12.11.2012

BUCHMARKTHommnipräsent

Ein Münchner Verlag hat sich auf Kurzzeit-Erfolge mit Büchern von Kurzzeit-Prominenten spezialisiert. Jüngster Fall: der Ex-Finanzjongleur Florian Homm.
Christian Jund, Chef der Münchner Verlagsgruppe (MVG), ist äußerst flexibel in seinen Aussagen. Wenn es etwa um Absprachen zur Exklusivität oder um Auflagenhöhen seiner Werke geht, sollte man die Angaben des umtriebigen Bayern nicht immer allzu ernst nehmen. Was ist von so einem Manager zu halten, wenn er sagt, dass sein neuer Autoren-Star nur "ultra-limitiert" den Medien zur Verfügung stehe?
Genau. In einer selten derart lautstark orchestrierten Aktion erschreckten am Donnerstag vergangener Woche "Stern" und "Frankfurter Allgemeine", "Financial Times Deutschland" und auch SPIEGEL ONLINE ebenso gleichzeitig wie weltexklusiv ihre Leserschaft mit den Geständnissen eines gewissen Florian Homm.
Der 53-jährige Finanzjongleur war fünf Jahre lang untergetaucht, weil er Gelder seiner Anleger veruntreut oder wenigstens verbrannt haben soll. Nun also meldete er sich mit einer Art medialem Rundumschlag zurück - und riss dabei fast die gesamte hiesige Presse (es fehlten eigentlich nur "Yps" und "taz") in einen Taumel hysterischer Undercover-Gefühle.
Weil der "Stern" zur Überraschung der anderen plötzlich mit dem Interview an die Kioske drängte, musste die Konkurrenz schnell nachlegen. Der "Süddeutschen Zeitung" blieb offenbar nur ein Telefonat mit dem Wirtschaftsflüchtling Homm. "Euro am Sonntag" hastete dem eigenen Wochenend-Starttag voran und verbriet das Homm-Treffen online.
Für die kurzfristige Atemlosigkeit bekamen die Journalisten aber auch eine gute Show geboten. Ein "Stern"-Mann schilderte, was man als journalistischer Biedermann auf der Jagd nach dem Brandstifter Homm alles durchmachen musste: erst eine SMS von einem Prepaid-Handy, dann eine Schnitzeljagd durch diverse Hotels in einer ultrageheimen europäischen Hauptstadt und am Ende sogar Homm-Bodyguards, die den Reporter nach "Waffen, Wanzen und Knopflochkameras" absuchten. Andere Blätter verrieten fröhlich, dass man Homm in Paris getroffen habe.
Mehr Undercover war jedenfalls selten, auch wenn andere Medien beleidigt auf die Hommnipräsenz reagierten: Das "Handelsblatt" erklärte seinen Lesern, dass es den Finanzhai ja auch hätte angeln können, aber dann doch verzichtet habe. Von "Zensur" war die Rede, von einer dubiosen "Vertragsstrafe" und von "Leibesvisitationen". In ihrer Online-Ausgabe waren der Düsseldorfer Wirtschaftszeitung Homms angeblich selbstverfasste Memoiren dann nur noch drei Geschichten wert. Strafe muss sein!
MVG-Chef Jund dürfte selbst das gefallen haben. Sein Geschäftsmodell lässt sich etwa so beschreiben: Er provoziert Kurzzeit-Hysterie mit Kurzzeit-Enthüllungen von Kurzzeit-Stars. Das wiederum befeuert einen Kurzzeit-Markt, der Produkte seines Verlags für ein paar Wochen in die Charts presst. Jund produziert damit weniger Best- als Schnellseller.
Normalerweise erscheinen in seiner Verlagsgruppe Bücher von filigranem Mehrwert wie "Fit ohne Geräte", "2012 - 2016 Weltkrise und Neubeginn" oder das "Edelmetall Handbuch". Doch vor allem Junds Sub-Verlag Riva hat das neue Rezept mittlerweile perfektioniert: Zuletzt erschienen dort die groschenheftelnden Memoiren von Ex-Bundespräsidentengattin Bettina Wulff. Auch Rudolf Assauers Buch über seine Alzheimer-Erkrankung war ein Fall für Riva.
Bei Wulff dachte der "Stern" offenbar, er hätte die Dame exklusiv. Am selben Tag veröffentlichten dann allerdings auch "Bunte", "Gala" und "Brigitte" ebenfalls sehr exklusive Gespräche über die Probleme der einstigen First Lady mit Magenschmerzen und Ehemann, hellhörigen Hotelwänden und dem schlimmen Politikbetrieb - ultra-limitiert natürlich.
All das Getrommel hat Riva bislang zwar Aufmerksamkeit, aber nicht unbedingt Reichtümer gebracht: Wulffs Werk verkaufte sich bisher dem Vernehmen nach keine 40 000-mal - bei einer prahlerischen Startauflage im sechsstelligen Bereich. Fünf Wochen lang hielt sich das Buch in der SPIEGEL-Bestsellerliste - immerhin länger als manch andere Kurzfrist-Bibel. Verleger Jund will die Anzahl der bisher verkauften Wulff-Exemplare nicht nennen oder kommentieren. Aber für ihn steht fest: "Das war das extremste Buch dieses Jahres." Er glaubt ganz offensichtlich an die Macht von Memoiren.
Ob Philipp Lahm, Oliver Kahn, Bushido oder Arnold Schwarzenegger, ob Dieter Bohlen oder Jörg Kachelmann - Erinnerungen sind der letzte (und lauteste) Schrei im Verlagsgeschäft: Die Bücher rücken kurzfristig auf die Titelseiten und werden Tagesthema, geraten dann aber in vielen Fällen ähnlich schnell wieder in Vergessenheit.
Womöglich kommt es am Ende doch auf etwas verrückt altertümlich Anmutendes an: den Inhalt? Marcel Reich-Ranickis Autobiografie "Mein Leben" aus dem Jahr 1999 verkauft sich bis heute kontinuierlich gut.
Von Martin U. Müller

DER SPIEGEL 46/2012
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