12.11.2012

FEMINISMUSDer Trick mit den Busen

Die erste Frauenquote Deutschlands wurde 1980 von der Belegschaft der „taz“ beschlossen. Der heutige SPIEGELRedakteur Michael Sontheimer über den Aufstand der Frauen.
Das war sogar für die "taz" ziemlich harter Stoff: "Ich sinke in den Sessel zurück, die geile, junge Sau ist auf dem Sofa zusammengesackt, atmet noch schwer. Mit dem Fuß dränge ich ihre Schenkel auseinander. 'So eine Sau wie Du muss immer ihre Fotze zeigen.' Gehorsam spreizt sie ihre Schenkel, der Saft läuft ihr aus der Spalte, mit den Zehen weite ich spielerisch ihr Loch, fast automatisch erwidert sie den Druck, spreizt sich noch weiter und verfällt in die typisch aufgeilend-fordernden Fickbewegungen."
Der Autor des Artikels war ein Kulturredakteur der "taz", der sich vorsichtshalber "Gernot Gailer" nannte und heute ein Gymnasium in Berlin leitet. Unter dem Titel "Eine Traumfrau zieht sich aus" schilderte er in der Ausgabe vom 12. September 1980 ausführlichst, wie er zwei Frauen nacheinander beschläft.
Außerdem lamentierte er über die "eingefleischte Sexualfeindlichkeit aller Linken". In seiner Leidenszeit bei der "taz" habe er "die Vokabel 'ficken' in höchstens drei Artikeln verwandt, auf die Verwendung von nacktem Bildmaterial (manchmal dachte ich ganz verschämt an einen Mann) bin ich schon gar nicht mehr gekommen".
Gernot Gailer provozierte, ohne es zu wollen, mit seinem Erguss die Frauen der "tageszeitung" zu einer zukunftsweisenden Aktion. Als bald nach seinem Artikel über die "Traumfrau" von einem "taz"-Kollegen ein pornografischer Comic ins Blatt gehievt wurde, traten die "taz"-Frauen in den Streik. Nach einer Woche hatten sie einen bahnbrechenden Beschluss durchgesetzt: 52 Prozent aller Beschäftigten in allen Abteilungen der "taz" hatten künftig weiblich zu sein. Die erste Frauenquote in Deutschland.
Meist dauert es quälend lange, bis richtige Ideen von den kreativen Rändern der Gesellschaft in die trägen Zentren der Macht gelangen. Mittlerweile gibt es sogar in der Bundestagsfraktion der CDU, diesem Bollwerk konservativer Normalität, kein Thema, das verlässlicher für Aufregung sorgt als "die Quote" und deren Variationen.
Und wo nahm das alles seinen Anfang? In einer mit Sperrmüll möblierten Büroetage im Berliner Wedding, wo wir von Anfang 1979 an in berauschender Anarchie die linksradikale "tageszeitung" produzierten, während sich zwischen Stapeln vergilbten Altpapiers Kaffeetassen und Pizzateller mit erlesensten Schimmelkulturen stapelten.
Die Männer hatten lange Haare, die meisten Frauen auch, wir trugen gern Lama-Wollpullover und Palästinenserschals. Wir waren jung - ich war 25 -, und uns beflügelte die Arroganz der späten Adoleszenz. Wir wollten nicht nur mit dem "bürgerlichen Journalismus" aufräumen, sondern propagierten die Revolution auf allen Ebenen, en gros und en détail, politisch und privat. Wie in allen linksradikalen Gruppen waren auch bei der "taz" die Männer in der Mehrheit: etwa 7:3, so sah das Geschlechterverhältnis vor der Zeitenwende aus.
Die "taz"-Frauen waren eher Sozialistinnen als Feministinnen, hatten aber natürlich die jungen Klassiker der Frauenbewegung gelesen - die politische Streitschrift "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen" der Journalistin Alice Schwarzer und die Fibel der Empfindsamkeit, "Häutungen" von Verena Stefan.
Es war der Redakteur Arno Widmann, Gründungsmitglied der "taz", der den Gailer-Text ins Blatt hob. Widmann provozierte grundsätzlich gern, mit Vorliebe die Frauen im Kollektiv. "Titten raus und Stimmung", so betitelte er einen Bericht über ein Jazzkonzert. Damals wollte er, erinnert er sich, vor allem enthüllen, dass die Männer der linken Szene die gleichen sexuellen Phantasien hatten wie alle anderen. Die linken Männer, so Widmann, der inzwischen als Autor bei der DuMont-Gruppe in Berlin arbeitet, seien eben nicht die "neuen Männer" gewesen.
Das Gailer-Traktat hatte eine enorme Wirkung. Feministinnen aus der ganzen Republik kündigten ihre Abonnements und beendeten ihre Zusammenarbeit mit der "taz"-Frauenredaktion. Doch dem Redakteur für Kleinanzeigen, traditionell ein Kaleidoskop der links-alternativen Lebenswelt und Befindlichkeiten, reichte das nicht. Ein paar Wochen nach dem Eklat bestückte er die Seite mit Porno-Comics von Frauen in Lack und Leder, die lustvoll Männer quälten.
Daraufhin marschierte eine Truppe von rund zwanzig Feministinnen in der Redaktion ein und sprühte ein Graffito an die Fassade des Redaktionsgebäudes: "TAZ = Porno = Frauenfeindlich. TAZ-Männer paßt auf eure Schwänze auf!" Daneben malten sie ein Amazonen-Hackebeilchen. Die Arbeitsräume der Layouter und "Säzzer" wurden gründlich mit Buttersäure verpestet.
Am 7. November 1980, knapp zwei Monate nach dem Gailer-Eklat, machte das Blatt mit der Schlagzeile auf: "Erklärung der 'taz'-Frauen: Wir streiken". Im Text hieß es: "Immer wieder haben einige Männer versucht, uns mit nicht abgesprochenen Beiträgen zu provozieren. Wir mussten häufig auf ihren Müll reagieren und Diskussionen eingehen, die wir jetzt und so nicht wollten." In der als "fragmentarisch" bezeichneten Erklärung ist von einem Streik die Rede, "der uns Zeit und Energie gibt, neue Strukturen zu überlegen und zu erarbeiten".
Die "taz"-Frauen trafen sich jeden Vormittag in der Wohnung einer der Wortführerinnen in Neukölln. "Rauchschwaden stehen im Zimmer", hieß es in einem der täglich veröffentlichten Streikberichte, "die Köpfe sind angestrengt von endlosen Sitzungen, weiß Gott, das ist kein Zuckerschlecken hier." Die Gruppe diskutierte nicht nur über Frauendiskriminierung und Pornografie. Im alltäglichen Chaos der "taz"-Redaktion gab es weder ein Redaktionsstatut noch verantwortliche Ressortleiter und schon gar keine Chefredaktion. Die Anarchie sorgte permanent für Konflikte.
Die Frauen diskutierten, wir Männer produzierten. An den Fotosatzmaschinen arbeiteten eigentlich wesentlich mehr Frauen als Männer. Bis auf eine Frau, die den Streik "blöd" fand und weitertippte, mussten nun wir ungeübten Redakteure die Manuskripte erfassen.
Als sich nach einer Woche Streik an einem Samstag die gesamte Belegschaft zu einem Plenum traf, gingen wir Männer längst auf dem Zahnfleisch. An der Stirnwand des Konferenzraums prangte das Verdikt "Porno-taz", eine Hinterlassenschaft des Feministinnenkommandos. Ausnahmsweise hatten sich alle Mitarbeitenden versammelt, auch Kolleginnen und Kollegen aus den westdeutschen Regionalredaktionen waren angereist. Am Kopf des langen, ellipsenförmigen Tischs, der schon der Kommune 1 und dem Sozialistischen Anwaltskollektiv von Christian Ströbele zu revolutionären Beratungen diente, hatten sich vor allem die Frauen postiert.
Gut 15 Frauen saßen oder standen in dem überfüllten Konferenzsaal knapp 40 Männern gegenüber. Wir Männer waren sauer. Das Projekt "taz" stand auch ohne Frauenstreik auf der Kippe. Wir waren im April 1979 mit nur 7000 Abonnenten in die tägliche Produktion gestartet, die verkaufte Auflage lag bei etwa 20 000. Oft konnte der Einheitslohn von 650 Mark netto nicht ausgezahlt werden; unser Geschäftsführer stand mit einem Bein im Knast. Der Slogan, mit dem wir für Abonnenten warben, hieß: "Hendrix ist tot - Elvis ist tot - uns geht es auch schon ganz schlecht."
Die Frauen verlangten ein Vetorecht bei möglicherweise sexistischen Texten oder Bildern und 52 Prozent aller Planstellen in jedem Bereich, um mehr Einfluss auf die Inhalte des Blattes zu bekommen: Alle "freien oder freiwerdenden Stellen werden zunächst für eine Frau ausgeschrieben. Falls sich nach vier Wochen keine Frau gemeldet hat, erfolgt erneut eine Stellenausschreibung für Frau oder Mann. Melden sich dann eine Frau und ein Mann, ist bei gleicher Qualifikation die Frau vorzuziehen".
Wir hatten noch keine 20 Minuten lang diskutiert, da giftete ein Mann aus der Anzeigenabteilung die Frauen an: "Ihr seid ja bloß prüde!" Das war das Wort, auf das die Frauen gewartet hatten. Sie zogen T-Shirts und Pullover über den Kopf. Eine nach der anderen.
Wer ist hier prüde? Ich wusste zunächst nicht, wo ich hinschauen sollte. Ein, zwei Minuten herrschte Schweigen, dann fing eine Frau an zu lachen. Bald lachten alle. Die Frauen saßen mit bloßem Busen da und amüsierten sich, die meisten Männer lachten mit.
Thomas Hartmann, einer der älteren von uns, ärgerte sich furchtbar über die Aktion. Mit blanken Brüsten Forderungen durchzusetzen, das hielt er für einen allzu billigen Trick. Er ging in sein Büro, und als er in den Konferenzraum zurückkam, hatte er seinen langen Pelzmantel an, öffnete ihn und stand nackt da. "Das ist doch wirklich keine Kunst!", rief er.
Das Gelächter steigerte sich noch einmal. Die Frauen hatten gewonnen. 38 Mitarbeiter stimmten für ihre Forderungen, 6 enthielten sich, 9 stimmten dagegen. Von den Ja-Stimmen kamen mehr als die Hälfte von Männern. Die erste Frauenquote in Deutschland. Ich stimmte auch dafür.
Warum? "Frauen tragen die Hälfte des Himmels", hatte der chinesische Revolutionär Mao Zedong gesagt. Warum sollten nicht Frauen die Hälfte der "taz"-Redaktion stellen? Wir Männer waren damals für die Quote, weil wir mit Frauen zusammenarbeiten wollten, weil wir nichts von testosteronübersättigten Männerbünden hielten und weil auch wir der romantischen Idee nachhingen, dass Frauen im Grunde die besseren Menschen seien. Aufgrund ihrer jahrtausendelangen Unterdrückung im Patriarchat, vermuteten wir, seien sie weniger von der Macht korrumpiert als die Männer. Maggie Thatcher, die sich erst noch als Iron Lady entpuppen sollte, hatten wir nicht auf dem Schirm.
Welche Frau auf die Idee kam, eine Quote zu fordern, wissen die Pionierinnen nicht mehr. Ute Scheub, inzwischen freie Autorin, hat Brigitte Heinrich als Initiatorin in Erinnerung, was eine eher ironische Pointe wäre: Genossin Heinrich, so stellte sich nach dem Fall der Mauer heraus, war später Inoffizielle Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR und lieferte genaue und teils gehässige Porträts von uns. Die Frauenquote wäre dann die Idee einer Stasi-Agentin.
Die zweite Möglichkeit: Während des "taz"-Frauenstreiks versammelten sich in Köln beim Westdeutschen Rundfunk rund 300 "Frauen in den Medien". Sie forderten eine Quote von 52 Prozent, was auch in der "taz" gemeldet wurde.
Dank der hohen personellen Fluktuation in der "taz" dauerte es nur drei, vier Jahre, bis im gesamten Kollektiv die Geschlechter etwa hälftig vertreten waren - und es bis heute unangefochten sind. Die Quote hat sich bewährt, weil sie ziemlich schnell etwas bewirkt hat.
Sechs Jahre später, 1986, etablierten die Grünen eine Frauenquote von mindestens 50 Prozent auf ihren Kandidatenlisten. Heute verlangt eine Initiative von Journalistinnen und Journalisten namens "ProQuote" für Führungspositionen in Medien eine Quotierung von 30 Prozent.
30 Prozent? Das finden wir als 52-Prozent-VeteranInnen etwas bescheiden. Und wenn heute überbezahlte Fernsehmoderatorinnen eine Frauenquote fordern, ist das gut und richtig, hat aber deutlich weniger Charme als die historische Aktion der "taz"-Frauen.
Wir entschieden uns im November 1980 auch deshalb so leicht für eine Quote, weil es nicht um Geld und Macht ging. "Wir wollten Einfluss auf den Inhalt der Zeitung", sagt Ute Scheub, "keine Posten oder bessere Gehälter."
Die Protokolle der "taz"-Frauen über ihre historische Aktion sind unauffindbar. In der "taz" lässt sich aber nachlesen, dass sie einen weiteren zukunftsweisenden Beschluss fassten. "Rauchschwaden steigen jetzt nicht mehr auf", heißt es in einem Streikbericht. "Die Nichtraucherinnen pochten vehement auf ihr Recht, saubere Luft zu atmen."
Mit der Frauenquote kam auch das Rauchverbot.
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 46/2012
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