12.11.2012

FRANKREICHDie Königstochter

Mazarine Pingeot ist das uneheliche Kind von François Mitterrand. Sie hat ein Buch über ihre Kindheit geschrieben - und über eine Zeit, in der die Privatsphäre noch tabu war.
Sie weiß, ihre Geschichte klingt ungeheuerlich, als entstammte sie einem Märchen, und sie erzählt sie voller Nachsicht, sie ist daran gewöhnt, dass ihr Unverständnis entgegenschlägt.
Mazarine Pingeot ist aufgewachsen als die uneheliche heimliche Tochter François Mitterrands, des französischen Präsidenten, ihre Existenz war eines der bestgehüteten Staatsgeheimnisse Frankreichs.
Sie und ihre Mutter sind die Zweitfamilie des französischen Präsidenten, damals nach seiner Wahl 1981. Niemand darf erfahren, dass es sie gibt, und deshalb darf das Mädchen Mazarine auch niemandem erzählen, wer ihr Vater ist.
Abends kommt der Präsident meist zu ihnen nach Hause, die Sonntagabende verbringt er bei seiner offiziellen Familie, bei den Söhnen und bei Danielle, der First Lady, mit der ihn schon lange nur noch Freundschaft verbindet.
Es herrscht ein Pakt des Schweigens an der Spitze des Staates, und obwohl Politiker, Beamte und Journalisten von der Tochter des Präsidenten wissen oder munkeln, kommt die Wahrheit erst im 13. Jahr von Mitterrands Präsidentschaft ans Licht.
Mazarine ist 19 Jahre alt, als sie aus ihrer Schattenwelt herausgerissen und plötzlich der Welt vorgeführt wird: "Paris Match" erscheint mit einem Paparazzi-Foto von ihr und dem Präsidenten auf der Titelseite. "Meine Entdeckung", nennt sie das ironisch.
Mazarine Pingeot ist eine hübsche, mit ihren 37 Jahren jung und zerbrechlich wirkende Frau in einem rosa Rollkragenpulli. Sie sieht ihm ähnlich, die hohe Stirn, die Nase, die Lippen. Sie sitzt in einem Büro ihres Verlagshauses nahe des Pont de l'Alma in Paris, und wenn sie erzählt, liegt eine große Eindringlichkeit in ihrem Blick, ihre Stimme klingt rauchig.
"Natürlich habe ich mich damals gefragt, wen er mehr liebt, die oder uns", sagt sie. "Aber er stimmte mit seinen Füßen ab. Er war ja da. Er traf auch seine andere Familie regelmäßig. Alle wussten voneinander."
Sie hat ein Buch über ihre seltsame und erdrückende Kindheit geschrieben, es heißt "Bon petit soldat", braver kleiner Soldat. Damit ist sie selbst gemeint, ein Mädchen, das im Gefühl aufwächst, seine Eltern schützen zu müssen, und das eine Last trägt, die ihm zu groß ist.
Die Geschichte des Mädchens Mazarine steht wie keine andere für eine Zeit, in der französische Politiker in ihrem Privatleben machen konnten, was sie wollten. Es war eine Zeit, in der das Privatleben großzügigen Schutz genoss. Als am 3. November 1994 bekannt wurde, dass der Präsident in all den Jahren eine Zweitfamilie gehabt hatte, fanden zwar viele Franzosen, das gehe ein bisschen weit. Aber sie trugen es ihm nicht nach.
"Die Franzosen sind ein wenig seltsam", sagt Mazarine. "Die fanden das romantisch."
Seitensprünge waren in Frankreich kein Grund, Politiker aus dem Amt zu jagen. All das wurde schnell verziehen.
Natürlich konnte das Geheimnis um Mazarine nur bewahrt werden, weil dies eine Zeit ohne Twitter, ohne Klatschseiten im Internet war. Seither ist die Welt auch in Frankreich eine andere. Nicolas Sarkozy inszenierte die Trennung von seiner Frau Cécilia sowie die Liebesgeschichte mit Carla Bruni als kitschige Seifenoper. Und die Affäre um Dominique Strauss-Kahn hat das Verhältnis der Franzosen zum Privatleben ihrer Politiker wohl für immer verändert. François Hollande muss nun damit leben, dass alle über die Eifersuchtsdramen zwischen seiner jetzigen und seiner ehemaligen Partnerin im Detail informiert sind.
Als Mazarine zur Welt kommt, am 18. Dezember 1974, hat ihr Vater gerade den Präsidentschaftswahlkampf gegen Valéry Giscard d'Estaing verloren. Schon als Kleinkind merkt sie, dass er ein wichtiger Mann ist, sie sieht ihn dauernd im Fernsehen. Als er zum Präsidenten gewählt wird, ist sie sechs Jahre alt. Ihre Mutter weint an diesem Abend: "Sie fürchtete, dass alles zu Ende gehen würde. So war es ja dann nicht."
Am nächsten Tag, in der Schule, schreit das Mädchen seinen Stolz in den Pausenhof hinaus. Vater ist der stärkste Mann der Welt, schreibt sie, alle sollen wissen, wer er ist. Die Lehrer sind peinlich berührt, benachrichtigen die Mutter, und die bringt ihrer Tochter noch am selben Abend, "so nett es nur geht" bei, dass sie über ihren Vater nicht mehr außerhalb der eigenen vier Wände sprechen darf. Sie versteht und bleibt fortan stumm. Es sei, schreibt sie, ein erniedrigendes Erlebnis gewesen.
Mutter und Tochter müssen aus ihrer vertrauten Wohnung im 6. Arrondissement aus Sicherheitsgründen in eine andere wechseln, am Quai Branly, an der Seine, beim Eiffelturm, bezahlt vom Staat und bewacht von Elite-Gendarmen.
Während der nächsten Jahre wächst Mazarine im Bewusstsein auf, ein großes Geheimnis zu hüten, sie fühlt sich "wie eine Agentin", die dauernd ihre Identität wechseln muss, schreibt sie. Sie hätte es als Spiel sehen können, aber das gelang ihr nicht. Wenn sie heute an der alten Wohnung vorbeifahre, sagt sie, verspüre sie immer noch einen Stich. Sie empfand sie als Gefängnis.
Dass ihr Vater der Präsident ist, versteht sie von klein auf, es ist normal für sie - das ist nun einmal sein Beruf. Als sie Teenager ist, lädt er sie manchmal in den Elysée ein, zum Abendessen. Sie betritt den Palast durch den Hintereingang und die Küche. "Wenn ich dort war, fühlte ich immer eine Beklemmung", sagt sie. "Schließlich war der Elysée gerade der Ort, an dem ich nicht sein sollte. Mich durfte es ja eigentlich nicht geben dort."
Sie schreibt von einer komplizierten Beziehung aus Nähe und Distanz zu ihrem Vater. "Man stellte François Mitterrand keine Fragen. Er gab niemandem Rechenschaft." So stellte sie ihm auch nie die Frage aller Fragen: Warum er sich nicht entscheiden könne. Sie wuchs auf mit dieser Situation, die sie "das Arrange-
ment" nennt. Sie sagt: "Es war mein Leben. Ich habe lange gebraucht, um zu merken, dass das nicht normal ist."
Mitterrand lernte ihre Mutter, Anne Pingeot, kennen, als er schon 45 war und sie erst 18. Er war verheiratet und Familienvater, sie eine Tochter aus bürgerlichem Hause. Eine große Liebesgeschichte begann, doch Mitterrand wollte seine Ehefrau nicht verlassen.
"Er war kein Mann, der sich trennte", sagt Mazarine. "Er war einer, der sich Menschen bewahrte." Sie sagt, dass das Versteckspiel für ihre Mutter etwas Romantisches hatte. Das "Arrangement" wahrte aber auch nach außen den Schein, es half Mitterrand, Karriere zu machen. Und dem Präsidenten sagte dann endgültig niemand mehr, was er in seinem Leben zu tun und zu lassen hatte. Das tut man nicht in Frankreich, nicht gegenüber dem gewählten König.
Mazarine fühlt sich "zugleich wie eine Prinzessin und das ungewollte hässliche Entlein", erzählt sie. Sie hatte das Gefühl, dass die Welt ihr verschlossen sei, sie litt darunter, nie die Wahrheit über sich selbst erzählen zu dürfen.
Als Teenager rebelliert sie nicht, denn "eine Rebellion hätte zu einer Staatsaffäre führen können". Sie kehrte die Wut auf die Welt gegen sich selbst. Sie beschreibt in ihrem Buch, wie sie von Depressionen heimgesucht und krankhaft dünn wird. Ein verlorenes Mädchen mit einem mächtigen, weit entfernten Vater, der ihren Schmerz nicht versteht, der ihn nicht einmal wahrnimmt, obwohl sie ihn gelegentlich fragt: "Findest du mich eigentlich dick?"
Aus dieser Welt, die sie als Reich des Schattens beschreibt, wird sie hinauskatapultiert, als ihr Bild in "Paris Match" erscheint. Ein Jahr später stirbt Mitterrand, und an seinem Grab stehen im Januar 1996 seine beiden trauernden Familien nebeneinander. Es ist ein bizarres Bild. Alle Blicke liegen auf dieser jungen, unbekannten Tochter.
Mazarine sagt, sie sei damals zu einer Sensation geworden, mit ihrem ungewöhnlichen Namen habe sie sich nirgends mehr verstecken können, es sei plötzlich so gewesen, als ob ihre Kindheit, ihr Leben allen Franzosen gehöre. Das Buch sei ihr Weg, die Deutungshoheit zurückzugewinnen.
Sie hat viel über die französischen Politikerskandale der vergangenen Jahre nachgedacht. Der Fall Strauss-Kahn, sagt sie, sei faszinierend, aber er habe mit ihr nichts zu tun, obwohl auch da ein Mann in seinem Privatleben tat, was er wollte. Sie sagt, es gehe dabei schließlich um ein Verbrechen. Das sei etwas anderes. Mit den Kindern von François Hollande, über die nun alle Welt weiß, dass sie nicht mehr mit der Lebensgefährtin ihres Vaters sprechen, hat sie Mitleid. Das müsse "ein Alptraum" sein.
Sie bedauert, dass Politiker heute auch in Frankreich keine Privatsphäre mehr haben: "Das führt zu einer Entwertung der Politik und der Ämter, die schlimm ist." Sie selbst wünsche sich trotz ihrer komplizierten Kindheit kein anderes Leben. "Im Verborgenen aufzuwachsen hat mich vor vielem bewahrt", sagt sie. "Ich weiß nicht, ob es in der Öffentlichkeit besser gewesen wäre."
Ein Paradox ihres Lebens besteht darin, dass sie, die einst Unsichtbare, heute die bekannteste Vertreterin ihres Vaters ist. Sie ist es, die als Schriftstellerin und Journalistin in der Öffentlichkeit steht, und sie war es, die bei Wahlkampfveranstaltungen von François Hollande oft in der vordersten Reihe saß.
Zu seiner Amtseinführung hat Hollande sie in den Elysée geladen, es ist das erste Mal nach all den Jahren, dass sie zurückkehrt, und als sie sich auf den Weg macht, merkt sie, dass sie gar nicht weiß, an welcher Metrostation sie aussteigen muss. Sie weiß nicht, wo der Elysée ist, als wäre er ein verwunschenes Schloss.
An diesem Tag betritt sie den Präsidentenpalast durch das Hauptportal.
(*) Bei seiner Amtseinführung 1981 in Paris.
Von Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 46/2012
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