In der Branche werden solche patentverletzenden Neuprodukte als "Toner-Klone" bezeichnet.
Die Mitarbeiter des Recycling-Unternehmens Embatex stoßen bei ihrer Arbeit zunehmend auf solche Machwerke. In der Fabrik im österreichischen Feldkirchen werden benutzte Kartuschen gereinigt und neu befüllt. Der Anteil der Ware, der ausgemustert werden muss, weil er sich als Imitat entpuppte, sei in kurzer Zeit um 60 Prozent gestiegen, berichtet Embatex-Chef Christian Wernhart. "Wir sind die unfreiwilligen Entsorger von chinesischen Klonen", ärgert er sich.
Zu erkennen sind die Fälschungen vor allem am Preis. Eine Originalkartusche für den HP Laserjet 2055 beispielsweise kostet rund 120 Euro. Wer im Internet nach "kompatiblem Toner" für den Drucker sucht, findet Angebote für weniger als 20 Euro.
Manche funktionieren tadellos. Bei anderen dagegen treten schnell schwere Probleme auf.
Dann passen Konsistenz und Schmelzpunkt des Toners nicht zum Gerät, das Druckbild zeigt Schlieren, schlimmstenfalls wird die Bildtrommel zerstört. Und das Umwelt-Prüfsiegel "Blauer Engel", mit dem viele Drucker ausgezeichnet wurden, verliert seine Aussagekraft.
Zu den Käufern gefälschten Materials gehört sogar die öffentliche Verwaltung. Eine rheinland-pfälzische Behörde habe in einer Ausschreibung für Tonerkartuschen für Lexmark-Drucker ausdrücklich "neue Produkte anderer Hersteller" einbezogen, berichtet Wernhart. Für diese Artikel existierten aber keine autorisierten Nachbauten auf dem Markt. Selbst professionellen Einkäufern fehlt es nach Meinung des Embatex-Chefs mitunter am Fachwissen, legale von illegaler Ware zu unterscheiden.
Der Branchenverband Etira, an dessen Spitze Wernhart steht, will sich nun juristisch gegen Klon-Distributeure zur Wehr setzen und sie abmahnen lassen. Auch die Originalhersteller werden aktiv: Der Marktführer HP arbeitet weltweit mit Sicherheitsorganen zusammen, um Fälschern auf die Spur zu kommen. In den vergangenen Jahren wurden nach Auskunft von HP acht Millionen Zubehörteile beschlagnahmt.
Gleichzeitig bringt die Industrie Patentanwälte in Stellung. Anfang Oktober erst hat Canon einen Streit mit einem deutschen Händler außergerichtlich beendet: Der Importeur darf keine Patronen mehr anbieten, die ein Canon-Patent verletzen, ansonsten droht Schadensersatz.
Am Ende aber hängt alles davon ab, wie sich der Verbraucher verhält: Ob er weiterhin Imitate aus dubiosen Quellen bezieht und das Risiko des Totalschadens in Kauf nimmt. Dann könnte der Druckerindustrie das eigene Geschäftsmodell zur Falle werden. Ein neues Gerät inklusive Zubehör kostet schließlich nicht die Welt.
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 46/2012
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